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„Uschi auf den Zaun“ – Frauenfußball und seine Fankultur – 04/2014

· Archivbestand · 1590 Wörter

FFC Heike RheineFFC Heike Rheine
gegen
1. FFC Frankfurt1. FFC Frankfurt

Teil II: Erlebnis der Fankultur

FFC Heike Rheine – 1.FFC Frankfurt (2005/2006) 

Ich fahre nach Rheine, um Birgit Prinz mal live spielen zu sehen. Die Frau ist eine Legende, und sie einmal spielen gesehen zu haben, gehört meiner Meinung nach zur fußballerischen Allgemeinbildung. Der 1. FFC siegt souverän und unspektakulär mit 2:0. Um die 20. Minute herum denke ich, daß irgend etwas fehlt. In der 30. Minute fällt es mir ein: Es gibt kaum Freistöße. Ich zähle bis zum Schlußpfiff mit – elf Freistöße. Ich mache die Gegenprobe abends in der Stammkneipe beim (Männer)Bundesliga-Sonntagsspiel: Die elf Freistöße sind nach 13 Minuten zusammen. „Körperlos“ ist das Spiel in Rheine aber keinesfalls: Pia Wunderlich verdreht sich im Zweikampf das Knie und verläßt den Platz auf der Trage. Auf den Tribünen des Jahnstadions sitzt interessiertes, aber irgendwie gesichtsloses Publikum. Es gibt keine Fahnen, keine Schals, keine Trikots. Auffällig sind die vielen jungen Mädchen in Trainingsanzügen, die – so läßt sich aus den Aufdrucken schließen – aus dem gesamten Münsterland gekommen sind, um die prominent besetzten Frankfurterinnen live zu sehen. Indiz dafür ist ihr „Support“, der einzige, den es das ganze Spiel über gibt. „Gaaaröfrekös“, „Frankfuat“ und „Steh auf, wenn Du Biagit magst“ schallt es in breitestem westfälisch aus den Kinderkehlen. Am Zaun der Kurve hängt ein Transparent in orange, das der niederländischen Torfrau des 1. FFC huldigt. Unerwartet leicht ist es, nach dem Spiel Autogramme zu bekommen. Die Spielerinnen bleiben auf dem Feld, das interessierte Publikum läuft auf den Platz. Ich komme mir etwas merkwürdig vor, ich stehe als „Turm mit Arminia-Schal“ zwischen den herumwuselnden Kickermädchen bei den Spielerinnen an.

SGS Essen – VfL Wolfsburg (2011/2012)

Der VfL Wolfsburg kann am letzten Spieltag Meister werden, wenn man in Essen gewinnt und Turbine Potsdam gleichzeitig zu Hause gegen den Tabellenletzten aus Leipzig verliert. Ich habe zwar schon gelernt, daß damit so gut wie gar nicht zu rechnen ist (und erwartungsgemäß schreddern die „Torbienen“ die Mädels von Lok mit 8:0), doch wenn es eine Sensation gibt, will ich dabei sein. Die SGS und die weibliche Ausgabe des VW-Werksteams liefern sich einen lauen Sommerkick. 1:1 heißt es nach 90 Minuten. Das Spiel ist mit 2.012 Zuschauern gut besucht. Auf den Tribünen sitzen Freunde und Familien der Spielerinnen – man erkennt es daran, daß sich die Spielerinnen nach dem Match zu ihnen setzen. Ein Rundgang über die Tribünen des Stadions „Am Hallo“ zeigt, daß ich nicht der einzige bin, der aus reinem Interesse hierher kam. „Wir sehen uns dann an der Hafenstraße“ ist ein häufig gehörter Abschiedsgruß. Leider sind auch nicht wenige Kerls im Publikum, die schlicht Spanner sind und sich entsprechend äußern. Insgesamt herrscht Picknickatmosphäre, die eigentlich ganz angenehm ist – wenn man dazu gehört. Man wird den Eindruck nicht los, selbst als „Fremdkörper“ wahrgenommen zu werden. So fragt mich ein Backfisch aus heiterem Himmel, ob ich „vom Männerfußball“ sei. Auf meine Frage, woran sie das sehe, zuckt sie die Schultern und meint „Nur so.“.An der Absperrung der Haupttribüne hängt ein Fantransparent der SGS, dahinter sitzen ein paar Jungs in SGS-Trainingsanzügen, die gelegentlich ein „SGS!SGS!“ hören lassen. Auf der „Wolfsburger Seite“ der Haupttribüne hängt die Zaunfahne der „Wolfsburg Warriors“, eines Fanclubs, der offenbar „genderübergreifend“ unterwegs ist. „Toll“, meckert ein Wolfsburg-Fan an der Wurstbude, „jetzt singen sie beim Frauenfußball die alten Lieder“.Auf der Gegengeraden fällt ein Rentner auf, der leidenschaftlich mit einem Schlegel auf ein Tambourin schlägt. Hier hängt außerdem ein Transparent, das Ursula Holl, Torfrau der SGS und langjährige „deutsche Nr.2“ als „unsere Nr.1“ ausweist. Bei näherer Betrachtung und Nachfrage stellt sich heraus, daß das Transparent zu Freunden der Torfrau gehört. Nach dem Spiel fordern sie „Uschi auf den Zaun“- was diese nicht tut, sondern direkt zu ihnen auf die Ränge kommt.

FCR Duisburg 2001 – 1.FFC Turbine Potsdam (2012/2013)

Es gibt einen Shuttleservice zwischen Stadion und Duisburger Hauptbahnhof. Im Bus sitzen sieben Besucher. Man kennt sich, man plaudert fachkundig miteinander und erzählt auch von privaten Kontakten mit den Spielerinnen. Das „PCC-Stadion“ in Duisburg-Homberg ist familienfreundlich ausgerichtet. Den zahlreichen Kids unter den 1.200 Besuchern stehen Kirmesspielstände und eine Hüpfburg zur Verfügung, die mit Begeisterung genutzt werden. Die Teams liefern sich ein sehr ansehnliches Match, vor allem die Potsdamerinnen bieten einen technisch und taktisch ganz feinen Ballsport. Nachdem der FCR forsch begann, versenken die Turbinen kurz hintereinander zwei Freistoßflanken, das Spiel ist in der 18. Minute so gut wie entschieden, trotz des tapferen Einsatzes der Duisburger „Löwinnen“.Potsdam gewinnt am Ende mit 4:0, wobei sie auch noch einen Elfmeter verschießen. Interessant ist die Reaktion der FCR-Fans auf das Ergebnis. Man zeigt sich mit dem „nur 0:4 gegen Potsdam“ zufrieden. „Wir streben den fünften oder sechsten Platz an, da muß man solche Spiele eben auch mal verlieren“, scherzen sie. Auf der Tribüne sitzen Familien und Interessierte, die auf Nachfrage vor allem ein Spitzenspiel der Frauenbundesliga sehen wollen. Die Supporter beider Teams stehen auf der Gegengeraden direkt am Spielfeld. Die Turbinefans sind mit eigenem Bus angereist, ihre Zusammensetzung entspricht der Demographie, die in Teil I beschrieben wurde: Ü40-Herren samt Ehefrauen und Kindern.

Die Turbinefans lassen eine im Männerfußball fast vergessene Sitte aufleben: Die Flaggen der Nationen der Spielerinnen werden auf den Wällen am Spielfeld ausgebreitet. Auf Nachfrage berichten sie, daß die Turbine-Fanclubs „Bindeglieder zwischen Verein und Fans“ seien. Man entwerfe Flyer für den Verein und besorge Geburtstagsgeschenke für die Spielerinnen. Sie tragen Schals und Trikots, haben Trommeln, Rasseln, Fahnen und Konfetti dabei und sind ziemlich stimmgewaltig. Die Fans des FCR sind ähnlich im Verein engagiert. Sie organisieren Auswährts-Busfahrten für „jeden, der möchte“. Sie sprechen sich regelmäßig mit der Vereinsführung über ehrenamtliche Tätigkeiten ab und übernehmen diese. Sie stehen mit einer Trommel und zwei großen Stockfahnen am Spielfeldrand. Auffällig sind ein paar grüne Kapuzenpullis, deren Rückseite die Träger als „FCR Ultras“ und „FCR Fanatics“ ausweist. Eine besondere Bedeutung habe das nicht, so erklärt man mir. „Stilkopie“, sagt einer augenzwinkernd. Die Supporter beider Clubs teilen sich eine Verpflegungsbude. Der Kontakt ist freundschaftlich-frotzelnd. Eine Trennung gibt es weder baulich noch durch Ordner noch durch Polizei – die steht mit vier Mann oben auf dem Wall und guckt Fußball. Der Support beider Gruppen richtet sich ausschließlich an das eigene Team. Schmähungen in Richtung Gegner gibt es nicht. Über die Schiedsrichterin wird zwar gemeckert, aber nicht bösartig- „Mach die Augen auf!“ ist noch das Heftigste.

FSV Gütersloh – SC 07 Bad Neuenahr (2012/2013)

Auf dem Firmengelände des Riesenschlachthauses von Schalke-Boss und FSV-Mäzen Tönnies in Rheda-Wiedenbrück spielen zwei Mannschaften aus dem Mittelfeld der Tabelle gegeneinander. Das Spiel wird zehn Minuten später angepfiffen, da viele Zuschauer das reichhaltige Schnitzel-Outlet der rechtzeitigen Sitzplatzwahl vorzogen – so zumindest die nicht ganz unberechtigte Vermutung der „Celtics Bad Neuenahr“ auf ihrer Facebook-Seite. Sie befürchten die Kommerzialisierung des Frauenfußballs – auch das ist nicht unberechtigt angesichts der penetranten Werbung für Fleisch im Stadion. Die Teams liefern sich ein ansehnliches Match, bei dem Célia Okoyino da Mbabi den Unterschied macht: Ihr Doppelpack sichert dem SC 07 den 2:0-Auswärtssieg. Bei den 937 Zuschauern überwiegen ältere Herren und ältere Ehepaare nebst Familien. Das Tribünenpublikum, reichlich mit FSV-Schals ausgestattet, geht die Begegnung intensiv mit, man hat hörbar Spaß am Fußball. Ein paar Kids auf der Haupttribüne sind mit Rasseln und Minitröten ausgestattet und brüllen leidenschaftlich: „Gü-ters-loh!“.Die eben schon erwähnten „Celtics Bad Neuenahr“ sind zu zehnt, haben ein Transparent, eine Trommel und zwei Stockfahnen dabei. Sie präsentieren ein umfangreiches Repertoire an Chants, auch wenn nichts neues dabei ist: „SC Null-Siiieben“, „Auf geht’s Neuenahr, Kaämpfen und Siegen“, Soccerbeat, Namen der Spielerinnen. Hinter den „Celtics“ sitzt ein Kindergeburtstag. Die Kids haben sichtlich Spaß daran, ausdauernd „FSV!FSV!“ zu kreischen und sich so eine Art Supportduell mit den „Celtics“ zu liefern. Unfreiwillig skuril, aber nicht unsympathisch. In den Katakomben der Tribüne findet sich ein Kaffee- und Kuchenstand. Hier bedienen zehn Damen jeglichen Alters. „Machen wir alles freiwillig“, erklärt mir die aufgeweckte 12jährige, die mir ein Stück Schwarzwälder Kirschkuchen kredenzt. Auf meine Frage, ob tatsächlich alle hinter der Theke Ehrenämtler seien, erklärt sie: „Ja, natürlich alle. Für zwei wäre es zu stressig.“.Es sei noch erwähnt, daß die „Tönnies-Arena“ eine eigene Raucherecke hat. Auf der Haupttribüne herrscht ein konsequent vom Stadionsprecher durchgesagtes und ebenso konsequent vom Publikum mißachtetes Rauchverbot.

Welches Fazit zieht der Männerfußballgucker nun aus alledem? – Im Grunde ist doch alles ganz einfach. Steffi Graf und Boris Becker haben mal im selben Jahr Wimbledon gewonnen. Beide wurden abgefeiert, Steffis Sieg galt um nix weniger, bloß weil sie eine Frau war. In den olympischen Finals in London fielen über 200 Meter Brustschwimmen bei Frauen und Männern die Weltrekorde. Die Goldmedaille der Amerikanerin Rebecca Soni galt um nix weniger als die Goldmedaille des Ungarn Daniel Gyurta, bloß weil Soni eine Frau war. Und ausgerechnet im Volkssport Nr.1 soll das anders sein? Es geht nicht um Männerfußball und Frauenfußball. Es geht um FUSSBALL! Was die Fankulturen betrifft: Es geht darum, Fußball zu erleben. Egal, wer nun auf dem/der Rasen steht. Es ist schade, daß Männerfußball und Frauenfußball mit ihren Fans nebeneinander her existieren, ohne sich auszutauschen.

Über Kommentare freue ich mich, ich hab auch bestimmt einiges nicht kapiert…Unter der „anderen Version“ dieses Artikels auf www.fankultur.com habt Ihr Gelegenheit, zum „interkulturellen Austausch“ beizutragen und auch andere, spannende Dinge aus der Welt der Fußballfans zu lesen. Leider sind es bis jetzt nur Beiträge aus dem Männerfußball – Etwas, das meiner Meinung nach nicht sein kann und darf! Falls also jemand unter Euch ist, der/die regelmäßig ins Stadion geht, um „seine/ihre“ Mädels anzufeuern, der/die reichlich Tribünenanekdoten erzählen kann, der/die sich Gedanken über die Fans des Frauenfußballs macht: Wir brauchen Eure Stimmen aus der Kurve! Bei Interesse: [email protected]. Ihr seid willkommen und erwünscht! Und Ihr werdet gebraucht!