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Ballzauber zwischen Blechhütten

„Streetfootball”-WM Siegerin Doreen Nabwire aus Kenia im Portrait

Text und Bilder von Herbert Ostwald

03.10.2008   Den folgenden Text schickte uns der Kölner Journalist Herbert Ostwald, der sechs Jahre in Kenia lebte. Sein Bericht handelt vom Leben der 21-jährigen kenianischen Nationalspielerin Doreen Nabwire, kurz „Dodo” genannt, die im Sommer 2006 in Berlin mit ihrem Team die „Streetfootball”-WM in Berlin gewann. Sehr wahrscheinlich wird der WDR in seiner Sendung „sport inside” am Mo, 6.10. um 22:45 Uhr einen zehnminütigen Bericht von Herbert Ostwald über diese außergewöhnliche Fußballerin bringen. Wir freuen uns, dass Herbert Ostwald extra für uns einen Text geschrieben hat und hoffen, am Beispiel von „Dodo” einen kleinen Blick über den nationalen Tellerrand und die reine Sportberichterstattung hinaus wagen zu können!

Weltmeister trifft man in grünen Vorstädten, in edlen Villen oder in einem Vier-Sterne-Restaurant. Doreen Nabwire aber sucht man dort vergebens. Die 21jährige ist die erste Afrikanerin, die einen Fußball-Weltpokal freudestrahlend in den Himmel stemmte. Damals, im deutschen Märchensommer 2006, da holte sie mit sechs Männern und einer Kollegin den goldglänzenden Cup der „Streetfootball“-WM in Berlin. Damals, da wurde sie gefeiert, von den Medien, den Kollegen, den Landsleuten.

Dodo und Kanu

Doreen mit der nigerianischen Fußballlegende Kanu, der 1996 und 1999 zu Afrikas Fußballer des Jahres gewählt wurde

Heute treffen wir sie wieder im quirligen Armenviertel Kariobangi am Rande der wuchernden kenianischen Millionenmetropole Nairobi. „Willkommen im concrete slum”, sagt sie mit Ironie in der Stimme über die Betonwüste, in der sie lebt. Sie hockt auf der Veranda im dritten Stock eines unverputzten Steinhauses, schreibt gerade an einem Buch über ihr Leben als afrikanische Graswurzel-Fußballerin. Leibesübungen zwischen Hexen und Huren, Machos und Macheten, Armut und Abseits, zwischen Weltbühne und Wellblech. Sie hat viel zu erzählen über Fußball und das Überleben im Gewühl des Alltags.

Während sie den Bleistift über das Papier führt, grübelt sie nach über ihre Zukunft als Fußballerin. Und überhaupt. Was macht sie hier noch? Das fragt sie sich täglich. Gedanken versunken blickt sie oft hinunter vom Balkon voller wehender Wäschestücke. Die unbefestigten Straßen unten sind matschig und stinken, meckernde Ziegen trotten an latschenden Menschen vorbei durch die Gassen und von überall dröhnen die Beats der hämmernden Rap-Musik. Kinder kicken die Reste eines Lederballs über Abfallberge, eine dicke Frau in bunte Tücher gehüllt kokelt auf einem Grill Maiskolben an der Straßenecke und ein Besoffener schläft vor einem notdürftig gezimmerten Kiosk seinen Rausch aus. Oder ist er schon tot? „Möglich wäre es”, sagt Doreen, „ich bin hier vieles gewohnt, nicht weit von hier bin ich aufgewachsen”.

Doreen Nabwire

Doreen vor ihrem Zuhause, wo sie mit Eltern und drei Geschwistern lebt

Ihr bescheidenes Zuhause im dritten Stock des dunklen Mietshauses teilt sie sich mit drei jüngeren Geschwistern und ihren Eltern. Insgesamt hat sie fünf Geschwister, alle spielen Fußball, ihre beiden älteren Brüder sogar in kenianischen Premier League. Mühsam erleuchtet eine flackernde Glühbirne den düsteren Wohnraum. Sie wirft einen Schein auf die kleine Sammlung verstaubter Pokale über dem schlichten Holzschrank. Ein paar vergilbte Poster von Manchester United und Ronaldo zieren die Wände des engen Zimmers. Doreens Mutter kocht in der Nische hinter den Betten Ugali, Doreens Lieblingsspeise aus Mais. Gegessen wird auf den durchgesessenen Sofas im kleinen Wohnzimmer. An Doreens größte Erfolge erinnern dort nur ein paar angenagelte Team-Fotos und eine abgenudelte Video-Kassette im Schrank.

So also sieht sie aus, die Heimat der ersten afrikanischen Fußballweltmeisterin. Der Ruhm von 2006 hat nicht viel Zählbares gebracht, kein Geld, keinen Job, aber immerhin eine Einladung der FIFA nach Durban. Im November 2007 zog Doreen neben Legenden wie George Weah und Abedi Pele vor einem Milliardenpublikum


Doreen Nabwire

Doreen Nabwire in ihrem Slum von Nairobi

an den Fernsehern die Lose für die Männer-WM 2010 in Südafrika. Nicht nur das, sie durfte gar für eine Minute ihre Geschichte im Slum erzählen, fehlerlos und selbstbewusst. Kein Wunder, denn sie ist eine talentierte Spielerin, gut aussehend, intelligent und integer. Das schlanke Mittelfeld-As mit den auffälligen Rasta-Locken scheint der FIFA wie gerufen als Botschafterin des Sozialprojekts „Football for Hope”.

Im Prinzip war das auch immer ihre eigene Lebensphilosophie. Bereits als Schulanfängerin kickte Doreen wie besessen leere Coladosen auf dem Schulweg, fischte sie selbst aus stinkenden Abwassergräben, um weiter zu ballern. Später bastelte sie aus Lumpen und Plastikabfällen strapazierfähige Bälle, die sie gemeinsam mit den wendigen Jungs aus der Nachbarschaft im Schlamm barfuss durch das Elendsviertel wummerte. Mit zehn Jahren schloss sie sich gegen den Willen ihrer traditionell geprägten Mutter dem Verein MYSA an. „Mathare Youth Sports Association“ ist heute das größte und berühmteste Fußballprojekt Afrikas. Zweimal wurde der zwanzigjährige Club zum Friedensnobelpreis nominiert. 17.000 Jugendliche kicken derzeit in 1.000 Mannschaften. Aber nicht nur das. Sie sammeln Müll, fotografieren ihr bescheidenes Leben, tanzen akrobatisch und reden über Gewalt, Drogen und sicheren Sex.

Auch Doreen spielt nicht nur Fußball. Sie ist Teamleiterin für Aids-Prävention im Verein, hält regelmäßig Seminare und Vorträge mit den Bewohnern ihres Slums, spielt Theater mit ihnen und zeigt ihren Nachbarkids, wie man ein Kondom über einen Holzpenis stülpt. Früher erhielt sie für ihren sozialen und sportlichen Einsatz 5000 Kenia-Schillinge, umgerechnet rund fünfzig Euro. Im Moment aber ist der Geldhahn versiegt.

Doreen Nabwire

Für Doreen und viele andere Jugendliche in Kenia ist Fußball eine Möglichkeit, sich gemeinsam sozial zu engagieren, vom Müllsammeln bis zur Aids-Prävention

Hungrig packt sie oft ihre kleine Tasche, wirft sich in ein laut dröhnendes Sammeltaxi und tuckert im Matatu geduldig über zahllose Schlaglöcher nach Komarock, zum Trainingsplatz. Hier öffnet sich Doreens Welt. Hinter hohen Mauern wuchert an manchen Stellen kniehohes Gras aus der Sandwüste, an anderen Ecken drohen abgerundete Steine Unheil an. Auf diesem knochenbrecherischen Bolzplatz fühlt sich Doreen wohl.

Dort führt sie im Trainingsspiel grazil Regie für die grün-gelben Mathare-Kickerinnen, dribbelt versiert Gegnerinnen aus, schlägt über weite Strecken genaue Pässe und knallt das Leder auch schon mal mit Wucht ins Netz. „Sie ist eine der besten Mittelfeldspielerinnen Afrikas“, urteilt Peter Karanja, der knubbelige MYSA-Direktor, der aus dem Fenster seines Büros auf den Sportplatz schaut. Und Urgestein Bob Munro, kanadischer Gründer des erstaunlichen Projekts, fügt hinzu: „Doreen ist ein Naturtalent auf und neben dem Platz, die mit aller Macht ihre Familie aus der Armut führen will. Sie ist ein Positivbeispiel für unsere Arbeit. An ihr sieht man, wie Fußball den ganzen Charakter eines Menschen prägt und positiv verändern kann.“ Früher war Doreen scheu und stumm, heute hat sie gelernt, sich auch außerhalb des Platzes selbstbewusst zu äußern. Auch wenn sie es nicht liebt, im Mittelpunkt zu stehen, gibt sie problemlos Interviews zu jedem Thema und präsentiert sich auf Foto-Shootings souverän. Eine einstündige Film-Dokumentation über Doreen entsteht gerade.

Neuerdings stürzen sich die kenianischen Medien verstärkt auf den weiblichen Star. Der regionale Sender „nation tv“ präsentiert sie als Mädchen-Idol, Zeitschriften wie „True Love“ bauen sie zur Pop-Ikone auf. Wegen ihrer Geradlinigkeit und Offenheit verehren auch viele ihrer Mitspielerinnen „Dodo“, wie sie liebevoll gerufen wird. Andere aber neiden ihre Karriere und ihre Reisen nach Norwegen, USA und Tschechien. Einige, so Doreen, hätten ihr gar den Trainingsanzug vorübergehend entwendet und ihn mit bösen Geistern zu verzaubern versucht. Doch sie hat bislang immer erfolgreichen ihren angeborenen Ballzauber gegen Hexenspuk gesetzt. Es scheint, nichts könne sie aufhalten.

Seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr kickt sie bereits in der Nationalelf Kenias, schoss Tore und trug die Kapitänsbinde stolz am Arm. Doch der große Erfolg blieb aus. Zur Zeit dümpeln die „Harambee Starlets“ auf Platz 142 der Weltrangliste, das


nationale Team spielte schon seit zwei Jahren nicht mehr. Und eine Frauenliga gibt es auch keine. Der Kenianische Fußballverband ist von korrupten Männern durchsetzt, die sich seit Jahren um Macht und Geld streiten. Mehrfach war das ostafrikanische Safariland wegen Einmischung der Regierung in die Fußballbelange von der FIFA vorübergehend suspendiert. Alle Warnungen und Niederlagen nutzten nichts, Betrug und Korruption herrschen weiter. Bei Länderspielreisen verprassten die Verbandsoffiziellen lieber die Spesen der Mädels für ihre Einkäufe, liessen die Frauen tagelang hungern - und deftig verlieren wie einst in Nigeria. „Die denken nur an sich“, weiß Doreen aus Erfahrung. Und doch würde sie immer wieder das rote Trikot Kenias überstreifen. „Ich liebe Fußball, ich liebe mein Land.“

Doreen Nabwire

Seit ihrem 15. Lebensjahr spielt Doreen in der A-Nationalmannschaft von Kenia. Doch in den letzten beiden Jahren fanden überhaupt keine Spiele mehr statt!

Das wird ihr allerdings sehr schwer gemacht. Nach dem umstrittenen Ausgang der Präsidentschaftswahlen zum Jahresende 2007 versank Kenia im Chaos. Nachbarn mordeten einander, marodierende Banden brannten Häuser und Kirchen nieder und die Polizei schoss scharf. Eine unselige Mischung aus ethnischer Verfolgung, Banden-Kriminalität und politischem Machthunger machte aus Freunden Feinde. In dieser Zeit erwies sich Doreen erneut als Festung in der Brandung. Als Angehörige des Luhya-Volkes nahm sie Freunde und Mitspielerinnen aus der rivalisierenden Ethnie der Kikuyus tagelang bei sich auf und gewährte ihnen Asyl. Sie hätte selbst zum Anschlagsziel werden können, es war ihr egal. Nachdem die Pogrome abflauten, durchstöberte Dodo sofort Flüchtlingslager und Kirchen nach verschwundenen Mitspielerinnen, bis sie alle nach Tagen fand. Lebend zwar, aber verjagt, verängstigt und verarmt.

Wieder gemeinsam kickten sie kürzlich bei einem internationalen Friedensturnier in Nairobi. Wie üblich beteten alle auch mit den Gegnerinnen gemeinsam, Hand in Hand vor jedem Match. Diesmal rollten Tränen bei der Andacht auf dem grünen Rasen. Für Doreen war das Turnier nicht nur ein Schritt zur Versöhnung, es war auch die willkommene Gelegenheit, mal wieder Spielpraxis zu sammeln. Trotzdem bleibt Dodo skeptisch. „Meine Zukunft als Fußballerin liegt nicht in Kenia“, bilanziert sie. „Hier ist alles korrupt und zerstritten, das würde Jahre dauern bis alles besser wird, selbst wenn sich die Herren heute einigen würden.“ Sie kennt eine Reihe begabter junger Mädchen, die sich als hoffnungsvolle Fußballerinnen perspektivlos der Prostitution hingaben. „So werde ich nicht enden“, gibt sich Doreen kämpferisch.

Dodo hatte ihr kleines Sommermärchen. Sie ist stolz, nach der WM 2006 und als Ergebnis ihres Auftritts in Berlin einen Trainerjob an der Deutschen Schule Nairobi bekommen zu haben. Zweimal die Woche trainiert sie ein dutzend 10- bis 13jährige Jungen. Von ihrem kleinen Honorar finanzierte sie eine College-Ausbildung als Flugbegleiterin. Und Sponsoren halfen ihr, Deutsch-Kurse am Goethe-Institut zu belegen. Täglich büffelt sie seit mehr als einem halben Jahr. „Ist es die da oder die da?“, liest sie den Text zur Musik der Rapper „Die Fantastischen Vier“ etwas holprig vor. „Deutsch ist wirke-lich schwer“, sagt sie, gibt aber nicht auf, sich zu verbessern. Denn seit sie Deutschlands Weltmeisterinnen im Finale gegen Brasilien sah, liebäugelt sie mit der Bundesliga. „Ich weiß, ich kann es schaffen“, sagt sie lächelnd aber auch selbstsicher und überzeugt. Im Herbst 2008 will sie Bewerbungen mit vielen Empfehlungsschreiben abschicken, im Frühjahr 2009 nach Deutschland zu Probetrainings andüsen. Und was, wenn ein Verein anbeißt, und wirklich sagt: „Die da!“? Dann wäre sie die erste importierte Afrikanerin der deutschen Eliteliga. Doreen hat keine Angst davor, das letzte Kapitel ihres Buches ist noch nicht geschrieben…


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