| Text von Frank Porcarelli, Bilder von Jeannine Dupont (6) und FSV Gütersloh (1)
22.11.2011 Die Wedemark ist schon eine ziemlich schöne Ecke - kein Wunder, dass hier
viele HannoveranerInnen mit Rang und Namen ansitzig sind. Mit dem Mellendorfer TV als Frauenfußball-Zweitligistin stellt die Gemeinde ebenfalls sportliche
Prominenz, und mit dem FSV Gütersloh als Aufstiegsaspirantin hatte der MTV die Liga-High-Society zu Gast.
Bei fast jedem Sprint waren die Gütersloher Spielerinnen schneller
als die aus Mellendorf - einer von vielen Gründen für das klare Ergebnis. Hier versucht Janina Spaude (Mellendorf, rotes Trikot) vergeblich, an Lina Magull
vorbei zu ziehen (Bild: Jeannine Dupont)
Die Vorzeichen könnten unterschiedlicher kaum sein, denn während der FSV Gütersloh, langjährige Zweitliga-Institution, mit einem sehr jungen Team um den
Bundesliga-Aufstieg spielt, dürfte man in Mellendorf nicht gerade fröhlich sein... angesichts Kanter-Pleiten in Serie, kritischer Worte des Trainers in Richtung
einzelner Spielerinnen bezüglich Einstellung, Gerüchte über Neuverpflichtungen sowie einer stillgelegten Homepage mit Bildern aus 2008 (immerhin existiert noch
eine aktuelle HP des Fördervereins, in der man allerdings den Kader des Teams vergeblich sucht) hatte ich mich gefragt, ob etwas faul ist im Staate
Wedemark.
Kalt kalt kalt war´s im Wedemark-Stadion, und trotzdem war mit fast 100 Zuschauern die Resonanz gut. Unter ihnen auch eine Gruppe aus Gütersloh, die mit
Kuhglocken die Stimmung anheizten. Das Spiel „aufzuheizen” auf eine besondere Art gedachte sich ein muskelbepackter Hirte, der im Muskel-T-Shirt
leger hinter dem Tor wartete, um pünktlich zum Anpfiff sich des Stoffs zu entledigen und zu Posen, als ginge es um den „Mr. Universum”-Titel. Eine
sehr nette Einlage und ein gelungenes Kontrast-Programm zu den sonst umgekehrt üblichen Klischees wie den „James-Bond-Girls”, nur eben aus der Reihe
„Der Greis ist heiß”. Nach mir anonym zuspielten Informationen soll dies „Ernie” aus Bielefeld sein.
Der FSV Gütersloh ließ - im übertragenen Sinne - auch die Muskeln spielen, denn das Team von Trainer Markus Graskamp ergriff selbstbewusst im Stile eines
Heim-Teams die Initiative. Anfangs unter der Regie der wie ich fand starken Nina Claassen und Rebecca Granz als Ballverteilerinnen gelang es Gütersloh, über die
flinken Außen
gefährlich zu werden. Mellendorf hatte ordentlich zu tun, so wie in der 3. Minute, als Güterslohs Lena Hackmann sich nach weitem Pass auf der rechten Seite
durchsetzte und nach innen flankte, Lina Magull verzog allerdings.
MTV konnte ihrerseits in der 5. Minute durch Desirée Gehring einen langen Ball aus der Gütersloher Abwehr abfangen, doch um Aileen Osterwold in Szene zu setzen,
geriet der Ball etwas zu lang. Im Gegenzug dann die Führung für Gütersloh durch Annabel Jäger, die eine Hereingabe von links verwertete.
Mellendorf fand in der Folgezeit langsam ins Spiel und konnte im weiteren Verlauf mit guten Ansätzen auch in der Offensive dagegenhalten. Dies war vor allem der
Verdienst einer starken Melissa Verseck, die überall war, kämpfte und rackerte und an jeder gefährlichen Situation Mellendorfs im gesamten Spiel beteiligt war.
So stark, wie Gütersloh in der Offensive war, so anfällig zeigte sich die FSV-Defensive immer dann, wenn der MTV schnell und direkt spielte. Es ist natürlich
das Kreuz einer Solo-Stürmerin, ständig gegen Überzahl sich behaupten zu müssen, was Aileen Osterwold allerdings daraus machte, war bemerkenswert. Sie war
ständig anspielbar, andauernder Unruheherd und brachte die Defensive Güterslohs des Öfteren in Verlegenheit. So in der 36. Minute, als Osterwold sich auf Rechts
durchsetzte und Melissa Verseck mit Nachschuss der abgewehrten Flanke fast ins Tor traf.
Kurz vor der Halbzeit eine Situation, die symptomatisch war für eines der aktuellen Mellendorfer Probleme, das fehlende Selbstvertrauen. Es hatte einen Freistoß
gegeben in aussichtsreicher Position, die Spielerin lief unsicher an, schoss unsicher, um sich dann entschlossen zu ärgern. Dies begleitete Mellendorf in vielen
Situationen während des gesamten Spiels, dabei gab es, eben auch in der zweiten Hälfte der ersten Halbzeit, Grund für Optimismus. In der 41. Minute wurde nach
einer guten Kombination zwischen Verseck und Osterwold ein Schuss von Laura Hinz abgeblockt. Nur eine Minute später war Mellendorfs Hanna Marquard beteiligt an
einer gelungenen Kombination, in dessen Folge Mellissa Verseck nur knapp am Kasten vorbeischoß.
So in der 36. Minute, als Osterwold sich auf Rechts durchsetzte und Melissa Verseck den Nachschuss der abgewehrten Flanke knapp neben das Tor setzte. In der 41.
Minute wurde nach einer guten Kombination zwischen Verseck und Osterwold ein Schuss von Laura Hinz abgeblockt. Nur eine Minute später war Mellendorfs Hanna
Marquard beteiligt an einer gelungenen Kombination, in deren Folge Melissa Verseck nur knapp am Kasten vorbei schoss.
Dass in der ersten halben Stunde des Spiels keine Gefahr für das Gütersloher Tor entstand, lag zum einen an der sehr guten Laufarbeit Güterslohs gegen den Ball,
wodurch der FSV in jeder Situation eine Überzahl erwirkte und die ballführende Mellendorferin unter Druck setzte. Und zudem lag es an den schlechten
Platzverhältnissen. Der Rasen im Wedemark-Stadion ist - meiner Ansicht nach - teilweise als sehr schlecht zu bezeichnen. Hier sollte die Gemeinde sich
überlegen, mal vernünftig in die Hardware zu investieren, so jedoch mussten einige der gut gemeinten Mellendorfer Versuche, der Gütersloher Präsenz
auszuweichen, eben auch am Platz scheitern.
Dass der FSV mit den Verhältnissen besser zurecht kam, war zwar einerseits begründet durch die Defensiv-Taktik Mellendorfs und den dadurch entstehenden Raum,
allerdings bestach das Team in der Offensive mit einer guten Spielanlage. Spielerinnen waren sehr sicher am Ball mit einer resoluten Spielweise. Mellendorf
hielt dagegen und konnte diverse Angriffe unterbinden, dennoch kam der FSV in der Zeit nach dem Führungstreffer zu Chancen.
In der 11. Minute setzte sich Kristina Gessat auf links durch, konnte aber den Ball nicht platzieren. In der 12. Minute dann fast das 0:2 ebenfalls durch
Gessat, die nach einer Hereingabe von links knapp verzog. In der 23. Minute eine gepflegte Schrecksekunde für Mellendorf, als Annabel Jäger nach Pass von
Angelika Widowski den Ball an die Latte setzte. Widowski ihrerseits schoss in der 25. Minute übers Tor, und nachdem in der 27. Minute ein Schuss von Jäger
gerade noch abgeblockt wurde, hob Lena Hackmann den Ball über MTV-Keeperin Reinhard und auch über das Tor (31.).
Die zweite Halbzeit begann wie die erste, bereits nach ein paar Minuten erzielte Gütersloh das 0:2. Nachdem eine Chance Mellendorfs durch Desirée Gehring
seitens der Gütersloher Defensive noch vereitelt wurde, bekam der FSV im Gegenzug einen Freistoß am linken Strafraumeck. Die Hereingabe der für Lina Magull
eingewechselten Nina Phillip landete im Tor, da MTV-Torhüterin Sonja Reinhardt durch Gütersloher Spielerinnen irritiert wurde.
Wer nun dachte, Mellendorf gäbe sich geschlagen, konnte sich eines Besseren belehren lassen. Die Spielerinnen des MTV nahmen das Spiel an und die Angriffe
wogten hin und her, und gerade zwischen der 60. und 70. Minute erarbeitete sich Mellendorf ebenfalls gute Chancen. Ein Schuss von Aileen Osterwold auf Vorlage
von Malia Seybusch wurde abgeblockt, im Gegenzug brachte eine Hereingabe der starken Angelika Widowski Gefahr für den MTV-Strafraum, was allerdings geklärt
werden konnte. Aileen Osterwold ihrerseits warf sich auf der Gegenseite in einen Befreiungsschlag der Gütersloher Torhüterin Stephanie Herkrath, und der
Abpraller wäre fast im Tor gelandet. Osterwold verletzte sich dabei und musste behandelt werden. Weitere Chancen auf beiden Seiten brachten aber nicht den
Erfolg.
MTV-Trainer Lutz Koch dachte sich vermutlich, „Franziska Knopp gibt uns Hope” und wechselte die Offensiv-Kraft ein. Knopp hätte fast eine
Riesenmöglichkeit gehabt, wenn die sehr gute Schiedsrichterin in einer von nur zwei Fehlentscheidungen ihrerseits im gesamten Spiel nicht den Vorteil für den
MTV abgepfiffen hätte zugunsten einer mündlichen Verwarnung für eine Gütersloher Spielerin. Eben diese Franziska Knopp wäre frei vor dem Tor gewesen. Zuvor
hatte wiederum Aileen Osterwold nach einer technischen Finesse fast das Tor getroffen. Ein gekonnter Pass Melissa Versecks auf Franziska Knopp konnte von
FSV-Torfrau Herkrath gerade noch entschärft werden. Nach Klarheit der Chancen beurteilt wäre ein Ausgleich möglich gewesen - und verdient.
Dann allerdings übernahm Gütersloh wieder das Kommando, und in der 70. Minute stand Annabel Jäger nach einem Klasse-Pass aus der Gütersloher Abwehr frei vor
Reinhardt und vergab. Weitere fünf Minuten später allerdings war das Spiel entschieden, Anja Barwinsky spielte auf Angelika Widowsky, und diese krönte ihre sehr
gute Leistung mit dem 0:3, in dem sie MTV-Torfrau Sonja Reinhardt klassisch umkurvte und einschob.
Es spricht für Gütersloh, dass das Team nicht locker ließ und die kurze und spürbare Resignations-Phase Mellendorfs durch Tore Kristina Gessats und Lena
Hackmanns zur Ergebnisverbesserung nutzte. Kochs Team selbst hatte sich dann wieder gefangen, und Ausdruck Mellendorfscher Widerspenstigkeit war ein klasse
durch Reinhardt parierter Elfmeter.
Mein Fazit: ein gutes Fußballspiel, dass Spaß gemacht hat zuzusehen. Grade in der zweiten Halbzeit war der MTV gut, auch wenn Gütersloh mit einer wie ich finde
gekonnten Teamleistung inklusive der individuellen Stärken von Spielerinnen wie Angelika Widowsky bzw. Annabel Jäger das Spiel klar für sich entschied.
Letztlich macht es sich das Team von Lutz Koch selbst schwer. Zum fehlenden Selbstvertrauen gesellen sich, nach Meinung des Verfassers dieses Artikels, als
Ursachen der Unsicherheiten und somit der Gesamtsituation auch konditionelle Defizite wie in der Grundschnelligkeit, die gerade im Vergleich zu Gütersloh
deutlich werden. So fand ich es auffällig, dass bei Sprints die Mellendorfer Spielerinnen kaum hinterher kommen, jede Gütersloherin nimmt ihrer Gegenspielerin
auf den ersten fünf Metern einen Meter ab.
Dazu kommen ganz sicher fehlende Alternativen, gerade in der Offensive. Ausfälle von Leistungsträgerinnen wie aktuell Danaila Navarro-Leon sind schlicht nicht
aufzufangen.
Im Gespräch mit dem Verfasser dieser Zeilen geht MTV-Trainer Koch auch offensiv mit den anfangs angesprochenen Themen Neuverpflichtungen und interner Kritik um.
Einzelne Spielerinnen zeigten nicht die nötige Einstellung, dazu kämen die fehlenden personellen Alternativen. Es seien bereits Gespräche geführt worden,
Zielsetzung sei jedoch eindeutig Klassenerhalt. Demnach scheint sich Mellendorf neu zu ordnen, und man sowie frau
darf gespannt sein auf die Spiele um den Klassenerhalt.
Spannend ist auch das Rennen um den Aufstieg in die Bundesliga. Güterslohs Trainer Markus Graskamp, der trotz respektabler Anzahl von Chancen sein Team in Bezug
auf deren Laufarbeit kritisierte, gibt sich diesbezüglich selbstbewusst. Auf meine Frage, ob man aufgrund der Namen und der Ergebnisse auf einen leichten
Vorteil für Cloppenburg schließen könnte, wollte er dies nicht überbewerten. Es werde auf jeden Fall eine enge Geschichte, und Gütersloh möchte seine Chancen
auch nutzen. Zudem sei ein Bundesliga-Aufstieg mittelfristig angedacht, um den Spielerinnen auch eine Perspektive bieten zu können.
Am 11.12. nun findet die Begegnung gegen Cloppenburg statt, zuvor, also am nächsten Wochenende, spielt eben jenes Team aus Herford zuhause gegen Cloppenburg,
während Gütersloh gegen Herford-Besiegerin Oldesloe bestehen muss Bei strategisch günstigen Ergebnissen blüht am 11.12. die Möglichkeit einer Vorentscheidung.
Hier wird sich sicherlich zeigen, welches Team am besten mit dem Druck umgehen kann. Wir sind gespannt.
Mellendorfer TV: Reinhardt - Seybusch, Arend, Marquard, Böhlke, Spaude (62. Knopp), Hinz (73. Tugurlan), Gehring (62. Gluth), Verseck
Osterwold, Rose
FSV Gütersloh 2009:
Herkrath - Claassen, Posdorfer, A. Jäger (73. B. Schmücker), Barwinski, Hermes, Gessat, Granz (46. Bentkämper), Widowski, Hackmann, Magull (46. Philipp)
Tore:
0:1 A. Jäger (6.)
0:2 Philipp (50.)
0:3 Widowski (75.)
0:4 Hackmann (80.)
0:5 Gessat (83.)
Gelbe Karten: - / -
Besonderes Vorkommnis: Sonja Reinhardt pariert Foulelfmeter von Nina Claassen (85.)
Schiedsrichterin: Anke Seemann (Oldisleben)
Zuschauer: 89
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