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Unia Racibórz – ein neuer polnischer Verein betritt die internationale Bühne

Interview mit dem polnischen Meistertrainer Remigiusz Trawinski

Text Matthias Behlert

19.09.2009   Vereinsfußball der Frauen in Polen – das war aus der Sicht deutschsprachiger FF-Interessierter bisher fast ausschließlich der durch zahlreiche Kurzauftritte im UEFA-Cup bekannte AZS Wroclaw (Breslau). Seit der letzten Spielzeit ist dort jedoch ein Club das Maß aller Dinge, den vor zwei Jahren selbst in Insiderkreisen unseres Nachbarlandes noch niemand auf der Rechnung hatte. Wir sprachen mit Remigiusz Trawinski, Cheftrainer des Überraschungsmeisters und Debütanten im europäischen Vereinswettbewerb, RTP Unia Racibórz.

Guten Tag, Herr Trawinski. Wir freuen uns, dass Sie sich zu einem Interview für das Frauenfußball-Magazin FanSoccer bereit erklärt haben.
Die meisten Frauenfußball-Anhänger in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben erst vor sehr kurzer Zeit – im Zusammenhang mit der neu geschaffenen Champions League – vom polnischen Verein Raciborskie Towarzystwo Pilkarskie (RTP) „Unia” gehört. Daher möchte ich Sie zunächst bitten, uns etwas über das allgemeine Umfeld des Vereins zu sagen. Wo in Polen liegt die Stadt Racibórz, wie groß ist sie, und welche fußballerischen Traditionen von Männern wie von Frauen gibt es dort?


Racibórz liegt in Schlesien und hat etwa 60.000 Einwohner. Die Fußballtradition der Stadt reicht bis ins Jahr 1903 zurück; damals gehörte sie zu Deutschland (dt. Ratibor, Anm. M.B.). 1946 wurde der Sportclub KS Unia Racibórz gegründet. Das war, wie seinerzeit üblich, ein reiner Männerverein. 1954-1956 gewann er die Polnischen Juniorenmeisterschaften, und 1963 gelang der Aufstieg in die 1. Liga, wo er sich zwei Spielzeiten lang, bis 1965, halten konnte. Es folgten viele Jahre in der 2. und 3. Liga. Zu Beginn der Achtzigerjahre führten finanzielle Schwierigkeiten zum Abstieg in die 4. Liga, doch damit waren die Probleme noch nicht zu Ende. Ende der Neunziger stand der Fußball innerhalb des KS Unia sogar gänzlich vor dem Aus. Unter anderem durch meine Initiative gründete daraufhin eine Gruppe von Anhängern den reinen Fußballverein RTP Unia.

Remigiusz Trawinski

Der Organisator und Cheftrainer des Frauenfußballvereins von Racibórz, Remigiusz Trawinski. Seine private Steinsetzer-Firma deckt als Hauptsponsor den größten Teil des Finanzbedarfs.

Bild mit freundlicher Genehmigung von
www.rtpunia.raciborz.com

Bis dahin war es also nur um Männerfußball gegangen. Wann und wie kamen die Frauen ins Spiel?

Meine Töchter und ihre Freundinnen überredeten mich, ihnen einfach so zum Spaß das Fußballspielen beizubringen. Die Anfänge waren sehr schwierig. Am Training nahmen etwa 40 junge Frauen teil, doch die Fluktuation war sehr groß. Das war in der Spielzeit 2000/2001.

Wie verlief der Weg dieser Mannschaft bis zur Erlangung des Meistertitels? Wann gelang ihr jeweils der Aufstieg in eine höhere Spielklasse?

2003 erfolgte die Anmeldung zur Teilnahme an den Spielen der 2. Liga*. 2005 gelang der Aufstieg in die 1. Liga und 2007 in die Ekstraliga. Die Mannschaft wurde systematisch verstärkt, was schließlich den Gewinn der Polnischen Meisterschaft ermöglichte. Zuvor hatten wir schon die Polnische Hallenmeisterschaft gewonnen und das Endspiel um den Polnischen Pokal erreicht, wo wir Medyk Konin in der Verlängerung 3:4 unterlagen.

* Entspricht etwa der deutschen Regionalliga und ist derzeit noch die unterste reguläre Spielklasse. Da sich die Zahl der teilnehmenden Mannschaften auf dieser Ebene in den letzten 8 Jahren vervierfacht hat und die Zahl der Staffeln von ursprünglich 3 auf 8 ausgeweitet wurde, ist demnächst jedoch mit der Einführung einer weiteren Liga zu rechnen. Anm. M.B.

Zunächst trainierten Sie sowohl Männer als auch Frauen. Vor knapp zwei Jahren – wenige Monate nach dem Aufstieg der Frauen in die Ekstraliga – trennten sich diese beiden Abteilungen jedoch, und seither widmen Sie sich ausschließlich dem Frauenfußball. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Wie schon erwähnt entstand der Verein RTP Unia auf meine Initiative hin, und ich wurde dessen Vorsitzender. Zugleich trainierte ich die 1. Mannschaft (Bezirksliga) und übernahm auf Bitten meiner Töchter hin im Jahre 2001 auch das Training des Frauenteams. Die Frauen erzielten zunehmende Erfolge und stiegen in immer höhere Spielklassen auf. Dies behagte einigen Vorstandsmitgliedern nicht, die


Meister Unia Racibórz

Meister!: Grenzenlose Freude am letzten Spieltag der vergangenen Saison. Obwohl der Gewinn der Meisterschaft bereits feststand, zeigten die Spielerinnen von Unia an jenem 23. Mai 2009 gegen Praga Warszawa noch einmal ihr ganzes Können und schickten die Hauptstädterinnen mit 15:0 nach Hause.

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behaupteten, die Gelder flössen ausschließlich in den Frauenfußball, während der Männerfußball in seiner Entwicklung behindert würde. Aus diesem Grund kam es im Januar 2008 zur Trennung von Männer- und Frauenfußball. Das Frauenteam behielt den Namen Raciborskie Towarzystwo Pilkarskie (Ratiborer Fußballverein) Unia, die Männer treten seitdem als KP (FC) Unia auf.

Kader von RTP Unia

Der aktuelle Kader von RTP Unia. Von links: (oben) D. Maciaszczyk, Mannschaftsleiterin D. Marczak, K. Darda, H. Konsek, M. Stobba, O. Syerova, N. Surma, R. Dziadek, A. Rozkowska, (Mitte) Masseur M. Bartyzel, P. Rytwinska, A. Winczo, M. Sega, A. Manczynska, A. Karcz, M. Hajduk, P. Rzany, Cheftrainer R. Trawinski, Assistenztrainer A. Jasinski, (unten) P. Wisniewska, D. Kasperska, D. Antonczyk, M. Janeczek, D. Wilk, A. Zelazko, A. Sznyrowska.

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Sie betreiben eine Steinsetzer-Firma, die Hauptsponsor des Frauenfußballsvereins Ihrer Stadt ist. Gibt es neben der finanziellen Unterstützung durch Ihre Firma und zwei andere Sponsoren irgendwelche Zuwendungen, z.B. von Seiten des Polnischen Fußballverbandes?

Das stimmt, ich bin Inhaber eines Steinsetzerbetriebes, welcher Hauptsponsor der Frauenmannschaften ist und ihren Etat zu 80% deckt. 10% kommen von der Stadt, 10% von anderen Firmen. Vom Polnischen Fußballverband bekommt der Verein keine Zuwendungen; es gibt lediglich kleinere Geldprämien für das Erlangen einer Medaille in der Polnischen Meisterschaft und das Erreichen des Endspiels um den Polnischen Pokal.

Als RTP im Frühjahr Polnischer Meister wurde, endete damit eine lange Siegesserie des AZS Wroclaw, welcher seit der Jahrtausendwende jedes Jahr aufs Neue die Meisterkrone errungen hatten. Noch im Sommer 2008 hätte wohl kaum jemand auf Unia gesetzt. Haben Sie als Trainer damals schon an diesen Erfolg geglaubt, bzw. wann genau begannen Sie daran zu glauben?

Meine Richtlinie zu Beginn der Spielzeit 2008/9 war es, unseren 3. Platz aus der Saison 2007/8 zu verbessern. Nach der Herbstrunde war ich jedoch überzeugt, dass wir schon in diesem Jahr um den Titel des Polnischen Meisters kämpfen können – was uns dann auch zu 100% gelungen ist.

Würden Sie der Aussage zustimmen, dass RTP Unia eine Art polnisches Zvezda-2005 ist?

Zum Teil kann ich dem zustimmen. Angesichts der Umstände in Polen können wir es uns zwar noch nicht leisten, so viele Ausländerinnen zu verpflichten, aber vielleicht ändert sich das ja in Zukunft.

Wie steht es bei RTP um die Nachwuchsarbeit? Spielen in den Farben Ihres Vereins auch Juniorinnenteams?

2005 haben wir eine Anwerbeaktion für C-Juniorinnen durchgeführt. Nach sechsmonatiger Auswahl- und Aufbauarbeit meldeten wir eine Mannschaft für das Turnier der C-Junioren an (wo sie ausschließlich gegen Jungen spielte). Wider Erwarten konnten die Mädchen einige Spiele gewinnen. In der Saison 2008/9 meldeten wir ein B-Juniorinnen-Team für die 2. Liga (als RTP Unia II, Anm. M.B.). Auch die B-Juniorinnen haben schon Erfolge erzielt; bei den Polnischen Meisterschaften 2005 gewannen sie die Bronzemedaille.

Lauftraining

Der Kader der 1. Mannschaft beim Lauftraining mit Assistenztrainer Andrzej Jasinski.

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Sie beschäftigen sich seit etwa 9 Jahren mit Frauenfußball. Haben Sie in dieser Zeit irgendwelche Veränderungen im Verhältnis der polnischen Öffentlichkeit zum Frauenfußball bemerkt? Hat das Medieninteresse zugenommen, kommen mehr Zuschauer? In Racibórz vermutlich schon, da Unia immer größere Erfolge


erzielt hat – doch wie sieht die allgemeine Situation im Lande aus?

Anfangs hatte ich den Eindruck, dass die Zuschauer nur aus Neugier kommen, doch das änderte sich mit jedem Jahr mehr; die Zuschauer begannen das Können der Fußballerinnen zu schätzen. Inzwischen ist das Interesse der Zuschauer und der Medien deutlich größer, und in Racibórz kommen zu den Spielen der Frauen doppelt so viele Zuschauer wie zu den Viertligaspielen der Männer. Ein gutes Beispiel ist auch das letzte Länderspiel zwischen Polen und Tschechien, welches unser Verein organisiert hat. Da kamen etwa 3.000 Zuschauer. Und ich kann mit einigem Stolz sagen, dass dabei 8 Spielerinnen aus unserem Verein zur polnischen Auswahl gehörten und weiterhin gehören. Auch in den Nationalmannschaften der U19, U17 und U15 ist unser Verein vertreten.

Wie beurteilen Sie das Verhältnis des Polnischen Fußballverbandes zum Frauenfußball? Fördert er die Entwicklung des Frauenfußballs in Polen, oder vernachlässigt er diesen eher?

Zu diesem Thema möchte ich mich lieber gar nicht äußern.

Das wichtigste Ziel auf nationaler Ebene haben Sie und Ihr Team erreicht. Bliebe noch der Polnische Pokal. Vor einem Jahr, als Unia in der Verlängerung des Endspiels Medyk Konin 3:4 unterlag, waren Sie schon ganz nah dran. Meist jedoch endete Unias Teilnahme an diesem Wettbewerb in dem Moment, da der Gegner AZS Wroclaw hieß. So auch dieses Jahr im Halbfinale, wo Unia 0:2 gegen AZS verlor, während in der Liga der Vorsprung auf den Vizemeister aus Breslau am Ende 8 Punkte betrug. Wie beurteilen sie Unias Chancen, den Pokal im kommenden Jahr zu gewinnen?

Ich stimme Ihnen zu, das wichtigste Ziel haben wir erreicht, denn wir sind Polnischer Meister. Insgeheim hatte ich gehofft, dass wir dieses Jahr auch den Polnischen Pokal gewinnen würden, doch das hat nicht geklappt. Nach dem Gewinn der Meisterschaft hat die Konzentration im Team zu stark nachgelassen. Doch nächstes Jahr werden wir ganz sicher um den Pokal kämpfen.

In wenigen Tagen hat RTP Unia seinen ersten ernsthaften Auftritt auf der internationalen Bühne. Dann geht es gegen den SV Neulengbach, der Ihr Wunschgegner sein dürfte. Glauben Sie an einen Sieg?

Ja, bekanntlich geben wir am 30. September im Sechzehntelfinale der Champions League unser internationales Debüt gegen den österreichischen Meister SV Neulengbach. Ist das unser Wunschgegner? Wenn wir ihn besiegen, dann war er es. An einen Sieg glaube ich in jedem Spiel.

Unia-AZS

Im vorgezogenen Spiel des 5. Spieltages brachten die "Unionerinnen" Ex-Serienmeister AZS Wroclaw am 09.09.09 eine herbe 0:7-Schlappe bei. Drei der sechs Tore in Halbzeit 1 erzielte Patrycja Wisniewska (66). Mit nunmehr 15:0 Punkten und 23:1 Toren ist Unia auf dem besten Wege zur erfolgreichen Titelverteidigung.

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Im Falle eines Sieges gegen Neulengbach wartet im Achtelfinale entweder der isländische Meister Valur Reykjavik oder der italienische Vizemeister Torres Calcio. Das dürften schon etwas größere Kaliber sein. Sehen Sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine Chance, das Viertelfinale zu erreichen?

In der Tat, sollten wir das österreichische Team besiegen, träfen wir auf den isländischen Meister oder den italienischen Vizemeister. Wir sind uns durchaus darüber im Klaren, dass diese Spiele schwieriger werden. Trotzdem meine ich, dass wir dort nicht auf verlorenem Posten stünden. Das Erreichen des Viertelfinales ist mein stiller Wunsch.

Wir danken Ihnen herzlich für dieses Interview und wünschen Ihnen sowie der Mannschaft von RTP Unia auf nationaler wie auf internationaler Ebene noch viele Erfolge.


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