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Wahl zur Weltfußballerin 2007

Dann aber kam Marta

Marta Vieira da Silva (Brasilien)

Von Rainer Fußgänger

21.12.2007   Die bald 17-Jährige Schweizerin Ramona Bachmann von Umeå IK möchte die beste Fussballspielerin der Welt werden, und zweifellos ist sie eines der größten Talente im internationalen Frauenfußball. Als ich kürzlich mit der norwegischen Mittelfeldspielerin Lise Klaveness sprach und darauf kam, lachte sie und sagte, dass sie auch noch daran geglaubt hätte, als sie nach Umeå kam. Dann aber habe sie Marta gesehen.

Die 21-jährige Brasilianerin wird im nächsten Jahr bereits ihre fünfte Saison im hohen Norden spielen und ist zweifelsohne DER Star der „besten Liga der Welt“, der schwedischen Damallsvenskan. Das zeigt sich nicht nur darin, dass das Trikot mit der Rückennummer 60 der meistverkaufte Artikel aus dem Merchandising von Umeå IK ist, sondern auch darin, dass sie selbst bei Auswärtsspielen in Schweden von den Fans der jeweiligen Heimmannschaft angefeuert, ihre Kabinettstückchen und Tore frenetisch bejubelt werden.

Für eine Südamerikanerin ist es sicher nicht leicht, sich im hohen Norden Europas zu akklimatisieren, aber Marta fühlt sich sehr wohl in Umeå. Der Verein arbeitet hochprofessionell nicht nur im sportlichen Bereich, sondern schafft es dank der Unterstützung vieler Freiwilliger, Sponsoren und auch der Stadt Umeå, seinen von auswärts kommenden Spielerinnen ein Umfeld zu schaffen, in dem sie sich offenkundig schnell zurechtfinden können. So schlug Marta bereits vor gut einem Jahr unter anderem ein Angebot von Linköpings FC aus, das finanziell wesentlich lukrativer gewesen wäre.

Marta Vieira da Silva

Geburtsdatum: 19.02.1986
Position: Angriff
Aktueller Verein: Umeå IK
Größte Erfolge: Olympia-Silber 2004, Vize-Weltmeisterin 2007, Schwedische Meisterin 2005, 2006 und 2007, Schwedische Pokalsiegerin 2007
Persönliche Auszeichnungen: Weltfußballerin 2006 und 2007, Goldener Ball und Goldener Schuh bei der WM 2007

Die Saison 2007 in der Damallsvenskan sollte nach Expertenmeinung wesentlich ausgeglichener verlaufen als das Vorjahr – Umeå hatte eine Reihe von erstklassigen Spielerinnen abgeben müssen, die Finninnen Sanna Valkonen und Anne Mäkinen zogen nach Süden in die Nähe der Hauptstadt und Mittelfeldstar Malin Moström beendete ihre Karriere ebenso wie Anna Sjöström. Aber Umeå gewann dann doch die ersten zehn Begegnungen der Hinrunde und verlor lediglich im letzten Spiel daheim ausgerechnet gegen den ärgsten Konkurrenten Djurgården, der allerdings schon anderswo Punkte gelassen hatte. Und selbstverständlich hatte Marta ihren nicht unwesentlichen Anteil an der letztlich doch souveränen Tabellenführung.

Trainer Andrée Jeglertz gibt dabei seinem Star grosse Freiheiten - mal spielt Marta im offensiven Mittelfeld, mal geht sie in die Spitze, und nachdem die Schweizerin Ramona Bachmann

Marta

Keine spielt eleganter Fußball als die 21-jährige Brasilianerin.

Foto: Anders Henrikson.

sich in der Startformation etabliert hatte und meist auf Rechtsaußen begann, wechselten Marta und Ramona während eines Spiels immer wieder mal die Seiten, was es den gegnerischen Teams nicht gerade leichter machte. Zu glauben, dass Umeå jedoch völlig von Marta abhängig sei, wäre ein Trugschluss. Aber in ihr hat man eine Spielerin, die immer wieder Spiele ganz alleine entscheiden kann.


Marta

Immer sowohl bei den eigenen als auch den gegnerischen Fans gefragt: Marta Vieira da Silva.

Foto: Erik Muskus

Das schwedische Pokalfinale Mitte August bestritten Umeå und Aufsteiger AIK und fand im Skytteholms Stadion in Solna statt – ein Heimspiel für AIK. Der haushohe Favorit führte zur Halbzeit mit 3:0 und Marta hatte in der zehnten und vierzehnten Minute die ersten beiden Treffer für UIK erzielt. Niemand glaubte mehr daran, dass AIK noch den

Flagge Brasilien

Hauch einer Chance hätte. Nationaltrainer Thomas Dennerby sagte dem schwedischen Rundfunk in der Pause, dass bestenfalls ein schneller Treffer von AIK in der zweiten Hälfte noch ein wenig Spannung bringen könne. Der schnelle Treffer fiel, ein weiterer und sogar der Ausgleich durch Frida Höglund in der 80. Minute. Die Spielerinnen des schwedischen Meisters waren konsterniert und schienen stehend k.o. zu sein. Man wartete allenthalben auf die Verlängerung, als wer anders als Marta vier Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit einen ihrer unnachahmlichen Sololäufe startete und den Ball mit einem harten platzierten Schuss unhaltbar für AIK:s Torfrau Sofia Lundgren zum 4:3 Siegtreffer versenkte.

Worin liegen die Stärken der 21-Jährigen? Es ist eine Kombination aus mehreren Dingen, die nicht wenige zu der Schlussfolgerung kommen lässt, dass Marta dem Frauenfußball eine völlig neue Dimension zugeführt hat: Marta ist eine der schnellsten Spielerinnen überhaupt und ihre Schnelligkeit kombiniert sie mit einer nahezu perfekten Körperbeherrschung, technischer Vollendung und der Fähigkeit, auch in bedrängten Situationen das Gleichgewicht zu behalten und platziert schiessen oder abspielen zu können.

Die Weltmeisterschaft in China sollte zur grossen Showbühne der 21-Jährigen werden, die zumindest für diejenigen, die sie aus Schweden kennen, erwartungsgemäß mit sieben Toren beste Torschützin des Turniers wurde. Darüber hinaus gewann sie den Titel beste Spielerin. Und trotzdem war Marta so etwas wie die tragische Heldin dieser WM, als sie den Elfmeter im Finale gegen Deutschland viel zu unplatziert schoss und damit Deutschlands Torfrau Nadine Angerer zur Heldin machte.

Mit dem verschossenen Elfer reihte sich Marta jedoch ein in die Reihe großer Fussballspieler wie Roberto Baggio, David Beckham und viele andere, die in entscheidenden Begegnungen Strafstöße verschossen haben. Nach dem Sieg der deutschen Mannschaft zeigte sich Marta auch als große Verliererin und gratulierte den Deutschen artig zum Erfolg. Zur Silbermedaille sagte sie: „Das bedeutet viel. Wir haben bewiesen, dass wir jedes Jahr besser werden, obwohl wir in Brasilien nicht einmal eine Liga haben. Mehr als je zuvor muss jetzt der brasilianische Verband etwas für uns tun, damit wir den großen Teams aus Deutschland und den USA auf Augenhöhe begegnen können. Diese Mannschaften haben die volle Unterstützung ihrer Verbände.“

Dabei hatte Brasilien die favorisierten US-Amerikanerinnen


im Halbfinale der WM mit 4:0 entzaubert. Mehr als 50 Spiele lang hatten die Schützlinge von Greg Ryan nicht verloren und waren dann gegen Brasilien chancenlos. Marta schoss dabei das schönste Tor des Turniers, als sie den Ball auf dem linken Flügel links über ihre Gegenspielerin hob, rechts an ihr vorbeilief und dann nachdem sie eine weitere Verteidigerin düpiert hatte mit einem harten Flachschuss ins linke untere Eck Brianna Scurry zum zweiten Mal das Nachsehen gab.

Zurück in Schweden konnte Marta im November mit ihren Mannschaftskameradinnen in Umeå die sechste schwedische Meisterschaft feiern (ihre dritte in Folge). Und endlich wurde sie auch als beste Stürmerin der schwedischen Liga ausgezeichnet, ein Titel, der im Vorjahr noch an Schwedens Nationalstürmerin Lotta Schelin gegangen war. Zwar hatte Lotta auch in der Saison in der Torjägerliste mit 26:25 aus 22 Spielen die Nase knapp vorn, aber es stand außer Zweifel, wem der Titel gebührte.

Hanna Ljungberg, Marta

Hanna Ljungberg (l.) und Marta (hier mit dem Meisterpokal) bilden auch nächstes Jahr ein fast unschlagbares Duo bei UIK.

Foto: Erik Muskus

Und beim letzten Spiel der Saison beim Vizemeister Djurgården gab es dann nicht nur den Meisterschaftspokal für die in goldenen Trikots angetretenen Spielerinnen aus Nordschweden, sondern auch die Nachricht, auf die man viele Wochen hatte warten müssen – Marta hat ihren Vertrag mit UIK um ein weiteres Jahr verlängert. Dank einer Sammelaktion und letztlich der Hilfe des Hauptsponsors, eines deutschen Automobilherstellers aus Wolfsburg, konnte man ein Monatsgehalt für Marta aufbringen, dass zwar nicht den anderen Angeboten entsprach, aber eben reichte. Gerüchten zufolge wird Marta in der Saison 2008 monatlich etwa 10.700 € verdienen.

„Das Geld ist nicht das Wichtigste. Ich fühle mich sehr wohl in Umeå und die schwedische Liga ist die beste der Welt,“ sagte die Brasilianerin in Stockholm auf der Fussball-Gala und fügte hinzu, dass sie bei ihren Mannschaftskameradinnen aus Südamerika ordentlich Werbung für die schwedische Liga gemacht habe. Auszuschließen ist demnach nicht, dass es neben Marta und Elaine, die ihren Vertrag bis Ende 2009 verlängerte, im kommenden Jahr noch mehr Brasilianerinnen gibt. So wird man ab April 2008 wieder die gegnerischen Fans mit „Marta-Marta“-Sprechchören auf den Sportplätzen in Schweden hören können.

Und wer ihren großen sportlichen Ehrgeiz kennt, wird wissen, dass Marta alles daran setzen wird, bei den beiden Ligabegegnungen gegen Djurgården den einen oder anderen Ball im Tor von Nadine Angerer unterzubringen.


Einleitungstext

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