Text und Bilder von Fuxi 20.9.2006
Für die beiden nördlichsten Clubs der zweiten Bundesliga begann die Saison durchwachsen: Gastgeber Holstein Kiel bezog bei TeBe Berlin eine 2:6-Packung, während sich die Rothosen gegen Lok Leipzig beim 2:2 einen Punkt erschlichen. Nun standen sich die beiden Mannschaften gegenüber, die auf dem gleichen Markt rivalisieren: Dem Markt der jungen Talente. Im Sommer war Kiels Christina Plessen zum HSV gewechselt und landete gleich in der ersten Mannschaft. Dabei fuhr der Zug zuletzt anders herum: Mit Tessa Schildt und den beiden beim HSV "aufgewachsenen" Johanna Staade und Wiebke Korthals (kam vom TSV Nahe) standen gleich drei ehemalige Rautenträgerinnen im Holstein-Kader. Dazu kam Justine Pank, die mal beim HSV zur Probe mittrainierte, und Kiels Co-Trainer Ismail Yesilyurt. Dessen höchstklassiger Schützling stand auf der Gegenseite: Kathrin Patzke, die vor drei Jahren in ihrer ersten Erstligasaison zehn Treffer erzielte. Yesilyurt trainierte Schildt und Patzke, wie auch einige aktuelle Kielerinnen bei einem von zweien Vorgängerclubs der Holstein- Frauen, beim TSV Schilksee. Und bevor er zu Holstein kam, trainierte "Isi" selbst die zweite Mannschaft des HSV beim letzten Auftritt in Liga zwei.
HSV-Trainerin von Lanken baute im Vergleich zum 2:2 gegen Leipzig um. Vor Torhüterin Jennifer Weber verteidigte nun statt einer Vierer- eine Dreierkette aus der neu in der Startformation anzutreffenden Vanessa Bastin, Anna Steckel zentral und Katharina Freitag. Das Mittelfeld bestand aus einer Viererreihe mit der erfahrenen Birte Knop, Monique Müller, Johanna Borkowski und Bundesliga- Leihgabe Julia Weigel. Hinter den beiden Stammspitzen Denise Lehmann und Kathrin Patzke sollte Marisa Ewers Linie ins Spiel bringen. Janka Rohrberg und Nadine Odzakovic flogen damit aus der Startelf. Holsteins Coach Heinz Siebolds setzte vor Torfrau Katna Ihrens auf eine Viererkette mit Tessa Schildt, Rosa Pérez Traulsen, Svenja Wölki und Svenja Scheffke. Im Mittelfeld fand sich zunächst eine Dreierreihe aus Rachel Pashley, Kati Krohn und Katrin Krone, davor Nicole Preiß, die auch schon in Berlin getroffen hatte. Den Sturm besetzten Sabine Pürwitz und Sandra Bannas. Verzichten musste Siebolds auf seinen verletzten Sturmtank Nicole Baumgart und auf Nachwuchs-Nationalspielerin Nina Jokuschies (Urlaub).
 Hamburgs Johanna Borkowski (li.) wird von Ausgleichsschützin Nicole Preiss hart bedrängt. Julia Weigel (Nr. 14) versucht zu helfen
Den ersten Akzent auf dem holprigen Rasen des Stadions Waldwiese setzte der Bundesliga- Nachwuchs des HSV nach sechs Minuten. Eine Flanke von Knop köpfte Schildt schwach zur Mitte aus dem Strafraum, die aufgerückte Verteidigerin Freitag versuchte es direkt mit einem schwer zu nehmenden Schuss, der das Tor deutlich verfehlte. Die Gastgeberinnen antworteten nach einem dicken Bock von Abwehrchefin Steckel: Die ließ einen Fehlpass von Krone durchrutschen, Pürwitz lief auf und davon auf das Tor des HSV zu, schloss dann überhastet ab und versenkte den Ball im Garten des Nachbarhauses. Die nächste Szene hatte Knop. Aus dem Spiel heraus lief es zunächst für sie ganz schlecht, also sollte ein Freistoß Besserung bringen. Den brachte sie von der rechten Seite direkt aufs Tor, prüfte damit allenfalls, ob Kiels Keeperin noch wach war (10.). Der HSV leistete sich insgesamt im Aufbauspiel viele Fehler und kam nicht so recht voran. Holstein probierte es gegen eine unsicher wirkende Abwehr mit langen Bällen auf die schnellen Stürmerinnen Bannas und Pürwitz, die vor allem für Steckel und Bastin durchaus problematisch waren.
 Schwerstarbeit für Kiels Captain Sandra Bannas - hier wird sie von Julia Weigel (Nr. 14) und Katharina Freitag (verdeckt) in die Mangel genommen
Aber auch Kiels Defensive war nicht sattelfest. Das bewies sich in der 13. Minute bei einem Freistoß aus dem rechten Mittelfeld. Müller flankte ihn hoch in den Strafraum. Im Duell mit Borkowski konnte Wölki den Ball nur notdürftig köpfen und lenkte ihn in Richtung eigenes Tor. Am Fünfmeterraum stand HSV- Stürmerin Lehmann goldrichtig und schädelte das Leder butterweich und überlegt über Ihrens hinweg ins lange Eck zum 0:1. Insgesamt wirkte aber vieles in der Anfangsphase bei beiden Mannschaften zäh. Kiel stand defensiv sehr kompakt und eng, verpatzte aber die Gegenangriffe mit ungenauen Steilpässen. Dabei wirkten sie energischer und schneller als die manchmal kraftlos bis halbherzig auftretenden Hamburgerinnen. Nur taktisch hakte es bei den Hausherrinnen. Erst nach 25 Minuten kam wieder
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Nach Svenja Wölkis Fehler ist HSV-Torjägerin Denise Lehmann zur Stelle und köpft überlegt über Torfrau Katna Ihrens hinweg zur Führung ein.
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so etwas wie Torgefahr auf, als Krohns hoher Ball an den Elfmeterpunkt von Pürwitz schwach verlängert wurde und in den Armen von Weber landete.
 Eines der ständigen Duelle: Sandra Bannas (Nr. 11) versucht, Katharina Freitag auszutricksen
Trotz der Führung hatte der HSV Probleme, Chancen zu entwickeln. Sie fanden keine Linie gegen die
gut stehende Viererkette. Einzig Freistöße und Einzelaktionen führten in Strafraumnähe. Ein Dribblingsolo von Patzke endete mit einem Schuss aus 24 Metern, den Ihrens halten konnte. Der Gegenzug wurde noch in der Kieler Hälfte gestoppt und führte beinahe zum 0:2, als Ewers den Ball hinter die Abwehr hob. Lehmann tauchte vor Ihrens auf und hatte nur zwei Optionen: Schussversuch mit dem schwächeren linken oder Heberversuch mit dem rechten Fuß. Sie entschied sich für Zweiteres, und der Ball ging über die Latte (31.). Für die Abwehr der Elbstädterinnen eine willkommene Entlastung. Die Reihe um Spielführerin Steckel war wie schon in der Vorwoche anfällig für lange Bälle und hatte immer wieder Probleme mit der lauffreudigen
Kieler Spitze Pürwitz, auch bedingt durch Unaufmerksamkeit. Nach vorn erging sich der Aufsteiger in Strafraumnähe in Wurstelei. Immerhin konnte sich Patzke in der 41. Minute behaupten und zumindest ein Schüsschen hinzaubern. Ihr ließ die Gastgeber- Defensive keinen Raum, und auch Torschützin Lehmann war weitgehend abgemeldet. Wenn sie aber Fehler machten, wusste der HSV sie nicht zu nutzen. Kurz vor der Pause hätte Patzke dann auch erhöhen müssen: Schildt leistete sich einen katastrophal kraftlosen Fehlpass zurück zu Ihrens. Patzke spritzte dazwischen, umkurvte die überraschte Torfrau und hatte aus spitzem Winkel den leeren Kasten vor sich - aber im Fallen spitzelte sie links so weit vorbei, dass es fast ein Einwurf wurde (45.)!
Der HSV hatte im ersten Durchgang kleine Vorteile in einer unter dem Strich schwachen Spiel unter Kieler Sonne. Teilweise wirkten sie trotz Führung verkrampft, steigerten sich jedoch. Holstein hatte keine spielerische Linie, war unfähig, die Abstimmungsprobleme in der gegnerischen Defensive zu nutzen. Die Angriffe wurden zu träge vorgetragen und waren letztlich zu einfach zu stoppen.
 Wieder Sandra Bannas, wieder gebremst: In dieser Szene bleibt ihr Vorstoß stecke(l)n
Nach dem Pausentee hatte zunächst abermals Patzke die Möglichkeit, die Führung auszubauen. Nach Steilpass von Knop behauptete sie sich im Strafraum gegen Pérez Traulsen durch, wurde beim Abschluss am Trikot gezupft, und so konnte Ihrens parieren. Es gab keinen Strafstoß. In der Folgezeit verlagerten sich aber die Spielanteile. Kiel wurde energischer, der HSV reagierte mit Zurückhaltung. Nach 58 Minuten brachte Siebolds mit Wiebke Korthals für Kati Krohn eine neue Offensivkraft. Und die lebte sich gleich sehr gut ein: Nach Fehler von Knop gegen Preiß sprang Steckel am Ball vorbei, und Korthals nahm die Kugel zum Strafraum mit. Dort ging sie auch an Bastin vorbei, schoss flach auf das rechte Eck, doch Torhüterin Weber wehrte mit einer guten Reaktion ab. Es war ihre erste echte Prüfung in dieser Partie. Kiel forcierte weiter das Spieltempo. Pürwitz versuchte es aus 30 Metern, weil sie sah, dass Weber zu weit vor ihrem Kasten stand. Doch der Schuss strich über die Querlatte (63.). Wieder ein Fernschuss von Bannas aus 33 Metern, den hielt Weber sicher. Die junge Nachwuchskeeperin rückte immer mehr in den Blickpunkt. Beim HSV kam jetzt Nadine Odzakovic für Marisa Ewers, die völlig abgetaucht war. Von Lanken beorderte Weigel in die Mitte, Odzakovic übernahm die rechte Mittelfeldseite.
Holstein Kiel hatte nun seine beste Phase. Der HSV kam kaum hinten heraus, agierte hektisch und unüberlegt und büßte seine bislang vorherrschende Souveränität gänzlich ein. Nach Ballverlust von Borkowski schickte Pashley Bannas. Die stürmte an Steckel vorbei und kam aus 15 Metern frei
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zum Schuss. Der verfehlte das Tor aber um einige Meter. Kurz darauf zog Steckel gegen Bannas erneut den Kürzeren, als die einen Pass von Preiß mitnahm. Doch Weber
verhinderte mit einer tollen Reaktion Schlimmeres. Holstein zog dem HSV mit aggressiven Zweikämpfen und schnellen Pässen in die Spitze den Zahn. Der Ausgleich war überfällig. Die einzige Entlastung in dieser Phase war ein Freistoß von knop aus 26 Metern, den Knop eine Viertelstunde vor dem Ende über den Kasten setzte.
In der 76. Minute spielte Borkowski einen kraftlosen Fehlpass, den sich Bannas holte. Wieder wurde die HSV-Abwehr in der Vorwärts- bewegung kalt erwischt. Bannas setzte Preiß ein und sperrte dann eigentlich regelwidrig Steckel, doch Schiedsrichter Ehlert ließ weiterlaufen. Preiß stand so unbedrängt vor Weber und zielte auf das lange Eck. Wieder war Weber dran, der Ball sprang aber über sie hinweg, und bevor die heranrauschende Müller ihn wegschlagen konnte, hüpfte der Ball zum umjubelten Ausgleich ins Netz (76.). Und das Remis war hochverdient. Proteste wegen des Bannas-Fouls brachten nichts.
Die zu dieser Zeit zur Einwechslung bereitstehende Kielerin Stefanie Mohr kam nun für Tessa Schildt herein. Die Partie verflachte nun, nachdem die Landeshaupt- städterinnen zumindest das Minimalergebnis geschafft hatten. Zwar machten sie weiter Druck, aber nicht mehr mit der gleichen Vehemenz. Der HSV suchte noch einmal den Weg nach vorn, kam aber weiter kaum durch. Müllers Freistoß aus 22 Metern halblinks ging drüber (84.). Dann musste auch noch Lehmann raus: Nachdem ihr Scheffke in den Rücken gesprungen war, ging es für sie nicht mehr weiter. Janka Rohrberg durfte noch ein paar Minuten mitkicken. So war Patzke in der Schlussphase gänzlich allein vorn und somit überfordert. Die letzte Möglichkeit zum Sieg hatte Kiel. Ein Freistoß von Bannas segelte hoch auf den Elfmeterpunkt, der Ball flipperte durch den Strafraum, Pashley rettete ihn vor der Torauslinie und legte für Preiß auf. Die zog sofort aus zehn Metern gewaltig ab, doch der Ball rauschte Millimeter über den Querbalken.
Am Ende herrschte Enttäuschung bei den Holsteinerinnen. Sie hatten zwei Punkte verloren, weil sie bei den Hundertprozentigen in der zweiten Halbzeit nicht abgeklärt genug waren - und weil Jennifer Weber ihrem Spitznamen "Krake" alle Ehre machte. Sie war auch beste Hamburgerin, spielte fehlerfrei und rettete ihrem Team wenigstens den einen, in der Endabrechnung glücklichen Punkt. Zwar waren sie über 60 Minuten die souveränere Mannschaft, verloren aber unter Druck abermals die Linie. Es fehlt ihnen schlichtweg an spielerischer Qualität, um sich gegen anstürmende Gegner zu behaupten. Als es darauf ankam, ließen sie sich beeindrucken und zu Fehlern zwingen. Statt Ruhe regierten Langsamkeit, Hektik und Instinkt für den falschen Ball zur falschen Zeit. So nahm Holstein Kiel den Bundesliganachwuchs mit aggressivem, frühem Stören aus dem Spiel und verdiente sich mindestens diesen einen Punkt, wenn nicht mehr. Die Besten bei Kiel waren Scheffke, Wölki, Preiß und Bannas. Pürwitz tauchte im zweiten Durchgang ab. Beim HSV verdiente sich neben Weber allenfalls noch Torschützin Lehmann gute Noten.
 Ein häufig gesehenes Bild: HSV-Stürmerin Kathrin Patzke (Nr. 5) ohne Raum zum Spielen. Hier allerdings lässt sie Rachel Pashley an sich abprallen
Holstein Kiel:
Ihrens - Schildt (76. Mohr), Pérez Traulsen, Wölki, Scheffke - Pashley, Krohn (58. Korthals), Krone - Preiß - Pürwitz, Bannas
Hamburger SV II:
Weber - Bastin, Steckel, Freitag - Knop, Müller, Borkowski, Weigel - Ewers (65. Odzakovic) - Lehmann (85. Rohrberg), Patzke
Tore: 0:1 Lehmann (13.) 1:1 Preiß (76.)
Gelbe Karten: keine
Schiedsrichter: Stefan Ehlert (Groß-Flottbeker SV) mit Monica Fornacon (Stöckse) und Mirka Derlin (Süsel)
Zuschauer: 320
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