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2. Bundesliga Nord, 3. Spieltag

"Wir woll'n die Wichtel seh'n..."

Hamburger SV II. - SG Wattenscheid 09 1:0 (0:0)

Text und Bilder von Fuxi

24.9.2006   Der Start für den Aufsteiger war holprig: Gegen Lok Leipzig holten sie ein glückliches 2:2, in Kiel gaben sie eine 1:0-Führung aus der Hand und mussten mit einem 1:1 zufrieden sein. Die gemachten Fehler ließen für diesen Tag nichts Gutes hoffen. Denn schließlich kam der Tabellenführer an die Hamburger Hagenbeckstraße. Die SG Wattenscheid 09 hatte mit 6 Punkten und 9:2 Toren einen perfekten Start hingelegt und galt vor der Saison schon bei vielen als Aufstiegskandidat Nummer eins. Dennoch war HSV-Trainerin von Lanken zuversichtlich, dass sich die Fehler der beiden ersten Spiele nicht wiederholen würden.

So vertraute sie auf eine konsequente Defensivtaktik. Ein 4-5-1 sollte Wattenscheid das Leben so schwer wie möglich machen. Unterstützung bekam sie aus der spielfreien Bundesligamannschaft in Form von fünf Abstellungen: Torhüterin Tessa Rinkes und die Feldspielerinnen Maja Schubert, Julia Weigel, Katharina Freitag und Janka Rohrberg durften ran. Vor Rinkes verteidigte eine Viererkette, die überraschend von Stürmerin Denise Lehmann zentral organisiert werden sollte. Neben ihr spielten Vanessa Bastin links, Anna Steckel in der Innenverteidigung und Freitag rechts. Im Mittelfeld stand eine weitere Viererkette mit der eigentlich zweiten Stürmerin Kathrin Patzke links, Johanna Borkowski und Marisa Ewert zentral, sowie rechts Schubert. Als hängende Spitze sollte Weigel agieren, während Nadine Odzakovic, im Spiel gegen Leipzig noch rechte Verteidigerin, im Sturm beißen sollte. von Lanken wirbelte also kräftig durch. Ein riskantes Unterfangen. Auf Routinier Monique Müller musste sie krankheitsbedingt verzichten. Wattenscheids Trainerin Tanja Schulte hingegen, die ohne Nadija Inan und Carolin Dej auskommen musste, setzte auf 4-3-3 mit Libera und Vorstopperin. Vor Friederike Bittner war Carmen Israel als Libera eingesetzt. In der Verteidigung standen Mira Möller links, Jana Walter zentral und Daniela Löwenberg rechts. Davor eine Dreier-Mittelfeldreihe mit Jennifer Ninaus, Caroline Hamann und Jennifer Manzer. Den Sturm besetzten Jennifer Düner und Jeanette Götte außen, in der Mitte Silke van den Berg.

Löwenberg, Patzke

Wattenscheids Löwenberg will an Patzke vorbei.

Über die erste Halbzeit gibt es wenig zu berichten. In den ersten 18 Minuten war es eine kontrastarme Partie: Wattenscheid spielte, wie erwartet, auf Angriff, prallte aber immer wieder an der gut stehenden HSV-Defensive ab. Die Rothosen wehrten sich tapfer und waren vor allem in der Rückwärtsbewegung sehr aufmerksam. Während Wattenscheid noch die Lücke suchte, setzte der HSV auf Konter. So hatte Hamann die erste nennenswerte Szene nach eben diesen 18 Minuten, als sie bei einem Steilpass von Ninaus zu spät kam und Rinkes sich den Ball sichern konnte. In der 22. Minute schien der Hamburger Beton zu bröckeln. Lehmann Befreiungsschlag geriet zu kurz und landete bei Ninaus. Die spielte diagonal hoch in den Strafraum, wo van Berg einen Stellungsfehler von Bastin nutzte und nach Ballannahme aus halbrechter Position abziehen konnte. Aber der Schuss landete am Außennetz. In der 28. Minute flankte van den Berg nach gewonnenem Zweikampf gegen Bastin selbst von rechts scharf auf den Elfmeterpunkt, Düner versuchte es volley mit einem Seitfallzieher, der genau in den Armen von Rinkes landete.

Jeanette Götte und Nadine Odzakovic

Keine Wolken am Himmel, aber Jeanette Götte, hier abgegrätscht von Nadine Odzakovic (liegend), sah keine Sonne.

Das Bemerkenswerte an diesem Spiel war, dass es trotz vieler Zweikämpfe in der Hälfte des HSV nur zu sehr wenig Fouls kam. Der Ball hatte eine hohe Rotationszeit, verließ allenfalls in erhöhtem Maße die Spielfeldbegrenzungen. Das Zusehen machte trotz weniger Torszenen und einseitigen Verhältnissen Spaß. Der HSV stand in der Abwehr sehr gut und ließ den Gästen aus Bochum weder über die Außenpositionen noch durch die Mitte viel Raum zum Spielen. Allerdings mangelte es den Gastgeberinnen an konstruktiven Offensivaktionen. Nicht zu übersehen war, dass Lehmann ihrer Abwehr deutlich mehr Stabilität verlieh. So ging es torlos in die Pause.


Hamann

Noch zehn Minuten nach dem Schlusspfiff hockten Hamann (Nr. 19) und van den Berg enttäuscht und fassungslos auf dem Rasen, konnten die Niederlage nicht verstehen.

Zu Beginn des zweiten Durchgangs erhöhte sich die Fehlerquote beim HSV, aber sie konnten den Bochumerinnen dennoch widerstehen und sich schadlos halten. Wattenscheid erhöhte die Schlagzahl. Einen langen Ball von Walter hinter die Abwehr erlief Düner noch vor der Auslinie, stand in spitzem Winkel vor Rinkes und traf nur das Außennetz (55.). Aus zwanzig Metern versuchte es erneut Düner, aber Rinkes war unten und hielt den Ball fest. Dann gab es den ersten Wechsel bei Wattenscheid: Götte ging raus, und es kam Lisa Oelke. Die war gerade 20 Sekunden im Spiel, als sie einen Vorstoß von Borkowski regelwidrig stoppte und dafür Gelb sah. Eine Szene, die die Wattenscheider Trainerbank aufs Äußerste erregte, weil zuvor ein paar Fouls ähnlicher Intensität ungeahndet geblieben waren.

Anna Steckel

Ohne alleinige Verantwortung lief es sich leichter: HSV-Kapitänin Anna Steckel beißt hier in der Nachspielzeit nochmal auf die Zähne, um einen abgewehrten Ball zu erreichen.

In der 63. Minute fing das Spiel an, hochinteressant zu werden: Die erste Torchance der Hanseatinnen entstand durch einen Eckball von Ewers. An ihre Hereingabe kam Lehmann nicht ganz heran, und so rutschte ihr die Kugel über die Stirn Richtung Eckfahne. Immerhin die erste offensive Gegenwehr. HSV-Trainerin von Lanken schien das Mut zu machen. Sie wechselte aus, brachte Janka Rohrberg für die als alleinige Spitze heillos überforderte Wühlerin Odzakovic. Rohrberg besetzte den linken Flügel, Patzke ging in die Spitze. Ihre Schnelligkeit sollte für mehr Gefahr im Angriff sorgen. Auch Wattenscheid wechselte, für Düner kam Sabrina Dörpinghaus. Eine Auszeichnung für die HSV-Defensive, dass die beiden namhaften Offensivkräfte vorzeitig raus mussten. Zwanzig Minuten vor Schluss kam wieder der HSV per Konter. Freitag spielte einen langen Ball auf Patzke. Die stand mit dem Rücken zum Tor gegen Israel, drehte sich und zog aus spitzem Winkel ab - drüber.

Wattenscheid versuchte nochmal, das Tempo zu forcieren. Mit dem 0:0 war der Tabellenführer nicht zufrieden. Aber sie fanden keinen Weg zu einer zwingenden Chance. Stattdessen kam der HSV auf. Zunächst wechselte der HSV Weitschussspezialistin Tina Arp für Ewers ein. Dann hatte der HSV seine beste Torgelegenheit. Weigel bediente Patzke mit einem langen Ball. Die stürmte an Möller vorbei, stand im Strafraum frei vor Bittner, zögerte und entschied sich für einen weiteren Haken gegen die dazukommende Israel. Erst dann schloss sie die Situation ab - und knallte den Ball über die Latte!

Damit hätte sie ihr Team für die bis dahin 81 Minuten Kampf belohnen können, aber sie vergab kläglichst. Ihr wurde wieder ihr größtes Problem zum Verhängnis: Der richtige Zeitpunkt zum Abschluss. Aber noch waren es neun Minuten regulär zu spielen. Wattenscheid ließ merklich nach, und der HSV konnte in der Schlussphase zulegen. Noch zwei Minuten waren auf der Uhr. Arp brachte einen Freistoß aus dem linken Mittelfeld in den Strafraum, Lehmann stieg hoch, aber wieder bekam sie den Kopf nicht richtig hinter den Ball. Keine sechzig Sekunden später: Patzke erhielt zehn Meter in der Hälfte der Gäste den Ball in den Lauf gespielt. Die Defensive der SG stand völlig falsch, konnte die schnelle Angreiferin nicht einfangen, und wieder hatte sie eine 1-gegen-1-Situation gegen Bittner. Aber dieses Mal schob sie den Ball aus dreizehn Metern flach an der Wattenscheider Torfrau vorbei ins lange Eck - das 1:0! Riesenjubel beim HSV, Entsetzen bei den Gästen. Sie hatten 75 Minuten lang die größeren Spielanteile gehabt, hatten das Spielgeschehen dominiert und es doch in der Schlussphase aus der Hand gegeben.


Aber noch war eine Minute plus drei Minuten Nachspielzeit. Zunächst kam beim HSV Rabea Garbers für die Torschützin herein, die völlig platt hinter der Auslinie danieder sank. Sie hatte viel gearbeitet, hatte sich aufgerieben und war am Ende ihrer Kräfte. Und nun sah sie von der Torauslinie wie ihre Teamkolleginnen die Wattenscheiderinnen vom Herausspielen einer letzten Chance abhielten. Freitag sah Gelb, weil sie sich bei einem Freistoß vor den Ball stellte. Und dann war Schluss. Der HSV hatte von der ersten bis zur letzten Minute alles richtig gemacht, konsequent verteidigt, den Gästen keine hundertprozentige Tormöglichkeit gestattet und am Ende selbst den "Big Point" gesetzt.

Bittner, Lehmann

Hier hat sich Wattenscheids Keeperin Bittner beim Eckball verschätzt, aber Lehmann (Nr. 13) dahinter kann es nicht nutzen.

Nimmt man die Spielanteile als Grundlage, ist der Sieg glücklich. Doch durch taktische Disziplin, Einsatz und Cleverness verdiente sich der Aufsteiger den knappen Sieg gegen den Aufstiegsaspiranten. Die über weite Strecken überlegenen Westdeutschen bissen sich an einem HSV die Zähne aus, dem man eine erhebliche Leistungssteigerung konstatieren konnte. Die Schuld für die Niederlage sah SG-Coach Schulte denn auch nicht bei der Schiedsrichterin, haderte dennoch mit deren Linie. Claudia von Lanken fand vor allem für die Disziplin ihrer Mannschaft lobende Worte und freute sich darüber, dass am Ende mehr heraussprang als das angepeilte 0:0. Am ehesten fiel bei Wattenscheid noch Silke van den Berg auf. Beim HSV lieferten Denise Lehmann und Katharina Freitag ausgezeichnete Leistungen ab, aber Matchwinnerin Kathrin Patzke war auch für ihr Team die Heldin: Bei der gemeinsamen Kreisbildung nach dem Spiel schleppte sie sich von der Bank dorthin, nachdem ihre Teamkolleginnen lautstark skandiert hatten: "Wir woll'n die Wichtel seh'n..." Diese Ehre hatte sie sich auch redlich verdient.

Kathrin Patzke

Platt(gemacht): Kathrin Patzke wird nach ihrem Siegtreffer vom jubelnden Spielerpulk begraben. Hinten hadern Walter und Israel mit ihrer Abwehrleistung.

Hamburger SV II:

Rinkes - Bastin, Steckel, Lehmann, Freitag - Patzke (90. Garbers), Borkowski, Ewers (80. Arp), Schubert - Weigel - Odzakovic (66. Rohrberg)

SG Wattenscheid 09:

Bittner - Israel - Möller, Walter, Löwenberg - Ninaus, Hamann, Manzer - Düner (66. Dörpinghaus), van den Berg, Götte (62. Oelke)

Tore:
1:0 Patzke (89.)

Gelbe Karten: Freitag / Oelke

Schiedsrichter: Ina Michel (Stolpen)

Zuschauer: 110


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