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Interview

Rekord-Torjägerin mit Diplom

Interview mit Nina Aigner (27), aus Antiesenhofen (Oberösterreich), seit 2001 Fußball-Legionärin beim FC Bayern München

Von Dr. Helmut Pichler

11.12.2007   Bayern-Münchens Torjägerin Nina Aigner ist vor wenigen Tagen beruflich nach Salzburg „emigriert”. Der östereichische Frauenfußball- Journalist Dr. Helmut Pichler hat aus diesem Anlass ein Interview mit Nina Aigner geführt und FanSoccer exklusiv zur Verfügung gestellt:

Frau Aigner, vor wenigen Wochen haben Sie Ihr Marketing-Studium mit „sehr gutem Erfolg” und Diplom abgeschlossen. Vor wenigen Tagen sind Sie beruflich (nach Salzburg) übersiedelt, wie geht es Ihnen?

Natürlich ausgezeichnet, weil ich durch den Abschluss meines Sportmarketingstudiums vor kurzem mein berufliches gestecktes T e i l-ziel mit dem Einstieg in die Sportartikelbranche erreichen konnte. Seit Mitte November 07 arbeite ich bei PUMA Österreich in Salzburg in der Marketingabteilung und freue mich auf die neuen Herausforderungen.

Ist es nicht ungewohnt, „nur” mehr zu arbeiten und Fußball zu spielen (samt Training!) statt der früheren „Dreifach- Belastung” durch das Studium?

Ja, anfangs war es schon ganz komisch, aber ich genieße es jetzt, endlich wieder mehr Schlaf zu haben und auch mal abends einfach vor dem Fernseher einzuschlafen.

Bleibt jetzt Zeit für eine Beziehung?

Für eine Beziehung findet man doch immer Zeit (lacht!)

Könnte sich ein österreichischer Verein Hoffnungen auf einen Transfer machen, wenn Sie in die Heimat zurückkehren?

Nein, da ich mich nach meiner Zeit bei Bayern (oder wo auch immer) ausschließlich auf meinen Beruf konzentrieren möchte.

Nina, Sie erzielten vor kurzem Ihren 73. Meisterschaftstreffer (in 117 Bundesliga-Begeg- nungen) und sind damit mit Abstand die erfolgreichste österreichische Legionärin beim FC Bayern München. Wie kann „frau” über Jahre (trotz schwerer Verletzungen) dieses Leistungsniveau halten?

Ehrlich gesagt ist es mir gar nicht bewusst, dass ich bereits so viele Tore erzielt habe. Wie man dieses Leistungsniveau halten kann? So blöd das jetzt klingt, aber ich glaube, meine Verletzungen haben viel dazu beigetragen, dieses Niveau zu halten. Nach jeder Verletzung war es mein größtes Ziel, wieder zurückzukommen und sportlich erfolgreich zu sein. Dafür habe ich hart gearbeitet. Der Wille ist entscheidend!

Bei Ihren letzten Treffern fiel auf, dass die Tore aus Standardsituationen fielen, gab´s oder gibt’s für Sie Spezialtrainings und „Sonderschichten” beim FCB?

Nein, Spezialschichten gibt es dafür nicht. Ich versuch mich einfach bestmöglich zu konzentrieren und einen bestimmten Punkt im Tor anzuvisieren. Das hat in letzter Zeit gut geklappt.

Als „Knipserin” haben Sie in 154 Pflichtspielen (Meisterschaft, Feld- und Hallencup, Oddset-Cup und WM-Cup 2003 insgesamt 107 Tore geschossen, davon 73 Meisterschaftstreffer in 117 Spielen: Welche „Zwischen- bilanz” ziehen Sie außer den Torerfolgen über Ihre bisherige „Bayern-Zeit?“ (6 Jahre)

Ich bezeichne meinen Wechsel nach München im Jahr 2001 als meinen bislang wichtigsten Schritt in meinem Leben, nicht nur aus sportlicher, sondern auch aus beruflicher und menschlicher Sicht.

Ihr größte Erfolge?

Der größte Erfolg ist für mich, seit 6 Jahren auf einem fast gleich bleibend hohem Niveau Fußball zu spielen und in der deutschen Fußball- Bundesliga mitzuhalten.

Sie wurden 2007 von „womensoccer.de” zur „ besten Stürmerin der Saison 2006/07” noch vor WELTFUSSBALLERIN Birgit Prinz gewählt. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Es freut mich, dass so viele Leute eine Stimme für mich abgegeben haben und vor allem, dass ich überhaupt in den Kreis der 5 Kandidaten gekommen bin. Realistisch betrachtet, muss ich sagen, dass es keinen Platz v o r Birgit Prinz geben kann.

Von den Bayern-Fans wurden Sie schon öfter zur beliebtesten oder auch besten Spielerin des FCB gewählt. Welche Bedeutung misst eine öster- reichische Legionärin diesen Respektbezeugungen „im Land der Doppelweltmeisterinnen“ bei?

Ich denke, dass durch diese Wahlen von den Fans einfach meine Leistung der letzten Jahre honoriert wurde und bin natürlich sehr stolz darüber, dies vor allem als „Ausländerin “ geschafft zu haben.

Ihre größte Enttäuschungen - das Scheitern des USA-Transfers 2003?

Nein, ich würde es nicht als Enttäuschung sehen, denn dadurch, dass ich verletzt war, musste ich mich ja nicht wirklich entscheiden. Die Entscheidung wurde mir abgenommen, somit sehe ich es als Schicksal.

Nina Aigner beim FSV

Ein fast schon historisches Bild: Nina Aigner 2005 mit Bayern als Gast beim inzwischen so nicht mehr existierenden FSV Frankfurt im Zweikampf mit Ivonne Bärthel

Bild: Nora Kruse

Ihre Flopkiller?

Flopkiller? Ich sag` s mal so: nach enttäuschenden Niederlagen oder Leistungen konzentriere ich mich wieder mehr auf das Wesentliche und Wichtige im Leben…..Familie, Beruf, Gesundheit….und versuch mich nicht über die „Kleinigkeit Fußball” aufzuregen, wobei ich gestehen muss, dass mir das nicht immer gelingt.

Sie sind dafür bekannt, mit „Innviertler Hartnäckigkeit” Ihre sportlichen Ziele konsequent anzupeilen und zu erreichen. Stehen in Ihrer persönlichen Bilanz einerseits der Einsatz der Gesundheit und andererseits der (Frei)zeit in richtiger Relation zu den Erfolgen?

Auf jeden Fall!!! Meine (Frei)zeit opfere ich gerne, um meine gesteckten Ziele zu erreichen und das mit der Gesundheit kann man sich leider nicht aussuchen. Aus jeder Verletzung habe ich etwas gelernt, von daher kann ich auch etwas Positives daraus ziehen.

Haben Sie zu viel geopfert?

Nein, absolut nicht! Der Gedanke wäre mir noch nie gekommen!

Wie geht es Ihrer operierten Teamkollegin, ÖFB- Kapitänin Sonja Spieler?

„Soni” hat das Schlimmste bereits überstanden, nämlich die Operation. Jetzt heißt es nach vorne schauen und mit der REHA beginnen. Mit ihrer professionellen Einstellung wird sie bald wieder topfit auf dem Platz stehen und ich hoffe, das wird möglichst schnell sein, denn eine Spielerin wie Soni ist nicht zu ersetzen.

Als sich Okoyino da Mbabi (SC 07 Bad Neuenahr) im Frühjahr 2007 bei einem Zusammenprall


Nina Aigner

Nina Aigner beim Interview

Bild: Dr. Helmut Pichler

mit Sonja Spieler das Bein brach und ihre WM- Hoffnungen begraben musste, waren Sie als erste an ihrem Krankenbett in München - warum ?

Ehrliches Mitgefühl…., .sie war ganz alleine in München in irgendeinem Krankenhaus, da ihre Mannschaft bereits wieder zurückreisen musste. So war es für mich und auch andere Spielerinnen selbstverständlich, sie so bald wie möglich zu besuchen.

Ihre schwersten Verletzungen?

Eine richtig schwere Verletzung (Kreuzbandriss, oder ähnliches…) ist mir bisher erspart geblieben. Aber das haben meine 5 Meniskusrisse und einige Bänderrisse im Knöchel wieder ausgeglichen (lächelt).

Halten Sie die Gegenwehr Ihrer „Spezialbewacherinnen” als Torjägerin für übertrieben, oder international üblich?

Ich finde nicht, dass in der deutschen Bundesliga übertrieben hart gespielt wird. Eine gesunde Zweikampfhärte gehört einfach dazu, das macht die Liga auch so stark.

Fühlen Sie sich durch die SchiedsrichterInnen ausreichend geschützt?

Ich denke, dass unsere Schiedsrichterinnen das gut im Griff haben. Das Defizit bei den Schiedsrichtern liegt eher beim Erkennen der Abseitsstellungen!

Nina Aigner im Abseits

„Das war doch kein Abseits!”, Nina Aigner ist mit den Entscheidungen der Linienrichterinnen nicht immer glücklich

Archivbild: Nora Kruse

Was halten Sie vom derzeitigen „Rotationsprinzip” der beiden Bayern- Torhüterinnen Ulli Schmetz und Birgit Leitner? Wirkt sicher der dauernde Wechsel nicht nachteilig auf die Geschlossenheit Eurer Abwehr aus?

Ehrlich gesagt, denke ich nicht, dass das auf Dauer praktiziert werden kann. Ist zwar super, das wir zwei nahezu gleichwertige Torhüter haben, aber man braucht einfach eine Nr. 1. Vor allem für die Abwehr ist das sehr wichtig!

Viktoria Schnaderbeck und Carina Wenniger wechselten im Sommer 07 zu den Münchner- innen. Sie kennen die beiden 16-jährigen „Rohdiamanten“ aus dem österreichischen Nationalteam- welche Chancen bieten sich den beiden Steirerinnen beim FCB?

Ich denke, dass die beiden eine große Zukunft bei Bayern haben werden und schon bald in der ersten Mannschaft Fuß fassen werden. Die Bayern werden noch viel Freude mit den zwei Youngstars haben und die „Ösiflagge” weiterhin hochhalten bei Bayern (lacht!) Die zwei Mädels haben mit dem Wechsel nach München auf jeden Fall das Richtige gemacht und ich finde es super, dass sie den Schritt gewagt haben.

Ist es generell schwieriger, als Ausländerin und „Ösi”, in der „Multi- Kulti- Truppe” der Isarelf Fuß zu fassen?

Klar hat man es als „Ausländerin” in einer fremden Liga immer etwas schwieriger, aber wir „Ösis” können uns schon durchsetzen!

Ihre persönlichen Erfahrungen beim Transfer 2001?

Es war immer mein Traum, für Bayern München zu spielen und der ging mit dem Wechsel 2001 in Erfüllung.

Wie kamen Sie überhaupt zum Frauenfußball?

Eine gute Frage, weil ich mich gar nicht mehr so genau erinnern kann. Ich denken, es war so: Ich hab damals in der Zeitung gelesen, dass der SV Ried (Anmerkung: Innviertel, Oberösterreich) eine Frauenmannschaft gründet und dafür wurden Spielerinnen gesucht. Das war bereits in der Zeit, wo ich im Leistungstennis eine Zwangspause aufgrund meiner Schulterverletzung einlegen musste. Na ja, und das hat sich dann so entwickelt.

Gibt es ein Fußball-Erbe in Ihrer Familie?

Ja, ich bin sozusagen vorbelastet (lacht herzlich), weil mein Papa früher aktiv gespielt hat (im Tor), derzeit noch als Torwarttrainer beim SK Schärding tätig ist und meine Brüder Jochen und Andreas immer noch beim SK Schärding in der 2. O.Ö. Landesliga (4. Leistungsstufe in Österreich) spielen.

Nina Aigner

Dynamisch und torgefährlich: Dabei wollte Nina Aigner ursprünglich Tennisspielerin werden!

Archivbild: Volker Lieberum

Ist es nur ein gehässiges Gerücht, dass Sie für Ihre Brüder, eingefleischte 1860- Fans, im Shop der Löwen nur „verschleiert” einkaufen?

Also, da gebe ich keinen Kommentar ab …nach kurzer Pause: Ja, ich muss es eingestehen. Dadurch, dass die beiden Trainingsgelände fast nebeneinander liegen, muss ich oft einen Abstecher ins „blaue Lager” machen. Ich versuche dann halt mit meinem Bayern-Auto so weit wie möglich hinten zu parken :-)

Hat Ihre Familie Ihre sportlichen Ambitionen, zuerst Tennis, dann Fußball: abgelehnt, befürwortet oder stark gefördert?

Meine Familie ist mein größter Förderer, mein größter Rückhalt, aber auch mein größter Kritiker.


Das ergibt eine gute Mischung. Ich besuche meine Lieben auch so oft es geht in Antiesenhofen.

Ihre sonstigen größten Förderer?

Meine Jungendtrainer beim SV Antiesenhofen, Freddy Kaltenböck und Horst Wintersteiger. Beide haben mich in Fußballtechnik ausgebildet und waren wohl meine wichtigsten Trainer. Im Umgang mit den Medien haben Sie mich, Dr. Pichler, in den letzten Jahren ausgezeichnet betreut, Danke!

Nina Aigner und Steffi Jones

Nina Aigner im Zweikampf mit Steffi Jones

Archivbild: Peter Henkel

Haben bekannte Fußballer/Sportler in der Jugend Ihren Weg gekreuzt, schulisch, sportlich?

Ja, da gibt es schon einige sehr bekannte Sportgrößen:
Beim Fußball habe ich früher mit den österreichischen Bundesligagastars Manuel Ortlechner und den Brüdern Feichtinger in einem Auswahlteam gespielt; in meiner TENNIS- Periode
(Anmerkung: die Torjägerin galt als eines der größten Tennistalente Österreichs und bewies dies mit „Bronze” bei der U 16–Mannschafts- WM 1995 in Essen im Alter von 15 Jahren gemeinsam mit Österreichs späteren Fed-Cup-Größen : Barbara Schwarz und Petra Rußegger; eine schwere Verletzung zwang Österreichs beste Juniorenspielerin mit 18 zum „Transfer” in den Frauenfußball!! -help- )
Bei internationalen Jugendturnieren (Orange Bowl, Australien Open…) spielte ich gegen viele jetzige Stars, wie Amelie Mauresmo, Kim Klijsters, Justin Henin usw. Mit Österreichs derzeitiger Tennis- „First-Lady”, Sybille Bammer habe ich während meiner Internatszeit das Zimmer geteilt.

Martina Hinterberger, Tennis und Fußballtalent aus Ihrer (weiteren) Heimat, Haibach an er Donau, hat sich gänzlich dem Tennis verschrieben. Sie gelten als ihr größtes Vorbild- welche Tips würden Sie ihr geben?

Ein einziger Tipp: „Setz Dir ein Ziel und versuche, es zu erreichen. „Step by Stepp”….Ziel für Ziel!

Gibt es eine Sportart, in der Sie nicht besonders begabt sind?

Schwimmen!!! Mein absoluter „Horror”- Sport. Wegen Schwimmen hätte ich fast mal eine ganz schlechte Note, nämlich „5” in Turnen bekommen, aber ein Schulrekord im 1000m- Lauf hat mir dann doch noch eine „1” eingebracht!!

Ihre persönlichen sportlichen Ziele für die Zukunft?

Vor allem: eine verletzungsfreie Saison zu spielen, einen Platz unter den Top 4 zu erreichen und den Einzug ins Pokalfinale zu schaffen! Das sind meine Ziele für diese Saison.

Haben Sie die WM in China im TV verfolgt, Ihr Eindruck?

Ehrlich gesagt, ich habe nur das Finale gesehen. War ein tolles Spiel, wofür vor allem die Brasilianerinnen verantwortlich zeichneten. Somit war es natürlich eine tolle Werbung für den Frauenfußball. Aber gleichzeitig hat es auch wieder gezeigt, dass der Erfolg nicht durch die Attraktivität, sondern durch die Effektivität erzielt wird.

Hat Österreich (am besten mit Ihnen, wie Teamchef Ernst Weber wohlwollend anmerkte) eine Chance, sich für die WM 2011 zu qualifizieren? Wäre es nicht für Sie die größte sportliche Herausforderung, im Land der „Weltmeisterinnen” im „Adlertrikot” anzutreten?? (31 Jahre sind kein Alter!!!)

Sag niemals nie!!! Aber ich verfolge dann mit 31 Jahren lieber die WM vor dem Fernseher!

Die deutsche Elf kehrte als Doppelweltmeister zurück, gab es erste Auswirkungen auf die Meisterschaft? (Zuschauer- interesse usw?) Sind die Teams mit etlichen Weltmeisterinnen nun noch schwerer zu spielen, weil das Selbstvertrauen schier „grenzenlos” ist?

Klar ist durch den erneuten WM Titel die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit größer als zuvor. Man kann nur hoffen, dass das länger anhält und auch längerfristig auf die Bundesliga übergreift.

Wie begegnen Sie z. B. der dreifachen Weltfußballerin und Doppel- Weltmeisterin Birgit Prinz, wenn Sie bei Bayern- Frankfurt gegen die Ausnahmekönnerin spielen?

Natürlich mit großem Respekt, denn was Birgit in den letzten Jahren geleistet hat, ist einfach unglaublich. Sie ist meiner Meinung nach nicht nur die Beste, sondern auch eine der sympathischsten Spielerinnen. Für mich ist es eine große Ehre gegen so eine Spielerin spielen zu dürfen.

Hatten Sie im Frauenfußball jemals ein Vorbild in Österreich oder Deutschland?

In Deutschland oder Österreich nicht, aber ich bin ein großer Fan von Kelly Smith von Arsenal London. Für mich ist die Britin die beste Fußballerin der Welt, dies bekam ich in Österreichs Nationalelf in der WM-Qualifikation bei 2 Niederlagen (1:4 und 0:4) deutlioch zuspüren.

Abschliessende, ganz andere Frage: wie weit ist Ihr Tennis- Trainer-Diplom fortgeschritten?

Die Fortbildung ist derzeit „auf Eis gelegt”, mangels Zeit, aber nach meiner Fußballzeit möchte ich auch dieses Ziel verwirklichen!

Frau Aigner, herzlichen Dank für das ausführliche Interview und viel Erfolg für die Zukunft!


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