Interview mit Anne van Bonn (FCR 2001 Duisburg)

Ich habe "ja" gesagt, mich umgezogen - und seitdem nicht mehr aufgehört!"

Exklusivinterview mit der U 19-Weltmeisterin des FCR Duisburg - Anne van Bonn

18.06.2005   

Anne van Bonn hat eine lange Saison hinter sich. U19-Weltmeisterin und Vize-Europameisterin. Dazu noch der hervorragende zweite Tabellenplatz des FCR in der abgelaufenen Bundesligasaison. Die junge Spielerin aus Geldern hat schon viele gegnerische Stürmerinnen an die Kette gelegt. Ehrgeizig geht Anne van Bonn ihren nächsten sportlichen Zielen entgegen. Mit Blickpunkt FCR Duisburg und A-Nationalmannschaft will die Abwehrspielerin weiter nach vorne kommen. Ein Grund für den Fansoccer, Duisburgs sympathische Abwehrstrategin nach der langen Saison Ende Mai in ihrer Heimatstadt Geldern zu besuchen.

Hallo Anne! Erst mal - wie geht es Dir nach der langen Saison?
Langsam erhole ich mich wieder. Ich habe letzte Woche noch einen Sichtungslehrgang bei der A-Nationalmannschaft gehabt. Das war noch ein bisschen anstrengend. Jetzt habe ich alles gut überstanden, auch die „Feiern“. Nächste Woche geht es wieder los mit Training, vielleicht auch schon diese Woche - mal sehen.

Wie und wann bist Du überhaupt zum Fußball gekommen?
Vor ca. 15 Jahren mit meinem Bruder .Er hatte ein Fußballturnier und es hatten sich viele Spieler verletzt. Da fragte der Trainer meinen Vater: Wie ist es mit Anne, kann die spielen? Mein Vater überließ mir die Entscheidung. Ich habe direkt ja gesagt, mich umgezogen und durfte dann ran. Seitdem habe ich nicht mehr aufgehört.


Anne zeigt Heinz Günter ihre Heimatstadt Geldern
Foto: Heinz Günter Sporkel

Du bist ja schon seit 2001 beim FCR Duisburg. Kannst Du uns sagen, wie der FCR auf Dich aufmerksam geworden ist?
Schon als ich 11 Jahre alt war, hat der FCR wie auch die SG Schönebeck bei mir angefragt. Meine Eltern haben mir damals nichts erzählt. Sie haben immer gesagt: Nein, Anne ist noch zu jung. Durch die Niederrheinauswahl ging das dann immer so weiter. Dann mit 14 Jahren hat mich der Verein noch einmal angesprochen und dann durfte ich selber entscheiden. Ich habe dann gesagt: Ich bleibe noch ein Jahr in Geldern und komme danach nach Duisburg. Dort konnte ich dann U17 und 2. Mannschaft spielen - mit Perspektive Bundesligateam.

Vier Jahre mischst Du schon mit. Ich habe oft in letzter Zeit mit Dir sprechen können. Du bist sehr ehrgeizig und selten auf sportlicher Ebene zufrieden. Erzähle uns mal Deine sportlichen Up's and Down's.
Ich erinnere mich nicht gerne an das Pokalfinale 2003 und an die Vize-Europameisterschaft der U19 letztes Jahr - allerdings nur wegen der Niederlagen in diesen Spielen.
Sportliche Erfolge sind absolut die Deutsche Vizemeisterschaft mit dem FCR Duisburg dieses Jahr. Natürlich die U19-Weltmeisterschaft. Eigentlich auch die Vize-Europameisterschaft und das DFB Pokalfinale 2003.

Der FCR Duisburg hat eine tolle Saison hingelegt. Ihr seid zu Recht Vizemeister geworden. Hast Du vor Saisonstart selbst mit so einer tollen Leistung gerechnet?
Als ich unsere Mannschaft gesehen habe, habe ich gesagt: was für eine geile Mannschaft, weil wir so jung sind. Ich habe immer gesagt, wir können oben mitspielen, aber es wird niemals mehr als der dritte Platz werden. Wir wollen die Klasse erhalten, wollen irgendwo im Mittelfeld rumgurken. Doch dass wir da oben mitspielen, hätte ich nie gedacht. Wenn wir in manchen Spielen nicht so blöd gewesen wären, hätten wir um die Meisterschaft mitgespielt. Aber so die beiden „Großen“ zu schlagen, hätte ich unserer Mannschaft nie zugetraut. Ich habe immer gedacht, der Jürgen (Krust) kitzelt schon das Beste raus, und es wird ein dritter Platz oder etwas tiefer.


Anne ist immer für einen Spaß zu haben
Foto: Heinz Günter Sporkel

Überhaupt haben ja die jungen Spielerinnen des FCR viel erreicht. Vize-Europameister, Bundesliga-Vizemeister und, uns allen in Erinnerung, der tolle Erfolg in Thailand mit dem Gewinn der U19-Weltmeisterschaft. Rückwirkend - wie waren denn so die Wochen in Thailand?
(lacht) Es waren, glaube ich, die geilsten Wochen, die ich hinter mir habe. Erst einmal die Stadt an sich - hammergeil. Bangkok ist die größte Stadt, die ich bisher gesehen habe. Die Eindrücke, die da auf einen einwirken, kann man alle gar nicht behalten und man kann gar nicht soviel erzählen, was alles auf einen eingeprasselt ist.


Anne van Bonn ganz entspannt beim Interview

Bild: Heinz Günter Sporkel

Dann die WM an sich - nach der Eröffnungsfeier das Eröffnungsspiel. Ausverkauft, geile Stimmung. Wir konnten uns selber auf dem Platz nicht verstehen und es ging die ganze WM so weiter. Dann auch noch Weltmeister werden - also unglaublich. Geiles Erlebnis, was ich gerne noch mal haben möchte, geht aber natürlich nicht noch mal.

Ein anderes Problem könnte auch die hohe Belastung werden. Immerhin musst Du neben der Damen-Bundesliga auch U 21-Länderspiele und Lehrgänge machen, dazu noch Niederrheinauswahl. Wie gehst Du selber mit der Belastung um?
Ich habe da eigentlich keine Probleme mit. Ich bin seit dem 15. Lebensjahr gar nichts anderes gewöhnt. Die Nationalmannschaft kam erst mit 17 dazu. Aber ansonsten kenne ich das gar nicht anders. Ich habe nicht eine so große Belastung damit und mache mir auch keinen Stress. Ich gehe zum Training und denke „Ja – geil, wieder Fußball spielen“ und denke nicht, ich hab' kein Bock oder ich kann nicht mehr. Wenn ich sage: „ich kann nicht mehr“, laufe ich wie so eine kaputte Ente auf dem Platz. Sage ich: „cool, heute wieder Training oder Regeneration“, dann habe ich keine Belastung. Ich habe nach der Weltmeisterschaft meine Beine gespürt, das war nach zwei, drei Tagen wieder weg. Danach ging es auch wieder.

Wie schon erwähnt, bist Du eine sehr ehrgeizige Spielerin. Kannst Du auch selbstkritisch Deine Stärken und Schwächen beurteilen?
Mein größtes Problem ist, dass ich zu selbstkritisch bin. Ich bin nie zufrieden mit mir. Mein Linksfuß, den ich mittlerweile aufarbeite. Meine größte Schwäche ist, dass ich, wenn die ersten Aktionen nicht klappen, unsicher werde und ein schlechtes Spiel abliefere. Sonst habe ich keine besondern Schwächen.
Meine Stärken (Anne überlegt) - wenn ich gegen große Vereine spiele und ich wirklich nervös bin, sage ich immer: „Du bist nicht Schlechter als die“. Wenn ich mir so was einrede, ist es besser für mich und ich kann das auch im Spiel besser umsetzen.


Anne im Trikot des FCR beim Einwurf
Foto: Volker Lieberum

Du warst direkt nach Saisonende zum ersten Mal beim Sichtungslehrgang der A-Nationalmannschaft. Erzähl' mal, wie das so abläuft und was Du persönlich darüber denkst.
Im Gegensatz zur U 19 total locker. Die Trainer reden die Spieler mit „Du“ an. Man bekommt nicht vorgeschrieben, eine Mittagspause zu machen oder was man anzieht. Hauptsache, man hat Adidas-Sachen an. Am Montag wollte ich nur nach Hause. Wir hatten im Training Eins-gegen-Eins gespielt. Die alten gestanden Nationalspielerinnen gegen die jungen Spieler. Wir sind total abgezogen worden, war ja klar. Danach wurde es immer besser und es hat immer mehr Spaß gemacht. Ich denke, irgendwann kommt unsere Zeit. An den gestandenen A-Nationalspielerinnen kommt man nicht vorbei, die setzt man auch nicht einfach auf die Bank. Man muss schon warten, bis sie selber sagen: “Ich gehe“. In der A-Nationalmannschaft ist alles persönlicher als in der U 19.

Weiter Thema Nationalmannschaft: Sylvia Neid löst „TTM“ nach der EM ab. Du kennst sie ja schon als U 19-Trainerin. Könnte das für Dich in Zukunft A-Nationalmannschaft ein kleiner Vorteil sein?
Nein, also das hat überhaupt nichts mit irgendeiner Wertung zu tun. Egal welche Trainerin da ist, es bringt keine Vorteile. Sicherlich - sie kennt mich, aber Frau Theune-Meyer kennt mich auch aus der Bundesliga und von der U 19-Weltmeisterschaft. Beide wissen, wie ich spiele. Man muss sich durchsetzen und zeigen, was man kann.

Auch wieder eine Trainerfrage: Jürgen Krust musste seinen Trainerposten räumen. Mit Dietmar Herhaus hast Du einen neuen Trainer. Selber denke ich, bei Dir da schon eine gewisse Anspannung für die Zukunft zu erkennen? Hat man auch Sorgen um seinen eigenen Stammplatz, da jetzt die Karten neu gemischt werden?
AvB: Angespannt bin ich auf jeden Fall, weil ich den Trainer nicht kenne und nur zweimal gesehen habe. Als Trainer kenne ich ihn absolut nicht, habe aber gehört, dass er ein „Guter“ sein soll. Daher bin ich gespannt, wie er ist und wie er sich präsentiert. Die Karten werden neu gemischt. Es gibt keine Voreingenommenheiten und es werden keine Spielerinnen bevorzugt. Das sollte jede Saison so sein – egal, wer Trainer ist.


Sorgen um einen Stammplatz mache ich mir nicht. Ich habe es bisher immer geschafft und hoffe es auch nächste Saison wieder zu schaffen. Dadurch, dass ich den größten Teil der Vorbereitung (U 21-Lehrgänge und Nordic-Cup) fehle, gibt es irgendwo einen Nachteil. Aber andere Nationalspielerinnen fehlen auch, daher wird sich in der Vorbereitung keine Stammelf herauskristallisieren. Mir bleibt genug Zeit, um zu zeigen, dass ich zum Stamm gehöre, daher mache ich mir keine Sorgen.


Anne "posiert" für FanSoccer
Foto: Heinz Günter Sporkel

Da kann man gleich die nächste Frage hinterherschicken. Ihr habt die Liga in der letzten Saison gut aufgemischt. Welche Bausteine braucht der FCR, um den großen Teams FFC Frankfurt und Turbine Potsdam die Grenzen aufzuzeigen?
Das haben wir schon diese Saison gezeigt. Wir haben die Grenzen aufgezeigt. Wir haben Potsdam und Frankfurt gezeigt, was wir können und waren ganz klar besser. Wenn wir in manchen Spielen, wie in Freiburg oder München, nicht zu blöd gewesen wären, hätten wir um die Meisterschaft mitspielen können. Eine Mannschaft braucht sich selber und kann durch Teamgeist alles erreichen. Desto weniger man Favorit ist, desto mehr der andere Favorit sein soll, desto mehr kann man sich aufbäumen.

Zurück zum Fußballplatz - welche gegnerische Stürmerin hat Dich in den letzten Jahren am meisten gefordert?
Unbequem ist jede Stürmerin. Ich muss mich auf jede Gegenspielerin neu einstellen. Unbequem ist sicher eine Birgit Prinz oder eine Isabell Bachor. Mittlerweile kann ich mich darauf einstellen. Eine direkte Stürmerin, die mich am meisten fordert, gibt es nicht, weil jede Stürmerin mich aufs Neue fordert. Jede Gegenspielerin hat anders ihre Stärken und man muss Jede als neue Herausforderung annehmen.

Du hast beim FCR Duisburg bis 2008 verlängert. Wie sehen Deine zukünftigen sportlichen Ziele aus?
Ich hoffe, dass wir die nächsten drei Jahre weiterhin oben mitspielen. Vielleicht schaffen wir es noch mal, die zwei Großen im Frauenfußball zu schlagen. Ins Pokalfinale will ich auf jeden Fall noch mal. Den Sprung in die A-Nationalmannschaft möchte ich auch schaffen. Im Moment ist das eher ein Traum als Wirklichkeit. Vielleicht schaffe ich es, meinen Traum zu verwirklichen - schön wäre es, den Sprung zu schaffen.

Mal Hand aufs Herz, gerade als junge Spielerin - würdest du Dir Änderungen im Frauenfußball wünschen oder ist die jetzige Situation für Dich okay?
Mit der Einführung der 2. Liga hat sich die Situation sehr verbessert. Aber was ich mir wirklich wünschen würde, ist, dass der Frauenfußball mehr Popularität und Aufmerksamkeit bekommen würde, dass der Frauenfußball mehr anerkannt wird. Man merkt, dass unser Fußball einen niedrigen Stellenwert hat. Er wird wahrgenommen, akzeptiert, aber anerkannt nicht wirklich. Es wäre schön, wenn sich das verbessern würde. Eine bessere Förderung der jungen Talente wäre auch wünschenswert. Sicherlich hat sich da einiges gebessert, doch gehen immer noch viele Talente unter. Man sollte sehen, kein Talent zu verlieren.

Anne, vielen Dank, dass Du Dir soviel Zeit für das Interview genommen hast. Ich werde Deinen sportlichen Weg weiter verfolgen und wünsche Dir für die Zukunft alles Gute und hoffe für Dich, dass Du den Sprung in die A-Nationalmannschaft schneller verwirklichen kannst, als „DU“ es Dir selber Vorstellst. Viel Erfolg auf Deinem Weg mit dem FCR Duisburg. Wir alle freuen uns, wenn ihr jungen Wilden wieder die Liga durcheinander wirbelt.

Mit Anne van Bonn sprach Heinz Günter Sporkel.
Weitere Infos über Anne van Bonn findet ihr auf ihrer Homepage:
http://www.anne-vanbonn.de

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