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Frauenfußball International

Die letzten verbliebenen deutschen Kickerinnen in der ersten schwedischen Liga

Interview mit Katrin Schmidt und Helen Nottebrock (beide in den Diensten des schwedischen Erstligisten Tyresö FF)

Reportage und Interview von Rainer Fußgänger

Fotos von Jenny Puronne Jansson

05.09.2010 Mit Jessica Landström wechselte zu Anfang der neuen Saison nun die zweite Schwedin in die Frauenfußball-Bundesliga. Die Stürmerin wird ebenso wie Außenverteidigerin Sara Thunebro beim 1.FFC Frankfurt spielen. Wie sieht es aber in der anderen Richtung aus? Jennifer Meier war die erste deutsche Spielerin, die den Weg in die Damallsvenskan fand, die sich noch bis zur vergangenen Saison als „beste Liga der Welt“ vermarktete. Jennifer spielte zunächst zwei Spielzeiten für QBIK aus Karlstad, ehe sie 2008 zu Djurgården nach Stockholm wechselte, wo sie mit den beiden Weltmeisterinnen Nadine Angerer und Ariane Hingst gar ein deutsches Trio bildete.

Mittlerweile sind Angerer und Hingst wieder in Frankfurt und Jennifer Meier ist noch in Schweden. Hier führt sie die Torschützenliste der zweiten Liga (Gruppe Nord) an. Sie spielt für Bollstanäs, einen Verein im Stockholmer Vorort Upplands-Väsby und kann heute Beruf und Sport besser miteinander kombinieren. Es gibt aber dennoch zwei Deutsche in der Damallsvenskan. Beim Aufsteiger Tyresö FF sind mit Katrin Schmidt (24) und Helen Nottebrock (22) zwei Deutsche unter Vertrag. Zwei Namen die möglicherweise nicht jedem deutschen Frauenfußballfan geläufig sind.

Die Nr. 8 im Team von Tyresö, Helen Nottebrock, wechselte 2008 von Wacker München zum heutigen Erstligisten.

Katrin und Helen sind Teil einer Erfolgsgeschichte, die es im schwedischen Frauenfußball zuletzt wohl nur in Umeå gegeben hat – und auch da ging es nicht so rasant wie in Tyresö. Tyresö ist ein beschaulicher Vorort ca. 20 km südöstlich von Stockholm. Wenn man das Zentrum verlässt und an die Ostsee fährt, sieht es hier genauso aus, wie sich viele Deutsche Schweden vorstellen – tiefblaues Wasser, dichte grüne Wälder, Segelboote und hier und da tatsächlich rote Holzhäuser mit weißen Balken.

Diese Saison in der ersten Liga, Tyresö will es allen beweisen! Im Spiel gegen Ligakonkurrent Sunnanå schlugen die Aufsteiger diesen völlig überraschend mit 6:1!

In den 90er Jahren war man schon mal in der ersten Liga und 1994 spielte sogar eine gewisse Kristine Lilly hier, als Marika Domanski-Lyfors (später schwedische und auch chinesische Nationaltrainerin) in Tyresö arbeitete. 2005 jedoch war all dies verblasst und man war gerade in die vierte Liga abgestiegen. Weil seine Tochter in einer Jugendmannschaft von Tyresö spielte, kam Hans Löfgren zum Verein.


Ein lokaler Unternehmer, der sehr schnell Interesse fand an der Entwicklung des Frauenteams. Löfgren hatte die Idee dem Verein eine klare, in der Gemeinde verankerte Identität zu geben in der sich weite Teile der Bevölkerung wieder finden können sollten. Was er auch anfasste gelang ihm mit Hilfe eines enthusiastisch arbeitenden Teams. Sponsoren stehen heute Schlange, daneben laufen soziale Jugendprojekte. Fußball als Teil gesellschaftlicher Erziehung und als Werteträger für Fleiß, Respekt und Toleranz!

Tyresö stieg innerhalb weniger Jahre von der vierten in die erste Liga auf! Im Team stehen heute Nationalspielerinnen wie die Dänin Line Röddik-Hansen, die Niederländerin Kirsten van de Ven und seit kurzem auch die Brasilianerin Elaine Moura. Mit den Eigengewächsen Lisa Klinga und Jennifer Egelryd hat man zwei Spielerinnen im schwedischen Kader der U20-WM in Deutschland.

Katrin Schmidt , die Nr. 14 in ihrem Team, wechselte vom Zweitligisten Brauweiler Puhlheim nach Schweden. Zuvor war die Tausendsasserin vier Jahre in den USA, an der Florida State University in Tallahassee.

Als erste der beiden aktuellen deutschen Spielerinnen kam 2008 Helen Nottebrock nach Tyresö. Sie hatte in der zweiten Bundesliga bei Wacker München gespielt. Wie sie nach Schweden kam? „Meine ehemalige Münchner Mannschaftskameradin Kathrin Lehmann, die bei Hammarby in der ersten Liga im Tor stand, hatte mir empfohlen, es einmal in Schweden zu versuchen. Ich war bei Hammarby und absolvierte ein Probetraining, aber die wollten mich nicht, dafür interessierete sich aber Tyresö für mich, “ sagt Helen bei unserem Gespräch kurz vor der schwedischen Sommerpause. Die Konkurrenz im Team ist groß; denn nachdem mit Madelaine Edlund und Elaine noch zwei Spielerinnen mitten in der Saison hinzugekommen sind, umfasst der Kader des Aufsteigers nun 22 Spielerinnen. Helen Nottebrock spielt im Mittelfeld, in dieser Saison saß sie meist auf der Bank und wurde aber mit schöner Regelmäßigkeit eingewechselt.

Der Unternehmer Hans Löfgren hat es geschafft und seine Vision verwirklicht - die Identifikation der Fans und der Stadt mit dem Frauenfußball. Entgegen aller Trends im schwedischen Frauenfußball verläuft der von Tyresö steil nach oben.

Deutlich mehr Spielzeit hat Helens Landsfrau Katrin Schmidt bekommen. Katrin kommt aus der Eifel und spielte in der zweiten Bundesliga bei Brauweiler Pulheim, als sie das Angebot bekam den Verein und gleich das Land zu wechseln. Vier Jahre studierte sie an der Florida State University in Tallahassee und hatte das Privileg der Rundumbetreuung. Noch heute schwärmt Katrin von den Rahmenbedingungen: „Da gab es wirklich alles, was du dir nur vorstellen kannst. Fitnesstrainer, Techniktrainer und ein sagenhaftes Umfeld, “ sagt Katrin Schmidt, die in Florida unter vielen anderen auch die schnelle holländische Nationalspielerin Kirsten van de Ven kennen lernte, heute ihre Teamkollegin.


„Ich schau mir die Tore und Zusammenfassungen der WPS regelmäßig im Internet an, da ich viele von den Spielerinnen kenne,“ erzählt sie weiter. Der Vertrag beider Spielerinnen geht noch bis Ende der Saison 2010. Was danach kommt steht noch in den Sternen. Schwedische Vereine nehmen relativ spät Verhandlungen für das jeweils nächste Jahr auf und dann geht alles sehr schnell.

Große Freude bei Tyresö nach dem Gewinn gegen Sunnanå. Zurzeit befindet sich das Team allerdings im gesicherten Mittelfeld.

Helen Nottebrock will nach Möglichkeit Fußball und Ausbildung miteinander kombinieren. Die 22-jährige möchte gerne eine Lehre zur Geigenbauerin machen. In ihrer Freizeit spielt sie Cello und wohnt in einer 3er-WG. Anscheinend spielt sie so gut, dass die Mitbewohnerinnen sie gern spielen hören. Geigenbau aber hat in Deutschland seine besten Ausbildungsstätten, was vielleicht für eine Rückkehr sprechen würde, aber festlegen will sie sich nicht.

Katrin Schmidt, die vor kurzem beim Gastspiel in Örebro so etwas Seltenes wie ein Kopfballtor machte, will ihr Studium gerne in Stockholm abschließen. Beide sprechen nach einem bzw. zwei Jahren in Schweden sehr gut Schwedisch. Es gefällt ihnen gut in der Damallsvenskan, auch wenn diese vielleicht nicht mehr die beste Liga der Welt ist, sind die Spiel- und Trainingsbedingungen nach wie vor herausragend.

„Frauenfußball ist auch mehr in den Medien präsent als in Deutschland. Es gibt Live-Übertragungen von Ligaspielen im Fernsehen. Und schau dir mal allein die Berichterstattung von der Männer-WM an. Da gibt es viele Sendungen, wo es Spielerinnen als Expertinnen gibt. Unsere Mannschaftskameradin Elin Ekblom Bak ist immer als Expertin bei der Champions League der Männer dabei, “ sagen Katrin und Helen und ergänzen einander dabei.

Ob sie im WM-Jahr 2011 noch bei Tyresö FF spielen werden, ist also noch ungewiss. Falls ja, dürften sie weiterhin teilhaben und beitragen an der zurzeit interessantesten Entwicklung auf Vereinsebene im schwedischen Fußball. Ziel von Visionär Hans Löfgren sind langfristig die Schwedische Meisterschaft und Champions League.



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