Fansoccer-Logo

Interview mit "Sissi"

„Marta ist etwas ganz Besonderes“

Im Gespräch mit FanSoccer schwärmt Brasiliens frühere Starspielerin Sissi von Ausnahmekönnerin Marta und wirft einen Blick zurück auf die eigene Karriere

Von Markus Juchem (Text und Fotos)

07.03.2006
Der romantische Name Sisleide do Amor Lima ist Brasiliens ehemaliger Topspielerin Sissi geblieben, die Frisur erinnert heute allerdings anders als zu ihrer fußballerischen Blütezeit nicht mehr an die der irischen Sängerin Sinéad O’Connor. Dreimal hat Sissi für Brasilien an Weltmeisterschaften teilgenommen (1991, 1995 und 1999), zweimal an Olympischen Spielen (1996 und 2000). Bei der WM 1999 in den USA brachte sie ihr Team mit einem phänomenalen Freistoßtreffer gegen Nigeria ins Halbfinale, am Ende teilte sie sich mit der Chinesin Sun Wen mit jeweils sieben Treffern die Torjägerkrone. Schöne Erinnerungen.

Doch noch heute ist sie traurig, wenn sie an ihr Ende in der Nationalmannschaft denkt. „Ich war total am Boden zerstört, als ich die WM 2003 nicht mitspielen durfte. Ich spielte meine besten Jahre in den USA und man gab mir keine Chance, meine Karriere zu krönen“, so die 38-Jährige verbittert. Denn damals wurde sie mit der Begründung, sie sei zu alt, nicht für die Titelkämpfe nominiert. „Deswegen war ich in den letzten Jahren gar nicht so am Fußball in Brasilien interessiert und habe mir auch kaum Spiele angeschaut. Andererseits hatte ich die Chance, meine Green Card und einen Job in den USA zu bekommen. Ich bin so froh, weil sich mir so viele Türen geöffnet haben“, so Sissi, die seit 2001 in den Staaten lebt, wo sie ihre erfolgreiche WUSA-Karriere mit dem Meistertitel bei den San Jose CyberRays krönte.

Sissi

„In den USA erkennen mich die Menschen auf der Straße, in Brasilien wissen die Leute nicht, wer ich bin. Das ist verrückt“, berichtete Sissi nachdenklich.

Inzwischen sorgt in der brasilianischen Nationalmannschaft eine neue Nummer Zehn für Furore: Marta. Ein Name, der Sissis Augen zum Leuchten bringt. „Was sie manchmal auf dem Feld zeigt, macht mich sehr stolz. Sie ist etwas ganz Besonderes - wie Ronaldinho. Sie ist eine phänomenale Spielerin und mit einer tollen Gabe ausgestattet.“ Im Jahr 2000 kreuzten sich die Wege von Sissi und Marta


Sissi

Brasiliens Frauenfußball-Ikone Sissi im Gespräch mit FanSoccer

erstmals, als beide für Vasco da Gama in Rio de Janeiro spielten, Marta damals im zarten Alter von 14 Jahren bereits in der U-19 zum Einsatz kam. „Es hat damals schon Spaß gemacht, ihr zuzuschauen und als ich gegen sie gespielt habe, dachte ich mir: ‚Ach Du meine Güte.’ Sie war unglaublich.“

Von einem Vergleich zwischen Marta und ihr hält Sissi nicht viel: „Das kann man gar nicht. Ich habe damals mein Bestes für Brasilien gegeben, aber jetzt ist es ihre Zeit.“ Neben Marta sieht sie weitere Rohdiamanten in Brasilien schlummern, wenngleich sie kritisch zu bedenken gibt: „Ich habe in Brasilien ein Turnier angeschaut und war erstaunt, wie viele tolle Talente es gibt. Aber was wird mit Ihnen passieren? Darüber muss man nachdenken.“

Sissi moniert, dass in Brasilien dem Frauenfußball immer noch zu wenig Bedeutung geschenkt wird. „Man denkt dort immer noch, Frauen sind dazu da, Kinder zu kriegen und in der Küche zu stehen. Aber in den vergangenen drei Jahren hat sich da schon eine Menge getan. Vielleicht kann ja Marta zu einem Mentalitätswechsel beitragen. Wenn sie in einem anderen Land geboren wäre, wäre es sicherlich einfacher für sie. So sind ihre Möglichkeiten allerdings begrenzt.“ Sissi skizziert die Problematik an ihrer eigenen Person: „In den USA erkennen mich die Menschen auf der Straße, in Brasilien wissen die Leute nicht, wer ich bin. Das ist verrückt.“

Auch die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Athen 2004 hat keine nachhaltigen Veränderungen mit sich gebracht. „Man hat vielleicht eine Woche darüber geredet. Vor allem für die Spielerinnen tut es mir Leid. Dabei war das nach all den Schwierigkeiten ein toller Erfolg und ich war sehr stolz auf das Team, auch wenn ich aus politischen Gründen selber nicht mitspielen durfte, obwohl ich das am liebsten getan hätte.“


Inzwischen hat Sissi wieder die pure Lust am Fußball entdeckt. „Ich informiere mich immer im Internet, wie es den brasilianischen Spielerinnen in den verschiedenen Ländern ergeht.“ Kein Wunder, will sie doch nach Beendigung ihrer aktiven Karriere eine Trainer-Laufbahn einschlagen.

„Ich spiele immer noch in meiner letzten Saison für Sacramento Storm, das ist ein halbprofessioneller Verein. Ich bin bereits Cheftrainerin der U-16, bin für die FIFA tätig, es gibt also eine ganze Menge Dinge zu tun. Ich arbeite auch immer noch daran, mein Englisch zu verbessern. Wenn man für einen Verein arbeiten will, ist das wichtig. Irgendwann will ich einmal die Nationalmannschaft trainieren, das ist mein Ziel und dafür werde ich kämpfen.“

Dass Sissi kämpfen kann, hat die in Esplanada, einer Kleinstadt an der brasilianischen Atlantikküste geborene Spielerin, hinlänglich bewiesen. Gegen alle elterlichen Widerstände setzte sie ihren Kopf durch und verließ bereits im Alter von 14 Jahren das Elternhaus, um Karriere zu machen. „Alle hielten mich für verrückt. Ich bin in eine andere Stadt gezogen und habe mit zehn verschiedenen Spielerinnen ähnlichen Alters in einem kleinen Haus zusammengelebt, alles verschiedene Persönlichkeiten. Das war hart am Anfang ohne Geld und ich wusste überhaupt nichts vom Leben.“

Doch wer derartige Aufgaben im Leben gemeistert hat, dem muss nicht bange sein, wenn es einige neue Hürden zu überspringen gilt: „In den vergangenen Jahren hatten wir in Brasilien immer Trainer und nie Trainerinnen in den Nationalmannschaften im Einsatz. Aber in Deutschland und Schweden klappt das ja auch, warum also nicht in Brasilien?!

Sissi als aktive Fußballerin könnt ihr auf diesem Foto von der WM 1999 sehen: www.fifa.com

Zur FanSoccer-Startseite