2. Bundeliga Nord

In Hessen ganz oben: TSV Jahn Calden

Die Überraschung der 2. Liga Nord

 

Von Christian Heidler

23.01.2005

Es ist mit Sicherheit kein Ausdruck mangelnden Allge- meinwissens, wenn einem nicht bekannt ist wer, was oder wo Calden ist. Wer jedoch Interesse am Frauenfußball zeigt, sollte sich diesen Namen einprägen! Denn der TSV Jahn Calden war in der Hinrunde als anfänglicher Tabellenführer nicht nur die positive Über- raschung der 2. Bundesliga Nord, der Verein wird gewiss auch im nächsten Jahr noch über seine Region hinweg von sich reden machen. Mit 23 Punkten aus den ersten 12 Begegnungen müsste es nach der Winterpause schon einen totalen Einbruch geben, wenn das Team noch auf einen Abstiegsplatz abrutschen sollte!


Wo also bitteschön liegt Calden? Die Großgemeinde mit ihren nahezu 8.000 Einwohnern ist ungefähr 12 Kilometer von Kassel entfernt - unweit der Landesgrenze zu Niedersachsen anzufinden. Schloß Wilhelmsthal, eine Sternwarte, eine jungsteinzeitliche Grabanlage (Erdwerk)  sowie der Naturpark Habichtswald zählen zu den Sehenswürdigkeiten in und um Calden. Über den Landkreis Kassel hinaus ist Calden bislang bestenfalls durch den Flughafen Kassel-Calden einem größeren Kreis geläufig gewesen. Doch die Fußballfrauen arbeiten emsig daran, ihren Ort bekannter zu machen.

Die Wurzeln des Vereins, der derzeit neben Fußball auch die Sparten Handball, Tennis, Turnen und Walking anbietet, reichen bis in das Jahr 1891 zurück. „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn wurde 1953 anlässlich des Zusammenschlusses des bürgerlichen Turnvereins mit dem Arbeiter- Turn- und Sportverein als Namenspatron auserkoren. Der Fußball fand erst 1948 seine feste Heimat beim TSV Jahn Calden, Frauen schnüren hier immerhin schon seit 1971 die Fußballstiefel. Derzeit zählen etwa 170 der 1.300 Vereinsmitglieder zur Frauenfußballabteilung, die neben der 1. Mannschaft auch eine Reserve (Landesliga-Nord) und erfolgreiche Nachwuchsteams (B-, C-, D- und E-Jugend) umfasst, wobei die Mädchen in einer Spielgemeinschaft mit Nachbarverein TuS Meimbressen antreten.

"Turbo": Karina Thöne (links) enteilt Turbines Spielführerin Anne Mucha

Bild: Nadine Bieneck

Der Weg der Fußballfrauen führte stetig nach oben und bald gehörte Calden zu den Besten in Nordhessen, zu den führenden Vereinen in der Oberliga Hessen. Schon 1998 klopften sie an das Tor zur Bundesliga, scheiterten aber in der Qualifikation. Im Jahre 2000 gelang mit der Meisterschaft auch der Aufstieg in die Regionalliga Süd. Sportlich konnten sie sich mit dem siebten Tabellenplatz in der Liga behaupten. Schwerwiegend waren jedoch die wirtschaftlichen Erfahrungen, die sie sammeln mussten. Die teils sehr weiten Reisen in den Süden  belasteten den Etat über die Maßen. Als Konsequenz hieraus zog sich der Verein genauso wie DJK/FSV Schwarzbach freiwillig aus der Regionalliga zurück und ver- zichtete nach erneuter Hessen- meisterschaft in  2002 auf den Aufstieg. Auch nach Abschluß der Saison 2002/2003 konnte wieder die Meisterschaft gefeiert werden - war man nicht nur in geographischer Hinsicht in Hessen „ganz oben“. Ein erneuter Ver- zicht auf den sportlich erkämpften Aufstieg wäre für das Team zu demotivierend gewesen. Diesmal rang sich der Klub dazu durch, die sportliche Herausforderung mit einem wirtschaftlichen Kraftakt zu verbinden. Aufgrund der vom DFB geplanten Einführung der 2. Bundesliga ab Saison 2004/2005 wurde das Abenteuer Regionalliga gleich mit dem Titel „Mission 2. Bundesliga“ versehen.

Die Qualifikation für diese neue Spielklasse wurde als Ziel vorgegeben und als Tabellenfünfter schließlich auch erreicht.

Die Zusammenstellung der beiden Staffeln der 2. Bundesliga - insbesondere nach dem Kriterium der räumlichen Nähe der Vereine zueinander - kam Calden und seinem Wunsch nach Minimierung der Reisestrapazen und –kosten sehr entgegen. Antragsgemäß wurde der TSV der Nordgruppe zugeordnet und spart somit etwa 3.000 Reise- kilometer ein. Heimisch in einer strukturschwachen Region konnte dank tatkräftiger Unterstützung zahlreicher kleinerer und einiger größerer Sponsoren sowie eines Reisekostenzuschusses des DFB ein Saisonetat von 42.000 € für die Frauenabteilung auf die Beine gestellt werden.

Als einziger Klub aus der Regionalliga Süd war Calden für seine Gegner die bei weitem unbekannteste Mannschaft. Vielleicht brachte dies den Nordhessen anfangs einen Vorteil, als sie mit Kantersiegen auf sich aufmerksam machen konnten. Begünstigt durch einen Spielplan, der zunächst eher schwächere Gegner bescherte, gelang es Calden dank seiner glänzenden Torausbeute die Tabellenspitze bis zum 3. Spieltag einzunehmen.

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