Frankreichs Nationaltrainerin Elisabeth Loisel im Gespräch
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„Nicht jede junge Spielerin kann nach Montpellier oder Juvisy gehen.“

Frankreichs Nationaltrainerin Elisabeth Loisel im Gespräch

Von Nora Kruse

24.03.2006

Wenn Sie den Algarve Cup mit den Europameisterschaften im letzten Jahr vergleichen, erkennen Sie eine Weiterentwicklung?
Das ist schwierig zu vergleichen, da die Europameisterschaften ein offizielles Turnier sind. Der Algarve Cup ist ein großes Turnier, aber es besteht aus Freundschaftsspielen. Das ist nicht das gleiche für die Teams. Mir stand beispielsweise nicht der komplette Kader zur Verfügung und ich habe viel gewechselt. Ich denke, das war bei den anderen Teams nicht anders, und bei einem offiziellen Turnier wäre dies nicht möglich.

Wenn Sie sich die anderen Teams anschauen, welche sind für Sie derzeit die stärksten, und warum?
Ich denke, Deutschland und die USA sind die besten Teams, weil sie physisch sehr stark sind – stärker als jedes andere Team zur Zeit.

Gut gelaunt beim Algarve Cup: Elisabeth Loisel

Foto: Nora Kruse

Wie sieht es mit Ihrem eigenen Team aus – spielen Sie den besten zur Zeit möglichen Fußball?
Für mich ist es derzeit wichtiger, meinen jungen Spielerinnen Übung und Erfahrung zu geben, um ein schlagkräftiges Team für die Zukunft zu bilden.

Und sind Sie zufrieden mit dem Auftritt Ihrer jungen Spielerinnen?
Im Moment spielen Laura Georges, Camille Abily, Elodie Thomis, Louisa Necib, Elise Bussaglia oder Sarah Bouhaddi – um nur einige zu nennen – in der Nationalmannschaft. Sie machen ihre Sache wirklich gut, aber sie brauchen starke Spiele, um sich noch zu entwickeln.

Und erfahrenere Spielerinnen im Umfeld...
Natürlich. Es ist sehr wichtig, im Team eine Balance zwischen jungen und erfahrenen Spielerinnen zu haben. Sie haben mehr Erfahrung und können Anleitung und Ratschläge geben. Nicht nur auf dem Feld, auch für das Leben im Team.

Wie ist die Situation des französischen Fußballs bezüglich der medialen Aufmerksamkeit?
Bei diesem Turnier hat Eurosport die Spiele gegen China und die USA, und das Spiel um Platz drei gegen Schweden, übertragen. Natürlich ist das gut für die Vermarktung des Frauenfußballs in Frankreich und für meine Spielerinnen. Sie können ihr Spiel und ihr Niveau zeigen. Aber das ist nicht die Standard-Situation in Frankreich, wo nicht alle unsere Spiele gezeigt werden.

Also werden auch die WM-Qualifikationsspiele nicht übertragen?
Nein, nur das Spiel gegen die Niederlande im letzten September.

Und die Zeitungen, wird dort berichtet?
Nur wenig. Es hat sich schon weiterentwickelt, aber nicht genug. In Frankreich haben wir eine sehr stärke Männerfußball-Liga und eine starke Nationalmannschaft. Die Zeitungen berichten in vollem Umfang über Männerfußball. Es ist schwer für uns – und für alle anderen Sportarten auch.

Aber Sie denken, dass die Situation mittlerweile besser ist?
Ich denke schon, weil Frauenfußball sich entwickelt hat. 1998 starteten wir einen Aktionsplan, um Frauenfußball auf ein höheres Niveau zu bekommen.
Einer der ersten Schritte war es, ein nationales Frauenfußball-Zentrum zu etablieren, um Spielerinnen im Alter von 15 bis 19 Jahren auszubilden. Die Spielerinnen leben dort für vier Jahre und haben fünf Trainingseinheiten pro Woche. Zur Zeit werden dort 38 Spielerinnen ausgebildet. Im ersten Jahr kehren sie noch zu ihren Familien und ihren Clubs zurück, weil wir denken, dass es aus psychologischer Sicht am Anfang besser für sie ist. Im zweiten und dritten Jahr können sie zu ihren Familien zurückkehren, wenn sie kein Spiel am Wochenende haben. Und nach dem vierten Jahr sollten sie möglichst einen Club in der ersten Liga finden.

Elisabeth Loisel mit dem Betreuerstab und der Ersatzbank beim gesanglichen Einsatz für Frankreich.

Foto: Nora Kruse

Gibt es weitere Punkte in diesem Plan?


Seit 1997 trainiert Elisabeth Loisel die französische Nationalmannschaft und hat sie bis auf Platz fünf in der Welt gebracht.

Foto: Nora Kruse
Ja, wir starteten auch ein Programm für die Ausbildung von Trainerinnen und eine nationale Meisterschaft für junge Teams. Auch bekommen junge Mädchen die Möglichkeit, mit Jungs zu spielen. 1998 spielten 28.000 Mädchen Fußball, heute sind es 50.000.

Also scheinen Sie auch zufrieden zu sein mit der Unterstützung des Französischen Fußballverbandes?
Ja, das bin ich. Er gibt eine Menge Geld für den Frauenfußball aus, und die bisherigen Schritte sind ein guter Anfang. Aber es ist noch nicht genug, wir können in der Zukunft noch mehr leisten.

Und was würden Sie sagen, sind die nächsten wichtigen Schritte?
Die meisten unserer Spielerinnen arbeiten in Vollzeit und ich denke, wir müssen ihre Situation verbessern. Sie sollten nur halbtags arbeiten, um genug Zeit für Training und Erholung zu haben. Es ist nahezu unmöglich, den ganzen Tag zu arbeiten und dann auf dem höchsten Niveau zu spielen.

Wie sieht die Situation denn zur Zeit aus? Müssen die Spielerinnen für ein Turnier, wie den Algarve Cup, Urlaub nehmen, oder werden sie freigestellt?
Zunächst ist es stressig. Wir kamen am Donnerstag von der Algarve zurück, am Freitag mussten die Spielerinnen wieder arbeiten. Aber es existiert ein Vertrag zwischen dem Französischen Fußballverband und den Arbeitgebern, wonach diese bezahlt werden, um die Spielerinnen für Turniere und andere internationale Spiele freizustellen.

Wie sieht Ihre Einschätzung der Entwicklung des Frauenfußballs aus, wenn Sie die letzten zehn Jahre betrachten?
Natürlich ist die Situation mittlerweile besser, weil Mädchen heute wirklich auf jedem Kontinent Fußball spielen. Das ist wichtig, um Erfahrungen zu sammeln. Aber ich denke auch, dass die Verbände mittlerweile bessere Arbeit leisten. Viele von ihnen haben eine U21, eine U20, U19 und so weiter. Die Jugendarbeit wird immer wichtiger.

Genauso in Frankreich, die Jugendteams sind gut besetzt?
Ja, wir haben gute Jugendmannschaften – von der U21 bis zur U17.

Es gibt die Ansicht, die Technik im Spiel verliert langsam gegen die Bedeutung physischer Stärke. Was ist Ihre Meinung?
Ich denke, dass auch die Technik sich verbessert hat. Sie ist eine Voraussetzung für jegliche weitere Entwicklung. Aber die physische Stärke gewinnt tatsächlich immer mehr an Bedeutung – und das macht den Unterschied zwischen Teams wie den USA oder Deutschland und dem Rest.

Also würden Sie sagen, dass Deutschland oder die USA und Frankreich technisch auf dem selben Level sind?
Ja, ich denke, das ist dasselbe. Im ersten Spiel... lacht – nicht im dritten, dann sind wir müde. Wir haben nicht die Kondition, viele Spiele mit nur einem Tag Pause zu absolvieren. Ein Spiel für sich genommen, gibt es technisch oder taktisch keine Unterschiede mehr.

Wie ist die Situation der Ersten Liga in Frankreich bezüglich des Publikums. Wie viele Menschen schauen ein Liga-Spiel?
Das hängt an den Spielen. Ungefähr 1000 Menschen kommen zu Spielen von Montpellier oder Juvisy, aber die kleineren Clubs sind nicht so populär.

Und wie sieht es bei den Spielen der Nationalmannschaf aus?
Da haben wir, abhängig vom Gegner, 5000 bis 10000 Zuschauer.

Sehen Sie eine Entwicklung in den Zuschauerzahlen oder stagniert es?
Nein, es ist keine wirkliche Entwicklung erkennbar. Es ist sehr schwer für uns, die Situation zu verbessern. Ich hoffe, es gelingt uns mit guten Ergebnissen in den nächsten Spielen und Turnieren.

Die Nationalmannschaft zieht mehr Zuschauer an, kann dies nicht auch der Ersten Liga helfen?
Unglücklicherweise ist bei uns dort keine klare Verbindung erkennbar. Die Nationalmannschaft ist häufiger im Fernsehen – die beste Möglichkeit, den Frauenfußball zu promoten, ist also die Nationalmannschaft, denn die Clubs können eigentlich nur regional arbeiten. Auch kann die Liga nicht von der Popularität von unseren Spielerinnen profitieren, denn Marinette Pichon ist in Frankreich die einzige, die eine gewisse Popularität aufbieten kann.

In Deutschland wird die Meisterschaft meist zwischen zwei Clubs entschieden: Frankfurt und Potsdam. Wie sieht es in Frankreich aus?
Mehr oder weniger genauso. Juvisy
und Montpellier sind an der Spitze. Im letzten Jahr wurde Montpellier Meister, dieses Jahr wahrscheinlich Juvisy.

Und glauben Sie, dass die Lücke zwischen den Top-Vereinen und den kleineren langsam geschlossen wird?
Das ist wirklich schwierig, denn die Lücke ist groß. Aber ja, ich denke auch, dass man eine Entwicklung erkennen kann, weil einfach nicht jede junge Spielerin nach Montpellier oder Juvisy gehen kann. Sie wollen und müssen Spielpraxis sammeln, und können nicht nur auf der Bank sitzen. Ich würde sagen, dass seit etwa drei Jahren ein Trend erkennbar ist, dass die jungen Spielerinnen auch zu kleineren Vereinen, wie Toulouse oder Lyon, gehen. Und das ist sowohl für die Entwicklung der Spielerinnen, als auch für die der Liga, sehr wichtig.

41 Länderspiele hat sie selbst absolviert, an die Seitenlinie wechselte Elisabeth Loisel mit nur 34 Jahren.

Foto: Nora Kruse

Sie sprechen Olympique Lyonnais an. Im letzten Jahr kamen viele Amerikanerinnen nach Lyon. Glauben Sie, das hat der Popularität geholfen?
Natürlich. Sie brachten viel Erfahrung mit und die Zeitungen haben berichtet – das war gut für Lyon. Aber ich denke, dass die Methode nicht die richtige war, denn die Spielerinnen kamen mitten in der Saison.

Und sie verließen den Verein noch vor Saisonende...
Ja. Sie spielten hier nur für drei oder vier Monate. Das war nicht gut für Lyons junge Spielerinnen, denn sie konnten nicht spielen, und es war nicht gut für die Meisterschaft, weil schon Spiele vorher ausgespielt wurden. Dann hat Lyon mit den Amerikanerinnen reagiert, die aber auch schon schnell wieder gegangen sind. Auch wenn es für die Vermarktung gut war, ist dies nicht meine Auffassung von Fair Play.

Laura Georges spielt als einzige Nationalspielerin im Ausland.

Foto: Nora Kruse

Beim Betrachten des französischen Kaders für den Algarve Cup fällt auf, dass Laura Georges die einzige Spielerin ist, die im Ausland spielt. Denken Sie, dass es gut für die Liga und die Nationalmannschaft ist, dass fast der ganze Kader in Frankreich spielt?
In der Vergangenheit hatten wir drei Spielerinnen im Ausland: Marinette Pichon und Stéphanie Mugneret-Béghé spielten in den USA und Elodie Woock in Deutschland. Es ist gut für die Spielerinnen, um Erfahrungen zu sammeln. Sie kommen mit einem anderen Hintergrund zurück: andere Trainingsmethoden oder andere Methoden, ein Spiel vorzubereiten. Somit ist es gut für mich als Nationaltrainerin, einige Spielerinnen im Ausland zu haben. Aber es bringt auch Schwierigkeiten mit sich: Häufig ist die Saison im Ausland eine andere und so sind die Spielerinnen müde, wenn sie zurückkommen. Und Laura Georges, als Beispiel, muss zurück nun zurück in die USA, weil sie Klausuren schreibt.
Für die Liga ist es dagegen nicht gut, wenn zu viele Spielerinnen im Ausland spielen. Das Niveau ist eventuell nicht so hoch, wie es sein könnte, was zu weniger Zuschauern führen kann.
Aber insgesamt wünsche ich mir immer, dass ein paar Spielerinnen ins Ausland wechseln – aber nicht zu viele!

Das Gespräch führte Nora Kruse

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