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Text von Sandra Pleines, Fotos von Sandra Pleines und Michael Heuberger
17. Dezember 2011 - Jetzt schreibe ich doch tatsächlich meinen ersten Artikel über Fußball. Normalerweise beschäftige ich mich mehr mit Frauenhandball, unter anderem für www.handball-world.com. Aus diesem Grund bin ich gerade in Brasilien, denn hier findet momentan die Frauenhandball Weltmeisterschaft statt. Aber natürlich bin ich auch seit Jahren ein großer Fan des Frauenfußballs und daher kam die Idee, beides zu verknüpfen.
In Brasilien kommt man am Thema Fußball natürlich nicht vorbei, egal wo man sich aufhält. Wir haben uns vor Beginn der Weltmeisterschaft ein paar Tage Urlaub in Rio de Janeiro gegönnt und diesen mit Zuckerhut, Copacabana, Christusfigur und Caipirinha bei zwischen 25° - 40° Grad ausreichend genossen. Hier ist jetzt Frühling, sozusagen Aprilwetter...deswegen die Schwankungen in der Temperatur und ein bisschen Regen gab es auch hier und da. Nach vier Tagen Rio ging es dann nach Santos, ein Ort direkt am Meer ca. 70 Kilometer von Sao Paulo entfernt. Wir sind mit einem Bus gefahren, denn Busse sind die beste und einfachste Variante, um in Brasilien, wahrscheinlich in ganz Südamerika, zu reisen. Günstig, zuverlässig, sauber und man sieht noch dazu viel von der Landschaft. Beeindruckt hat mich am meisten, dass alles so schön grün war. Viele Bäume und Wiesen und alles einfach richtig saftig grün. Santos war also der Vorrundenspielort der deutschen Frauenhandball-Nationalmannschaft. Wir hatten wirklich Glück, denn das war auf jeden Fall der attraktivste Spielort, eben weil er am Meer liegt.
Dort, wie an der Copacabana und an allen anderen Stränden in Brasilien auch, wird immer Fußball gespielt. Entweder mit einem richtigen Ball, die Tore sind dann Fahrräder, Badelatschen oder Handtücher. Oder aber „Futvolei“. Das war sehr interessant zu beobachten und ist wirklich ein intensiver und schwieriger Sport. Es ist im Prinzip Beachvolleyball mit dem Fuß und dem Kopf. Entstanden ist diese Sportart dadurch, dass man richtiges Fußballspielen, also mit großem Feld und richtigen Toren, am Strand verboten hat, da es zu viel Platz benötigt. Volleyballfelder gab es aber weiterhin und so kam man auf die Idee, diesen Sport eben mit dem Fußball zu betreiben. Und in Santos wird man zwangsläufig mit Fußball konfrontiert, ob man will oder nicht. Denn der FC Santos ist nicht nur ein Traditionsclub, sondern hier hat der große Pele 20 Jahre lang gespielt. Pele lacht einen hier von überall entgegen, unter anderem als Werbepartner für eine Drogeriekette. Und natürlich gibt es ein Museum. Noch im Bau befindet sich ein reines Pele-Museum, die Eröffnung wird im nächsten Jahr sein. Derzeit gibt es daher „nur“ das Museum des FC Santos. Dieses haben wir als sportbegeisterte Journalisten natürlich besucht. Es gibt unglaublich viele Trophäen und Wimpel zu sehen, dazu natürlich Fotos und sonstige Ausstellungsstücke.
Hier habe ich mit meinem Frauenfußballauge natürlich gleich die Vitrine der Frauen des FC Santos entdeckt. Der FC Santos ist das beste der brasilianischen Frauenteams, hat man uns wenigstens im Museum gesagt. Und wohl das einzige, das diesen Sport auch für die Frauen professionell betreibt. Gespielt wird im gleichen Stadion wie die Männer und auf meine Frage, wie viele Zuschauer denn zu den Frauen kommen, lautete die Antwort: „Nicht so viele, nur so ca. 7.000“. Ich war beeindruckt. Denn das Stadion ist nicht sehr groß, es fasst lediglich 18.000 Zuschauer. Ich konnte das so wenig nicht finden. Im Trophäenschrank, der übrigens recht groß ist und nicht etwa in die hinterste Ecke geschoben wurde, entdeckt man sehr schnell das Trikot von Marta, die ja auch in Santos gespielt hat. Und es gibt auch einen sehr schön gemachten Film zu sehen, der selbstverständlich Spielszenen von Marta enthält, aber auch die Trainingseinheiten der Frauen des FC Santos zeigt und Interviews. Die habe ich mangels portugiesischen Sprachkenntnissen aber leider nicht verstanden. Wir haben dann das ganze Stadion besichtigt und durften am Spind des großen Pele stehen. Ist irgendwie dann doch ein besonderes Gefühl, muss ich zugeben.
An dem ersten Wochenende, das wir in Santos verbracht haben, fand das Ligafinale statt, Männer natürlich, aber es zeigt, welche Bedeutung das für die Brasilianer hat. Das Spiel fand in Sao Paulo statt zwischen Corinthians und dem FC Santos. Corinthians hat gewonnen und trotzdem gab es eine riesige Party in Santos. Der ganze Strand war voll mit Fußballfans. Die Stimmung hätte bei einem Sieg von Santos kaum besser sein können. Aber vielleicht täusche ich mich da auch und die Brasilianer hätten noch viel mehr aus sich heraus geholt als so schon. Und wenn man auf dem Weg in die Handballarena mit dem Taxifahrer sprechen wollte, wie gesagt, auch ohne Sprachkenntnisse, dann musste man nur FC Santos, Pele oder Corinthians erwähnen und schon ging es los. Sehr interessant, zumal die meisten natürlich Fans des FC Santos waren und sie lieber eine Mannschaft aus China unterstützen würden als den Feind von Corinthians. Die Fahrten waren immer sehr amüsant und man hatte danach das Gefühl, einen Freund gewonnen zu haben. Fußball verbindet also tatsächlich. Überhaupt sind die Menschen hier extrem freundlich und hilfsbereit. Leider sprechen nicht so viele Leute englisch, aber sie versuchen mit Händen und Füßen und allem was geht zu helfen. Ich kann das nur hervorheben, denn ich war in den letzten 15 Jahren jedes Jahr auf Welt- und Europameisterschaften der Handballfrauen in verschiedenen Ländern. Aber so freundliche und hilfsbereite Menschen habe ich selten erlebt. Auch die Volunteers in den Hallen waren wirklich super.
So nebenbei muss ich hier jetzt einmal erwähnen, dass ich das Pokalspiel zwischen dem FFC Frankfurt und Turbine Potsdam per Livestream auf dfb-tv in der Handballhalle verfolgt habe. Ich bin extra früher in die Halle gefahren, da dort die Internetverbindung am besten war und habe geschaut. Ich war also schon um 10 Uhr Ortszeit in der Halle (Brasilien ist drei Stunden hinter Deutschland), vier Stunden vor Beginn des ersten Spiels. Die Volunteers dort haben ganz schön gestaunt. Aber ich habe es nicht bereut, war ja ein super Spiel und ich als Frankfurterin war natürlich mit dem Ergebnis auch sehr zufrieden. Das Spiel Duisburg-Frankfurt am Wochenende darauf wollte ich auch schauen, leider war eine Einstellung an meinem PC verändert worden, so dass ich außerhalb der Halle nicht aufs Internet zugreifen konnte. Ich hab es erst zu spät gemerkt, also habe ich das Spiel leider nicht sehen können. Essen gegen Frankfurt werde ich aber wieder sehen können, da bin ich sicher.
Nach den Gruppenspielen bei der Handball-WM sind wir dann nach Sao Paulo umgezogen. Über das Abschneiden der deutschen Mannschaft brauche ich hier kein Wort zu verlieren, glorreich war es leider nicht. Sao Paulo ist eine unglaublich große Stadt. Mit allen Vororten sollen es wohl 20 Mio. Einwohner sein. Und so fühlt man sich hier auch...irgendwie verloren. Sich zu orientieren ist gar nicht so einfach und die Wege sind weit. Dazu der Verkehr...Horror! Mit dem Taxi brauchen wir ca. 30 Minuten in die Arena. Für elf Kilometer. Und auch die Sicherheit ist bisher kein Thema gewesen. Weder in Rio noch in Sao Paulo hatte ich bisher ein Gefühl der Unsicherheit. Und in Santos schon gar nicht. Wir wohnen in Sao Paulo in einer Wohnanlage, die abgeriegelt ist durch Schranken, Zäune und netten Menschen, die das alles bewachen. Auf der einen Seite ist das natürlich schon ein sicheres Gefühl, auf der anderen Seite macht es aber auch irgendwie wieder Angst. Die Farvelas, die Wohngebiete der ärmeren Bevölkerung, liegen oft in der Nähe von schönen Wohngebieten und man wird gewarnt, die Farvelas und die Umgebung zu betreten. Früher war das gerade in Rio wohl alles noch viel gefährlicher, im Hinblick auf die dort stattfindende Fußball-WM und die Olympischen Spiele wird aber sehr viel getan und das zeigt bereits jetzt seine Wirkung. Hier ist natürlich auch wie bei uns Vorweihnachtszeit. Daher ist alles geschmückt und beleuchtet, in der ganzen Stadt stehen Weihnachtsbäume. Ist schon irgendwie befremdlich, Weihnachten bei 30° Grad unter Palmen ist vom Gefühl her doch anders als bei uns im Winter, mit der Kälte und eventuell auch Schnee. Rentiere passen irgendwie besser in den Winter, wie ich finde.
In Sao Paulo haben wir uns mit Sergio getroffen, einem Volunteer, den wir in Santos kennen gelernt haben. Er ist Professor an Uni in Sao Paulo und spricht perfekt englisch. Und er ist großer Fußballfan. Er hat alle Männer-Weltmeisterschaften in den letzten Jahren besucht und kennt sich wirklich gut aus. Ich wusste ja bereits im Vorfeld, dass in Sao Paulo ein Frauenfußballturnier stattfindet. In der Metro habe ich dann eine entsprechende Werbung gesehen und nachdem wir festgestellt haben, dass es ein Spiel an unserem handballfreien Tag gab, haben wir spontan entschieden, dass wir das anschauen wollen.
Wir haben Sergio davon erzählt und er war Feuer und Flamme. Er hat uns dann zunächst in das Fußball-Museum geführt. Dieses befindet sich im Estadio do Pacaembu, dort wo auch das Frauenturnier stattfindet und üblicherweise Corinthians spielt. Dieses Museum ist noch sehr neu und ich kann jedem Fußballfan, der nach Sao Paulo kommt, dieses nur wärmstens ans Herz legen. Natürlich geht es viel um den brasilianischen Fußball, aber auch die Weltmeisterschaften werden ausreichend gewürdigt. Es gibt Multimediashows, kleine Filme, viele Fotos und noch ganz viel mehr. Wirklich toll gemacht. Allerdings sehr männerlastig. Ich habe genau ein (!) Foto von Marta gefunden und einen Aufsteller zum Thema Frauenfußball. Dort lief dann auch ein kleines Filmchen mit Martas Kunststücken. Und das war es. In dieser Hinsicht bleibt noch viel, viel zu tun.
Wir sind dann ins Stadion, haben dort noch die letzten Minuten des Spiels Chile gegen Italien gesehen. 6:0 ist es ausgegangen, zwei Tore haben wir noch miterleben dürfen plus eine rote Karte. War mächtig was los. Das Stadion kann 45.000 Menschen aufnehmen. An dem Abend waren 4.000 dort. Hört sich wenig an, aber ich kann das so wenig nicht finden. Es war Donnerstag, das Spiel hatte für Brasilien keine Auswirkungen auf den Turnierausgang, die Selecao war bereits für das Finale qualifiziert. Die Tickets kosten zwischen 10 und 20 Real, das sind 5-10 Euro. Wir haben uns für die 15 Real Variante entschieden und saßen Höhe der Mittellinie auf der den Auswechselbänken gegenüberliegenden Seite. Auch wenn die 4.000 Zuschauer doch sehr verteilt waren, war die Stimmung klasse. Ich hatte schon das Gefühl, dass die Leute, die da waren, echte Frauenfußballfans sind. Sie kannten alle brasilianischen Spielerinnen mit Namen und haben diese auch immer wieder gerufen und gesungen. Einige hatten Trikots an, aber auf den meisten Standen entweder Namen wie Ronaldo oder Ronaldinho oder gar kein Name. Ein einziges Jersey mit Martas Namen konnte ich entdecken. Überhaupt Marta. Sie ist der absolute Superstar und die Leute in Brasilien lieben sie. Als ihr Name genannt wurde, war es wirklich unglaublich laut in dem Stadion. Und auch während des Spiels, immer wenn sie am Ball war und ihr Können zeigte, standen die Leute auf und jubelten. Ich hatte zwischenzeitlich das Gefühl, dass sie absichtlich das ein oder andere Kunststück einlegt, nur um die Massen zu begeistern. Einmal jonglierte sie den Ball auf den Oberschenkeln hin und her, aus der Spielsituation heraus völlig unnötig, ich bin sicher, das war nur für die Zuschauer und dafür lieben sie sie hier.
Witzig fand ich auch die Vorstellung der dänischen Mannschaft. Im Brasilien-Stil wurden nur die Vornamen an die Tafel geworfen und vorgelesen. Da standen dann einige Katrines und Kristines und das war herrlich, denn damit konnte natürlich niemand etwas anfangen. Sergio kannte ungefähr genauso viele Spielerinnen der Selecao wie ich, also vielleicht 85 %. Das hat mich überrascht, weil ich eigentlich davon ausgegangen bin, dass außer Marta und vielleicht Christiane alle anderen Spielerinnen bei Männerfußballfans nicht im Kopf präsent sind. Ich weiß nicht, ob Sergio eine Ausnahme ist, aber das was ich im Stadion gesehen habe, spricht doch dafür, dass es ein Interesse gibt. Sergio hatte auch die Spiele der WM im Fernsehen verfolgt und kannte sich richtig gut aus. Also haben wir ziemlich viel gefachsimpelt. Mir hat das super gefallen und ihm auch. Zum Spiel selbst kann ich nicht viel sagen, weil ich diesbezüglich keine richtige Expertin bin. Aber die besseren Chancen hatten die Däninnen und am Ende haben sie auch mit 1:0, durch ein Tor von Sanne Troelsgaard gewonnen. Leider überschneidet sich das Finale des Fußballturniers mit dem Finaltag in der Handballarena. Sonst wäre ich bestimmt noch einmal ins Stadion gegangen. Ich fand es wirklich klasse. Und wenn ich schon ein Heimspiel des FFC im Stadion verpasst habe....
Am nächsten Tag fand dann das Handball-Halbfinale statt. Dänemark spielte gegen Frankreich und plötzlich tauchte die dänische Frauenfußballnationalmannschaft in der Arena auf und unterstützte die Handballerinnen. Ich finde das toll, dass diese übergreifenden Dinge so funktionieren. Mich würde interessieren, ob das zwischen DFB und DHB genauso funktionieren würde in einer vergleichbaren Situation. Vielleicht haben wir ja irgendwann einmal die Gelegenheit, das auszuprobieren. Hat auf jeden Fall Spaß gemacht das zu beobachten, denn die Spielerinnen haben wirklich fast 60 Minuten gestanden und angefeuert und gerufen und gesungen. Hat am Ende nichts geholfen, Frankreich hat verdient gewonnen, aber trotzdem….
Meine Reise geht am Montag zu Ende, am Abend steige ich nach drei Wochen Brasilien wieder in den Flieger nach Frankfurt und komme am Dienstag dann bei Kälte, Eis und Schnee wieder zu Hause an. Ich habe da schon ein wenig Angst vor, der Unterschied von knapp 30° Grad hier und 0° Grad in Deutschland ist schon ziemlich heftig. Aber um mich gleich wieder anzupassen und ausreichend auf die Weihnachtsfeiertage einzustimmen, werde ich am Abend den Frankfurter Weihnachtsmarkt aufsuchen. Mir wurde gesagt, dass es dort einen Stand gibt, wo es heiße Caipirinha zu trinken gibt. Ich denke, das wird dann der optimale Ausklang für drei erlebnisreiche Wochen. Ich hoffe, ich habe euch ein bisschen unterhalten mit dem Text und wünsche frohe Weihnachten!
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