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1. Bundesliga: Rückzug des Hamburger SV aus der Bundesliga

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03.06.2012  Die Rückgabe der Bundesliga-Lizenz durch den Vorstand des Hamburger SV erfolgte knapp vor der vom DFB gesetzten Meldefrist, daher bestand nie ein zeitlicher Spielraum, um diese Entscheidung noch rückgängig zu machen. Doch je mehr über die Hintergründe bekannt wird, desto deutlicher wird es, dass man entweder bewusst nie ernsthaft versucht hat, den Bundesliga-Frauenfußball beim HSV zu retten, oder unabsichtlich so dumm agiert hat, dass viele Chancen, das Ruder herum zu reißen, ungeprüft verstrichen sind. Auf jeden Fall haben die Verantwortlichen auf ganzer Linie versagt.

„Am Gesamtetat von 750.000 Euro für die neue Saison fehlten nur 70.000 bis 100.000 Euro”, berichtete die Hamburger Morgenpost. Ursprünglich war von einer Kürzung des Etats von 150.000 Euro die Rede gewesen. Selbst diese Summe erscheint zu gering, um einen solch gravierenden Schritt wie die komplette Aufgabe des Bundesliga-Fußballs der Frauen zu rechtfertigen, jedenfalls wenn man sich die Möglichkeiten, die eine Weltstadt wie Hamburg bietet, bewusst macht. Hier müssten mehr Sponsorengelder zu generieren sein als in den meisten anderen Städten. Angesichts des Gesamtetats des Hamburger SV, angesichts der Millionengehälter und Transfersummen, die für die männlichen Spieler gezahlt werden, erscheint dieser Schritt geradezu skandalös.

FanSoccer versuchte, mit Verantwortlichen des HSV über diese Zusammenhänge zu reden. Seitens der Frauenfußball-Abteilung wurde aber jeder Kommentar verweigert und auf den Vorstandsvorsitzenden Carl-E.Jarchow verwiesen, der einzig und allein Rede und Antwort stehen könne. Dank der Vermittlung der Pressestelle antwortete Herr Jarchow dann auch per Mail auf unsere Fragen. Wie man im folgenden sehen wird, zwar sehr ausweichend, aber doch aufschlussreich:

Frage: In der Presse war zu lesen, dass es letztlich um die Einsparung von 150.000 Euro gehen würde. Nun gibt es sogar Artikel, in denen nur von 100.000 Euro die Rede ist. Gleichzeitig liest man von einem Gesamtminus des Vereins von derzeit 5 Millionen Euro. Ist es wirklich wahr, dass es letztlich nur um Beträge in der Größenordnung von 150.000 Euro ging?

Carl Jarchow: Wir befinden uns beim Frauen-Bundesligafußball des HSV in einem Bereich, den wir als Verein seit mehr als zehn Jahren mit hohen sechsstelligen Beträgen subventioniert haben. Grundsätzlich hat der Vorstand das Ziel, nach zwei defizitären Geschäftsjahren im kommenden Geschäftsjahr mit einem ausgeglichenen Haushalt abzuschließen. Diese Zielsetzung bedingt unter anderem, dass die Zuschüsse in Vereinsbereiche, die sich nicht eigenständig finanzieren können, reduziert werden müssen.

Frage: Wer hat die Entscheidung getroffen, die Lizenz für die Bundesligamannschaft zurück zu geben, der Vorstand oder die Leitung der Frauenabteilung?

Carl Jarchow: Die Frage war, ob man mit dem reduzierten Betrag eine wettbewerbsfähige Mannschaft aufstellen kann. Wir haben alle Möglichkeiten erörtert, um eine zusätzliche Finanzierung durch Sponsoring oder ähnliche Maßnahmen zu realisieren. Leider war keine Möglichkeit tragbar. Insofern haben wir die Konsequenz gezogen, und haben den DFB darüber informiert, dass wir die Lizenz für die Bundesliga zurückgeben. Diese Entscheidung hat der Vorstand zusammen mit der Frauenabteilung getroffen.

Damit bestätigt Jarchow im Prinzip die Größenordnung der Gelder, um die es geht. Deutlich wird aber auch, dass Jarchow, der seit einem guten Jahr den Vorstandsvorsitz übernommen hat, einfach nicht gewillt ist, die Zuschusspolitik seiner Vorgänger bezüglich der Frauenabteilung fortzusetzen. Zehn Jahre habe man Geld in die Abteilung gesteckt, jetzt müsse damit Schluss sein, ist seine Argumentation. Die Antwort auf die zweite Frage bestätigt darüber hinaus, dass es sehr wohl möglich gewesen wäre, mit reduzierten Geldern eine Bundesligamannschaft aufzustellen. Man war aber der Meinung, diese wäre dann nicht wettbewerbsfähig gewesen. Da stellt sich natürlich die Frage, wie andere Bundesligavereine mit von vorne herein kleinerem Etat eine wettbewerbsfähige Mannschaft zusammen stellen können!

Frage: Wieso soll es in einer Weltstadt wie Hamburg nicht möglich sein, Frauenfußball auf Bundesliganiveau zu finanzieren?

Carl Jarchow: Das hat sicherlich etwas mit der ganz starken Konzentration auf die Herren-Bundesligamannschaft in Hamburg zu tun. Vielleicht hat ein Verein außerhalb des HSV, der sich sehr stark auf den Frauenfußball fokussiert und bei dem der Männerbereich eine untergeordnete Rolle spielt, durchaus eine Chance, längerfristig andere Möglichkeiten der Vermarktung und kann an Zuschauerzuspruch gewinnen.

Fragt sich nur, wer sich hier so auf die Herren-Bundesligamannschaft konzentriert. Die vielgestaltige Bevölkerung der 1,8 Millionen-Metropole, oder der Vorstandsvorsitzende des Hamburger SV...

In anderen Städten gibt es schließlich auch große Männerfußballvereine, und der Frauenfußball funktioniert – auf dem ihm eigenen niedrigen finanziellen Niveau – trotzdem.


Vielleicht muss man der Frauenabteilung den Vorwurf machen, dass sie sich das Leben lange im vermeintlich sicheren Schutz des großen Gesamtvereins zu einfach gemacht und zu wenig um Sponsoren bemüht hat. Doch auch von Seiten derer, die mit den Sponsoren der Männerabteilung verhandelt haben, wurde offensichtlich zu wenig unternommen, um diesen eine Beteiligung auch bei den Frauen schmackhaft zu machen. Immerhin wäre hier für die Sponsoren für wenig Geld viel Renommee zu holen gewesen. Welche Solidaritätsaktionen möglich gewesen wären, wenn man sich nur ein wenig darum bemüht hätte, zeigt die Aktion des HSV-Profis Marcell Jansen, der spontan anbot auf einen kleinen Teil seines Gehalts zu verzichten, um mit diesem Geld die Frauen zu retten. Sport-Bild rechnete vor, dass 20 Spieler nur je 5.000 Euro beisteuern müssten, um die fehlenden 100.000 Euro zusammen zu bekommen. Pro Jahr wohlgemerkt, wobei das Jahresgehalt des HSV-Männerprofis Paolo Guerrero mit vier Millionen Euro angegeben wird! Schon bevor die Aktion von Marcell Jansen bekannt wurde, hatten wir Herrn Jarchow folgendes gefragt:

Frage: Aus England wird ein Fall berichtet, in dem in einer ähnlichen Situation ein Spieler der Männermannschaft eine Spendenaktion einleitete, einen kleinen Teil seines Gehalts spendete und so die Frauenabteilung retten konnte. Wurde in Hamburg ähnliches in Erwägung gezogen, wenn nein, warum nicht?

Carl Jarchow: Nach unseren Vorstellungen kann sich der Gesamtverein Profibereiche auf Dauer nur leisten, wenn nach einer gewissen Zeit die Entwicklung erkennbar ist, dass sich dieser Bereich auch selber trägt. Unsere Erfahrungen der vergangenen Jahre hat gezeigt, dass eine mögliche Spendenaktion kein probates Mittel dafür ist.

Ein Profibereich war der Frauenfußball im HSV nie. Bei den Handballern sieht man es beim HSV anders als beim Frauenfußball: die eigenständigen Handballer laufen seit 10 Jahren unter dem Wappen des HSV auf und zahlten dafür lange Zeit 200.000 Euro pro Jahr. Vor zwei Jahren wurde dieser Betrag auf 25.000 Euro gekürzt, aktuell wird diskutiert, ganz auf eine Gebühr für die Raute zu verzichten. Heißt, während für die eigenen Frauen kein Geld da ist und deren Betrieb eingestellt wird, bekommt ein assoziierter Handballverein 200.000 Euro erlassen. Dem sei es gegönnt, doch merkwürdig erscheint das schon...

Fakt ist jedenfalls, auf die Idee, mal bei den Männerprofis anzufragen, ob sie nicht (durchaus auch imagepflegend für sich selber) einen winzig kleinen Teil ihres exorbitanten Gehalts für die Frauen spenden wollten, ist man im Vorstand nicht gekommen. Und auch sonst hielt man sich so lange bedeckt, wie es nur möglich war, um Rettungsversuche gar nicht erst aufkommen zu lassen. Die Hamburger Morgenpost berichtete, dass Benjamin Eta, der Freund von HSV-Spielerin Marie-Louise Bagehorn, mit anderen Unterstützern ein Konzept entwickelt habe, die Finanzlücke zu schließen. „Wir waren sehr weit, haben die Sponsorensuche angeleiert”, wird der Landesliga-Spieler von Blau-Weiß 96 Schenefeld in der Morgenpost zitiert. „Sieben Stammspielerinnen wollten trotz Gehaltseinbußen bleiben, zwei Spielerinnen des Erstligisten Leipzig kommen.”, heißt es dort weiter. Doch letztlich habe der Verein sich gegen dieses Konzept entschieden und die Bundesliga-Lizenz der Frauen abgegeben.

Ein neuer, reiner Frauenfußballverein müsste jetzt ganz von unten wieder anfangen, selbst wenn alle jetzigen Bundesliga-Spielerinnen des HSV dort mitspielen würden, denn die Lizenz ist unwiderruflich weg.

Kleiner Vorteil für die Männerabteilung des HSV: durch die komplette Aufgabe der Frauen hat man nun über den reduzierten Zuschuss hinaus auch die Gelder zur freien Verfügung, die man den Frauen weiter zuzugestehen bereit war. Ein Schelm, wer böses dabei denkt...

Fazit:

Man mag die Entscheidung, eine Abteilung in einem Gesamtverein, dessen Schwerpunkt auf dem Männerfußball liegt, nicht auf Dauer zu subventionieren, möglicherweise sogar nachvollziehen können. Aber man hätte sich mit wesentlich größerem, von außen wahrnehmbaren Einsatz um neue Gelder bemühen können. Eine große öffentliche Aktion „Rettet den Frauenfußball beim Hamburger SV”, unterstützt vielleicht noch durch Profis wie Marcell Jansen, hätte durchaus Chancen auf Erfolg gehabt.
Wenn man aber im Stillen gewusst hat, dass man eigentlich den Frauen-Bundesligafußball nicht mehr weiter betreiben wollte, hätte man wenigstens frühzeitig einen anderen Verein oder Kooperationen mit anderen Vereinen suchen können, um die Lizenz für die Bundesliga in Hamburg halten zu können. Mit etwas mehr Zeit wäre dies mit Sicherheit eine aussichtsreiche Variante gewesen.

So, wie man es jetzt gemacht hat, hat man die Arbeit all derer, die sich in den letzten Jahren für den Frauenfußball beim HSV engagiert haben, kaputt gemacht, und hat den Spielerinnen, die mit großem Einsatz bis zum Schluss dabei waren und die, zum Teil zumindest, an die Stadt Hamburg gebunden sind und die natürlich auch gerne als Team zusammen geblieben wären, schweres Leid angetan.


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