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2. Bundesliga Nord, 6. Spieltag

Schiedsrichterdiskussion geht weiter

FFC Oldesloe - Hamburger SV II 1:2 (0:0)

Text und Bilder von Fuxi

07.10.2007   Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, nicht mehr auf den Leistungen von Schiedsrichterinnen herumzuhacken. Aber angesichts einer Bibiana Steinhaus, die mittlerweile in der 2. Männer-Bundesliga pfeift, muss auch mal eines herausgestellt werden: Sie mag ein leuchtendes Vorbild sein, aber sie steht in Deutschland so einsam dort wie ein Leuchtturm. Sabine Stadtler aus Fulda und ihr Gespann mit Nina Schneider (Heppenheim) und Nancy Ibe (Hildesheim) machten das mal wieder deutlich.

Doch zunächst zu den Ausgangspositionen. Der FFC Oldesloe aus der Hamburger Metropolregion, Tabellensiebter, empfing den Tabellenachten, die zweite Mannschaft des Hamburger SV. Die Gäste hatten mit Personalproblemen zu kämpfen: Melanie Nilsson fehlte wegen eines Kreuzbandrisses, und weil bei der Ersten sieben Spielerinnen zum Auswärtsspiel beim 1.FFC Frankfurt fehlten, mussten auch noch Maria Marrocu, Annika Rode und Rabea Garbers ersetzt werden. Claudia von Lanken setzte auf zwei Viererketten: In der Abwehr vor Torhüterin Jenny Weber verteidigten Cathérine Knobloch, Vanessa Bastin, Vanessa Hamed und Nadine Odzakovic und damit die Abwehrkette vom 3:0-Heimsieg gegen Gersten. Davor das Mittelfeld mit Claudia Schulz, Angelina Lübcke, Carina Wolfgramm und Ann-Kathrin Lüth, die für Rode neu im Team war. Der Sturm bestand wie gewohnt aus Kathrin Patzke und Larissa Holland. Auch der FFC Oldesloe musste auf einige Spielerinnen verzichten: Trainer Michael Clausen vermisste Theresa Blum, Svenja Fritz, Susann Kunkel, Bianca Löwenstrom und Denise Steinike. Auf dem Platz stand eine Viererkette aus Neuzugang Joy Grube (kam von den B-Juniorinnen des HSV), Desiree Steinike, Mirja Herrmann und Johanna Wöhler vor Torhüterin Jasmin Dreessen. Vor der Abwehr sollte Stefanie Storm abräumen. Davor eine Dreierreihe mit Sarah Schreiber, Kirsten Stamer und Marialiiza Kranz. Die einzige echte Spitze, Torjägerin Gaitana Lippert (4 Treffer), sollte Kristina Kucharski (3 Tore) unterstützen.

Kathrin Patzke

Hilfloses Schulterzucken, fragender Blick: "Wohin soll ich spielen? Wer hilft mir?" So erging es Kathrin Patzke, hier gegen Johanna Wöhler,oft im ersten Durchgang.

Die 220 Zuschauer im Kurparkstadion der Kreisstadt sahen zunächst eine dominante Heimmannschaft. Nach zwei Minuten setzte sich Kucharski nach Zuspiel von Stamer gegen Hamed durch, aber ihren Roller konnte Torhüterin Weber problemlos aufnehmen. Die erste Riesenchance bot sich den Gastgeberinnen in der 10. Minute: Storm hob den Ball in den Strafraum hinter die tief schlafende HSV-Abwehr, Kranz stand frei vor dem Kasten, nahm den Ball direkt - und schob aus zehn Metern um Zentimeter am linken Pfosten vorbei. Und auch Kucharskis Kopfball nach einem Kranz-Eckball verfehlte das Tor nur knapp. Der FFC war überlegen, der HSV suchte seine Linie und bekam eine erste kleine Möglichkeit nach einer Viertelstunde. Patzke spielte vor dem Strafraum quer, Wolfgramm leitete weiter, aber die Direktabnahme rutschte Schulz über den Spann und klar am Tor vorbei. Die Rothosen spielten zu viel durch die Mitte und machten dem Aufsteiger die Verteidigung einfach. So liefen die Angriffe nach vorn. Im Strafraum spielte Stamer quer, Lippert verpasste, dahinter kam Schreiber zum Schuss, doch Weber wehrte mit dem Fuß ab und griff dann vor der nachsetzenden Schützin zu.

Vor allem war die Luftüberlegenheit der Oldesloerinnen im Hamburger Strafraum auffällig. Sie suchten die Lücken in der tief stehenden Defensive der Gäste und fanden sie auch immer wieder mal. Zudem waren die Stormarnerinnen kampfstärker. Der HSV kam kaum aus der eigenen Hälfte, sie rückten bei eigenem Ballbesitz viel zu schlecht nach und verloren das Spielgerät folgerichtig häufig. Bei den Gästen verließ sich jede auf ihre Mitspielerin. Die Spitzen Patzke und Holland hingen völlig in der Luft und konnten sich allein gegen die gegnerische Überzahl nicht durchsetzen. Das 1:0 schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Aber mit zunehmender Spielzeit fiel es Oldesloe schwerer, zwingende Chancen herauszuspielen. Und so meldete sich der HSV vor der Pause nochmal zu Wort. 39. Minute: Einen Querpass von Schulz vor dem Strafraum nahm Lübcke kurz mit und suchte aus 25 Metern den Abschluss. Vom Hintern einer Oldesloerin abgefälscht, ging der Schuss links vorbei. Nur eine Minute später verlor Stamer in Strafraumnähe den Ball, Patzke wurstelte sich gegen Herrmann und Steinike durch und probierte es mit der Pieke - Außennetz! Und wieder nur 60 Sekunden später kämpfte sich Holland 25 Meter vor dem Tor durch, ihr Schussversuch wurde abgeblockt, und der Ball kam zu Patzke. Die stocherte ihn weiter zu Wolfgramm. Deren Schuss aus 20 Metern halbrechts wischte Dreessen mit sehenswerter Parade um den Pfosten. Die letzte Torszene vor dem Seitenwechsel hatte aber Oldesloe. Nach Eckball von Kranz schoss Storm volley drüber (45.).

Das 0:0 war für den HSV schon schmeichelhaft. Mit Ausnahme der drei Chancen zwischen der 39. und 41. Minute brachten sie nicht viel zustande. Oldesloe hatte Vorteile, die sie aber nicht zu nutzen verstanden. Die Sturmführerinnen beider Teams, Lippert auf der einen und Patzke auf der anderen Seite, waren weitgehend abgemeldet. Mirja Herrmann und Vanessa Bastin, Spielführerinnen, Abwehrchefinnen und in der Saison 2001/2002 gemeinsam mit dem HSV aus der 1. Bundesliga abgestiegen, organisierten ihre Defensivreihen ordentlich, mit leichten Vorteilen für die Stormarnerinnen, die etwas abgeklärter und aggressiver wirkten.


Larissa Holland

Eindeutiger geht es nicht: Johanna Wöhler zieht gegen Larissa Holland (Nr. 23) die Notbremse, Teamkollegin Mirja Herrmann (Nr. 3) ist weit weg. Da gibt es eigentlich keinen Ermessensspielraum - aber viel Raum zum Diskutieren, warum eine Schiedsrichterin eine so klare Rote Karte nicht erkennt.

Ohne Wechsel ging es in die zweite Hälfte. Bis hierhin gab es an Schiedsrichterin Stadtler noch nicht viel zu meckern. Das allerdings sollte sich noch ändern. Zunächst aber hatte sich der HSV für diese zweite Halbzeit etwas vorgenommen. In der 48. Minute vertändelte Stamer den Ball, und Patzke dribbelte an ihr und an Herrmann vorbei links in den Strafraum. Aus spitzem Winkel spielte die den Ball mit dem Außenrist quer zu Holland, aber Herrmann war dran. Die HSV-Stürmerin suchte die Schussmöglichkeit, fand aber keine, und es schien, als könnte Oldesloe klären. Aber Dreessen zögerte mit dem Herauskommen, Herrmann und Grube mit dem Eingreifen, und so haute Holland das Leder reaktionsschnell aus vier (!) Metern an der Torhüterin vorbei ins Netz. Guten Morgen, Oldesloe! Da hatte die Hintermannschaft der Gastgeberinnen kollektiv die Schlafmütze auf. Die Führung für die Bundesligareserve war überraschend, keine Frage. Aber nun war der HSV wach und präsent, ihn beflügelte das Tor. Oldesloe schien vom plötzlichen Rückstand hingegen beeindruckt, der Wirkungstreffer saß.

Die nachfolgende Lethargie versuchte Trainer Clausen durch eine Auswechslung loszuwerden: Für Stamer kam Janine Kulow herein. Aber die Hamburgerinnen waren nun spielbestimmend. Wolfgramm stocherte Storm den Ball weg zu Patzke. Die drehte sich um Herrmann, machte alles richtig und schloss aus 15 Metern ab - Außenpfosten (60.). Dreessen wäre da nicht mehr herangekommen. Dann folgte die Szene, die die Gemüter erhitzte und die Schiedsrichterdiskussion im Frauenfußball wieder beleben wird: An einem Klärungsschlag des HSV haute Herrmann vorbei, und Holland marschierte los zu ihrem zweiten Tor. Sie war schon an Wöhler vorbei, als diese die Notbremse zog. Der Pfiff der Schiedsrichterin war eindeutig. Es folgte eine etwas längere Diskussion zwischen Stadtler und Wöhler, und die Oldesloerin, obwohl "letzter Mann", sah nur die Gelbe Karte, obwohl in Regel 12 nachzulesen ist."Ein Spieler [...] muss durch Zeigen der Roten Karte des Feldes verwiesen werden, wenn er eine der folgenden sieben Regelübertretungen begeht: [...] 5. einem auf sein Tor zulaufenden Gegenspieler eine offensichtliche Torchance nimmt, indem er eine mit Freistoß oder Strafstoß zu ahndende Regelübertretung begeht, [...]" Eindeutiger kann eine Formulierung der Spielregeln nicht sein, und selbst Wöhler erkannte, dass sie dafür hätte vom Platz gestellt werden müssen. Sahen übrigens alle Anwesenden so - mit Ausnahme der Spielleiterin.

Kristina Kucharski

Kristina Kucharski (Nr. 10) lässt hier Nadine Odzakovic mit einem Haken ins Leere laufen. In der ersten Halbzeit klappte das noch ganz gut. Allein der Torerfolg fehlte.

Wöhler blieb im Spiel, das mit Freistoß für den HSV fortgesetzt wurde. Aus 23 Metern hob Lübcke den Ball über die Mauer auf das kurze Eck, Dreessen war noch mit der Hand dran, aber er schlug doch im Winkel ein - 0:2 (64.). Zumindest in diesem einen Punkt des verhinderten, fast sicheren Torerfolges gab es ausgleichende Gerechtigkeit. Nun, im letzten Spielviertel, drängte Oldesloe auf den Anschlusstreffer. Steinike flog an einem Freistoß von Kranz vorbei und tat sich bei der Landung weh. Die Abwehrspielerin konnte aber weitermachen. Dann bediente Wöhler rechts Lippert. Im Zweikampf mit Bastin passte die zurück zur Strafraumgrenze, wo Kulow den Ball direkt nahm, aber nur einen schwachen Flachschuss auf Weber zustande bekam (70.). Im Gegenzug nahm Patzke Storm den Ball ab, dribbelte im Strafraum an Schreiber vorbei, spielte auch Grube aus und schob dann aus spitzem Winkel nicht nur an Dreessen, sondern auch am Tor vorbei. Da war sie wieder, die Eigensinnigkeit Patzkes, die ich im letzten Spielbericht schon rügte. Auch hier wartete Holland vergeblich auf das Zuspiel und ihre Chance zum 0:3. Der HSV fing sich, denn Oldesloe gelang es nicht, das druckvolle Spiel zu kanalisieren. Patzke bediente Schulz mit einem Steilpass, aber deren Abschluss aus 15 Metern ging rechts vorbei. Die Hamburgerinnen waren in dieser zweiten Halbzeit insgesamt kampfstärker und bissiger, der FFC hingegen schien von der Rolle. Lippert war vorn, wie in der ersten Halbzeit Patzke, auf sich allein gestellt. Vertauschte Rollen seit Wiederanpfiff.

Chance Eve Chandraratne

Torschützin und Schlafmütze: Larissa Holland (vorn) nutzte eine Unaufmerksamkeit von Ex-HSV-Talent Joy Grube (hinten) zum 0:1.

Zehn Minuten vor Spielende zückte Schiedsrichterin Stadtler zweimal Gelb: Zunächst für Bastin, die Lippert gefoult und ihre Verwarnung mit der Schiedsrichterleistung entsprechenden Worten kommentierte, und dann für Grube, die sich an Odzakovic vergangen hatte.


Für Grube war das auch die letzte Aktion - im Anschluss daran ging sie ebenso vom Feld wie Schreiber, und es kamen mit Judith Freiling und Rachel Rinast zwei frische Kräfte für die Oldesloer Aufholjagd. Eine Minute später: Eckball Kranz, die Hamburger Abwehr schlief, Torhüterin Weber saß schon auf dem Hosenboden, und mit dem Bauch beförderte die gerade eingewechselte Rinast das Leder ins Tor - nur noch 1:2, und noch 9 Minuten regulär zu spielen. Es folgten die nächsten nicht nachvollziehbaren Schiedsrichterentscheidungen. Zunächst verweigerte sie Lübcke den gelben Karton, obwohl die Hamburgerin mit einer Textilqualitätsprobe versuchte, dem Publikum den Sport-BH ihrer Gegenspielerin zu zeigen. Dann rammte Herrmann Patzke an der Außenlinie mit dem Fuß auf der Brust rüde um, und auch hier gab es keine Verwarnung, obwohl die durchaus ihre Berechtigung gehabt hätte: Patzke krümmte sich vor Schmerzen und musste ausgewechselt werden - der Verdacht auf Rippenbruch bestätigte sich glücklicherweise nicht. Für sie kam Miriam Scheib herein. Sportlich gelang es Oldesloe nicht mehr, zu einer Ausgleichsmöglichkeit zu kommen. Statt dessen hätte der HSV noch einen draufpacken können. Bastin schickte Holland abseitsverdächtig steil. Deren Schuss aus spitzem Winkel kam aber nicht an Herrmann vorbei. Der Abpraller landete bei Wolfgramm, die das Spielgerät kontrolliert in Richtung Tor beförderte, aber Dreessen fing es ab.

Schiedsrichterin Stadtler

Hier war alles sauber: Das Tackling von Storm gegen Patzke gilt dem Ball, und Schiedsrichterin Stadtler lässt hier ausnahmsweise korrekt weiterspielen. Die Stürmerin hatte einen schweren Stand. Oldesloe ist gegen sie traditionell gut eingestellt.

Der Sieg des HSV war durchaus schmeichelhaft. Oldesloe hatte die erste Halbzeit bestimmt, Hamburg die zweite. Jedoch waren die Gäste effektiver und hätten die Partie wahrscheinlich weniger mühsam nach Hause gebracht, wenn Oldesloe regelkonform dezimiert worden wäre. So begann nach dem verdienten, wenn auch im Zustandekommen glücklichen 1:2 noch das Zittern, und mit dem Tempo kam auch Härte rein. Auch ein "Verdienst" der Spielleitung, die sich nach den eigenen Maßstäben und Kriterien für eine Rote Karte fragen lassen muss. Für die Gesundheit der 22 Akteurinnen kann das jedenfalls nichts Gutes bedeuten. Und das ist - neben dem teils eklatanten Qualitätsgefälle in den Spielklassen - eines der großen Probleme des Frauenfußballs. "Leuchtturm" Bibiana Steinhaus hin oder her.

Patzke

Hier hätte Patzke (Nr. 5) alles klar machen können: Erst zwei Gegenspielerinnen ausgetanzt, aber dann gegen Wöhler (re.) und Herrmann vertändelt.

FFC Oldesloe:

FFC Oldesloe: Dreessen - Grube (80. Freiling), Herrmann, Des. Steinike, Wöhler - Storm - Schreiber (80. Rinast), Stamer (55. Kulow), Kranz - Kucharski, Lippert

Hamburger SV II:

Weber - Knobloch, Bastin, Hamed, Odzakovic - Schulz, Lübcke, Wolfgramm, Lüth - Patzke (85. Scheib), Holland

Tore:
0:1 Holland (48.)
0:2 Lübcke (64.)
1:2 Rinast (81.)

Gelbe Karten: Wöhler (63., Foulspiel), Grube (Oldesloe, 80., Foulspiel) / Bastin (79., Foulspiel)

Schiedsrichterin: Sabine Stadtler (Fulda) mit Nina Schneider (Heppenheim) und Nancy Ibe (Hildesheim)

Zuschauer: 220


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