Veranstaltung drei Generationen Frauenfußball
· Archivbestand · 1185 Wörter
18.01.2011
Im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung "Verlacht, verboten und gefeiert - Geschichte des Frauenfußballs in Deutschland", die noch bis zum 28.01.2011 in Offenbach zu besichtigen ist, gab es am gestrigen Montag Abend auch eine Diskussionsrunde mit DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger, der ehemaligen Spielerin und Trainerin und heutigen FIFA-Entwicklungshilfeberaterin Monika Staab sowie Schiedsrichterin Katrin Rafalski.
"Interessante Teilnehmerinnen und Teilnehmer, unter anderem DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger, sowie ehemalige und aktuelle Spielerinnen, werden mit der Moderatiorin Sonja Pahl, FFH-Sport, über den Wandel des Frauenfußballs in den letzten Jahrzehnten diskutieren". So war die Veranstaltung angekündigt, und entsprechend hoch waren meine Erwartungen. So hoffte ich, dass etwas über die Hintergründe des Schattendaseins, das die Bundesliga in der allgemeinen Wahrnehmung immer noch führt, diskutiert werden würde. Den Spielplan hätte ich gerne einmal im Beisein des DFB-Präsidenten angesprochen gehört, das Verhältnis Bundesliga/Vereine/Nationalmannschaft insgesamt und vieles mehr. Doch dazu fehlte eine kritische aktuelle Spielerin auf dem Podium, und vor allem war Sonja Pahl als Moderatorin tunlichst darauf bedacht, bloß keine Dissonanzen aufkommen zu lassen und alles, was auf dem Podium gesagt wurde, in zartrosa so zu verpacken, dass jeder mögliche Ansatz einer kontroversen Diskussion im Keim erstickt wurde. Zu kritischen Nachfragen fehlten ihr Wissen und Motivation. So wurde die Veranstaltung gezielt auf ein "Ach, wie war das doch früher schlimm, und was mussten die Frauen kämpfen, und wie schön, dass es heute ganz anders ist" zugesteuert. Das ist zwar nicht vollständig falsch, aber in dieser einfältigen Plattheit dann doch erstens langweilig und zweitens angesichts der vielen immer noch bestehenden Probleme auch nicht wirklich hilfreich.
DFB-Präsident Zwanziger wurde erst einmal gefragt, wie denn seine große Begeisterung für den Frauenfußball entstanden sei, und er nutzte die Gelegenheit, seine Verbundenheit mit dem Fußballverband Rheinland, wo er nahe der hessischen Grenze geboren worden war und auch später wieder aktiv war, zu betonen. "Das Rheinland hatte nie eine starke Männerfußballbewegung, hatte aber immer eine Tradition im Frauenfußball. Daher gab es da schon früh eine Verbindung", berichtete Zwanziger. "Der Durchbruch für mich war aber das Pokalfinale der Frauen in Berlin, als Potsdam überraschend gegen Frankfurt gewonnen hat. Das war so ein gnadenlos schöner Fußball, da war ich erst einmal Fan von Turbine und von den Spielerinnen. Inzwischen sind aber noch viele andere dazu gekommen, für die mein Herz schlägt, und ich habe inzwischen viele Spielerinnen kennen und schätzen lernen dürfen. Mein schönstes Erlebnis überhaupt, Männerfußball eingerechnet, war dann das Erleben der Weltmeisterschaft 2007 in China. Dieser Einsatzwillen, diese Leistungsbereitschaft, diese Ehrlichkeit, der Respekt voreinander und vor den Gegnerinnen, was die Spielerinnen mir da gezeigt haben, dass war einfach sensationell und ich habe wohl noch nie so mitgefiebert wie in diesem Endspiel. Seitdem verbindet mich einfach Zuneigung, Sympathie und große Freundschaft mit dem Frauenfußball und den Spielerinnen."
Kritischer wurde es dann bei Monika Staab. So erzählte Staab von den Kämpfen um Akzeptanz für den Frauenfußball in den 1980iger und ´90igeraus Jahren und berichtete aus ihrer Zeit bei der SG Praunheim, als die im Verein sonst nur als fünftes Rad am Wagen mitlaufenden Frauen plötzlich das Pokalendspiel in Berlin erreichten und die männlichen Vereinsbosse sich nicht nur die Karten unter den Nagel rissen, um in der ersten Reihe zu sitzen, sondern auch noch die Fernsehgelder einstreichen wollten, um sie der Männerabteilung zuzuschustern. Ähnliches, berichtete Staab, habe Monika Koch-Emsermann beim FSV Frankfurt erlebt, und auch in anderen Vereinen sei es nicht anders gewesen. "Wir haben die schlechtesten Plätze bekommen, mussten um alles kämpfen, um Bälle, Trikots, qualifizierte Trainer...", erinnerte sich Staab. Übrigens nicht nur in Deutschland. Staab spielte auch in England, bei den "Queens Park Rangers", und dort gab es das Kuriosum, dass die Spielerinnen sogar noch Miete für den öffentlichen Park zahlen mussten, in dem sie trainieren "durften".Jede Spielerin musste ein Pfund bezahlen, allein für die Benutzung des Rasens, Duschen gab es keine.
"In vielen Ländern der Erde sieht es heute noch so aus", konnte Monika Staab dann aus ihren Erfahrungen als Beraterin der FIFA in Sachen Frauenfußball erzählen. "Es hat mich immer wieder erstaunt, wie viele Mädchen Fußball spielen wollen, aber nicht dürfen!", berichtete Staab, die in vielen afrikanischen und arabischen Ländern, darunter vielen Krisenherden, Projekte mit aufgebaut hat. Dabei ginge es ja gar nicht nur um den Fußball allein, es gehe auch um die Möglichkeit, das Selbstwertgefühl der Frauen zu stärken, um die Chance, dass irgendwann einmal eine Frau dort Präsident wird und endlich den Frieden erreicht, in Palästina, Libanon, Syrien zum Beispiel. "Davon, was in diesen Ländern geschieht, ist die ganze Welt betroffen, wir hier auch, und Saudi Arabien ist dabei übrigens das einzige arabische Land, in dem Frauenfußball ganz offiziell verboten ist!", setzte Staab gerade an, da wurde es Moderation Pahl auch schon zu politisch, und sie gab das Wort schnell weiter an Schiedsrichterin Katrin Rafalski.
Rafalski, 1982 geboren, hatte auf dem Podium die Aufgabe, aus der heutigen Zeit zu berichten. "Ich darf heute gut ausgebauten Fußball erleben, muss nicht mehr um solche Kleinigkeiten kämpfen wie Monika Staab früher. Wir haben heute Ballmädchen im Stadion, acht Bälle um das Spielfeld verteilt, ganz anders als früher. Ich habe bei der U20 WM gepfiffen, das war ein Super-Erlebnis. Seit letztem Jahr bin ich auch FIFA-Schiedsrichterin und leite auch internationale Spiele, so letztes Jahr zum Beispiel das Spiel Schweiz gegen Italien, das war ein tolles Spiel mit schnellem Fußball in einem super Stadion. Aber ich war auch schon in Georgien auf einem ganz verdorrten Platz, wo wir erst mal die umgefallenen Trainerhäuschen gemeinsam wieder aufstellen mussten. Auch das war spannend, in diesem ganz alten Stadion unter solchen Bedingungen Fußball zu erleben."
"Was denken Sie denn über das Verbot des Frauenfußball durch den DFB von 1955 bis 1970 und die, die es damals erlassen haben?" wurde Dr. Theo Zwanziger gefragt. Doch der antwortete diplomatisch. "Ich mache mir da keine Gedanken drüber, ich will später in fünfzig Jahren auch fair beurteilt werden. Diese Dinge haben ihre Zeit. Es war damals von heute aus gesehen ungerecht, aber es hat damals auch in anderen Bereichen große Ungerechtigkeiten gegenüber den Frauen gegeben, und ich bin der Meinung, dass das auch heute nicht ganz vorbei ist. Ich glaube, dass der Fußball auch hier eine positive Wirkung in die Gesellschaft hinein haben kann. Im Verband habe ich in den 1970iger und ´80iger Jahren noch erlebt, wie Männer meinten, der Fußball gehöre allein ihnen, doch wir machen ja immer wieder die Erfahrung, dass Männer schließlich nachgeben. Damals, zu Monika Staabs Zeiten, war noch Mut nötig, um gegen die vielen Vorurteile anzugehen, doch Frauen haben diesen Mut!".
Fazit:
Für einen Teil der wohl gut 100 Zuhörerinnen und Zuhörer brachte die leider nur einstündige Diskussion wohl einen interessanten Einblick. Vor allem war die Veranstaltung darauf ausgerichtet, den Frauenfußball und seine ProtagonistInnen als sympathisch und unterstützenswert zu zeigen, und dieses Ziel wurde sicher erreicht. Eine kritischere Diskussion, in der auch die Probleme der heutigen Generation im Frauenfußball stärker zur Sprache kommen, wird an anderer Stelle zu führen sein. Hoffentlich!
Oben: v.l.n.r.: Katrin Rafalski, Monika Staab, Dr. Theo Zwanziger
Mitte: Moderatorin Sonja Pahl, Sportchefin des Radiosenders FFH
Unten: Schiedsrichterin Katrin Rafalski nach der Veranstaltung
Weitere Infos zur Ausstellung auf der Website der Stadt Offenbach: >> hier
Zum Frauenfußball Allgemein
Zur FanSoccer-Startseite