. . . .

FanSoccer

Das Frauenfußball-Magazin



Weltmeisterschaft 2011

Der Traum ist aus

2. Viertelfinale: Deutschland - Japan 0:1 n.V. (0:0)

10.07.2011
Text und Bilder von Tom Schlimme

Jubel Brasilien

Es war ein schöner Traum vom Sieg bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land - doch leider ist er ausgeträumt. Das deutsche Team bedankte sich nach dem Viertelfinalaus gegen Japan für die Unterstützung der Fans.

In einem teilweise dramatischen Spiel verlor das hoch favorisierte deutsche Nationalteam gegen eine glänzend eingestellte japanische Auswahl. Deutschland erspielte sich zwar deutliche Feldvorteile und ein klares Chancenübergewicht, aber den einzigen Treffer des Spiels erzielte Karina Maruyama für Japan in der zweiten Hälfte der Nachspielzeit.

Das deutsche Team musste gleich zu Spielbeginn einen herben Rückschlag verkraften. Kim Kulig, im Spiel gegen Frankreich extra geschont, um keine Gelbsperre zu riskieren und sie im Viertelfinale auf jeden Fall dabei zu haben, musste bereits nach drei Minuten verletzt den Platz verlassen. Leider erlitt Kulig einen Kreuzbandriss. Gute Besserung von dieser Stelle, Kim!
Bundestrainerin Silvia Neid wechselte Bianca Schmidt ein, setzte sie auf die Position rechts in der Viererkette, die Peter auch gegen Frankreich so souverän gespielt hatte, und zog dafür Linda Bresonik auf die Position von Kulig im zentralen Mittelfeld. Ich vermute, dass Neid im zentralen Mittelfeld eine offensivstarke und auch körperlich starke Spielerin gegen die kleinen und wuseligen Japanerinnen haben wollte. Bresonik spielte ordentlich, konnte eine Kim Kulig meiner Meinung nach aber nicht vollständig ersetzen.

Bild Bild Bild Bild Bild

Bildunterschriften:

Bild 1: Das japanische Trainerteam, rechts Trainer Norio Sasaki, hatte heute das bessere Rezept
Bild 2: Die drei "Bundesliga-Japanerinnen" nebeneinander: v.l. Yuki Nagasato (1. FFC Turbine Potsdam), Kozue Ando (FCR 2001 Duisburg) und Saki Kumagia (ab kommender Saison 1. FFC Frankfurt)
Bild 3: Die deutsche Startaufstellung
Bild 4: Das Team Japans vor dem Spiel. Oben v.l.n.r.: Homare Sawa, Kozue Ando, Mizuho Sakaguchi, Saki Kumagai, Ayumi Kaihori, Yuki Nagasato.
Unten v.l.n.r.: Azusa Iwashimizu, Shinobu Ohno, Yukari Kinga, Aya Miyama, Aya Sameshima
Bild 5: Das Wolfsburger Publikum mit der Welle vor dem Spiel und mit lautstarker Unterstützung bis zuletzt war einfach nur klasse!

Doch das deutsche Spiel hakte noch an anderen Punkten: man fand einfach keine Mittel, sich gegen die gut stehende japanische Abwehr so viele Chancen zu erspielen, dass der Ball einfach rein gehen musste. Es gab schon eine Menge Chancen für Deutschland, aber richtig zwingende waren selten. Mir fiel auf, dass die Flügelstürmerinnen, wenn sie sich durchgesetzt hatten und zum Flanken kamen, meist auf die zentral stehende Inka Grings flankten, und da stand immer schon eine Japanerin und wartete regelrecht auf diesen Ball. Überhaupt, dem deutschen Spiel fehlte es an Ideen in Mittelfeld und Angriff, wie auch an Durchschlagskraft im Sturm.

Bisher war Deutschland in diesem Turnier bei Standards brandgefährlich gewesen. Gegen Japan gab es sieben Eckbälle und etliche Freistöße in Strafraumnähe, doch ausgerechnet gegen die kleinen Japanerinnen gelang es nicht, daraus wenigstens ein einziges Kopfballtor zu fabrizieren. Ja, eigentlich resultierten aus den vielen Standards noch nicht einmal besonders gefährliche Schüsse.

Die Japanerinnen standen meist tief und ließen den Ball bei Ballbesitz mit Sicherheitspässen durch die eigenen Reihen laufen. Die Torhüterin Ayumi Kaihori wurde vom Wolfsburger Publikum sogar immer wieder ausgepfiffen, weil sie die Torabschläge extrem verlangsamte und so von Beginn an zeigte, dass Japan auf Zeit spielte. Im gesamten Spiel kam Japan auf die Art nur zu zwei bis drei nennenswerten Chancen, und davon führte eine halt zum Tor. Steiler Pass in die Schnittstelle der Viererkette, spitzer Winkel, trotzdem perfekt ins lange Eck getroffen, es gibt Tage, da gelingt den einen alles und den anderen nichts.

Sivlia Neid wird sich die Frage gefallen lassen müssen, ob sie dem schlecht laufenden Spiel nicht durch mutigere Entscheidungen noch eine Wende hätte geben können. Birgit Prinz ist eine Spielerin, die gerade in solcher Situation mit ihrer Erfahrung und Präsenz einiges hätte bewirken können, aber auch Lira Bajramaj wäre für Überraschungen gut gewesen.

So bitter diese Niederlage ist, vielleicht hat sie auch etwas Gutes. Es war sowieso schon ein Turnier der ausgeglichenen Spiele und der guten Leistungen der vermeintlich Schwächeren. Der alte Vorwurf, Frauenfußball sei langweilig, weil man vorher schon wisse, wer gewinnt, ist vom Tisch. Es wurde nichts mit dem dritten WM-Titel auf Ansage - und dritte Plätze sind halt auch nur was für Männer... Der Druck, der durch solche Werbesprüche und die allgemeine Erwartungshaltung aufgebaut wurde, war vielleicht doch ein bißchen zu groß.

Während ich diese Zeilen schreibe, hat Schweden Australien besiegt und den letzten freien Platz für europäische Länder bei Olympia 2012 erobert. Deutschland wird also 2012 bei Olympia nicht dabei sein. Das deutsche Team muss nun mit einem Fall aus beachtlicher Höhe in unerwartete Tiefe klar kommen, entsprechend am Boden zerstört waren die Spielerinnen gestern nach dem Spiel. Ich wünsche mir, dass trotz, oder vielleicht auch gerade wegen dieser bitteren Niederlage, deutlich mehr Menschen in die Stadien der Bundesligen kommen als vorher. Frauenfußball bietet alles, was guten Sport ausmacht, Spannung, Heldinnen und Tragödien (das Karriereende von Birgit Prinz zum Beispiel), vor allem aber nach wie vor menschlich supersympathische Spielerinnen, mit denen es Spaß macht, mitzuzittern.

Bild Bild Bild Bild Bild
Bild Bild Bild Bild Bild


Bildunterschriften:

Bild 6: Potsdamerinnen unter sich: Yuki Nagasato machte gegen Bianca Schmidt kaum einen Stich und wurde früh ausgewechselt
Bild 7: Inka Grings gelang nicht viel, oft legte sie sich mit der Schiedsrichterin an, nicht immer berechtigt
Bild 8: Melanie Behringer, noch eine der durchsetzungsfähigsten deutschen Spielerinnen an diesem Tag, hatte mit ihren Schüssen aber auch kein Glück
Bild 9: Babett Peter wie immer mit guter Leistung, konnte nicht verhindern, dass Homare Sawa (links) zur Spielerin des Spiels gewählt wurde.
Bild 10: Celia Okoyino da Mbabi war agil und setzte sich immer mal wieder durch, doch das entscheidende Zuspiel oder gar Tor gelang auch ihr nicht
Bild 11: Annike Krahn bei einer der vielen Kopfballchancen für Deutschland im Strafraum Japans
Bild 12: Jubel bei den Japanerinnen nach dem Spiel...
Bild 13: ... Trauer bei Deutschland
Bild 14: 23 Schüsse in Richtung japanisches Tor - aber die Durchschlagskraft fehlte und vor allem auch das Zielwasser
Bild 15: Es hätte eine wunderbare Feier werden können - statt dessen prägte Traurigkeit die Gesichter der deutschen Fans. Doch der Zusammenhalt mit den Spielerinnen könnte durch solche Momente sogar gewinnen!


Stenogramm:

Deutschland:
Angerer - Bresonik (65. Goeßling), Krahn, Bartusiak, Peter - Garefrekes, Kulig (8. Schmidt), Laudehr, Behringer - Okoyino da Mbabi, Grings (102. Popp)

Japan:
Kaihori - Kinga, Iwashimizu, Kumagai, Sameshima - Ohno (66. Iwabuchi/ 116. Utsugai), Sakaguchi , Sawa, Miyama - Ando, Nagasato (46. Maruyama)

Tore:
0:1 Maruama (108.)

Gelbe Karten: Peter / Iwashimizu, Sakaguchi, Sawa, Kumagai

Schiedsrichterin: Quetzalli Alvarado mit Rita Munoz und Mayte Chavez (alle MEX)

Zuschauer: ca. 26.000 (ausverkauft)




Zur WM 2011

Zur FanSoccer-Startseite