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Interview mit Anna Felicitas Sarholz (Felix): Ich will morgens noch in den Spiegel schauen können

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… meine ganze Welt zerbricht bald, in tausend kleine Teile und niemand hier versteht mich … (Text aus „Spiegel“ von Tic, Tac, Toe)

Still ist es in den letzten Monaten um Turbines Torfrau Anna Felicitas Sarholz (Felix) geworden. Die einstige Nummer 1 im Potsdamer Tor erlebte in den letzten zwei Jahren eine Achterbahn der Gefühle, die sie stark geprägt hat. Nach vielen schlaflosen Nächten und Gedankengängen entschloss sich die 21-Jährige vor wenigen Wochen zu einem äußerst deutlichen und mutigen Schritt, um mit ihrer Vergangenheit, den vielen Negativschlagzeilen, Falschinterpretationen und -meldungen aufzuräumen und bezog auf ihrer Facebookseite Stellung.

Was war passiert? Was bringt ein 21-jähriges Fußballtalent dazu, einen solch mutigen Schritt zu tun? Vor wenigen Tagen entstand ein Interview mit „Felix“, wie sie von ihren Fans liebevoll gerufen wird.

Wer kann sich nicht noch gut an den Mai 2010 erinnern, den Tag, an dem Turbine Potsdam erstmals den neu geschaffenen UEFA Women‘s Champions League Titel mit nach Deutschland nahm? An dem Tag wurde für viele eine neue Heldin im Frauenfußball geboren, eine Heldin, die wie sie sagt nichts anderes gemacht hat als ihren Job. „Die meisten haben vergessen, dass das Spiel 120 Minuten gedauert hat und die gesamte Mannschaft an diesem Erfolg beteiligt war. Natürlich kommt es bei einem Elfmeterschießen auf den Torwart an, aber auch ich bin ein Teil der Mannschaft, “ so Anna. „Wie alle anderen auch, habe ich an diesem Abend nur meinen Job gemacht, und den haben alle hervorragend getätigt. Dass war unser Sieg!“

Der größte Erfolg der Vereinsgeschichte und der anschließende Hype der sich nach diesem Triumph über die Mannschaft und über die „Heldin von Getafe“ ergoss, wirkte im Nachhinein fast wie ein Fluch. Denn was keiner wusste, war, dass die damals erst 17-Jährige unter einer großen psychischen und physischen Belastung stand, aufgrund derer sie u.a. keinerlei Kontakt mehr zu ihrer Mutter hatte. Nach dem Gewinn der CL brach alles in Anna zusammen, zu stark der Druck der auf ihr lastete. „Das Finale und den Gewinn der CL habe ich wie in einem Film erlebt. In der Regel kann ich gut zwischen Sport und Privat trennen, aber in der Nacht nach dem Gewinn ging es einfach nicht mehr, ich war am Ende. Das war einfach alles zu viel, “ so Felix nachdenklich. Kaum einer wusste was mit dem Talent los war, wie ausweglos ihre Situation war. Aber wer zeigt schon gerne Schwächen … wenn es denn überhaupt Schwächen sind? Selbst eingefleischte Fußballprofis wie Sebastian Deissler oder Robert Enke haben ihre „kleinen Geheimnisse“ lange für sich behalten, Letztgenannter mit einem schlimmen Ende. Anna wollte kämpfen, denn das hatte sie bereits in frühen Jahren gelernt. Der Kampf einer 17-Jährigen gegen Windmühlen wie sich später heraus stellen sollte, hier hätte es definitiv professioneller Hilfe bedurft.

Just in dieser Phase reiste „die coole Sau“ (O-Ton der Medien) Anna von Madrid nach Deutschland zurück, um am Trainingslager des damaligen U19 Teams teilzunehmen, denn die Europameisterschaft in Mazedonien stand an – Business as usual! Aber nicht für Felix! Die Keeperin fühlte sich leer und ausgelaugt und informierte, in einem persönlichen Gespräch, die Trainerinnen Maren Meinert und Bettina Wiegmann darüber. Sie sei körperlich und mental nicht dazu in der Lage das Team in Mazedonien 100%ig zu unterstützen. „Weder war noch bin ich eine coole Sau. Ich bin ich, aber dies hat zu diesem Zeitpunkt keinen interessiert. Man musste einfach funktionieren. Da steht keiner schützend vor dir und interessiert sich dafür wie es in dir drinnen aussieht.“ – Anmerkung der Redaktion: heute engagieren die ersten Vereine ihre Teams neu. So z.B. der FCR 2001 Duisburg, der für jede Jugendmannschaft eine Teambetreuerin abstellt, die sich um die kleinen alltäglichen Dinge der jugendlichen Spielerinnen kümmern und erste Ansprechpartnerin sein soll.

Die anschließende Pressemitteilung des DFB in Kombination mit einem schweren Fauxpas seitens Sarholz, eröffnete die Hetzjagd auf die junge Spielerin. So hieß es in der Mitteilung: … Die 17-Jährige bat einen Tag vor Abreise der Mannschaft aus persönlichen Gründen darum, von ihrem Einsatz bei der EM abzusehen. …, dass sie sich nach dem Finale in der Champions League der Frauen am vergangen Donnerstag nicht mehr in der Lage gesehen habe, bei der U19-EM zur Verfügung zu stehen. Nach diesem Saisonhöhepunkt, so die Erklärung der Torfrau, sei die Konzentration auf Fußball derzeit nicht möglich. … Sarholz aber ließ sichim Siegestaumel und Gruppenzwang, kurz nach dem besagten Gespräch, in Potsdam als „Feierbiest“ mit der gesamten Mannschaft in der Öffentlichkeit feiern und trat damit eine gewaltige Lawine los.

Ein gefundenes Fressen für die Medien, die sich daraufhin auf die Jugendliche stürzten und die obskursten Geschichten erfanden. Von Hochmut über Desinteresse an der Jugendnatio bis hin zur Teamunfähigkeit war da die Rede. „Erst viel später habe ich begriffen was da passiert ist. Ich hätte einfach nicht mitfeiern dürfen. In mir drin sah es eh ganz anders aus. Heute weiß ich, dass es ein Fehler war. Ich würde sagen, es war jugendlicher Leichtsinn und einfach nur dumm, “ so die Keeperin nachdenklich. „Es soll auch keine Ausrede sein, aber ich habe das alles einfach nicht mehr auf die Kette bekommen.“ Gott sei Dank war danach erst einmal Saisonpause, aber in der Spielerin nagten die Vorkommnisse extrem, denn auch der DFB hatte zunächst einmal das Vertrauen in Sarholz verloren.

Ende 2010 trafen sich die zerstrittenen Parteien in Leverkusen, um sich nochmals auszusprechen und sich evtl. wieder anzunähern. Der gesamte Inhalt dieses Gespräches sollte unter Verschluss bleiben, aber dann geschieht das Unfassbare! „Die Welt“ veröffentliche im Mai 2011 Details aus diesem Treffen. „Ich war total geschockt und war zutiefst enttäuscht. 100%ig habe ich nichts erzählt, also kann es doch nur von DFB-Seite kommen. Aber wie soll man denn noch jemandem vertrauen, wenn hinterher alles revidiert wird?“ so die enttäuschte Spielerin. „Ich kam mir ganz schön verarscht vor! Egal ob die Details stimmen oder nicht, Abmachung ist Abmachung!“ Heute wie damals möchte sich Anna nicht mehr zu dem Thema DFB äußern, zu tief sitzt die Enttäuschung.

Nach einem halben Jahr immer noch das gleiche Spiel, Anna gehört mit zu Deutschlands besten Torhüterinnen und auch Turbinen Coach Bernd Schröder wird nicht müde dies immer wieder vor der Presse mitzuteilen. Im Mai 2011 steht die Keeperin wieder mit Potsdam im Finale der CL, dieses Mal in London. Doch die Leistung des Teams reicht nicht aus um den Titel zu verteidigen und die übermächtige Mannschaft aus Lyon gewinnt – Potsdam dennoch zweitbeste Mannschaft in Europa. Und Felix? Sie wird weder für die kommende U-19 EM in Italien noch für die Heim WM berücksichtigt – keine Chance.

Als wäre das nicht schon genug für die gebeutelte Seele der jungen Spielerin, hält ein Seuchenjahr Einzug im Hause Sarholz! Zuerst tritt ihr im CL-Finale eine gegnerische Spielerin auf den Fuß und sie fällt 6 Wochen mit einem Mittelfußbruch aus. Just als sie wieder mit dem Training begonnen hatte wird sie von einem Auto angefahren und bricht sich das Kahnbein in der Hand. Nach erfolgreicher OP und Heilung stieg sie erneut ins Training ein, doch das Kahnbein hielt nicht Stand – Bruch an der gleichen Stelle. 8 Wochen später sollte alles wieder in Ordnung sein, doch es gab Komplikationen mit der Schraube und für Felix war die Hinrunde endgültig gegessen. In der Winterpause musste sie erneut operiert werden und stieg danach wieder ins Training ein. Gerade genesen bricht sie sich beim DFB-Hallenpokal das Kahnbein zum dritten Mal – wieder 3 Monate Pause und Gibs …viel Pause und Zeit zum Nachdenken für die mittlerweile 20-Jährige.

Jetzt, knapp 2 Jahre später und mit genügend Abstand zu den Geschehnissen der Vergangenheit trifft sie den Entschluss in ihrem Leben aufzuräumen und auch im sportlichen Bereich wieder voll anzugreifen. „Natürlich bin ich nicht ganz unschuldig, aber zu einer solchen Situation gehören immer zwei. Die letzten Jahre haben mit Sicherheit auch dazu beigetragen mich weiter zu entwickeln und erwachsen zu werden. Oftmals habe ich die nötige Unterstützung vermisst, die einem in jungen Jahren fehlt wenn man wie ich fern der Familie im Internat ist. Und da sehe ich auch den DFB oder die Vereine in der Pflicht. Ich bin kein Computer der nur funktionieren muss, ich habe auch noch mein eigenes Leben und es gibt auch noch ein Leben neben dem Fußball. Ich lasse mich nicht verbiegen und möchte auch noch morgens in den Spiegel schauen können, deshalb mein Statement bei Facebook. Mit diesem Schritt habe ich jetzt endlich meinen inneren Frieden wieder gefunden und das ganze Thema ist für mich jetzt abgeschlossen.“ Die Resonanz der Fans übrigens war überwältigend und das bestätigt Felix in ihrer Entscheidung.

Ganz langsam findet Felix wieder zu alter Kraft zurück, auch wenn es noch eine Zeit lang dauern wird, denn die Geschehnisse für einen solch jungen Menschen brennen sich tief in die Seele ein. Ihr Privatleben soll auch weiter privat bleiben, aber sie hat viel dazu gelernt und zieht aus den Erlebnissen der Vergangenheit auch etwas Positives. „Alles was passiert hat seinen Sinn, es kommt nur auf die Sichtweise an.“ Sportlich gesehen ist Sarholz wieder vollständig genesen und hat auch die gesamte Vorbereitung der 1. Mannschaft absolviert. „Ich trainiere hart und will wieder zurück ins Team. Ich will durch Leistung überzeugen, “ so Anna zum Schluss.

Danke Felix für dieses offene Gespräch, und denke daran: Halte niemals mit einer Hand die Vergangenheit fest, du brauchst beide Hände für die Zukunft.