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Uefa-Cup Viertelfinale, Rückspiel

Die entscheidende Minute

1. FFC Frankfurt - Kolbotn IL 3:2 (1:0)

Text von Tom Schlimme
Bilder von Volker Lieberum

19.10.2006   "Fußball kann so bitter sein!" Dieser Satz von Frankfurts Trainer Dr. Hans-Jürgen Tritschoks bringt es auf den Punkt. Da führt man vor der um diese Uhrzeit an einem Wochentag grandiosen Kulisse von 2500 Zuschauern mit 3:0, und bringt sich doch noch durch zwei Gegentore innerhalb von weniger als zwei Minuten um die Früchte des Erfolgs, sprich den Einzug ins Halbfinale des Uefa-Cups.

Wie kann so etwas passieren? Nun, Kolbotn wirkte auch in der ersten Spielhälfte schon gefährlich, was auch kein Wunder ist, wenn man bedenkt, dass fast die komplette norwegische Nationalmannschaft auf dem Platz stand. Allerdings war in der Nähe des Frankfurter Strafraums dann meist Schluss für die norwegischen Stürmerinnen, die Frankfurter Abwehr stand recht sicher, vor allem die Innenverteidigung mit Tina Wunderlich und Christina Zerbe wirkte meist souverän. Etwas mehr Mühe hatten die Außenverteidigerinnen, vor allem Judith Affeld auf links tat sich gegen die auf dem norwegischen rechten Flügel agierende Tonje Hansen öfter schwer, zuerst allerdings, ohne dass dies größere Gefahr verursachen konnte.

Tor durch Petra Wimbrsky

Petra Wimbersky erzielt hier das 2:0 nach sensationeller Vorarbeit von Birgit Prinz

Im Mittelfeld ging es recht ausgeglichen zu, zeitweise gab es sogar eine leichte Überlegenheit für die Norwegerinnen. Frankfurts Regiesseurin Renate Lingor spielte deutlich besser als am Sonntag gegen Bayern München, aber immer noch weit von ihrem Leistungsvermögen entfernt. Vorne sorgte in der ersten Hälfte vor allem Kerstin Garefrekes für Gefahr vor dem Tor von Lise Beate Bye, in der zweiten Hälfte war es dann vor allem Birgit Prinz, die die dynamischsten Angriffe vortrug.

Solveig Gulbrandsen und Judith Affeld

Solveig Gulbrandsen, hier am Ball gegen Judith Affeld, erzielte in den beiden Spielen gegen den FFC Frankfurt insgesamt drei Tore!

Garefrekes war es dann auch, die sich in der achten Minute auf rechts gegen mehrere Abwehrspielerinnen durchsetzen konnte, ihre wunderschöne Flanke konnte Sandra Smisek durch die Beine von Keeperin Bye im Tor versenken. Auf der Seite von Kolbotn war es am Anfang vor allem Abwehrchefin Ingvild Stensland, die im Zentrum des Geschehens stand, dabei nicht völlig fehlerlos blieb, aber doch meist als Siegerin aus den Aktionen hervorging. Im Mittelfeld dominierte Solveig Gulbrandsen, die auch schon die beiden Tore im Hinspiel erzielt hatte, zuerst aber mehr Regie führte, als selber zu stürmen.

Frankfurt erspielte sich ein deutliches Chancenplus: 10. Minute, Stensland klärt knapp vor Smisek zur Ecke, diese wurde zu kurz abgewehrt, Nachschuss Smisek, Bye kann den Ball noch um den Pfosten lenken. Der folgende Eckball rutschte der nicht immer sicher wirkenden Bye durch die Finger, doch im Nachfassen sicherte sie sich noch das Leder. 16. Minute: Fehler von Stensland gegen Prinz, diese flankt, Garefrekes mit dem Kopf, Bye hält. 20. Minute: Schöne Kombination mehrerer Frankfurterinnen in den Strafraum, doch Ane Stangeland Horpestad kann gegen Prinz gerade noch klären. Doch dann kam Kolbotn etwas besser ins Spiel. Ein Distanzschuss von Ingrid Wang Andersen ging noch weit daneben (24.), doch dann musste Zerbe im Strafraum gegen Gulbrandsen in höchster Not klären (26.). 28. Minute: hoher Ball in den Frankfurter Strafraum, Affeld verschätzt sich, doch Torhütern Silke Rottenberg ist vor Trine Rønning zur Stelle. Nur eine Minute später ist wieder Andersen im Strafraum, schießt flach und zu schwach, Garefrekes klärt zur Ecke. Die gefährlichste Szene in der ersten Hälfte überstand der FFC in der 36. Minute, als sich Tonje Hansen wieder rechts gegen Affeld durchsetzen und in den Strafraum flanken konnte, doch


Jubel bei Kolbotn IL

Der Jubel nach dem Schlusspfiff war groß bei den Spielerinnen von Kolbotn IL. Etwas glücklich, aber nicht völlig unverdient hat man den Favoriten 1. FFC Frankfurt aus dem Uefa-Cup geworfen und darf sich auf das Halbfinale freuen

Zerbe klärte mit dem Kopf und der Nachschuss von Gulbrandsen strich über das Tor. Insgesamt entsprach das 1:0 zur Halbzeit dem Spielverlauf, denn auch der FFC hatte noch einige Chancen, so durch einen Schuss von Petra Wimbersky knapp neben das Tor nach schönem Doppelpass mit Garefrekes.

Nach der Halbzeit spielte dann erst mal wieder vor allem Frankfurt, und so war es völlig verdient, dass die Hausherrinnen den zweiten Treffer erzielen konnten. Prinz zog in ihrer unnachahmlichen Art gegen mehrere Norwegerinnen in den Strafraum, wurde von Stensland noch leicht gefoult, konnte sich aber auch gegen diese durchsetzen und für Wimbersky auflegen, die eiskalt flach ins lange Eck abschloss. Da waren 50 Minuten gespielt und es sah prima für Frankurt aus, zumal Prinz nur zwei Minuten später schon wieder im Zusammenspiel mit Garefrekes die Abwehr umspielte, aber diesmal wurde sie in letzter Sekunde noch abgeblockt. Das 3:0 fiel wenig später nach einem Freistoß von Lingor genau auf den Kopf von Smisek, deren Kopfball Bye in meinen Augen hätte halten können, aber nicht hielt.

Freistoß Renate Lingor

Tor durch Sandra Smisek

Diesen Freistoß von Renate Lingor (oberes Bild) kann Sandra Smisek, bedrängt von Ane Stangeland Horpestad zum 3:0 einköpfen (unteres Bild)

Aber die Freude sollte nicht lange halten auf Frankfurter Seite, denn jetzt kam die 66. Minute: Angriff Kolbotn, Kliehm stoppt den Ball im Strafraum, läßt ihn aber unglücklich kurz abtropfen, eine Norwegerin kommt dran, abgeblockt, Nachschuss Gulbrandsen, und die Kugel zappelt im Netz. Keine 60 Sekunden später Einwurf für Norwegen auf der rechten Seite in der Nähe der Mittellinie. Frankfurt ist teilweise zu weit aufgerückt, Tina Wunderlich in der Nähe des Einwurfs statt hinten, der Ball wird rechts entlang der Linie zu Tonje Hansen geworfen, Affeld verschätzt sich, Hansen kann durchlaufen, spielt vor der sie angreifenden Zerbe von der Torauslinie in den Rücken der Abwehr, die eingewechselte Isabell Herlovsen zieht ab und trifft unhaltbar für Rottenberg genau in den Winkel. Ich habe mir diese spielentscheidende Szene in der Hessenschau-Aufzeichnung fast zehnmal angesehen. Es ist nicht allein der Fehler von Affeld gewesen, es kann immer mal sein,

Solveig Gulbrandsen und Judith Affeld

Christina Zerbe, links, hier gegen Solveig Gulbrandsen, konnte nichts für das zweite Tor, auch wenn es in einigen Meldungen anders steht. Da hatte jemand falsch geguckt und die Hessenschau Aufzeichnung nicht zur Verfügung!

dass eine Stürmerin sich auf dem Flügel gegen eine Abwehrspielerin durchsetzen kann, entscheidend ist für mich, dass mit diesem einen verlorenen Zweikampf die Abwehr offen war, weil bei dem Einwurf für


Norwegen zu wenige Spielerinnen zwischen der einwerfenden Norwegerin und dem eigenen Strafraum standen, eine Unordnung, wie sie vorkommen kann, wenn man gerade erst ein Tor gefangen hat und noch nicht wieder richtig sortiert ist, aber nicht vorkommen darf, will man gegen eine Spitzenmannschaft wie Kolbotn weiterkommen.

Es folgte Riesenjubel auf der Seite von Kolbotn, die Spielerinnen rannten zur Trainerbank und umarmten sich, und es folgte ein recht verzweifelt wirkendes Anrennen des FFC auf das Tor von Kolbotn, doch das rettende Tor wollte nicht mehr fallen - auch nicht auf der anderen Seite, wo Rottenberg mit dem Fuß gegen Herlovsen in einer Eins-gegen-Eins-Situation klären mußte - und so blieb es beim wertlosen, weil zu niedrigen, Sieg für Frankfurt.

Fazit:
Die Welt wird nicht untergehen für den 1. FFC Frankfurt, es ist nur einfach schade, dass die insgesamt doch sehr ansehnliche Leistung der Mannschaft diesmal nicht von Erfolg gekrönt war und wir in dieser Saison nun auf die erhofften Spiele z.B. gegen Umea verzichten müssen. Doch es ist nun mal auch genau das, was Fußball ausmacht, wenn gleichstarke Mannschaften aufeinandertreffen: jede Sekunde kann entscheidend sein, jede Aktion kann über Sieg oder Niederlage entscheiden, und wenn man nicht auch mal verlieren würde, wäre das Gewinnen nur halb so schön. Die Zuschauer haben jedenfalls ein superspannendes Spitzenspiel gesehen, auch wenn sie sich sicher einen glücklicheren Sieger erhofft hatten.

Isabell Herlovsen jubelt

Isabell Herlovsen rannte nach ihrem entscheidenden Tor sofort zur Ersatzbank, wo sie erst von den Ersatzspielerinnen geherzt wurde, um nur wenig später dann unter den herbeigeeilten Mitspielerinnen im Jubel eingekreist zu werden


1. FFC Frankfurt:

Rottenberg - Wunderlich (70. Jones), Zerbe, Kliehm, Affeld (78. Bartusiak), Hansen, Lingor, Garefrekes, Prinz, Wimbersky (88. Hartel), Smisek

Kolbotn IL Bye - Horpestad, Stensland, Huse, Lindblom, Rønning, Gulbrandsen (90. Berge), Andersen, Hansen (56. Herlovsen), Bjerke (56. Isaksen), Berg-Hansen

Tore:
1:0 Smisek (8.)
2:0 Wimbersky (50.)
3:0 Smisek (57.)
3:1 Gulbrandsen (66.)
3:2 Herlovsen (67.)

Gelbe Karten: Stensland, Huse, Berg-Hansen

Schiedsrichterin: Natalia Avdonchenko (Russland)
Assistentinnen: Olga Zarenina, Albina Kretskaya (Russland)

Zuschauer: 2480




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