Interview mit Rebecca Smith (FSV Frankfurt)

"Wir wollen einen deutlichen Schritt nach vorne!"

Exklusivinterview mit der neuseeländischen Innenverteidigerin des FSV Frankfurt

11.02.2005   

Als FFC-Trainer Dr. Hans-Jürgen Tritschoks im vergangenen September das neue Team für die Saison 2004/2005 vorstellte, war sie ein besonderer Trumpf für die Frankfurter Rekordmeisterinnen: Rebecca Smith, seit März 2003 amtierende Kapitänin des neuseeländischen Nationalteams. Schien die in Kalifornien aufgewachsene 23jährige gerade aufgrund ihrer US-Erfahrung bei renommierten Teams wie Duke University oder Ajax Southern California in der Lage, in der FFC-Defensive nach dem Weggang von Sandra Minnert und Bianca Rech neue Akzente zu setzen. Eine Hoffnung, die sich leider nicht bestätigte. Das war nicht zuletzt ein Verdienst der erfahrenen FFC-Abwehr um Steffi Jones, Christina Zerbe, Tina Wunderlich und Louise Hansen, die dem Team eine bislang verlustpunktfreie Hinrunde sicherten.
Die sympathische Studentin der Wirtschaft und Hispanistik hatte das Nachsehen und kam nur bei einigen Spielen der 2. Mannschaft zum Einsatz. Insofern überraschte die Meldung über einen bevorstehenden Wechsel kaum jemanden, und lange sah es so aus, als würde entweder ein schwedisches Team oder die Bundesliga-Konkurrenz von der SG Essen-Schönebeck das Rennen machen. Umso überraschender kam dann die Meldung Anfang Februar, dass Rebecca als eine von drei Neuverpflichtungen den derzeitigen Tabellensechsten FSV Frankfurt zunächst bis zum Saisonende verstärken wird. Schließlich will der FSV nach dem Weggang von Sonja Fuss zu Turbine Potsdam und internem Trubel in Folge des Rücktritts des Trainer/Teamchef-Gespanns Bernd Witzenrath und Jürgen Strödter in der Rückrunde vor allem wieder sportlich Schlagzeilen schreiben. Dazu besteht am kommenden Sonntag (13.02., ab 11:00 Uhr) gleich die passende Gelegenheit, muss doch der FSV in einem Nachholspiel beim amtierenden Meister und DFB-Pokal-Sieger aus Potsdam antreten.
Mit Rebecca Smith sprach vor dem Spiel Jochen Ditschler:

Fansoccer: Seit wann spielst Du eigentlich Fußball?

Rebecca Smith: Ich habe mit Fußball begonnen, als ich fünf war. Aber eigentlich habe ich in meiner Kindheit und Jugend so ziemlich jede Sportart ausprobiert, egal ob das nun Schwimmen, Tennis, Basketball, Surfen oder eben Fußball war. Als ich dann ins Teenager-Alter kam, habe ich bereits regelmäßig Fußball gespielt, weil es mir einfach Spaß macht und mich sportlich forderte, auch wenn ich parallel weiter im Basketball aktiv blieb. Letztlich habe ich mich erst mit 18 am College endgültig für Fußball entschieden.

Worin siehst Du die wichtigsten Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Frauenfußball in Neuseeland, den USA und in Deutschland?

Meine Eltern sind zwar Neuseeländer sind, aber ich bin in Kalifornien aufgewachsen. Wir fahren allerdings regelmäßig für zwei bis drei Monate nach Neuseeland. Dort gibt es seit vier Jahren auf Vereinsebene eine National League, aus der die Nationalspielerinnen aber immer wieder für gemeinsames Training oder Spiele herausgezogen werden. In den USA ist die Jugendarbeit sehr ausgeprägt und wahrscheinlich auf einem Level mit Deutschland, aber hier ist das Verständnis für diese Sportart einfach ausgeprägter. Fußball ist in Deutschland einfach Volkssport Nummer Eins, während diese Rolle in den USA eher von Baseball, Basketball und American Football eingenommen wird. Der wichtigste Unterschied ist aber wahrscheinlich, dass das Training hier viel ernster genommen wird, da hat Deutschland sowohl den USA und erst recht Neuseeland etwas voraus. Fußball ist hier einfach ein ganzes Lebensgefühl.

Interessanter Weise sagen in Deutschland gerade viele Frauen, dass Fußball ein Männersport ist. In den USA gab es nach dem Gewinn der WM im Jahr 1999 zwar ein großes Interesse am Frauenfußball, auch wenn Fußball generell keine Top-Sportart ist. Gerade das, was mit der amerikanischen Profiliga WUSA passiert, ist ja eigentlich kaum vorstellbar. Da spielen in den USA viele der talentiertesten Fußballerinnen weltweit, es ist auch genug Geld verfügbar, und trotzdem gibt es keine Profiliga mehr. Das hat sicherlich mit diesem fehlenden Support für Fußball in den USA zu tun. In Neuseeland müssen gewisse Marketing-Strukturen jetzt erst aufgebaut werden, und auch dort spielen Cricket und Rugby eine größere Rolle.



Rebecca Smith
Foto: Jochen Ditschler

Was waren die Gründe, die für Deinen Wechsel nach Deutschland den Ausschlag gegeben haben?

Nachdem wir 2003 in der WM-Qualifikation unglücklich an Australien gescheitert waren, wurde das Management der neuseeländischen Nationalmannschaft ausgetauscht und sich ernsthafter mit Jugendarbeit beschäftigt, da Neuseeland 2007 bei der WM in China und ein Jahr später bei den Olympischen Spielen an gleicher Stelle auf jeden Fall dabei sein will. Und da ist es mein erklärtes persönliches Ziel, als Kapitänin des neuseeländischen Teams aufzulaufen. Für dieses Ziel muss ich natürlich versuchen, mich fußballerisch bestmöglich zu entwickeln. Deswegen habe ich im vergangenen Jahr nach meinem erfolgreichen Studienabschluss beschlossen, zu einem Fußballteam nach Europa zu wechseln und mich hier zwei oder drei Jahre lang dieser besonderen sportlichen Herausforderung zu stellen. Hier gibt es einfach die besten Mannschaften der Welt, und wenn man Fußball zu seinem Leben machen will, ist hier der beste Platz. Außerdem: Ich bin gerade mal 23, und ich habe schon immer neue Herausforderungen gesucht.

Und wie entstand der Kontakt zum FFC?

Einer meiner Trainer hatte Siggi Dietrich während der WM 2003 in den USA getroffen. Aber ich habe auch eine Menge von E-Mails geschickt und mich ans Telefon gehängt, um einige Kontakte herzustellen, parallel aber auch bei einigen norwegischen Teams Trainings absolviert. Irgendwann lief die Alternative auf Deutschland oder Norwegen hinaus, und da habe ich mich letztlich für Frankfurt entschieden.

Welche Gründe waren deiner Meinung nach ausschlaggebend dafür, dass Du beim FFC nicht so richtig den Durchbruch geschafft hast?

Es gab erst einmal Probleme mit meinem Spielerpass, und ich war deshalb die ersten Wochen überhaupt nicht spielberechtigt. Das war ein ziemlicher Stress, da ich mich dazu entschlossen hatte, mindestens für ein Jahr hier zu leben und das auch rechtlich entsprechend klargemacht hatte. Im Oktober war ich dann einige Wochen mit dem neuseeländischen Team unterwegs, und nach über zwei Monaten ist es einfach schwer, in ein eingespieltes Team hineinzuwachsen. Natürlich hat der FFC auch viele großartige Spielerinnen im Kader, und da gibt es immer eine ziemliche Konkurrenz, gegen die man intern antritt.

Du hast Dich dann im Winter entschlossen, den Verein zu wechseln. Was hat Dich letztlich zum FSV geführt?

Ich hatte schon ziemlich früh mit dem FSV gesprochen, als mir klar wurde, dass es für mich besser wäre, das Team zu wechseln. Aber zum damaligen Zeitpunkt gab es beim FSV eine Menge interner Probleme, so dass ich zunächst von dieser Idee Abstand nahm. Ich hatte dann einige Vorgespräche mit Essen-Schönebeck und dem schwedischen Team Sunnanå SK. Mitten in meinem Entscheidungsprozess hat sich dann der FSV mit einem neuen Angebot gemeldet. Da hatten sie schon den neuen Trainer Frank Fahle, ich kannte einige der Spielerinnen wie Jennifer Meier, Uschi Holl und Patrizia Barucha, ich mag Frankfurt total und habe hier schon einige Freunde gefunden. Da fiel mir die Entscheidung nicht schwer. Ich lebe einfach gerne hier, der FSV ist ein starkes Team mit einem wunderbaren Trainer und tollen Spielerinnen. Das hat man gerade beim ersten gemeinsamen Trainingslager in Wörsdorf gemerkt,


dass im Team eine ausgezeichnete Stimmung herrscht, und wir verstehen uns auch untereinander sehr gut. Der Trainer kann sehr gut motivieren und kennt sich im Frauenfußball exzellent aus. So haben wir, glaube ich, gute Karten für eine deutliche Leistungssteigerung in der Bundesliga-Rückrunde.

Hast Du immer noch Kontakt zu FFC-Spielerinnen, oder haben sie Dir den Wechsel zum FSV übel genommen?

Nein, in keiner Weise, sie haben mich ganz im Gegenteil immer unterstützt, hier in Deutschland zu bleiben. Ich hatte Anfang Dezember, als für mich feststand, dass ich beim FFC aufhören will, zunächst daran gedacht, zu einem englischen Team zu wechseln, entweder Arsenal oder Fulham. Und da haben meine Kolleginnen vom FFC immer gesagt, warum bleibst Du nicht in Deutschland und suchst Dir hier einen neuen Klub.

Wie läuft eigentlich die Verständigung mit Deinen deutschen Mitspielerinnen und dem Trainer?

[In Deutsch] Immer besser! Natürlich war es am Anfang beim FFC schwierig, da ich damals noch überhaupt kein Wort Deutsch konnte, aber mir haben viele Spielerinnen total geholfen, besonders Idgie (Renate Lingor) und Steffi (Jones), die mir alles übersetzt haben. Aber inzwischen klappt das schon viel besser, und auch die Konversation mit dem Trainer in Deutsch ist kein Problem mehr.

Der FSV steht ja derzeit auf dem sechsten Tabellenplatz im gesicherten Mittelfeld, kann aber in das Rennen um die vordersten Plätze kaum noch eingreifen, und auch das Kapitel DFB-Pokal ist nach der Achtelfinal-Niederlage gegen Bad Neuenahr im letzten November beendet. Was ist Deine persönliche Motivation als FSV-Spielerin für die Rückrunde?

Fußball hat ja immer etwas mit Wettbewerb zu tun. Und auch wenn wir natürlich nicht mehr in das Rennen um die Meisterschaft eingreifen können, haben wir durchaus das Potenzial, in der Schlusstabelle vom sechsten Platz einen deutlichen Schritt nach vorne zu machen. Der Team-Spirit des FSV in der Rückrunde ist nicht mit dem der Hinrunde zu vergleichen. Da hat sich unter dem neuen Trainer ein ganz anderes Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt, und ich bin stolz, davon ein Teil zu sein. Und natürlich freue ich mich ganz persönlich darauf, endlich auf dem Platz stehen zu können.

Am Sonntag steht mit dem Spiel gegen die amtierenden Meisterinnen von Turbine Potsdam gleich ein schwerer Brocken an. Was habt Ihr Euch da vorgenommen?

Das wird bestimmt ein interessantes Spiel an diesem Wochenende. Es wäre schon klasse, wenn wir da einen Punkt holen könnten. Man kann ja nie wissen, gerade weil Potsdam ja auch ein ganz neues Team mit der Brasilianerin Christiane sowie Ex-FSV-Spielerin Sonja Fuss auf dem Platz haben wird. Wir werden sehen ..

Letzte Frage: Was möchtest Du als Fußballerin, aber auch als Mensch in den nächsten Jahren erreichen?

Fußball bezogen wäre für mich schon das Wichtigste die WM- und Olympia-Teilnahme in 2006 und 2007. Immerhin hat Neuseeland Anfang der Neunziger bereits einmal die USA geschlagen, aber dann hat der neuseeländische Frauenfußball einfach stagniert, und erst jetzt beginnt sich da wieder etwas zu entwickeln. Aber wenn Du mich persönlich fragst, lebe ich momentan weitgehend meine Ziele aus. Ich hatte noch vor kurzem nie etwas mit Deutschland zu tun, und jetzt lebe ich hier schon seit über einem halben Jahr. Das ist mein Lebensmotto, zu reisen und zu lernen, vielen Menschen zu begegnen und Eindrücke aus den unterschiedlichsten Kulturen aufzunehmen. Ich möchte, das mein Leben offen bleibt, und das heißt jetzt für mich eben Fußball in Deutschland zu spielen, das ist einfach wie ein wahr gewordener Traum. Ich mag die Leute und die Kultur hier, und vielleicht bleibe ich ja noch ein bisschen länger, wer weiß?!


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