Frauenfußball internationalDie Niederlande im AufbruchDie Entwicklung des niederländischen Frauenfußballes aus Sicht der ehemaligen Rekordnationalspielerin Marleen Wissink | ||
Reportage und Interview von Marion Kehren 21.01.2010 Der niederländische Frauenfußball hat in den letzten Jahren eine enorme Entwicklung getätigt. Spätestens mit der Gründung einer Ehrendivision (im Jahre 2007) und dem Anspruch in naher Zukunft mit zu Europas besten Nationalmannschaften zu gehören wurde klar, dass der niederländische Fußball Verband (KNVB - Koninklijke Nederlandse Voetbal Bond) es ernst meinte. Anhand des Beispieles der ehemaligen niederländischen Rekordnationalspielerin und langjährigen Bundesligaspielerin Marleen Wissink kann man verfolgen, wie sehr sich der niederländische Frauenfußball verändert hat. Während ihrer sportlichen Karriere hütete sie insgesamt 141 Mal das Tor für die Oranjes. Zudem stand sie vierzehn Jahre in der Bundesliga im Tor, zunächst beim FFC Heike Rheine, dann beim 1. FFC Frankfurt, und heimste viele nationale und internationale Titel ein. Ein Bild aus den Anfängen: so sah das Training der niederländischen Nationalmannschaft der Frauen im Jahr 1973 aus Ihr erstes Spiel in der Nationalmannschaft bestritt Marleen Wissink am 11. April 1989 in Twente Denekamp gegen Norwegen (1:1). Ihren Abschied aus der Nationalmannschaft feierte sie im Jahre 2006 beim Peace Queens Cup in Südkorea. Als Dank für ihre außergewöhnlichen Dienste erhielt sie die höchste Auszeichnung, die je eine niederländische Fußballerin bekommen hat, die goldene Nadel des KNVB sowie einen goldenen Siegelring besetzt mit Brillianten. Ein Jahr später hängte Marleen Wissink ihre Fußballschuhe auch in der Bundesliga an den Nagel und kehrte in die Niederlande zurück, wo sie seitdem als Co-Trainerin beim SC Heerenveen in der niederländischen Ehrendivision und als Co-Trainerin der U17-Nationalmannschaft arbeitet. ![]() Ein Bild aus heutigen Tagen: Marleen Wissink steht als Co-Trainerin der niederländischen U17-Nationalmannschaft auf und neben dem Platz Ihre Anfänge bestritt Marleen Ende der 80er Jahre noch in der damaligen sog. Hoofdklasse, in Deutschland zu vergleichen mit der Regionalliga. Am Ende der Saison traten die Meister der einzelnen Regionen in einem Turnier gegeneinander an. In zwanzigminütigen Spielen wurde so der Niederländische Meister ermittelt. Doch dieses Miniturnier spiegelte mitnichten die sportliche Leistung der gesamten Saison eines Vereines wieder und war daher für alle Beteiligten doch recht ernüchternd. Wie auch in Deutschland wurde die Entwicklung des niederländischen Frauenfußballes nur langsam vorangetrieben. Dann und wann mussten auch Rückschläge einsteckt werden, sei es in der Organisation der Spiele oder der Gruppeneinteilung, die in dieser Phase mehrfach geändert wurde. ![]() Das aktuelle KNVB-Logo In den 90er Jahren bekam der Frauenfußball in den Niederlanden immer mehr Zulauf und sorgte somit dafür, dass im Frauen- und Mädchenbereich viele Talente gefördert werden konnten. Auch die Trainer und Betreuer wurden nun besser ausgebildet. Während dieser Zeit wechselte Marleen Wissink nach Deutschland zum FFC Heike Rheine, dort fand sie, für die damaligen Verhältnisse, wesentlich bessere Trainings- und Spielbedingungen vor. Zwar war die Bundesliga noch zweigeteilt und auch hier steckte der Frauenfußball noch in den Kinderschuhen, aber dennoch konnte sich Wissink hier weiterentwickeln. 1995 wechselte sie schließlich zur SG Praunheim (ab 1998 besser bekannt als 1. FFC Frankfurt), dem Verein, dem sie mehr als 10 Jahre die Treue hielt und wo sie 2006 auch ihre Karriere beendete. ![]() Marleen Wissink in Action als großer Rückhalt des 1. FFC Frankfurt Im Laufe dieser Zeit wurde Wissink einer der wichtigsten Bestandteile und großer Rückhalt des UEFA-Cup Gewinners, |
Der aktuelle Kader der niederländischen Nationalmannschaft vor dem Spiel gegen Belarus im November 2009 | |
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mehrfachen Deutschen Meisters und Pokalsiegers. Die Ansprüche in der Bundesliga stiegen unaufhörlich und damit auch die Klasse einer Marleen Wissink, die viele Jahre mit zu den besten Torhüterinnen Europas zählte. ![]() Mit dem 1. FFC Frankfurt feierte Marleen Wissink 2004 zum zweitem Mal den Gewinn des UEFA-Cups Leider blieben ihr Erfolge mit der Nationalmannschaft verwehrt, da die Niederlande zu dieser Zeit in ihrer Entwicklung noch sehr weit zurück lagen. Ein historisches Highlight glückte den Oranjes jedoch während der WM-Qualifikation am 13. Dezember 1997 in Almelo: Ein 1:0 Sieg über die Deutsche Nationalmannschaft! Gab es Anfang der 80iger Jahre nur knapp 18.000 weibliche Spielerinnen in den Niederlanden, waren es Ende der 90iger bereits über 70.000 Kickerinnen. Zur Verbesserung der Qualität im Frauenfußball wurden die Vereine in eine größere Liga zusammengefasst. 1996 waren Vera Pauw (in Italien) und Nathalie Geeris (in Japan) die ersten niederländischen Spielerinnen, die mit Profiverträgen in Ausland Fußball spielten. Eben diese Vera Pauw war es auch, die 2004 die erste weibliche Nationaltrainerin im KNVB wurde, nachdem sie bereits 6 Jahre als Nationaltrainerin in Schottland gearbeitet hatte. Der Fortschritt war nicht mehr aufzuhalten. Erfolgstrainerin und Initiatorin des Wandels: Vera Pauw Der finale Kick fand im Jahre 2007 statt, als der KNVB unter der Federführung von „Bondscoach” Vera Pauw die eigene Frauen-Ehrendivision gründete und damit eine neue Ära eingeläutete. Mit der Gründung einer richtigen eigenen Liga setze der KNVB sich selber hohe Ziele; denn mit dieser „Professionalisierung” sollte sich nun auch die Nationalmannschaft (gegründet 1973) weiterentwickeln und aus dem „Dornrösschenschlaf” erwachen. Man bewarb sich 2006 als Austragungsort für die Europameisterschaft 2009, die aber im letzten Augenblick an Finnland vergeben wurde. ![]() KNVB-NL Team von 1989 mit Marleen Wissink und Vera Pauw (beide links) Aber der Verband steckte nicht auf und mit dem hervorragenden Abschneiden bei dieser EM bewarb man sich nun erneut für die Austragung der Europameisterschaft im Jahre 2013. „Ich bin mir sicher, wenn die Ehrendevision nicht gegründet worden wäre, hätte es noch einige Jahre gedauert bis wir auf dem heutigen Niveau wären,” so Wissink nachdenklich, die während dieser Zeit (Gründung Ehrendivision) noch das Tor des 1. FFC Frankfurt hütete. ![]() Mit ihrem Club, dem 1. FFC Frankfurt, gewann Marleen Wissink alles, was zu gewinnen war. Hier freut sie sich mit Kerstin Garefrekes nach dem Gewinn der deutschen Meisterschaft 2005. Um Erfolge mit der niederländischen Nationalmannschaft zu feiern, war die Zeit noch nicht reif - doch das könnte sich ändern! Überhaupt, die Europameisterschaft 2009 war für die Niederländerinnen ein Glücksgriff. Noch nie zuvor hatte man sich für ein großes Turnier qualifiziert, doch die Zeit war für die Oranjes gekommen. „Dass die Frauen die |
Qualifikation zur EM in Finnland geschafft haben, war schon eine Überraschung. Aber als sie dann auch noch ins Halbfinale eingezogen sind, war dies für die meisten Leute unfassbar. Damit hatte nun wirklich keiner gerechnet und vielleicht war das auch der Grund, warum die Frauen es bis ins Halbfinale geschafft haben... auch wenn es böse Kritiken in Finnland hagelte. Aber letztendlich gab der Erfolg ihnen Recht, auch wenn die Mannschaft sehr defensiv gespielt hat (in den Augen von Anderen). Aber in den Statistiken stehen hinterher nur das Ergebnis und die Platzierung und mehr nicht, ” so Wissink stolz. ![]() Marleen Wissink 2005 - Voll konzentriert vor einen Bundesligaspiel Der Boom danach war unfassbar und mit einem Satz katapultierte sich die Nationalmannschaft auf Platz 15 (Stand: September 2009) der FIFA-Weltrangliste. „Der Widererkennungswert und die Anerkennung sind enorm gestiegen und viele Holländer wissen nun auch, wer eine Daphne Koster, Loes Geurts oder Vera Pauw ist. Egal ob im Internet, in der Zeitung oder im Fernsehen – Frauenfußball ist jetzt präsent,” freut sich die ehemalige Nationalspielerin. Diese Tatsachen spiegeln sich auch an den aktuellen Zuschauerzahlen der letzten beiden WM-Qualifikationsspiele wieder. Beim grandiosen 13:1 Sieg in Zwolle gegen Mazedonien sahen mehr als 6.000 Zuschauer die Begegnung und gegen Weißrussland in Den Haag vor ein paar Wochen waren es 4.500 zahlende Fans. „Das hätte man sich vor Jahren nicht träumen lassen, da befanden sich die Zuschauerzahlen im dreistelligen Bereich”, so Marleen weiter. ![]() Die Fangemeinde der Niederländischen Frauen-Nationalmannschaft wird immer größer „Das EM-Halbfinalspiel gegen England wurde live im Fernsehen ausgestrahlt. Das Spiel haben 1,75 Mill. Zuschauer gesehen, dass muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Aber auch davor fand die EM bereits großes Interesse auf Eurosport. Zudem wurde die Europameisterschaft auch mit Plakaten und Zeitungsberichten immer wieder in Erinnerung gebracht. Ich würde sagen, Holland wurde wachgerüttelt, ” lacht Wissink verschmizt. Der nächste Schritt für die Kickerinnen folgte gleich, als das NOK (Nationale Olympische Komitee) den Fußballerinnen nun den A-Status zusprach, eine Art Profitum. Somit haben die Spielerinnen nun die Möglichkeit, sich noch mehr ihrem Sport zu konzentrieren, verstärkt zu trainieren, höhere Gehälter und mehr Urlaub zu bekommen. Früher war es meist so, das nur 2-3 Mal in der Woche in den Vereinen trainiert wurde, da die Spielerinnen noch einer geregelten Tätigkeit nachgehen mussten. Marleen Wissink beim 100. Länderspiel der holländischen Nationalmannschaft in Aschaffenburg Die Entwicklung in den Niederlanden hat Lust auf mehr gemacht. Es scheint als hätte man die Zeichen der Zeit noch rechtzeitig erkannt, im Gegensatz zu manch anderem europäischen Verband wie z.B. in Belgien. Zwar sind die Niederlande noch weit von den Ansprüchen der deutschen Liga entfernt, aber man darf dabei nicht vergessen, dass auch die Bundesliga erst in Jahre 1998 eingleisig wurde! Auch der Weg von Marleen Wissink wird weiter vom Fußball begleitet werden, allerdings weiß die Vierzigjährige noch nicht wo ihr Weg sie noch hinführen wird. Wer weiß, vielleicht sehen wir sie eines Tages auf der Trainerbank eines Vereines wieder?
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