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DFB-Pokal Halbfinale

Zu passive Essenerinnen machen es Jena leicht

FF USV Jena - SG Essen-Schönebeck 3:0 (2:0)

Text von Sascha Pfeiler

05.04.2010   Mit einem souveränen und jederzeit ungefährdeten 3:0 gegen die SG Essen-Schönebeck zieht der FF USV Jena ins DFB-Pokalfinale am 15. Mai 2010 in Köln ein und schreibt damit Vereinsgeschichte.

Mit einem so großen Zuschauerinteresse haben wohl nicht einmal die Organisatoren des USV Jena gerechnet. 5 Minuten vor dem Anpfiff des Pokalhalbfinals im Jenaer Ernst-Abbe-Sportfeld standen noch große Menschenmengen vor den Eingangstoren zum Stadion, so dass die Anstosszeit kurzerhand um eine viertel Stunde nach hinten verlegt werden musste.

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Das Spiel war für die Fans beider Vereine etwas ganz besonderes, wie der hohe Zuschauerandrang und die vielen liebevoll gestalteten Spruchbänder zeigten

Bilder: Sascha Pfeiler

Als Schiedsrichterin Martina Storch-Schäfer um 14:15 Uhr endlich anpfeifen konnte, waren 2.713 Zuschauer dabei, so eine große Kulisse hat es in der Geschichte des Thüringer Frauenfussballs noch nie gegeben. Gute Stimmung also im Stadion, Anfeuerung für beide Mannschaften, denn auch die Gäste haben eine beachtliche Zahl von Fans aus Essen nach Thüringen mitgebracht, darunter sogar auf Einladung der SGS Fans von Rot-Weiss Essen.

Mannschaften

Mit 12 Min. Verspätung ging es dann endlich los: Der Einlauf der Mannschaften

Bild: Karin Reuter

Der USV Jena begann das Spiel sofort druckvoll. Man wollte vor heimischer Kulisse von Beginn an zeigen, dass man nicht zufällig im Halbfinale steht und unbedingt ins Finale einziehen will. Dieser absolute Wille und die Motivation hätte nach 4 Minuten eigentlich mit einem Platzverweis für Jenas Topstürmerin Genoveva Anonma geahndet werden müssen, als sie nach einem Zweikampf mit Essens Verteidigerin Carina Chojnacki die Beherrschung verlor und eine klare Tätlichkeit begang. Anonma hatte großes Glück, dass sie dafür nur mit dem gelben Karton bestraft wurde. Allerdings musste die Nationalspielerin Äquatorialguineas nun für mindestens 86 Minuten in jedem Zweikampf einen Gang zurückschalten. Jenas Trainerin Heidi Vater später zu dieser Situation: „Ich habe gar nicht gesehen, was passiert ist.”

Vanessa Martini gegen Genoveva Anonma

Genoveva Anonma, die hier von Vanessa Martini nicht mehr zu halten ist, leistete sich zu Beginn des Spiels eine Unbeherrschtheit, für die sie vom Platz hätte fliegen können. Doch Anonma kam mit Gelb davon und machte ein gutes Spiel

Bild: Sascha Pfeiler

Anonma war allerdings keine Zurückhaltung bei ihren Antritten anzumerken, das Spiel der Jenaerinnen ist auf die schnelle Stürmerin zugeschnitten und das war auch im Halbfinale in fast allen Spielsituationen zu sehen. In der 12. Spielminute legte sie in einem schnell gespielten Angriff etwa 25 Meter vor dem Essener Tor nach rechts zu Spielmacherin Ivonne Hartmann ab, die wiederum sofort abzog. Den Ball traf Hartmann nicht richtig, folglich ergab sich noch keine große Gefahr für das Tor von Essens Schlußfrau Lisa Weiß.

Stephanie Milde gegen Stefanie Weichelt

Stephanie Milde im Kopfballduell mit Stefanie Weichelt, rechts Marlyse Bernadette Ngo Ndoumbouk

Bild: Sascha Pfeiler

Die Zuschauer sahen eine zaghafte und zu passive SG Essen-Schönebeck in dieser Phase. In den Zweikämpfen kam man zu spät, die Zuspiele waren ungenau, Druck auf das gegenerische Tor war kaum zu erkennen. Sehr deutlich wurde diese zu unbekümmerte Spielweise nach einer halben Stunde, als sich Genoveva Anonma ohne Mühe den Ball von Essens Spielführerin Melanie


Jubel Jena

Des einen Freud - des anderen Leid: Die Spielerinnen von Jena jubeln über den Einzug ins Finale des DFB-Pokals, die Essenerin Kyra Malinowski sitzt traurig auf dem Boden

Bild: Karin Reuter

Hoffmann klauen konnte, sofort auf Angriff umschaltete und in Richtung Tor zog. Mit einem beherzten Schuss aus knapp 30 Metern wollte sie Lisa Weiß überraschen, doch die SGS Torfrau war hellwach und konnte den Ball ohne Mühe fangen.

Kathleen Radtke gegen Stefanie Weichelt

Kathleen Radtke im Laufduell mit Stefanie Weichelt

Bild: Karin Reuter

Kurz vor der Halbzeit dann die beste Phase beider Mannschaften. In der 40. Minute trat Ivonne Hartmann 5 Meter vor dem Strafraum der Gäste zu einem Freistoß an, die Essener Mauer sprang nicht richtig hoch und der Ball landete unten rechts in der Torwartecke. 1:0 für den USV Jena, der Jubel im Stadion war entsprechend groß.

Freistoßtor Jena
Freistoßtor Jena

Mit diesem Freistoß erzielte Jenas Kapitänin Ivonne Hartmann (Nr. 10) den wichtigen Führungstreffer für ihr Team

Bilder: Karin Reuter

Nur eine Minute später ergab sich auf der anderen Seite fast die gleiche Situation. Ein Freistoß wurde von Melanie Hoffmann hoch in den Jenaer Strafraum gespielt und Daniela Löwenberg sprang am höchsten, kam per Kopf an den Ball. Torhüterin Jana Burmeister musste sich ganz lang machen, um den Ball noch in allerhöchster Not mit den Fingerspitzen über das Tor zu lenken.

Wieder nur eine Minute später überwand Jenas Anna Höfer das gesamte Mittelfeld mit einem langen und platzierten Pass aus der eigenen Hälfte auf die davoneilende Anonma, die plötzlich ganz allein vor dem Strafraum der Essenerinnen war. Lisa Weiß stürmte aus ihrem Kasten, doch Anonma lupfte den Ball geschickt und abgezockt über die Torhüterin zum 2:0 Halbzeitstand.

Kathleen Raktke und Genoveva Anonma

Genoveva Anonma führte mit ihren Toren zum 2:0 und zum 3:0 die Entscheidung herbei und wird hier von Lisa Seiler, die die Vorlage zum 3:0 gegeben hatte, verdientermaßen geherzt

Bild: Sascha Pfeiler

Ralf Agolli, Essens Trainer, musste sich in der Halbzeit etwas einfallen lassen, um seiner Mannschaft die richtige Motivation für die zweite Hälfte einzuhauchen. Und seine Spielerinnen versuchten es auch. Sofia Nati, U19 Nationalspielerin, kam für Caroline Hartmann ins Spiel. Die ersten 25 Minuten nach der Pause gehörten der SG Essen-Schönebeck. Kyra Malinowski, ebenfalls U19 Nationalspielerin, hatte wohl die größte Chance auf den Anschluss, als sie nach einem beherzten Sprint auf der linken Seite auf Jenas Tor zulief und von Anna Höfer nicht zu stoppen war. Jana Burmeister im Jenaer Tor machte die kurze Ecke zu und konnte den straffen Schuß von Malinowski mit dem Fuß abwehren. Wenig später in der 60. Minute flankte Sofia Nati von rechts über die gesamte Jenaer Abwehr auf Kyra Malinowski, die flach nach innen auf Stefanie Weichelt passte. Doch der Abschluß von Weichelt war zu schwach und unplatziert, keine Probleme für Burmeister.

Erst ab der 70. Minute konnte sich der USV Jena wieder befreien. Das große Ziel, der Einzug ins Pokalfinale, kam immer näher. Sabrina Schmutzler passte sehenswert mit der Hacke auf die in der Mitte stehende Sylvia Arnold, die von der Strafraumgrenze abzog. Der Ball ging nur knapp über das Essener Tor. Arnold wurde kurz drauf mit Krämpfen ausgewechselt, für sie kam Lisa Seiler, die sofort für Furore sorgte.


In der 75. Minute flankte sie aus vollem Lauf von rechts in den 5-Meter-Raum, dort stand Genoveva Anonma, die mit dem Einschieben zum 3:0 die Tür ins Endspiel nun komplett geöffnet hatte und den Traum vom ersten Pokalfinale für die Essenerinnen endgültig zum Platzen gebracht hat.

In der Schlußphase drehte die SGS nochmal auf. Am gefährlichsten wurden die Essenerinnen bei einem Eckstoß, bei dem die eingewechselte Jessica Bade völlig frei zum Kopfball kam. Aber wieder fanden die Gäste ihre Meisterin in Jenas Schlussfrau Jana Burmeister, die mit einer Glanzparade ihre weiße Weste sicherte. Kurz drauf pfiff Schiedsrichterin Storch-Schäfer die Partie ab und der Jubel der Pokalfinalistinnen aus Jena kannte keine Grenzen mehr. Überschwenglich wurde auf dem Rasen gefeiert, als ob man schon den Pokal gewonnen hätte. Kein Wunder, denn der Einzug ins Pokalfinale bedeutet den größten Vereinserfolg in der Geschichte des USV, obwohl man schon einmal Finalluft schnuppern durfte. Vor 21 Jahren, 1989 standen die Jenaerinnen (damals noch HSG Uni Jena) im Endspiel des „Pokal des demokratischen Frauenbundes” der DDR, wo man mit 1:0 gegen Rotation Schlema verlor.

Jana Burmeister

Da scheint noch etwas die Übung zu fehlen: Jenas Keeperin Jana Burmeister beim Öffnen einer Flasche Sekt

Bild: Sascha Pfeiler

Trainerstimmen nach dem Spiel

Ralf Agolli: „Herzlichen Glückwunsch an Heidi Vater und ihre Mannschaft zum völlig verdienten Einzug ins Pokalfinale. Wir hatten heute nichts dagegenzusetzen, haben ohne Mut gespielt und zu viele Fehler gemacht. Mir ist es allerdings suspekt, dass die Organisatoren den Anstoß wegen zu großem Zuschauerandrang um eine viertel Stunde nach hinten verschoben haben. Das zeugt von einer schlechten Organsisation. Ich habe schon bessere Gastgeber gesehen.”

Heidi Vater: „Ich bin sehr zufrieden mit der Leistung meiner Mannschaft. Wir haben genau das umgesetzt, was wir uns vor dem Spiel vorgenommen hatten. Mit dem Einzug ins Endspiel haben wir uns einen Traum erfüllt, ich bin stolz und voller Vorfreude auf den 15. Mai. Ein großer Dank gilt der tollen Kulisse hier in Jena. Die Unterstützung und Anfeuerung der Fans hat uns 90 Minuten lang vorangepeitscht, manche Spielerin sogar zu Krämpfen getrieben.”

Jubel Jena

Ausgelassener Jubel bei Genoveva Anonma (am Boden), Ivonne Hartmann, Anja Pioch und Kathleen Radtke. Ob jetzt im Finale sogar eine Überraschung gelingt?

Bild: Karin Reuter

FF USV Jena:
Burmeister - J. Arnold, Utes, Schmutzler (85. Treml), Höfer, Hartmann, Radtke, S. Arnold (74. Seiler), Milde, Ngo Ndoumbouk (82. Groll), Anonma

SG Essen-Schönebeck:
Weiß - Chojnacki (80. Kraus), L. Hoffmann, Martini, M. Hoffmann, Löwenberg (69. Bade), Malinowski, Wesely, Weichelt, Hamann (46. Nati), Zurrer

Tore:
1:0 Hartmann (40.)
2:0 Anonma (42.)
3:0 Anonma (75.)

Gelbe Karten: Anonma / Wesely, Malinowski

Schiedsrichterin: Martina Storch-Schäfer (Petersberg)

Zuschauer: 2.713


Weitere Fotos unter:
www.girlsplay.de


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