Von Michael Geist (Text u. Fotos)
English Version
12.07.2008
Zunächst einmal herzlichen Dank für dieses Interview und herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des norwegischen Pokals. Bitte
erzähle uns ein bisschen über Dich. Wann hast Du mit dem Fußballspielen begonnen?
Ich bin 27 Jahre alt. Gemeinsam mit meinem Mann Espen habe ich einen 2-jährigen Sohn, Theodor. Fußball spiele ich quasi seit meiner Geburt. Anfangs habe
ich nur mit Jungen gespielt, bis ich mit zehn Jahren in eine reine Mädchenmannschaft kam.
Wie bekommst Du Beruf und Fußball unter einen Hut?
Da ich für meinen Verein Kolbotn arbeite, wo Fußball an erster Stelle steht, lässt sich das gut verbinden. Ich kann meine Arbeitszeiten selbst
einteilen und viel von zu Hause aus erledigen.
Egal wo Du spielst, Dein kleiner Sohn Theodor ist überall im Kinderwagen dabei. Wird auch er irgendwann ein großer Fußballspieler?
Ich hoffe natürlich, dass er Spaß am Fußball spielen entwickelt und nicht irgendwann die Nase voll hat :-) Er kann jede Sportart ausüben, die er möchte.
Wobei ich ihn beim Fußball hier und da unterstützen könnte, wenn er tanzen wählt, sieht das nicht so gut für mich aus.
Solveig Gulbrandsen (l.) im Spiel gegen den großen Rivalen Roa.
Was war das schönste Erlebnis in Deiner bisherigen Fußballkarriere?
Ich denke, das war das Spiel im Halbfinale der Europameisterschaft 2005. Nie hätte ich damit gerechnet, im Finale zu stehen, aber dann haben wir
Schweden mit 3-2 in der Verlängerung geschlagen. Ich habe zwei Tore erzielt und das dritte vorbereitet.
Lass uns ein wenig über die EM sprechen. Nach der Viertelfinal-Niederlage bei der Weltmeisterschaft 2003 hatten viele norwegischen Nationalspielerinnen
aufgehört und der neue Nationaltrainer Bjarne Berntsen musste eine neue Mannschaft aufbauen. Zwei Jahre später schaffte das Team bei der EM unerwartet
den Einzug ins Finale. Wie hast Du dieses Turnier erlebt?
Es war großartig! Es war ein hartes Stück Arbeit ins Viertelfinale zu kommen, entsprechend aufgeregt waren wir dann! Es hat einfach nur Spaß gemacht zu
spielen, keiner hatte irgendwelche hohen Erwartungen an uns und die Fans in England waren einfach spitze! Es war ein Traum, im Finale zu stehen –
vielleicht war das der Knackpunkt: wir hatten nicht geglaubt, gewinnen zu können. Unser EM-Ziel war schon lange erreicht. Es war ein großartiges
Turnier für uns!
Du warst die beste Spielerin bei der Europameisterschaft 2005 in England, trotzdem bist Du bei der Wahl zur Weltfußballerin nur auf dem vierten Platz
gelandet.
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Solveig Gulbrandsen gehört zu den erfahrensten Spielerinnen in Norwegen.
Wärst Du gern unter den besten Drei?
Darüber denke ich gar nicht nach. Es ist toll, dass es den Leuten gefällt, wie ich Fußball spiele und sie meine Stärken erkennen. Ich war schon überrascht,
überhaupt unter die ersten zehn zu kommen. Ich habe überhaupt keine Ambitionen in der Liste noch höher zu klettern. Wenn man Spielerinnen wie Marta
sieht, dann kannst Du einfach den Pokal nehmen und ihr geben! Sie ist von einer anderen Welt :-) Ich habe nicht mal annähernd ihr Talent.
Bei der Weltmeisterschaft 2007 hatten euch viele den Einzug ins Halbfinale zugetraut. Am Ende musstet Ihr mit dem vierten Rang vorlieb nehmen.
Überwiegt Freude oder Enttäuschungen?
Im Frauenfußball wird es langsam schwierig, unter die ersten drei Teams der Welt zu kommen. Somit war es gar kein negatives Ergebnis. Aber wenn Du gerade
mal ein Spiel entfernt bist, unter die Top Zwei zu kommen, ist es natürlich kein so tolles Gefühl „nur“ Nummer Vier zu sein.
Was denkst Du – welchen Platz wird die norwegische Mannschaft bei den Olympischen Spielen erreichen? Wer wird Euer stärkster Gegner sein? Und gegen wen
würdest Du gerne im Endspiel stehen?
Ich glaube, es ist unmöglich, den Ausgang der Spiele vorherzusagen. Es gibt sehr viele starke Teams und die stärksten Gegner sind wohl Brasilien, die USA
und Deutschland. Aber weiterhin gibt es einige Außenseiter wie uns, Schweden, Nordkorea und noch viele mehr … Ich spiele gerne gegen Schweden, ich denke,
das wären auch meine favorisierten Gegnerinnen für ein Endspiel.
Mit wem verstehst Du Dich in der Nationalmannschaft am besten?
Ich habe einige gute Freundinnen im Team, aber die beste ist Trine Rønning. Sie musste dieses Jahr wegen vieler Verletzungen aussetzen, so dass ich es
mit vielen verschiedenen Zimmernachbarinnen zu tun hatte. Ich hoffe sehr, sie schafft es zu den Olympischen Spielen, ohne sie wird es nicht das Gleiche
sein.
Nun zu etwas anderem: wie beurteilst Du die Entwicklung der Toppserien, wo sind ihre Stärken und ihre Schwächen?
Das Beste daran ist wohl, dass es in der Liga fast ausnahmslos norwegische Spielerinnen gibt. Somit haben viele junge Spielerinnen die Chance sich zu
entwickeln. Das ist aber gleichzeitig auch ein Schwachpunkt. Wir haben zu wenige internationale Spielerinnen, die die Liga aufwerten. Es gibt zu viele
junge Spielerinnen, dadurch haben die meisten Teams zu wenig Spielerinnen im Kader, die ein wirklich hohes Level erreichen.
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Vor der Weltmeisterschaft 2007 hielt das Kopf-an-Kopf-Rennen in der Meisterschaft zwischen Kolbotn und Røa an, danach verlor Kolbotn zweimal bei Klepp
und in Trondheim, und war Røa norwegischer Meister. Auch schied Kolbotn schon in der zweiten Runde des Uefa Cups aus. Wie groß war die Enttäuschung?
Ich wusste, es würde hart werden. Nur sechs Tage nach der Rückkehr aus China hatten wir ein Auswärtsspiel gegen Klepp. Und ein paar Tage später mussten wir
nach Lyon zum Uefa Cup. Wir hatten Probleme mit vielen müden Spielerinnen und einem Kader, der uns Nationalspielerinnen fast zwei Monate entbehren musste.
Es war eine große Enttäuschung, aber der Pokalsieg hat alles gerettet! Wir haben drei Wochen hart zusammen trainiert, weil wir wussten, dass der Pokal das
einzig erreichbare Ziel war.
Leni Larsen Kaurin ist die erste Norwegerinnen, die nach Deutschland wechselte. Könntest du dir im Gegenzug deutsche Spielerinnen bei Kolbotn
vorstellen?
Das wäre genial! Wir brauchen mehr qualitativ hochwertige Spielerinnen in der Liga, meldet euch einfach!!
Gibt es Spielerinnen, die nun nicht mehr Kolbotn sind und die Du vermisst?
Klar, vermisse ich Spielerinnen, schließlich spiele ich schon immer hier und da sieht man viele kommen und gehen. Aber Ingvild Stensland vermisse ich
sehr :-)
Die Saison für Kolbotn begann Mitte April – was sind Eure Ziele?
Unser Ziel ist es, einen Titel zu holen. Wir haben viele Verletzte und ein neues junges Team. So ist es das Ziel, dass einige der jüngeren Spielerinnen
die Kultur in Kolbotn kennen lernen und sie bald weiter führen.
Solveig Gulbrandsen (r.) will sich und ihren Verein wieder an die Spitze führen.
Es wurde über die Toppserien 2008 mit Bjarne Berntsen, Melissa Wiik, Kristin Edner und Margunn Haugenes diskutiert. Sie alle denken, dass Kolbotn
Meister wird. Wer sind für Dich die größten Konkurrenten in der Meisterschaft?
Das sind ganz sicher Røa und Asker.
Was sind Deine persönlichen Ziele für diese Saison?
An mein internationales Level anzuknüpfen. Wieder fit zu werden und meine Geschwindigkeit wieder zurück zu gewinnen. Ich denke, einen Teil der Ziele habe
ich schon erreicht. Somit muss ich jetzt lernen, mit der neuen Rolle in der Nationalmannschaft klar zu kommen: als Stürmerin!
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