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Das Frauenfußball-Magazin



Mannschaftsvorstellung zur Weltmeisterschaft 2011

Die "Kaffeekannen" aus Kolumbien

Text von Christian Heidler

30.06.2011
Erstmals nehmen die Frauen aus Kolumbien an einem großen Turnier außerhalb Südamerikas teil. Das ist ein guter Grund das Land und seinen Frauenfußball etwas ausführlicher darzustellen.


U20 Kolumbien 2010Was fällt einem zuerst bei Kolumbien ein? Vermutlich Kaffee, Bananen, Drogen und Terror. Musikliebhaber dürften Shakira, Cumbia und Salsa mit dem Land verbinden, Literaturkenner den Nobelpreisträger Gabriel Garcia Márquez. Im Sport machen Golfer und Radsportprofis auf sich aufmerksam und natürlich der Rennfahrer Juan Pablo Montoya. Auf den Fußball mag man nicht so schnell kommen obgleich er auch in diesem südamerikanischen Land der Nationalsport Nr. 1 ist. Das mag daran liegen, weil der kolumbianische Fußball auf der Weltbühne noch wenig Erfolge erringen konnte. Der größte Erfolg der Männerauswahl war der Gewinn der Copa America 2001. Nach 1962 konnte sich Kolumbien für alle drei Weltmeisterschaften in den 90er Jahren qualifizieren, ohne dann freilich weit zu kommen. Manchem dürften aus jener Epoche noch Spieler wie der exzentrischen Carlos Valderrama oder der als el loco (der Verrückte) bekannte Torhüter René Huigita in Erinnerung sein. Traurige Berühmtheit erlangte auch Abwehrspieler Andrés Escobar, dem bei der WM 1994 ein Eigentor unterlief und der dann in seiner Heimat – vermutlich im Auftrag der Wettmafia – ermordet wurde.
Derzeit machen aber weniger die Männer als die Fußballfrauen von sich reden. Mit dem 2. Platz bei der Südamerikameisterschaft im November 2010 löste das Land die Fahrkarte für die WM in Deutschland und damit erstmals für ein großes Weltturnier. Gleichzeitig war damit auch die Qualifikation für die Olympischen Spiele in London 2012 geschafft.

Ingrid VidalDer Weg auf die Weltbühne des Frauenfußballs war lang und erst in den letzten Jahren erfolgreich. Die Wurzeln reichen  bis in die 60er Jahre zurück. Zumindest fand am 13. Juli 1966 das erste Länderspiel Südamerikas statt. In Caracas gewann Kolumbien mit 2:1 gegen Gastgeber Venezuela. Nach dieser von der FIFA nicht als offizielles Länderspiel anerkannten Partie dauerte es weitere 32 Jahre ehe das offizielle Debüt folgte. Die folgenden Jahre verbrachte la tricolor im lateinamerikanischen Mittelmaß. Drei Jahre Länderspielpause von November 2006 bis November 2009 ließen das Land quasi aus der FIFA-Weltrangliste fliegen. In der Wertung vom März 2011 wird die Auswahl auf Rang 31 geführt. In Südamerika lag man lange hinter Brasilien und Argentinien. Letztere konnten inzwischen überflügelt werden, so dass Kolumbien nunmehr die Nr. 2 des Subkontinents ist. Von entscheidender Bedeutung war dabei das 1:0 im letzten Spiel der Finalrunde der Copa.
Einen organisierten Spielbetrieb mit regionalen und nationalen Meisterschaften gibt es FIFA-Angaben zufolge seit 1991. In dem etwa 42 Millionen Einwohner zählenden Land soll es 50 Frauen- und 41 Jugendteams geben. Zudem vermeldet der GOAL-Bericht vom 20.01.2009, dass auch Universitäts-, Schul- und Futsal-Wettbewerbe ausgerichtet werden.

Der Aufschwung der auch als las cafeteras (die Kaffeekannen) bezeichneten Auswahl liegt vor allem in einer zuletzt forcierten Jugendarbeit begründet. So konnte sich die U 17 als Südamerikameister für die WM 2008 in Neuseeland qualifizieren, wo man in der Vorrunde ausschied. Zwei Jahre später war Kolumbien mit seiner U 20 bei der WM in Deutschland zu Gast und belegte dort am Ende Rang 4. 9 der 21 Spielerinnen des aktuellen WM-Kaders kennen Deutschland schon aus dem Vorjahr, 5 von ihnen waren auch in Neuseeland am Start. Das macht deutlich, das Team ist jung und eingespielt.
Ganze 41 Länderspiele bis zur WM stehen in der Statistik, nahezu alle wurden gegen andere Mannschaften aus Südamerika ausgetragen. Erst vergangenes Jahr folgten im Rahmen eines internationalen Turniers in Chile Vergleiche mit Teams anderer Kontinentalverbände, nämlich Dänemark (2:2) und Japan (2:4). Im April wurden im heimischen Chia zwei Testspiele gegen Mexiko absolviert, die mit 2:3 bzw. 2:4 verloren gingen. Drei  weitere Vorbereitungsspiele wurden im Juni in der Schweiz ausgetragen. Einem 1:1 gegen Dänemark (3:1 i.E.) folgten ein 0:1 gegen Neuseeland und ein 3:1 gegen Wales. Mit den USA, Nordkorea und Schweden, den drei Kontrahenten in Gruppe B, hat Kolumbien bislang noch nicht die Klingen gekreuzt.

Die meisten A-Länderspiele der WM-Auswahl haben Carmen Rodallega (29) und Andrea Peralta (24) vorzuweisen. Erstere gehört zusammen mit Kelis Peduzine mit 28 Jahren auch zu den ältesten Aktiven. Catalina Usme hat mit 14 Länderspieltoren derzeit die meisten Treffer auf dem Konto. Spielführerin ist aber mit der noch 17-Jährigen Yoreli Rincon eines der beiden Küken im Team. 5 Spielerinnen gehören Universitätsteams in den USA an, alle übrigen Frauen kommen von einheimischen Vereinen.
Neben der Unerfahrenheit könnte auch die geringe Körpergröße der Kolumbianerinnen ein Nachteil sein. Zeigen muß sich zudem noch wie schwer der kurzfristige Ausfall von Torhüterin Paula Forero wiegt. Trainer Ricardo Rozo, der auch für die U 20 verantwortlich zeichnet, baut auf den guten Teamgeist seiner Equipe sowie deren Selbstbewußtsein, Mut und Disziplin. Neben der technisch versierten Spielmacherin Rincon und der schon erwähnten Goalgetterin Usme gehören auch Sturmpartnerin Ingrid Vidal und Mittelfeldmotor Tatiana Ariza zu den Schlüsselspielerinnen der Elf.
Gut möglich, dass der Neuling ähnlich wie bei der U 20-WM viele Sympathiepunkte mit seinem durch Einsatz und Spielfreude gekennzeichneten Stil ernten wird. Die wahren Punkte  werden wohl aber eher an die Konkurrenz gehen.



Bild oben: Die U20 Kolumbiens drang bei der WM 2010 bis ins Halbfinale vor und errang am Ende Platz 4. Liana Salazar (11), Ingrid Vidal (7), Spielführerin Yoreli Rincon (10), Natalia Ariza (5), Paola Sanchez (8) und Tatjana Ariza gehören auch zum WM-Aufgebot Kolumbiens 2011. Foto: Tom Schlimme

Bild unten: Einer Erhebung zufolge sind die Kolumbianer das drittglücklichste Volk der Erde - trotz weit verbreiteter Armut und Kriminalität. Auch Stürmerin Ingrid Vidal verbirgt ihre Freude nach dem Halbfinaleinzug ber der U20-WM 2010 nicht und schwenkt stolz die Trikolore ihres Landes. Foto: Karin Reuter





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