Text von Tom Schlimme
Archivbilder aus 2005 von Heinz-Günter Sporkel
17.02.2009
In den vergangenen Tagen hatte es heftig gekracht bei der SG Lütgendortmund, derzeit auf Platz 8 in der 2. Bundesliga Nord. Andreas Köhler, der Trainer, der mit dem Team den Aufstieg in die 2. Bundesliga geschafft hatte, war von Abteilungsleiter Rolf Heinbach überraschend entlassen worden, worauf die Mannschaft spontan mit einem Boykott reagierte. Die folgenden Testspiele gegen teilweise unterklassige Gegner gingen mit recht dramatischen Ergebnissen verloren, einmal konnten überhaupt nur 10 Spielerinnen aus der zweiten Mannschaft bzw. Nachwuchsteams aufgeboten werden. Doch noch schlimmer, ein Riss ging durch den Verein, zweite Mannschaft und Nachwuchs bzw. deren Eltern und Betreuer stellten sich hinter den Abteilungsleiter und drohten ihrerseits mit Boykott, falls dieser entlassen werden würde. Was aber gar nicht zur Debatte stand. Überhaupt stellt sich der ganze Konflikt bei genauerer Betrachtung als unnötig hochgepuscht heraus. Inzwischen steht fest, die Mannschaft macht zumindest bis Saisonende weiter. Doch Wunden werden bleiben. FanSoccer hat mit den Beteiligten gesprochen und beleuchtet den Konflikt im Nachhinein.
Auslöser des Streits war, dass Trainer Andreas Köhler und sportlicher Leiter Mark Harwardt gemeinsam beschlossen, dass Harwardt zukünftig als Co-Trainer fungieren sollte. Allerdings, ohne dies mit Abteilungsleiter Heinbach abzustimmen. Als dieser erfuhr, dass hinter seinem Rücken vollendete Tatsachen geschaffen wurden, entließ er beide fristlos. Ein Schritt, den nun wiederum die Mannschaft nicht nachvollziehen konnte. Mannschaftskapitänin Carmen Israel (Bild links) erklärte heute gegenüber FanSoccer, dass sich das Team sehr gut mit Köhler verstanden habe, das Training habe Spaß gemacht und der Erfolg spreche ja auch für den Trainer. Köhler selbst ist überzeugt, dass der Konflikt auf einem Kommunikationsproblem beruht und leicht hätte bereinigt werden können. Die Trennung sei unnötig gewesen. „Wenn man die Zeit zurück drehen könnte, würde das nicht noch einmal passieren!” erklärte Köhler gegenüber FanSoccer. Doch dann sei alles viel zu früh an die Presse geraten, und diese habe den Konflikt so angeheizt, dass jeder Rückweg verbaut gewesen sei.
Dies sieht auch Rof Heinbach (Bild rechts unten) so. Nach der ersten Krisensitzung über das Thema sei Stillschweigen vereinbart worden, doch schon am nächsten Morgen sei er von der Presse angerufen worden, die offensichtlich bereits eingeweiht gewesen sei. Die Presse habe seine spärlichen Informationen dann verwendet, um recht ausführlich über einen Riesenstreit zu berichten. Ein Weg zurück wäre ohne diese Zeitungsartikel einfacher gewesen. Anders als Köhler bleibt Heinbach aber dabei, dass das Vertrauensverhältnis zwischen ihm und Köhler nicht mehr so leicht zu kitten gewesen wäre. Versöhnlich äußerte er sich aber gegenüber FanSoccer über die Spielerinnen. „Es wäre ja traurig, wenn die Mannschaft nicht zum Trainer halten würde,” zeigte Heinbach Verständnis für die Reaktion der Spielerinnen und betonte, dass er keinen Groll gegen die Spielerinnen hege. Allerdings seien Trainer auch schon aus geringeren Gründen entlassen worden. Doch jetzt gelte es, nach vorne zu schauen und sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Das wollen nun auch die Spielerinnen. Carmen Israel erklärte die Entscheidung, jetzt doch weiterzumachen und die Saison zu Ende zu spielen so: „Wir spielen alle gerne Fußball, und wir möchten zusammenbleiben. Wenn wir jetzt hier aufhören, werden wir in alle Winde zerstreut, und das wäre schade. Außerdem hat der neue Trainer (Ralf Zistler) eine Chance verdient.” Bereits am morgigen Mittwoch werde die Mannschaft wieder komplett zum Training erscheinen. Doch trotz aller Gespräche, volles Verständnis für die Entscheidung des Abteilungsleiters bringt die Spielführerin nicht auf. Das Verhältnis der Spielerinnen zu Heinbach sei angeschlagen, das Team sei nach wie vor überzeugt, dass sich der Konflikt auch anders habe lösen lassen als durch eine Entlassung.
Bei der Entscheidung der Mannschaft, weiterzumachen, hat sicherlich auch eine Rolle gespielt, dass Köhler selbst die Spielerinnen bat, im Verein zu bleiben. Köhler hänge noch am Verein und bedauere, dass nun das Klima im ganzen Verein gelitten habe und ein Riss zwischen den Mannschaften aufgebrochen sei. Köhler möchte dem Fußball erhalten bleiben. Die SG Lütgendortmund war seine erste Station im Frauenfußball, er würde gerne im Frauenbereich bleiben, könne sich bei einem guten Angebot aber auch vorstellen, wieder eine Männermannschaft zu betreuen.
Kommentar:
Das Beispiel zeigt, wie wichtig Kommunikation in einem Verein ist. Viel Porzellan ist zerschlagen worden, und dies war unnötig. Der Verein stand bestens da, hatte gerade den Aufstieg in die 2. Bundesliga geschafft und sich dort mit 6 Punkten Vorsprung auf einen Relegationsplatz etabliert. Jetzt wird es Monate brauchen, die entstandenen Risse wieder zu kitten, wenn dies überhaupt möglich sein sollte. Ob die Mannschaft die Leistung der Hinrunde nach diesen Querelen mal eben gleich wieder abrufen kann, ist nicht unbedingt wahrscheinlich. Es ist von außen nicht zu beurteilen, ob es wirklich nötig war, Trainer und sportlichen Leiter von heute auf morgen zu entlassen, dass die Mannschaft dies nicht einfach mittragen konnte, kann ich allerdings gut nachvollziehen. Die Mannschaft ist geschlossen aufgetreten und hat Teamgeist bewiesen, das ist immerhin ein positives Signal in Lütgendortmund. Für die Zukunft ist allen Beteiligten zu wünschen, dass es ihnen gelingt, mehr miteinander zu reden und zukünftige Konflikte deeskalierender anzugehen.
Zur 2. Bundesliga Nord
Zur FanSoccer-Startseite
|