Text und Bilder von Fuxi 12.9.2006
Zum Auftakt in die Zweitligasaison trafen im Norden zwei Aufsteiger aufeinander: Der Nordmeister Hamburger SV II empfing den Nordostmeister Lok Leipzig. Beide hatten unterschiedliche Vorbereitungen absolviert. Während das Hamburger Team von Claudia von Lanken wenige Spiele absolvierte, ging Gästecoach Frank Tresp den umgekehrten Weg und gönnte seiner Mannschaft zur Formfindung vierzehn (!) Spiele mit Härtetests gegen Bundesligaaufsteiger Wolfsburg (1:1), den SC Regensburg (2:5) und USV Jena (0:4), dazu noch die Teilnahme an einem internationalen Turnier in den Niederlanden, das die Erste des HSV gewann und bei dem Lok hinter dem RSC Anderlecht Dritter wurde.
Die Partie in Hamburg begann mit einer Viertelstunde Verspätung. Ein Umstand, der später für Verwunderung sorgen sollte. Einen leichten Hauch von Improvisation hatte die Veranstaltung an diesem Tag ohnehin, angefangen von einem Stadionsprecher, der sich beim Verlesen der Aufstellungen vor allem bei der eigenen Mannschaft doch merklich schwer tat.
 HSV-Stürmerin Kathrin Patzke (Nr. 5) setzt sich in der 2. Minute gegen Anja Pioch (liegend) durch
Beim HSV stand mit Jennifer Weber die Ersatztorhüterin im Kasten. Claudia Choinowski fehlte verletzt. In der Viererkette agierten Bundesliga-Leihgabe Janka Rohrberg, Johanna Borkowski, Anna Steckel und Nadine Odzakovic. Kapitänin Vanessa Bastin saß nur auf der Bank. Im Mittelfeld sollten Neuzugang Marisa Ewers (Altona 93), Monique Müller und die zweite rekonvaleszente Bundesligaleihgabe, Katharina Freitag, für Ordnung sorgen. Hinter den Spitzen hatte Tina Arp den Auftrag, Kathrin Patzke und Denise Lehmann mit Pässen zu versorgen. Lok Leipzig setzte vor Neuzugang Griseldis Meißner (von USV Jena) im Tor ebenfalls auf eine Viererkette aus Livia Ambrosius, Anja Pioch, Nadine Börner und Lisa Uhlig. Davor standen mit Karoline Aulrich und Kathleen Radtke zwei defensive Mittelfelspielerinnen. Auf den Flügeln offensiv ausgerichtet waren Corinna Vogg und Katja Greulich. Den Sturm besetzten Susann Erber und Doreen Bock.
 Leipzigs Karoline Aulrich (Nr. 15) kann es nicht fassen: Kathrin Patzke, hier beglückwunscht von Katharina Freitag (Nr. 4) und Denise Lehmann (Nr. 15), hat das 1:0 erzielt
Die ersten zwei Minuten gehörten dem HSV, aber Leipzig stellte schnell selbst eigene Offensivbemühungen an. Erber brachte einen Eckball von links herein, am Fünfmeterraum kam Pioch zum Kopfball, aber Weber konnte den Ball sicher fangen. Der HSV stand unter Druck, musste kontern. Nach acht Minuten spielte Abwehrchefin Steckel einen langen Ball hinter die Leipziger Abwehr. Patzke erlief den Pass, ließ sich von Börner nicht beirren und schob den Ball an Meißner vorbei zum 1:0 ins rechte Eck. Aber das war vorerst die letzte konstruktive Szene der Hanseatinnen, denn in der Folge spielte nur noch Lok Leipzig.
 Loks Susann Erber (Nr. 21) im Duell mit Anna Steckel vom HSV. Im Hintergrund versucht sich Bock von Katharina Freitag (verdeckt) und Nadine Odzakovic zu lösen
Zunächst war es Vogg, die nach einer Viertelstunde die große Chance zum Ausgleich hatte. Borkowski fälschte Aulrichs Steilpass ab, so kam Vogg im Strafraum an den Ball, stand unbedrängt vor Weber, aber die blieb lange stehen, verkleinerte das Tor und wehrte den Schuss ab. Starke Leistung der Nachwuchskeeperin. Schwach hingegen war die Hamburger Abwehr. Immer wieder konnte Lok sie mit Pässen in die Tiefe ins Schwimmen bringen. Die nächste Chance leitete wieder Aulrich ein: Ihre Flanke von links kam an den zweiten Pfosten, wo die Innenverteidigung des HSV Greulich aus den Augen verloren hatte, und die aus der 2. Mannschaft aufgerückte Offensivspielerin ließ den Ball aus fünf Metern volley oben ins kurze Eck tropfen. Der Ausgleich war hochverdient und der Lohn für frühes Stören. Die Gäste waren optisch überlegen und bestimmten das Spiel. Der HSV kam mit dem Leipziger Pressing nicht zurecht.
Und die Sächsinnen blieben am Drücker. Börners Freistoß aus gut und gern 30 Metern fing Weber problemlos. Es gab in dieser Phase viele Fouls, vornehmlich des HSV, der häufig einen Schritt zu spät kam oder ungeschickt im Zweikampf agierte. Zudem herrschte Unordnung und Unruhe
|
Am Ende feierte der HSV das glückliche Remis wie einen Sieg. Bei Lok Leipzig hingegen regierte Enttäuschung
|
in der Abwehr der Hanseatinnen. Lok nutzte den gebotenen Raum clever zum Kombinieren, trug die Angriffe zügig vor. Und wurde belohnt: Steilpass von Uhlig auf
halbrechts, Greulich kam vor der herausgelaufenen Weber an den Ball und schob ihn vorbei ins lange Eck (26.). Das 2:1 war die logische Konsequenz der Spielweisen beider Mannschaften. Jetzt kam der HSV. Patzke prüfte Meißner von der Strafraumgrenze. Dann wurde sie nach Steilpass von Steckel von Pioch gestoppt. Schließlich war sie nach Lupfer von Arp frei vor Meißner, legte den Ball noch an der hinzukommenden Ambrosius und auch an der Torfrau vorbei, aber das dauerte zu lange, und Aulrich klärte zur Ecke (28.).
 Bester Zweikampf in der ersten Halbzeit von Janka Rohrberg: Die Rekonvaleszentin wirkte früh platt, nahm hier aber Doreen Bock den Ball ab
Nach einer halben Stunde wechselte Leipzigs Coach Tresp aus: Bock ging raus, und es kam Yvonne Rademacher. Der HSV hatte in dieser Phase Vorteile. Lehmann setzte Börner unter Druck, und der unterlief vor dem eigenen Strafraum ein Fehlpass. Ewers erreichte den Ball, ging an Uhlig vorbei und zog ab, aber Meißner war rechtzeitig unten. Nach 35 Minuten dann ein Kuriosum: Die erfahrene Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus, die schon in der zweiten Liga der Männer assistierte, bat die Teams in die Pause! Große Verwunderung an der Hagenbeckstraße, bis sie sich von Spielerinnen beider Teams und ihren Assistentinnen davon überzeugen ließ, dass noch zehn Minuten zu spielen waren. Nein, einige Beteiligte dieses Spieles hatten wirklich einen gebrauchten Tag angedreht bekommen. Der verfrühte Abpfiff wäre auch schade gewesen, denn zwei Chancen gab es noch, je eine pro Seite. Zunächst setzte Rademacher Erber links mit einem Steilpass ein, die an der Torauslinie zum Kasten zog, den Schuss aus spitzem Winkel allerdings neben das Gehäuse setzte (36.). Auf der Gegenseite spielte Müller von rechts steil flach an den Fünfmeterraum, wo Lehmann vor Meißner den Pass erreichte und ihn mit der Ferse an der Torhüterin vorbei brachte - Außennetz. Es blieb beim 2:1 für Leipzig zur Pause.
 Karoline Aulrich (vorn) zieht mit ihrem Dribbling alle Blicke auf sich - Ewers und Patzke vom HSV staunen ebenso wie Ambrosius, Börner und Radtke (von links)
Die Gäste führten verdient. Sie waren die stärkere Mannschaft, wirkten harmonischer und eingespielter als der Bundesliganachwuchs des HSV. Sie störten früh, ließen die Rothosen über weite Strecken nicht zur Entfaltung kommen. Im Gegenteil: Der HSV war ungeordnet, ließ die nötige Abstimmung vermissen. Zudem hatten die Gäste im Mittelfeld ein Übergewicht. Bei den Sächsinnen fielen vor allem Aulrich und Greulich auf, und zwar positiv. Aulrich überragte nicht nur im Zweikampf, sondern auch als Regisseurin, während Greulich sehr torgefährlich war. Áls Kontrast dazu die HSV-Akteurinnen Rohrberg, Freitag und Lehmann: Während Freitag es sehr schwer hatte und spielerisch überhaupt keine Akzente setzen konnte, wirkte Lehmann schnell lustlos. Und Rohrberg begann schon nach zehn Minuten zu schnaufen, schien nicht fit. Claudia von Lanken erkannte das wohl auch, ersetzte sie zur zweiten Hälfte durch Vanessa Bastin. Zudem kam Rückkehrerin Birte Knop für die schwerfällige Tina Arp herein. Taktisch wurde im Mittelfeld umgestellt: Knop übernahm den linken Flügel, während Müller auf die Arp-Position und Ewers vor die Abwehr rückte.
Die erste Möglichkeit des zweiten Durchgangs hatte der HSV. Nach schnellem, langem Freistoß an den Strafraum nahm Lehmann den Ball an und zog aus der Drehung ab. Das Schüsschen war aber zu schwach, um Meißner Probleme zu bereiten (51.). Auf der Gegenseite riss Erber die HSV-Abwehr mit einem Steilpass auf, Vogg erlief den Pass vor Weber, lupfte ihn am Tor vorbei (53.). Es gab keine Entlastung für den HSV. Sie boten teilweise sogar Standfußball. Lok
|
stand hinten sicher, schnürte die Hausherrinnen zeitweise sogar in deren eigener Hälfte ein. Ein Befreiungsschlag von Pioch wurde gefährlich, als Rademacher vor Odzakovic an den Ball kam, ihn aus 25 Metern kräftig über Weber hob und damit den rechten Pfosten um Zentimeter verfehlte. Noch enger: Langer Freistoß von Aulrich, Kopfball von Greulich gegen Bastin - Außenpfosten (59.)! Leipzig machte dauerhaft Druck, dem der HSV kaum standhalten konnte. Die Partie hätte längst entschieden sein können. Weber musste nach einer Stunde gegen Rademacher retten. Die Rothosen kamen nicht mehr hinten raus. Allein Lok wussste es nicht effektiv zu nutzen.
In der 63. Minute schaffte der HSV mal einen Entlastungsangriff. Patzke kam in Strafraumnähe an den Ball. Nach einer Drehung suchte sie die vorgerückte Borkowski. Pioch fälschte den Pass noch leicht ab. Borkowski tauchte frei vor Meißner auf, ging rechts vorbei - und schob zum völlig überraschenden und mehr als schmeichelhaften 2:2 ein! Unverdient, glücklich, aber die beste Aktion der Hamburgerinnen seit dem frühen 1:0. Ausgerechnet die junge Innenverteidigerin lieferte die erste überlegte HSV-Aktion der zweiten Hälfte ab. In der Folgezeit beruhigte sich die Partie merklich. Lok war durch den plötzlichen Ausgleich aus dem Nichts erschrocken, wurde vorsichtiger. Der HSV schien mit dem 2:2 zufrieden. Auch der Kräfteverschleiß machte sich langsam bei beiden bemerkbar. Bei Lok kam jetzt Sarah Zeising für Corinna Vogg. Und die Hanseatinnen machten sich wieder bemerkbar. Knops Freistoß von der linken Seite verlängerte Lehmann per Kopf, aber Meißner reagierte glänzend und lenkte den Ball über die Latte. Die Partie war jetzt offener. Zwölf Minuten vor Schluss verzog auf der Gegenseite Börner aus 23 Metern. Wieder hatte Leipzig eine gute Chance: Zeisings Flanke vom rechten Flügel landete hinter dem rechten Flügel, Rademacher köpfte zurück und Greulich aufs Tor. Aber Weber stand richtig und fing den Ball (79.).
Es war die letzte Aktion für Greulich. Sie wurde durch Susann Heuser ersetzt. Beim HSv kam fünf Minuten vor Schluss Rabea Garbers für Marisa Ewers. Aber Torchancen entstanden nicht mehr. So blieb es beim 2:2. Beim Abpfiff gingen simultan 6, 7 Spielerinnen aus beiden Teams erschöpft zu Boden. Trotz angenehm sonnigen 19 Grad war es eine kräftezehrende Partie gewesen. Die Sächsinnen hatten über weite Strecken das Spiel bestimmt und viele gute Chancen herausgespielt. Aber sie nutzten sich nicht konsequent, und das rächte sich. Zwei gut herausgespielte Tore reichten dem HSV zum ersten Punkt im Abstiegskampf gegen einen direkten Konkurrenten um den Ligaverbleib. Am Ende feierte der HSV den Punkt wie einen Sieg. Insgesamt mussten die Rothosen nach dem Spielverlauf mit dem Remis zufrieden sein, wie auch Trainerin von Lanken erkannte. Leipzigs Coach Tresp hingegen wird mit Sicherheit den zwei verlorenen Punkten nachtrauern.
 Resolute Klärung von Leipzigs neuer Schlussfrau Griseldis Meißner. Sie kam vom FF USV Jena und stand dort im Tor, als die HSV-Erste zuletzt in die erste Liga aufstieg.
 Nach Denise Lehmanns Kopfball wischt Griseldis Meißner den Ball mit einer Klasseparade über die Latte
Hamburger SV II:
Weber - Rohrberg (46. Bastin), Borkowski, Steckel, Odzakovic - Ewers (85. Garbers), Müller, Freitag - Arp (46. Knop) - Patzke, Lehmann
Lok Leipzig:
Meißner - Ambrosius, Pioch, Börner, Uhlig - Radtke, Aulrich - Vogg (68. Zeising), Greulich (81. Heuser) - Erber, Bock (32. Rademacher)
Tore:
1:0 Patzke (8.)
1:1 Greulich (17.)
1:2 Greulich (26.)
2:2 Borkowski (63.)
Gelbe Karten: Steckel (68., Foulspiel) / -
Schiedsrichterin: Bibiana Steinhaus (Hannover)
Zuschauer: 150
Zur FanSoccer-Startseite
|