Vor dem UEFA-Cup-Halbfinale

"Ich hoffe, dass wir zum Schluss feiern können!"

Interview mit Kerstin Garefrekes (1. FFC Frankfurt)

18.11.2005    Der amtierende deutsche Frauenfußball-Meister vom 1. FFC Frankfurt greift auch international nach den Sternen. Im Halbfinale des UEFA Womens Cup erwartet die Frankfurterinnen allerdings eine schwere Aufgabe: Am 20. und 26. November kämpft die erfolgreichste europäische Frauenfußballmannschaft gegen den französischen Meister Montpellier HSC um den Einzug ins Finale im nächsten Mai. Mit dabei ist auf Frankfurter Seite auch die 26jährige Welt- und Europameisterin Kerstin Garefrekes.

Kerstin Garefrekes gehört spätestens seit der WM 2003 zu den absoluten Leistungsträgerinnen im deutschen Frauenfußball. Die 1,80 m große offensive Mittelfeldspielerin war lange Zeit beim Ligakonkurrenten Heike Rheine eingesetzt, bevor sie im Anschluss an die "Vizesaison" 2003/2004 im Sommer des vergangenen Jahres zum 1. FFC Frankfurt wechselte. Die gebürtige Nordwestfälin ist Stadtinspektorin bei der Stadtverwaltung Rheine, zurzeit aber wegen ihres Wirtschaftsstudiums und der Fußballkarriere vom Dienst freigestellt. Mir ihr sprach vor dem UEFA-Cup-Halbfinale für FanSoccer Jochen Ditschler.

FanSoccer: Auch wenn es schon eine Weile zurückliegt: Noch einmal Gratulation zu Deinem "Tor der Woche" im UEFA-Cup-Viertelfinale gegen Arsenal London am 15. Oktober, mit dem Du den FFC Richtung Halbfinale geschossen hattest. Zum "Tor des Monats" hat es ja leider nicht ganz gereicht, aber merkt man eine solche – im Frauenfußball nicht immer übliche – umfassende Medienpräsenz auch im Privaten?
Garefrekes: Generell wird man – gerade seit der WM 2003 – immer häufiger zum Thema Frauenfußball angesprochen, aber nach der Wahl zum Tor der Woche konnte ich nicht feststellen, dass das aus diesem Anlass sehr viel mehr gewesen wäre. Aber insgesamt gibt es sicherlich ein stetiges Wachstum an Aufmerksamkeit.

Garefrekes Tor der Woche

Im Viertelfinalrückspiel gegen Arsenal London erzielte Garefrekes mit einem Traumtor das wichtige 2:1. Hier nimmt sie zu dem Schuss Maß, der von den Zuschauern der ARD-Sportschau zum "Tor der Woche" gewählt wurde

Foto: Volker Lieberum

Für wie stark hältst Du Euren Halbfinalgegner Montpellier HSC? Und wie sieht Eure Taktik aus?
Ich denke nicht, dass sich Montpellier verstecken wird und gehe deshalb davon aus, dass sie auch schon im Hinspiel versuchen werden, mitzuspielen und zu mindestens einem Torerfolg zu kommen. Unser Trainer hat uns bereits angedeutet, dass die Französinnen technisch sehr stark sind, aber, wenn es sein muss, auch kämpfen können und zweikampfstark spielen. Deswegen rechne ich mit einem sehr spannenden und ausgeglichenen Match.

Wie wichtig wäre es Dir als Offensivspielerin, Dich auch ganz persönlich in die Torschützenliste einzutragen?
Naja, zum einen spiele ich zwar im offensiven Mittelfeld, habe aber immer auch eine defensive Ausrichtung, und deswegen ist es nicht meine primäre Aufgabe, Tore zu schießen. Aber generell zählt der Mannschaftserfolg, da rücken die individuellen Interessen natürlich in den Hintergrund.

Als Du im Anschluss an die Vize-Saison 03/04 an den Main gewechselt bist, musstest Du auf internationalen Vereinsfußball erst einmal verzichten. Was bedeutet es da für Dich persönlich, dass Du in diesem Jahr auch international mit dem FFC Deine Klasse beweisen kannst?
Im UEFA Women's Cup ist es natürlich auf mannschaftlicher Ebene eine extrem reizvolle Aufgabe, sich mit den besten europäischen Teams zu messen. National ist es ja leider immer noch ein bisschen das Problem, das eine relativ kleine Gruppe von drei bis vier Teams auf einem Level ist, während die anderen doch noch ein wenig hinterherhinken.

Garefrekes Deutsche Meisterin

Am vorletzten Spieltag der vergangenen Saison bekam der 1. FFC Frankfurt den Meisterpokal überreicht. Hier zeigt Garefrekes Wolfsburger Spielerinnen den Pokal, den sie zum ersten Mal gewann

Foto: Volker Lieberum

Dementsprechend ist es dann besonders interessant, wenn man auf europäischer Ebene mehrere Spitzenspiele hat, bei denen man hundertprozentig gefordert wird und sich mit anderen Top-Spielerinnen messen kann. Aber dass ich in meiner ersten Saison nicht gleich am UEFA Cup teilgenommen habe, war für mich vielleicht sogar ein Vorteil. So konnte ich mich in Frankfurt erst einmal in aller Ruhe zurechtfinden, mich an die Mannschaft und das Umfeld gewöhnen. Um so schöner ist es jetzt, im UEFA Cup dabei zu sein.


Torjägerkanone Kicker Kerstin Garefrekes

In der Saison 2003/2004 gewann Kerstin Garefrekes (damals noch Heike Rheine) die Torjägerkanone und wurde vor dem ersten Heimspiel bei ihrem neuen Verein 1. FFC Frankfurt von Kicker-Redakteur Uli Gehrke und Heike Ullrich, DFB-Abteilungsleiterin für den Frauenfußball, ausgezeichnet.

Foto: Volker Lieberum

Gerade in den letzten Wochen hat man bei Deinen herausragenden Spielen für den FFC – nicht nur im UEFA-Cup-Viertelfinale – den Eindruck, als hättest Du derzeit ein besonderes sportliches Hoch. Siehst Du das auch so und wie erklärst Du Dir den Leistungsschub?
Primär muss das natürlich der Trainer beurteilen. Im letzten Jahr musste ich auf relativ vielen verschiedenen Positionen agieren und wurde tendenziell eher im Sturm eingesetzt, während ich jetzt auf derselben Position im Mittelfeld spiele. Und da glaube ich schon, dass ich auf dieser Position mehr Raum habe, meine Stärken auszuspielen, da wird man automatisch souveräner und kann sich besser auf seine Aufgaben vorbereiten und konzentrieren.

In der Bundesliga bislang ohne Punktverlust, im DFB-Pokal-Viertelfinale mit dem Zweitligisten 1. FC Saarbrücken ein vermeintlich leichter Gegner, in den europäischen Top 4 das Finale fest im Visier: Der FFC schwimmt wieder auf einer Erfolgswelle. Was sind für Dich die entscheidenden Faktoren für den Erfolg Eures Teams?
Man muss da meiner Meinung nach den Ball schon noch ein bisschen flach halten. In der Bundesliga hatten wir bislang keinen wirklich ausgesprochen starken Gegner, die Bewährungsproben kommen da ja noch, und auch im DFB-Pokal hatten wir bislang sehr viel Glück mit der Auslosung. Natürlich war im UEFA-Cup Arsenal London ein sehr starker Gegner, aber das waren bislang zwei Spiele, und deshalb wird man erst in den nächsten zwei Wochen genauer sehen können, wo wir europaweit wirklich stehen. Wir haben sicherlich eine gute Ausgangsposition und die Möglichkeiten, eine sehr erfolgreiche Saison zu bestreiten. Aber jetzt müssen wir das so umsetzen, damit wir auch noch am Ende der Spielzeit sagen können, dass das eine tolle und erfolgreiche Saison war. Und dann kannst Du mich noch mal fragen, was die Erfolgsfaktoren waren.

Weltmeisterin Garefrekes

Kerstin Garefrekes beim WM-Empfang im Frankfurter Römer mit der Weltmeisterschafts-Goldmedaille

Foto: Jochen Ditschler

Wie eng sind noch Deine Verbindungen zu Deinem Ex-Verein Heike Rheine und kommt für Dich eine Rückkehr grundsätzlich in Frage? Immerhin hat Rheines Manager Alfred Werner beim letzten Bundesliga-Spiel in Frankfurt zumindest "medienwirksam" schwer gebaggert...
Rheine ist ein Stück Heimat für mich, und ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich irgendwann wieder dorthin zurück will, nicht zuletzt wegen Familie und Freunden. Aber wann das genau sein wird, kann ich heute noch überhaupt nicht sagen. Im Moment gefällt es mir hier in Frankfurt sehr gut, sowohl vom Studium als auch vom Sportlichen her, da passt alles. Ich entscheide meistens von Jahr zu Jahr wie es weitergeht, und ich muss auch immer abwarten, ob mein Freistellungsantrag bei der Stadt Rheine weiter bewilligt wird. Und wenn mein Arbeitgeber irgendwann sagt, Kerstin, wir brauchen Dich hier, erübrigt sich alles Weitere sowieso.

Wie wohl fühlst Du Dich generell in Frankfurt?
Wenn man so wie ich vom Land kommt, ist das schon am Anfang eine ziemliche Umstellung, und man muss sich das an die schnelllebigen Seiten einer Stadt erst einmal gewöhnen. Aber es gibt in Frankfurt auch sehr schöne Seiten, die man aber erst im Laufe der Zeit kennenlernen und so richtig genießen kann.

Wo siehst Du Dich im Frauenfußball-WM-Jahr 2007? Fußballprofi, vielleicht sogar im Ausland, oder ist Dir Dein "ordentlicher" Beruf wichtiger?
Ich bin nicht so der Typ, der den Beruf aufgeben würde, um Fußball zu spielen. Dazu denke ich zu rational, und natürlich habe ich auch ein gewisses Sicherheitsbedürfnis. Ich arbeite ja im öffentlichen Dienst, bin verbeamtet und wenn alles normal läuft, werde ich mit 27 Jahren auf Lebenszeit übernommen. Das


würde ich niemals aufs Spiel setzen. Wenn es sich mit meinem Beruf vereinbaren ließe, wäre ein Jahr im Ausland zu spielen schon interessant, das würde ich auch nicht ausschließen. Aber für einen längeren Zeitraum möchte ich in keinem Fall nur als Profi-Fußballerin leben, da würde ein ganz wichtiger Teil fehlen. Fußball ist mein Hobby und wird niemals mein Beruf.

Garefrekes Europameisterin

Kerstin Garefrekes trägt sich nach dem EM-Titelgewinn in diesem Jahr ins Goldene Buch der Stadt Frankfurt ein

Foto: Nora Kruse

Hältst Du es für problematisch, dass die Dominanz des deutschen Frauenfußballs auf der Nationalmannschafts-Ebene auch auf Vereinsebene durchschlagen könnte? Immerhin liebäugelt ja sogar DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger mit einem deutsch-deutschen UEFA-Cup-Finale zwischen Euch und Turbine Potsdam ...
Ich sage mal so: Wenn wir im UEFA-Cup-Finale sind, dann ist es mir herzlich egal, wie der Gegner heißt. Ein UEFA-Cup-Finale ist immer etwas Besonderes, egal ob wir gegen Potsdam oder Djurgården spielen. Dass der deutsche Frauenfußball eine so starke Stellung hat, ist doch erst einmal positiv. Und wenn das auch auf der Vereinsebene durchschlägt, zeigt das eigentlich nur, wie gut im deutschen Frauenfußball gearbeitet wird, sowohl auf Vereinsebene als auch beim DFB. Das kann ja auch für andere Nationen vorbildhaft sein.

So gut das Image der Frauen-Nationalmannschaft inzwischen ist, hinkt ja die Bundesliga leider immer noch deutlich hinterher. Was müsste Deiner Meinung nach getan werden, um das Renommee der Liga noch weiter nach vorne zu bringen?
Das ist im Moment die entscheidende Frage, und da zerbrechen sich ja auch viele Menschen den Kopf. Bei einigen Vereinen funktioniert das schon ganz gut, aber andere kriegen das halt noch nicht ganz auf die Reihe. Die Gründe mögen da von Verein zu Verein durchaus unterschiedlich sein, da müsste man die jeweiligen Strukturen schon genauer unter die Lupe nehmen. Ein generelles Rezept habe ich jedenfalls nicht.

Letzte Frage: Wie lautet Dein Tipp für die beiden Halbfinalbegegnungen?

Mir reicht es völlig, wenn wir ins Finale kommen, nach den Ergebnissen fragt hinterher ohnehin niemand mehr. Ich vermag auch momentan nicht abzuschätzen, wie die Spiele laufen werden, aber ich bin optimistisch, was das Finale angeht. Natürlich wird es schwer, aber ich hoffe, dass wir zum Schluss die Mannschaft sein werden, die feiern kann.

Kerstin Garefrekes gegen Russland

Die Frankfurterin hat auch in der Nationalmannschaft zu alter Form zurückgefunden (hier im WM-Qualifikationsspiel gegen Russland)

Foto: Jochen Ditschler

Vielen Dank für das Interview!

 Interview mit Petra Wimbersky(Turbine Potsdam)

 Interview mit Sara Thunebro (Djurgarden/Älvsjö)


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