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Die schönste Nebensache der Welt - Filmbesprechung

· Archivbestand · 954 Wörter


Filmbesprechung

Die schönste Nebensache der Welt

Über alte Herren, jung gebliebene Frauen und die ersten Jahre des deutschen „Damenfußballs”

06.05.2010   Es beginnt wie ein Diavortrag: Wir bekommen ein paar Bilder zur Geschichte des deutschen Frauenfußball zu sehen, die von einem älteren Herrn kommentiert werden. Dabei erinnert einen die Stimme des Erzählers irgendwie an Dr. Theo Zwanziger...

...und dann sehen wir den DFB-Präsidenten und großen Förderer an seinem Schreibtisch und wissen, dass er tatsächlich die Einführung gesprochen hat. Zwanziger bleibt nicht der einzige ältere Herr, der uns in dieser Geschichte noch begegnen wird, die doch eigentlich von Fußball spielenden Frauen handeln soll.

Da sind z.B. die DFB-Funktionäre der Nachkriegszeit mit ihrem damaligen Präsidenten Dr. Peco Bauwens an der Spitze. Sie tauchen zwar nicht direkt in Wort und Bild im Film auf, ihr Denken und Handeln fließen aber mittelbar in die Handlung ein. Bauwens befand nämlich, dass Fußball kein Frauensport sei und „genügend Gefahren der Verletzungen” mit sich brächte. Im Einklang mit dem damals vorherrschenden Zeitgeist, der Frauenfußball auch für unästhetisch hielt, kam es daher auf dem DFB-Bundestag 1955 zu dem folgenschweren Verbotsbeschluß, dem zufolge den Mitgliedsvereinen die Führung von Damenfußball-Abteilungen und das Überlassen vereinseigener Plätze für Damenfußballspiele untersagt wurde.

Vorausgegangen war der erste WM-Sieg einer deutschen Fußballnationalmannschaft 1954 in der Schweiz, der dem deutschen Fußball großen Auftrieb brachte. Auch viele junge Frauen hatten damals Lust bekommen, den „Helden von Bern” nachzueifern. Christa Kleinhans, Renate Bress, Anne Droste, Inge Kwast und Grete Eisleben gehörten zu diesen „Fußballamazonen”.Mit viel Humor erzählen sie im Film von ihren Spielen im Trikot von Fortuna Dortmund und den widrigen Umständen in der DFB-Verbotszeit. Alle fünf bestritten auch inoffizielle Länderkämpfe vor großem Publikum. Von diesen Auswahlspielen, dem Verhalten des Publikums und der Präsentation in den Medien können wir uns auch anhand einiger Wochenschauaufnahmen ein Bild machen. „Geradezu aus der Luft gehäkelt, dieser Ball” beschreibt der Reporter eine Szene und meint „ein geradezu bestrickendes Spiel” zu sehen um sich dann darüber auszulassen, wie den Damen „die Umstellung von Haushaltsführung auf Ballführung” gelingt...

Vom Westen werden wir in den damals für viele noch so „fernen” Osten entführt. Wie in der Bundesrepublik, wo der DFB den „Damenfußball” 1970 eher widerwillig offiziell zuließ, wurde den Frauen auch in der DDR das Fußballspielen gestattet.

Als Zeitzeuginnen kommen hier Sabine Seidel und Gisela Liedemann zu Wort. Seidel gilt wegen ihrer guten Schußtechnik bis heute als die beste Spielerin der DDR. Beide Frauen errangen einige Titel als Sieger der „DDR-Bestenermittlung” mit ihrem Verein BSG Turbine Potsdam. Und natürlich kann der Film an dieser Stelle nicht an einem Urgestein des deutschen Frauenfußballs vorbeigehen: Bernd


Schröder. Der ehrgeizige „ewige” Turbine-Trainer ist als Frauenversteher und harter Hund zu sehen. Beim Anblick von Autoreifen hinter sich herziehenden jungen Frauen müßte „Quälix” Magath allerdings vor Neid erblassen!

Bei Petra Landers sind wir dann wieder zurück im Westen, oder um mit Herbert Grönemeyer zu sprechen, tief im Westen. Die Bochumerin, die mit der SSG Bergisch Gladbach in den 80er Jahren viermal deutsche Meisterin wurde, berichtet u.a. davon, wie sie mit ihrem Verein stellvertretend für die noch nicht existierende deutsche Nationalmannschaft an den inoffiziellen Weltmeisterschaften in Taiwan teilnahm – und gewann! - und präsentiert in einer sympathischen Mischung aus Stolz und Verlegenheit das berühmte Tafelservice, das die Gewinnerinnen der Europameisterschaft 1989 als Prämie vom DFB erhielten.

Immer wieder wechseln die Perspektiven, werden die Erzählungen mit alten Fotos und Filmaufnahmen unterlegt, zu denen Sportreporterlegende Werner Hansch (noch ein alter Mann, noch jemand aus NRW!) oftmals seine launischen Kommentare abgibt. Tanja Bubbel und ihren Mitstreitern ist damit eine im besten Sinne unterhaltsame Dokumentation gelungen, die im wesentlichen von den zu Unrecht nahezu in Vergessenheit geratenen Pionierinnen lebt.

„Die schönste Nebensache der Welt” erzählt nicht die gesamte Geschichte des deutschen Frauenfußballs. Zeitlich bleibt der Fokus auf die Jahre gerichtet, als die Akteurinnen noch aktive Spielerinnen waren. Seidel etwa beendete ihre Karriere 1986 und gehörte damit nicht zur Auswahl der DDR, die ihr einziges Frauenländerspiel 1990 absolvierte. Landers bestritt ihr letztes Natiospiel im Mai 1991. Und selbst für diese ersten 4 Jahrzehnte wird der Film nicht für sich beanspruchen können, die Entwicklung des deutschen Frauenfußballs umfänglich und vollständig wiederzugeben. Das schadet aber überhaupt nichts.


So ganz auf die Vergangenheit bis zum Ende der 80er Jahre beschränkt sich der Inhalt dann übrigens doch nicht. Schließlich sind die Protagonistinnen des Films dem Frauenfußball noch heute auf die eine oder andere Weise verbunden. So ist Sabine Seidel derzeit als Trainerin beim Landesverband Brandenburg tätig, während sich die Dortmunder Fortunen von einst schon mal bei Heimspielen des FCR Duisburg blicken lassen. Dagegen freut sich die zeitlich stark eingespannte Geschäftsfrau Petra Landers über gelegentliche Zusammenkünfte mit ehemaligen Mitspielerinnen im Rahmen des vom DFB ins Leben gerufenen „Clubs der Nationalspielerinnen.”

Wer mit „Die besten Frauen der Welt” die Heldinnen der Gegenwart feiert, kann in „Die schönste Nebensache der Welt” ihre nicht weniger bewundernswerten Wegbereiterinnen kennen lernen. Mögen sich die beiden Dokumentationen auch in vielen Dingen voneinander unterscheiden, so vermitteln sie beide ein ungekünsteltes und überaus sympathisches Bild vom Frauenfußball im allgemeinen und den Fußballspielerinnen im besonderen.

Der Produktion der Hochschule für Film und Fernsehen ”Konrad Wolf” gilt dabei noch ein besonderer Dank dafür, vielfältiges Film- und Fernsehmaterial unterschiedlichster Produzenten und Sender zusammen getragen zu haben. Der Pferdefuß bei diesem reichhaltigen Fremdmaterial sind freilich die hohen Lizenzkosten. Noch konnte kein Verleih gefunden werden, der die Rechte an dem Film erwerben möchte und ihn in die Kinos bringen oder als DVD veröffentlichen könnte. Auch hat sich bisher leider noch kein Fernsehsender entschlossen, die Produktion zu kaufen und auszustrahlen. Es wäre jammerschade, müßte diese absolut sehenswerte Dokumentation in den Filmarchiven verstauben!

Die schönste Nebensache der Welt
Regie: Tanja Bubbel, Dokumentarfilm, Deutschland 2009, 56 Minuten
http://damenfussball.wordpress.com


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