Teil I: Beschreibung der Fankultur
Ich komme aus dem Männerfußball. Ich habe die letzten 26 Jahre meines Lebens zugeschaut, wie meine Bielefelder Arminia durch die drei höchsten deutschen Spielklassen gehüpft ist. Was bringt mich also auf die (leider) männerfußballguckeruntypische Idee, mich mit dem Frauenfußball zu befassen? Nun, die Länderspiele der Frauennationalmannschaft habe ich immer gern geschaut. Der Film „Die besten Frauen der Welt“ hat mich begeistert. Die WM 2011 hat mich endgültig angefixt. Neben dem, was auf dem Spielfeld passiert, interessiere ich mich für die so herrlich menschlichen Vorgänge neben den Spielfeld, also: Für die Fans und die Fankultur. Meine Rundumbeobachtungen teile ich regelmäßig auf www.fankultur.com mit. Und so habe ich die Fankultur des Frauenfußballs in Theorie und Praxis in Augenschein genommen.
Die demographische Zusammensetzung des Publikums im Frauenfußball unterscheidet sich stark vom Männerfußball. Der Fanforscher Hans Stollenwerk führt aus, der Anteil von Zuschauern unter 20 Jahren sei erheblich höher. Von denen seien 70 bis 80 Prozent Mädchen, die zumeist selbst Fußball spielen. Auch kämen deutlich mehr ältere Zuschauer zu Spielen der Frauenbundesliga ins Stadion, so Stollenwerk (de-Redaktion 2011). Doris Fitschen sagt zu SPOX, daß junge Mädchen eine wichtige Zielgruppe der „Marke Frauenfußball“ seien. Man wolle sie so zum Fußballspielen motivieren. Hinzu kämen die dazugehörigen Familien. Folgerichtig sind Familienbesuche im Frauenfußball weitaus häufiger als im Männerfußball. Außerdem finden sich Familien, Freunde und Bekannte der Spielerinnen auf den Rängen. Das sei für die Aktiven, so Ariane Hingst zum ZDF, ein „wichtiger Halt“.
Ebenfalls prägend ist ein „harter Kern“ an Fans, die zwischen Verein, Spielerinnen und Publikum aktiv sind, bei jedem Spiel des jeweiligen Clubs dabei sind und oftmals ehrenamtliche Arbeiten übernehmen, wie etwa Öffentlichkeitsarbeit, Organisation von Fanfahrten oder den Fanartikelverkauf. Beispiele hierfür sind der „1. Fanclub“ des 1.FFC Frankfurt und der Fanclub „Bierbudenpower“ des FCR Duisburg. Natürlich gibt es auch eine „Laufkundschaft“ aus „Neugierigen“, wie Hannelore Ratzeburg im Interview mit 11FREUNDE betont. Es sei charakteristisch, daß man sich untereinander kennt, miteinander spricht und viel Kontakt zu Verein und Spielerinnen habe, so Ludwig Guril vom Frankfurter Fanclub zur taz. „Man kennt die Gesichter“, bestätigt Ariane Hingst. „Wir kennen die vom Sehen“, sagt Kim Kulig.
Entsprechend ist auch die Stimmung im Stadion weniger „extrem“ (Ratzeburg), da die „kritische Gruppe“ männlicher Fans zwischen 18 und 35 Jahren hier deutlich in der Minderheit ist (Stollenwerk) Die Anwesenden sind, so Ludwig Guril, erstmal „alle Fans des Frauenfußballs“. Es gebe Rivalitäten, doch bleibe die Atmosphäre immer ohne Haß. Der „1. Fanclub“ des 1. FFC Frankfurt untersagt Schmähungen gegen gegnerische Spieler und Fans sowie gegen Schiedsrichter in seiner Satzung. Im Outfit unterscheiden sich die Fans im Frauenfußball nicht vom Männerfußball: Schal und Trikot werden gern getragen. Auch Fahnen werden gern genommen. Transparente bezeugen, dass man „stolz auf die Mädels“ sei (VfL Wolfsburg), und da sei, „Da wo ihr spielt“ (Turbine Potsdam). Der Support ist nicht kreativ, als Beispiele seien das „Ecke! Ecke! Ecke! – Tor! Tor! Tor!“ der Frankfurt-Fans beim eigenen Eckball genannt oder die Marotte der Potsdam-Fans, auswärts nach Toren der eigenen Mannschaft selbst eine „Stadiondurchsage“ einschließlich Torhymne zu imitieren.
Es ist kein Geheimnis, dass der Frauenfußball in mehreren Teufelskreisen steckt: Ohne das Medieninteresse ist es nur schwer möglich, Sponsoren zu generieren. Ohne Sponsoren ist auch die Kapitalisierung nicht möglich. Ohne Kapital können kaum professionelle Strukturen auf breiter Basis geschaffen werden. Die geringe Medienpräsenz bedingt außerdem eine mehrheitliche Wahrnehmung des Frauenfußballs als „Randsportart“, was wiederum kaum den sportlichen Leistungen gerecht wird. Ein „Boom“, der vor allem nach Turnieren immer wieder erwartet und vermeintlich festgestellt wird, ist nicht zu erkennen. Und es ist fraglich, ob ein „Boom“ tatsächlich gewünscht ist. Die Aktiven haben ein Gefühl von Ungerechtigkeit, wenn sie sich im Vergleich mit dem Männerfußball sehen, scheinen aber misstrauisch gegenüber den dort herrschenden Mechanismen mit ihren bekannten Nachteilen. Es ist nicht ohne tragische Ironie, dass die Frauennationalmannschaft beim Heimturnier 2011 ausgerechnet an dem Druck einer öffentlichen Aufmerksamkeit scheiterte, die man sich immer gewünscht hatte.
Die Fankultur des Frauenfußballs ist emotional, aber nicht fanatisch. Sie unterstützt, aber hetzt nicht. Sie ist familiär. Diese Eigenheiten sind Nebenerscheinungen der Rahmenbedingungen des Frauenfußballs und können auch nur in diesem Rahmen funktionieren. Eine Kommerzialisierung, die Aktivierung einer Kapital- und Medienmaschinerie, große Zuschauerzahlen, dämliche Schlagzeilen im Boulevard, paranoide Sicherheitskonzepte, alles das würde zwar für eine „Gleichberechtigung im Fußball“ sorgen, die Eigenheiten der Frauenfußballfankultur aber unweigerlich beseitigen. Die „Gleichberechtigung“ ist wünschenswert, ein Erhalt der Fankultur aber auch. Beides gleichzeitig zu schaffen wird schwer.
Was ich bei diversen Spielen erlebt habe, lest Ihr im zweiten Teil!