Interview 1. Liga

"Man sollte die Erfolge der Nationalmannschaft auch mit in die Liga nehmen"

Interview mit Stefanie Weichelt, Neuzugang bei der SG Essen-Schönebeck

03.08.2005
Von Heinz Günter Sporkel
  

Stefanie Weichelt wechselte 2002 mit großen Hoffnungen von Turbine Potsdam zum Meisterschaftsrivalen FFC Frankfurt. Normalerweise hätte sie keine Probleme gehabt mit einem Stammplatz. Allerdings warfen sie Verletzungen und auch Krankheiten (zuletzt Pfeiffersches Drüsenfieber) immer etwas zurück. Am Ende spielte das sympathische Mädel für die Zweitvertretung aus Hessen. Jetzt versucht sie bei der SG Essen Schönebeck, wieder Fußball auf dem ihr entsprechenden Niveau zu spielen. Wir drücken ihr alle die Daumen, dass sie wieder mit ihrem Offensivdrang ihre Mitspielerinnen und Fans begeistern wird. Der Fansoccer besuchte Steffi an der Ardelhütte und bat sie kurzerhand um ein Gespräch.

Hallo Steffi, super, dass Du den Weg zur SG Essen-Schönebeck nimmst und der Mannschaft weiterhelfen möchtest. Wie geht es Dir so während der Vorbereitung und fühlst Du Dich wieder richtig fit für das Abenteuer Bundesliga?
Fit ist noch leicht übertrieben. Wir waren im Trainingslager, es war ganz gut. Ich habe mir eine Menge Muskelkater mitgebracht. Mit ein paar neuen Schuhen wird dann wieder angegriffen. Ich habe mich soweit ganz gut eingelebt.

Du hast für Turbine Potsdam und den FFC Frankfurt gespielt. Da ging es eigentlich immer darum, einen oder mehrere Titel zu holen. Nun kommst Du nach Schönebeck und dort erwartet man die Klasse zu halten. Wie denkst Du über die neue Herausforderung?
Erst einmal war Potsdam, als ich da gespielt habe, noch kein Meisterfavorit. Ich bin nach Schönebeck gegangen um regelmäßig Fußball zu spielen. Um auch zu zeigen was ich kann und einer Mannschaft damit vielleicht weiterzuhelfen. Das wäre beim FFC Frankfurt schwierig wegen der ganzen Nationalspielerinnen, was auch selbstverständlich ist. Es ist für mich eine Herausforderung, wieder viel zu leisten - das muss nicht jedes Mal der Titel sein.

Wie kam der Kontakt zur SG Essen-Schönebeck zustande? Hattest Du auch andere Angebote und was sprach letztendlich dafür ins Ruhrgebiet zu wechseln?
Angebote von anderen Mannschaften waren auch da. Ich hätte natürlich auch in der zweiten Mannschaft vom FFC Frankfurt weiterspielen können. Es war einfach für mich die Herausforderung auf dem Niveau weiter Bundesliga zu spielen. Schönebeck hat mir gleich zugesagt. Ich war positiv überrascht vom Umfeld und den Leuten, die ich hier getroffen habe. Ich bin auch in der ersten Woche gleich super aufgenommen worden. Ich kann definitiv sagen: es war das Richtige, was ich gemacht habe.


Stefanie Weichelt im neuen Trikot der SG Essen-Schönebeck

Foto: Heinz Günter Sporkel

Du warst vor einigen Jahren noch in verschiedenen Jugendnationalmannschafts-
Auswahlen, bist sogar U18-Europameisterin geworden. Könntest Du Dir vorstellen mal wieder das Nationalmannschafts- Trikot überzuziehen?

Sobald Leistung und alles stimmt, kann sich das, denke ich mal, jede Spielerin vorstellen. Es ist eine gewisse Ehre im Nationalmannschaftstrikot zu spielen. Doch muss ich sagen, dass es nicht das Wichtigste ist. Das Wichtigste ist, dass alles klappt mit dem ganzen Umfeld und vor allem mit den Verein, bei dem ich spiele. Was alles danach kommt, ist Bonus. Wenn man sich darauf verkrampft, wird es schwierig, es wird nicht einfach werden. Aber warum nicht?

In Frankfurt hattest Du erhebliches Verletzungspech und bist auch durch Krankheit(en) zurückgeworfen worden. Kannst Du den Lesern, die noch nicht so lange dabei sind und Dich vielleicht noch nicht so kennen, Deine Verletzungen mal aufzählen?
Ich bin 2002 nach Frankfurt gewechselt und hatte mir eine Verletzung am Sprunggelenk zugezogen, wo drei, vier Monate unklar war, was das denn überhaupt ist, bevor man mich operieren konnte. Ich hatte mir im Knöchel etwas abgebrochen und auch das Band mit weggerissen, was schwer zu erkennen war. Das hatte mich dann eine ganze Spielsaison rausgerissen, bis ich wieder fit war. Dann bin ich zwischendurch ein Jahr ohne Verletzung sehr gut durchgekommen. Letztes Jahr hatte ich mir im Sommer das Pfeiffersche Drüsenfieber weggeholt, was mich wiederum ein halbes Jahr zurückgeworfen hat. Dabei kannst Du nicht voll powern. Du musst alles ganz langsam wieder aufbauen und das ist für einen Sportler auf Leistungsniveau ziemlich schwierig. Man muss sich ziemlich durchbeißen. Das dann beim FFC Frankfurt, macht es noch ein Zacken schärfer.

Auf der Homepage vom FFC Frankfurt ist zu lesen, dass Du ein Spaßvogel bist und Dir immer mal wieder Streiche einfallen. Kannst Du uns da einige Deiner Streiche erzählen?
Ich bin immer guter Laune. Ich bin ein Mensch - da kann kommen, was will, ein schlechter Tag oder eine Verletzung-, der nie sein Lachen verliert. Ich denke, solange ich mein Lachen behalte, geht es auch nach vorne. Spaßvogel gehört für mich einfach zum Erfolg dazu. Eine gewisse Ernsthaftigkeit ist okay, natürlich auch erforderlich. Man sollte aber nebenbei nie vergessen, dass ohne gewissen Humor und Spaß nichts passieren kann.
Spaßvogel - wie soll ich das erläutern? Ich bin ja der einzige Ossi in jeder Mannschaft und werde damit genügend aufgezogen. Dann bekommen sie


Stefanie Weichelt (2. von rechts) beim Dragon-Cup am vorletzten Wochenende

Foto: Renate Pelz

immer einen ostdeutschen Spruch gegen den Kopf.

...und da war auch zu lesen: Stefanie Weichelt ist auch ein kleiner Chaot…inwiefern?
Ich bin generell die Letzte beim Duschen. Wenn gerufen wird „hat irgendjemand was liegen gelassen?“, bin ich unter Garantie dabei. Gut, dass mein Kopf drauf ist, sonst würde ich den auch noch irgendwo liegen lassen. Ich bin nicht gerade ordentlich. Ich bin in mancher Hinsicht ein wenig schusselig - aber auf die nette Art.

Seit 2002 bist Du nun im dritten Verein gelandet. Ist es da sehr schwer private Freundschaften aufrecht zu erhalten?
Das ist eigentlich der schwierigste Faktor, der mir auch diesmal die Entscheidung sehr schwer gemacht hat, ob ich weggehe oder nicht. Weil, wenn man älter wird, das auch Freundschaften sind, die halt immer da sind. Das ist das Leben.

Stefanie Weichelt spielte zuletzt für die 2. Mannschaft des 1. FFC Frankfurt

Foto: Thomas Schlimme

Dieser Punkt hat mir auch den Wechsel ziemlich schwierig gemacht. Man muss im Endeffekt sehen, was einen persönlich halt weiterbringt. Was man selber auch erreichen kann und will. Was man dafür aufgibt oder halt nicht. Ich denke mal, Freundschaften bleiben erhalten, solange es die guten Freundschaften sind, wo man immer gedacht hat, dass sie es wären. Ich denke schon, dass es nicht ganz einfach wird. Man wird auch definitiv nicht alles halten können. Ich bin überzeugt, dass der Kontakt, wenn man sich sieht, immer noch nett und freundlich ist und man miteinander umgehen kann. Das ist das Wichtigste dabei.

Könntest du Dir vorstellen, in Essen länger zu bleiben und hier vielleicht so einige Jahre zu spielen?
Diese Frage habe ich in den letzten Tagen so oft gehört. Ich werde jetzt dieses Jahr 22 Jahre, bin momentan dabei, meine Ausbildung zu Ende zu machen. Ich bin auf jeden Fall nicht abgeneigt, wenn es hier gut läuft und wir die Bundesliga halten. Wenn der Verein das weiter so gut führt, wie es momentan von den Strukturen aufgebaut ist, kann ich mir das auf jeden Fall vorstellen. Ich bin der Meinung, dass in den nächsten drei Jahren im Frauenfußball noch was passieren wird und einige Vereine, die momentan noch oben mitspielen, Probleme bekommen werden, weil die Leute einfach zu alt werden. Essen hat zur Zeit eine junge Mannschaft, worauf man aufbauen und auch mit planen kann, das ist der Vorteil. Da ich noch nicht zu den alten Eisen gehöre und das mein dritter Wechsel ist, kann ich mir das schon vorstellen. Ich war in den letzten Jahren drei Jahre bei meinen Vereinen. Man schaut, was passiert. Es ist von verschiedenen Sachen abhängig. Von mir und nicht nur von mir - auch wie, wo und was mit den Vereinen passiert. Besonders, wie es in der Zukunft weitergeht.

Du hast ja letzte Saison viel Spielpraxis in der 2. Liga Süd sammeln können. Selber bist Du ja eine sehr erfahrene Spielerin. Wie sieht der Unterschied Zweite Liga gegenüber Bundesliga aus?
Ich hatte letztes Jahr das „Pfeiffer“, hatte deshalb letztes Jahr viel zweite Liga gespielt. Es ist in meinen Augen schon ein Riesenunterschied, was im Vergleich bei den Männern halt nicht so ist. Es ist nicht unbedingt das Geld, was man verdient, sondern mit wie viel Ehrgeiz sich die Leute da reinhängen. Die Mannschaften aus der 2. Liga haben nicht die Möglichkeiten wie die aus der 1. Bundesliga. Es ist auch spielerisch vom Niveau weiter unten. Obwohl man sagen muss, das sich dies auch geändert hat, seitdem man die 2. Bundesliga eingeführt hat. Daher ist das Niveau generell gestiegen. Im Gegensatz zu den Regionalligazeiten. Die Einführung der 2. Bundesliga ist schon ein guter Schritt, den Frauenfußball nach vorne zu bringen. Doch das Niveau in der ersten Bundesliga ist gegenüber der 2. Liga schon deutlich höher.

Bist Du eine variabel einsetzbare Spielerin oder bevorzugst du selber eine Lieblingsposition?

Da ich schon alles gespielt habe - von Abwehrspieler über Mittelfeld und Stürmer - denke ich mal, ist das schon beantwortet. Aber persönlich spiele ich mehr im offensiven Bereich - Mittelfeld oder gerade auch der Sturm. Das ist schon mehr bevorzugt, weil ich der Meinung bin, dass mir das auch körperlich mehr liegt.

Du hast jetzt neue Mannschaftskolleginnen. Kanntest Du schon vorher einige Spielerinnen und wie geht deine Integration voran?
Ich bin am Dienstag ins Trainingslager nachgefahren. Ich hatte schon Kontakt zu einzelnen Spielerinnen. So vom Sehen sagt man generell „Hallo und Tschüß“. Es ging unheimlich schnell, dass ich Fuß gefasst habe, mich wirklich mehr oder weniger mit jeder Spielerin unterhalten habe und auch da eine ganz nette sympathische Art gefunden habe. Einfach sich auch unterhalten. Ich muss schon sagen, ich bin positiv überrascht. Und es macht echt Spaß zu sehen, dass es schnell geht und dass sie es mir so leicht machen sich hier einzuleben. Man muss das Fußballerische noch aufeinander abstimmen, was dann natürlich leichter fällt, wenn man sich auch außerhalb des Spielfeldes gut versteht, sich unterhält oder zusammen was unternimmt. Ich bin wirklich positiv überrascht.

Welche Ziele setzt Du Dir für Dich selbst und welche Ziele willst Du mit der Mannschaft verwirklichen?
Meine persönlichen Ziele sind vor allen Dingen erst einmal verletzungsfrei durchzukommen. Mein Problem ist, dass ich eigentlich gar nicht so verletzungsanfällig bin. Wenn ich


aber dann mal was habe, habe ich das Pech, dass ich dann länger ausfalle. Wenn ich das schaffe, würde ich mich ganz gerne in der Mannschaft etablieren. Es ist für mich trotz allem, weil ich vom FFC Frankfurt komme, keine Selbstverständlichkeit. Ich kann mich nicht hier hinstellen und arrogant sein- das ist meine Position.
Ich finde, jede Spielerin muss sich ihren Platz erkämpfen. Mit diesem Standpunkt gehe ich hier auch rein. Wenn ich meine Leistung bringe, möchte ich mit dem Verein das Bestmögliche erreichen. Das heißt, sich soweit es geht oben etablieren. Jetzt vielleicht erst mal, dass wir schon nach einer gewissen Zeit sagen können, dass wir mit dem Abstieg nichts mehr zu tun haben. Das wäre für den Verein sicherlich schon ein gewisser Erfolg. Diesen Erfolg wollen sie haben, um sich auch in den nächsten Jahren in der Bundesliga zu festigen. Vielleicht auch noch andere Spielerinnen nach Schönebeck holen, damit man noch stärker wird.

Nach der Frauenfußball-Europameister-
schaft kommen die üblichen Sprüche, dass der deutsche Frauenfußball weiter und besser gefördert werden soll. Wie denkst Du als Spielerin darüber, besonders, was denkst Du, sollte man Verbessern?

Verbessern kann man auf jeden Fall. Ich bin der Meinung, dass der Frauenfußball in Deutschland sich nur noch oder zu sehr auf die Nationalmannschaft fixiert. Was natürlich der Anlaufpunkt in den letzten Jahren war und den Frauenfußball in Deutschland nach vorne gebracht hat. Nur bringt das in meinen Augen den einzelnen Bundesliga-Vereinen zu wenig. Die Nationalmannschaft entwickelt sich ja aus der Bundesliga. Man sollte die Erfolge der Nationalmannschaft auch mit in die Liga nehmen. Damit nicht nur die Spielerinnen der Natio was davon haben, sondern auch die Vereine. Man sollte zusammen mit der Nationalmannschaft den Vereinsfußball der Frauen immer weiter nach vorne bringen. Man wird sonst irgendwann sehen, dass man auf der Stelle trampelt. Nicht nur hier mal eine Weltmeisterschaft, da mal eine Europameisterschaft - man sollte versuchen, kontinuierlich was aufzubauen. So kann man immer mehr Leute ansprechen, denn das Interesse am Frauenfußball ist ohne Zweifel da. Es ist meiner Meinung nach in den Jahren schon größer geworden, man sollte es noch besser aufziehen.

Du hast, wie schon erwähnt, beim FFC Frankfurt und bei Turbine Potsdam gespielt. Wer wird Deiner Meinung nach in der neuen Saison die größten Chancen von den beiden Vereinen haben Meister zu werden? Oder könnte da sogar das junge Team vom FCR Duisburg für eine Überraschung sorgen?
Sie werden es wieder unter sich ausmachen. Es spielt eine Rolle, inwiefern die Mannschaften verletzungsfrei bleiben. Den Vorteil, den ich bei Turbine Potsdam sehe, ist, dass sie in meinen Augen wesentlich jünger, frischer und eingespielter sind. Beim FFC Frankfurt kommen mit der Sarah (Günther, Anm.) und der „Smi“ (Sandra Smisek, Anm.) und auch Bartusiak wieder gute Verstärkungen. Man muss sehen, wie man das umsetzen kann. Sie hatten bis jetzt ja auch kein „schlechtes“ Team. Man muss diese Spielerinnen erst einmal integrieren. Die Positionen sind ja mehr oder weniger auch durch Nationalspielerinnen besetzt. Es muss ein ordentliches Team daraus geformt werden.
Auch wie die beiden Klubs den Uefa-Cup konditionell überstehen, wird eine große Rolle spielen. Im Laufe der Saison wird sich die Mannschaft durchsetzten, die die beste Kondition hat. Duisburg sollte man auf jeden Fall auf dem Zettel haben. Es ist auch ein sehr junges Team. Es ist eine reine Kopfsache, wie sehr man im Kopf klar bleibt, wenn Potsdam und Frankfurt sich gegenseitig Punkte wegnehmen. Dann ist auch für den FCR Duisburg alles drin. Die Mannschaften sind bis auf Duisburg durch die Doppelbelastung ziemlich gefordert. Es wird definitiv die Mannschaft Meister, die die beste Konzentration und Kondition über die Saison aufweist. Darüber kann man sich nach der Hälfte der Saison schon ein Bild machen.


"Knirpsi" beim Training

Foto: Heinz Günter Sporkel

Dazu kommt jetzt natürlich die Frage, welche Teams auf alle Fälle hinter der SG Schönebeck bleiben?
Man muss sehen, wie sich der FSV Frankfurt fängt. Der FSV hat meines Wissens einige Spielerinnen aus der FFC-Reserve geholt. Ich denke dass sie es sehr schwierig haben, weil der FSV in meinen Augen gar kein Konzept hat und auch nicht das nötige Spielermaterial hat, um sich in der Bundesliga zu halten. Was bei uns in diesem Jahr in meinen Augen schon vorhanden ist. Ich denke, wir haben eine ziemlich gute Truppe zusammen. Gegen Sindelfingen habe ich schon selber gespielt, ist eine gute Truppe. Da sehe ich aber das selbe Problem wie bei Crailsheim. Sie werden es in meinen Augen auch sehr schwierig haben. Dann muss man sehen, wie es mit Brauweiler und Freiburg wird. Ich denke, das wir den FSV, Brauweiler, Sindelfingen und Freiburg vom Potential her hinter uns lassen können.

Wir bedanken uns bei Steffi für das Interview. Der Fansoccer wünscht ihr alles Gute. Besonders, dass die neue Offensivspielerin der SGS von Verletzungen verschont bleibt und auch der gegnerischen Torhüterin die Kirsche ab und an in die Kiste legt. Viel Spaß bei Deinem neuen Verein - wir freuen uns, Dich wieder in der ersten Bundesliga zu haben.

Website der SG Essen-Schönebeck

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