. . . .

FanSoccer

Das Frauenfußball-Magazin



Bundesligen

Tragödie beim Hamburger SV

Bericht und Kommentar zum Rückzug des Hamburger SV aus der 2. Bundesliga Nord

Text von Tom Schlimme
Bilder von Sven-E. Hafft

05.05.2011   Zuerst konnten wir es kaum glauben: Nur einen Tag, nachdem mit der zweiten Mannschaft des Hamburger SV ein Erstligist Meister in der 2. Bundesliga Nord geworden war, sickerte durch, dass der Verein die erfolgreiche 2. Mannschaft komplett auflösen wird. Inzwischen ist es offiziell bestätigt und auch beim DFB bereits amtlich: der Hamburger SV hat die Bewerbung seiner 2. Mannschaft für den Spielbetrieb der 2. Frauen-Bundesliga 2011/2012 zurück gezogen. Hintergrund sind Turbulenzen im Gesamtverein, konkret in der Männerfußballabteilung, die zum Rückzug des bisherigen Vereinsvorstands führten. Der neue Vorstand beschloss nun weitreichende Sparmaßnahmen, die den gesamten Verein betreffen, wie Pressesprecher Jörn Wolf gegenüber FanSoccer erklärte. Laut Hamburger Abendblatt wurde dabei auch der Etat der Frauenabteilung um mehr als ein Drittel gekürzt.

Ausgerechnet im Jahr der Frauenfußball-Weltmeisterschaft in Deutschland setzt also einer der etabliertertesten Fußballvereine Deutschlands den Rotstift bei der Frauenabteilung an. Wie die Abteilung mit der Etatkürzung umgehe, sei Entscheidung der Abteilung, erklärte Pressesprecher Wolf. Frauenabteilungsleiter Christian Lenz wollte sich nicht dazu äußern, wer letztlich entschieden hat, dass ausgerechnet die Meistermannschaft HSV II aufgelöst wird. Doch auch die erste Mannschaft ist massiv betroffen. Im Gespräch mit FanSoccer erklärte deren Trainer Achim Feifel, dass man sich intensiv bemühe, ein schlagkräftiges Team zusammen zu stellen, das in der Liga mithalten könne. Das ist offensichtlich die Perspektive beim Hamburger SV, dessen erste Mannschaft in der abgelaufenen Saison eine beeindruckende Leistung bot und Vierter wurde - vor starken Konkurrenten wie dem dem FC Bayern München, dem SC 07 Bad Neuenahr oder dem VfL Wolfsburg. In Zukunft lautet die Perspektive also "Mithalten in der Liga", frei übersetzt: "Kampf gegen den Abstieg".



Was wird mit den Spielerinnen der 2. Mannschaft, fragte ich Abteilungsleiter Lenz, der mir daraufhin erklärte, dass ein Teil der Spielerinnen in die erste Mannschaft hoch gezogen werde, ein Teil werde in der dritten Mannschaft in der Regionalliga Nord weiter machen, die praktisch zur zukünftigen zweiten Mannschaft wird, ein Teil der Spielerinnen wird den Verein verlassen. „Wir sind vom Gesamtverein abhängig, die Frauenabteilung hat zu wenige eigene Sponsoren, um den Etat zu tragen”, erklärte Lenz.

Kommentar zu den Geschehnissen: Es zeigt sich einmal mehr, wie zweischneidig die Anbindung des Frauenfußballs an Männerfußballvereine ist. Die Liste der Vereine, die teilweise sehr erfolgreiche Frauenabteilungen kaputt gemacht haben, ist groß. Genannt sei als Beispiel aus jüngerer Zeit der FSV Frankfurt, der seine traditionsreiche Frauenabteilung komplett zerschlug, um mit deren Geldern den Aufstieg der Männerabteilung zu beschleunigen. Gerade steigt Tennis Borussia Berlin aus der 2. Bundesliga Nord ab - ein Jahr, nachdem Männer im Verein mit einer Revolution gegen die langjährige Abteilungsleiterin, die den Aufstieg in die erste Liga geschafft hatte, ein Chaos und eine Unruhe in den Verein brachten, von dem sich die Frauenabteilung nie mehr erholte. Vor zwei Jahren zog der Vorstand des TuS Niederkirchen völlig überraschend für die Frauen deren Lizenz für die 2. Bundesliga Süd zurück. Die Reaktion der Frauen aus Niederkirchen war beachtenswert: Flugs wurde ein eigener Verein gegründet, der 1. FFC 08 Niederkirchen, der direkte Wiederaufstieg in die 2. Liga Süd wurde geschafft, und am Ende dieser Saison steht der "Neuling" auf einem vorzeigbaren siebten Platz in der Liga. Diesen Weg, einen eigenen Frauenverein zu gründen, wird man in Hamburg aus vielerlei Gründen sicher nicht gehen können, doch grundsätzlich wird deutlich, wie unsicher das Leben als Frauenabteilung in einem Männerfußballverein ist. Einen Moment lang ist man gut eingebunden, manchmal scheinbar finanziell auf Rosen gebettet wir derzeit der VfL Wolfsburg, im nächsten Moment aber kann man schon von Krisen der Männerabteilung durchgeschüttelt werden, die die eigene Existenz in Frage stellen. Hat die Männerabteilung einen Husten, wird es bei der Frauenabteilung dann gleich zur lebensbedrohenden Lungenentzündung.



Bedenklich ist aber auch immer die Abhängigkeit von bestimmten Personen im Männerverein. In Hamburg waren es die ehemalige Nationaltorhüterin Katja Kraus, Mitglied des Vorstandes, und Vorstandsvorsitzender Bernd Hoffmann, die im März ihre Posten aufgaben. Anfang Mai schon entscheidet nun der neue Vorstand, den Etat einer Abteilung zusammen zu streichen, der kaum größer sein dürfte als die Portokasse der Männerabteilung. Mit einer unglaublichen Ignoranz wird hier jahrelange, erfolgreiche Aufbauarbeit kaputt gemacht. Frauenfußball soll beim Hamburger SV praktisch keine Rolle mehr spielen, dies signalisiert der neue Vorstand, und so wird es wohl auch sein in Hamburg - bis auch dieser Vorstand irgendwann die Segel streichen muss. Fraglich nur, ob dann noch eine nennenswerte Frauenabteilung übrig ist!

Leid tun mir die Spielerinnen des Hamburger SV, die mit großem Einsatz dabei waren und mit ihren Erfolgen zum Renomee des Gesamtvereins beitrugen. Nie zuvor schaffte es ein Erstligist, Meister in der 2. Bundesliga zu werden. Doch statt als Titelverteidigerinnen in die neue Saison zu gehen, müssen die Spielerinnen nun sehen, wo sie bleiben. Leid tun mir auch die Helfer, Betreuer und Trainer im Frauen- und Mädchenbereich des Hamburger SV. Die Nachwuchsarbeit der letzten Jahre war durchaus vorzeigbar. Alle. meist ehrenamtliche, Aufbauarbeit der vergangenen Jahr wird nun mit einem Schlag vernichtet. "Gröbster anzunehmender Undank", so ist dieser "Skandal im Sparbezirk" noch milde umschrieben!



(Bilder: Unbeschwert feierten die Spielerinnen ihren 5:2-Auswärtserfolg in Leipzig und damit die Meisterschaft der 2. Bundesliga Nord - einen Tag später hängt die Fahne der Frauenabteilung des Hamburger SV auf Halbmast)


Zur 2. Bundesliga Nord

Zur FanSoccer-Startseite