2. Bundesliga Nord

Schwere Zeiten

Saisonvorschau für den TSV Jahn Calden

Von Christian Heidler

17.08.2005

Auch die zweite Spielzeit in der 2. Bundesliga wird der TSV Jahn Calden in der Nordgruppe bestreiten und damit zumindest geographisch mittendrin statt nur am Rande sein. Schön dargestellt wird dies auch auf der Vereinsseite, wo auf einer Karte die Ligakonkurrenten und die jeweiligen Entfernungen angegeben sind. Zwischen 123 km (Gütersloh) und 505 km (Neubrandenburg) müssen also künftig zurückgelegt werden. Und zu diesen Auswärtsfahrten können Fans das Team nach vorheriger Anmeldung auch im Mannschaftsbus begleiten.

Die vergangene Saison war für den Dorfverein aus Nordhessen ein großer Erfolg. Die Zielsetzung Klassenverbleib war schon zur Halbzeit verwirklicht und am Ende stand ein wirklich achtbarer dritter Tabellenrang zu Buche. Auch Anfang Juni 2006 möchte Trainer Manfred Rauschenbach mit seiner Elf liebend gern wieder im ersten Tabellendrittel positioniert sein. Doch nicht nur weil die Konkurrenz zugelegt hat und die Überraschungsmannschaft der letzten Saison gewiß nicht mehr unterschätzen wird, sind die Ansprüche herunter geschraubt.

Das war ein Saisonauftakt nach Maß: Am 05.09.2004 fährt Jahn Calden einen 7:1-Kantersieg gegen den HSV II ein! Doch Manuela Utsch ( hier rechts in rot) pausiert diese Spielzeit - die Hamburger sind abgestiegen.

Foto: Stefanie Kempfe

Der Blick auf den neuen Kader bietet ja auch keinen Anlass zu großem Optimismus. Erfolgsstürmerin Femke Kazubski schnürt ihre Stiefel künftig für den VfL Wolfsburg und will den Bundesligaabsteiger umgehend in die Eliteklasse zurückschießen. Den Verein verlassen haben auch die beiden Ersatz-Keeperinnen Sandra Röhrscheid (zur TSG Kammerbach) und Silke Müller (zurück zur SG Jesteburg/Bendestorf). Christine Kumpert, Manuela Utsch, Stefanie Apel und überraschend auch Karina Thöne legen aus persönlichen Gründen eine Pause ein. Thöne stößt eventuell im Frühjahr wieder zum Team. Zudem muss auch auf Nina Ratzkowski wegen eines USA-Aufenthalts verzichtet werden - jedenfalls für die Hinrunde. Katrin Stang ist in den Kader der zweiten Mannschaft gewechselt.

Birgitt Austermühl hatte sich ja schon vergangene Saison aus familiären Gründen etwas zurückgezogen. Sie wird wohl in der neuen Spielzeit nur in Notfällen im Aufgebot stehen. Zumindest als Assistenztrainerin will die ehemalige Nationalspielerin jedoch ihren Beitrag für eine erfolgreiche Spielrunde der Jahn-Mädels leisten.

Unter den neun Zugängen ist Anja Taubert die einzige, die schon in höherklassigen Mannschaften im Kader stand (FSV Frankfurt, FF USV Jena) und von weiter her kommt. Gerade sie wird jedoch dem Team zur Saisoneröffnung gesundheitsbedingt noch nicht zur Verfügung stehen. Am ehesten ist wohl Mirjam Böttcher, die vor Jahren schon mal in der ersten Mannschaft Caldens aktiv war, der Sprung in die Stammformation zuzutrauen.


Der TSV Jahn Calden der Saison 2005/06.

Foto: TSV Jahn Calden

Die übrigen Teamzugänge kommen aus der Umgebung oder dem eigenen Verein. So kehrt Jennifer Giehl aus der Reserve in die erste Mannschaft zurück. Gudrun Biederbick wird Torfrau Julia Zeuner trainieren und im Bedarfsfall auch ersetzen.

Weitere Neuzugänge sind Mirjam Böttcher, Julia und Siena Kanngießer, Simone Thöne, Monique Hart und Angelique Scheuren. Man sieht, es wird immer familiärer bei Jahn Calden, berücksichtigt man, daß nun zwei Kanngießer- und drei Scheuren-Schwestern dem Kader angehören. Bei Karina und Simone Thöne handelt es sich allerdings nicht um ein weiteres Schwesternpaar.

„Familienzuwachs“: Mit Angelique, einem Talent aus der eigenen Jugend, gehört jetzt auch die dritte Scheuren-Schwester dem Kader an.

Foto: TSV Jahn Calden

Angesichts der kleinen Anzahl an zweitligaerfahrenen Spielerinnen, wird das Trainergespann aber gar nicht umhin kommen, auch den anderen Mädels ihre Chancen zu geben.

Warum aber hat der Verein nicht mehr Neuverpflichtungen mit dem Leistungsvermögen für die zweite Bundesliga an Land gezogen? Hier gibt es mehrere Faktoren, die es dem TSV Jahn schwer machen. Dazu gehört, daß Calden in einem strukturschwachen Gebiet liegt. Dies gilt nicht nur wirtschaftlich sondern auch sportlich. Wirtschaftlich gesehen ist es schwer, Spielerinnen mit Ausbildungs- oder Arbeitsplätzen in die Nähe Caldens zu locken oder finanzstarke Sponsoren


zu gewinnen. In Bezug auf den Frauenfußball fehlt ein starker Unterbau. So gibt es in Nordhessen erst durch den Aufstieg der TSG Kammerbach wieder einen Oberligisten. Zuvor war der DFC Allendorf in 100 Kilometern Entfernung das nächstgelegene Oberligateam. Als kleiner Dorfverein kann Calden auch nicht mit großzügigen Fahrkostenerstattungen, 1a-Rahmenbedingungen oder einem großen Namen für sich werben. Das Gedeihen des Klubs hängt zudem noch stark vom ehrenamtlichen Einsatz seiner Mitglieder und Freunde ab. Dieses Engagement kann leider auch nicht immer gleichmäßig gewährleistet werden.

Noch größer als bei der Zusammenstellung des neuen Kaders erwiesen sich die Probleme bei der Besetzung des Trainerpostens. Manfred Rauschenberg hatte nach einer langen und erfolgreichen Zeit bei Jahn Calden bereits seinen Abschied als Coach gefeiert. Davon sollten sowohl seine Gesundheit als auch seine Familie profitieren. Doch als dann nach und nach alle Trainerkandidaten abgesprungen waren, blieb ihm gar nichts anderes übrig, als noch eine Saison dranzuhängen. Schließlich könne er doch sein Team nicht im Regen stehen lassen.

Auch für die Saisonvorbereitung war es wieder mal schwierig geeignete Testspielgegner zu finden. Dann mußte auch noch das einzige Freundschaftsspiel gegen eine hochklassige Mannschaft (SG Essen/Schönebeck) abgesagt werden. Notgedrungen erhielt somit das Pokalspiel im brandenburgischen Friedersdorf Testspielcharakter. Vermutlich werden erst die ersten drei Meisterschaftsspiele in Gütersloh, gegen Turbine Potsdam II und in Wattenscheid zeigen, ob Calden gegen Teams mithalten kann, die wohl der oberen Tabellenregion zuzurechnen sind. Nicht auszuschließen, daß Calden dann punktlos auf Aufsteiger Holstein Kiel treffen wird, einem der Klubs, die man im Kampf um den Klassenerhalt gerne hinter sich lassen möchte.

Schwere Zeiten stehen dem TSV Jahn Calden bevor. Bleibt zu hoffen, daß die Mannschaft vom Verletzungspech verschont wird und mit ihrem Teamgeist und den enger geknüpften Familienbanden dennoch eine erfolgreiche Saison spielen kann.

Weitere Informationen zum TSV Jahn Calden finden sich auf dessen   Internetseite

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