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Weltmeisterschaft 2007

WM-Topfavorit USA strotzt vor Selbstvertrauen

Teamporträt: USA

Von Katja Öhlschläger, Fotos von Beate Wolter

09.08.2007   Seit November 2004 haben die USA 45 Spiele absolviert, davon keines verloren, sie sind Weltranglistenerster, haben mit der 329-fachen Nationalspielerin Kristine Lilly eine Ausnahmespielerin in ihren Reihen, die ihresgleichen sucht, und in der Vorbereitung wiesen sie in diesem Jahr gleich sechs WM-Teilnehmer in die Schranken. Da stellt so mancher die rein rhetorische Frage, ob es sich überhaupt noch lohne, die WM anzupfeifen. Selbstverständlich lohnt es sich. Zweifelsohne ist die Truppe von Trainer Greg Ryan WM-Favorit Nr. 1, doch bisher hat noch jedes Turnier eine Eigendynamik entwickelt. Und eine kleine Schwachstelle konnte der zweifache Weltmeister trotz aller Überlegenheit auch nicht verbergen: die Defensive.

Seit zweieinhalb Jahren darf sich Greg Ryan Nationaltrainer des erfolgreichsten WM-Teilnehmers, der USA, nennen. Damals übernahm er das Amt von seiner Vorgängerin April Heinrichs, die die US-Truppe seit 1995 als Assistenztrainerin und von der Jahrtausendwende ab als Cheftrainerin geführt hatte. Bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney und bei der WM 2003 im eigenen Land sprang Platz zwei heraus, sodass an ihrer Amtszeit in einem so erfolgsverwöhnten Land wie den USA, in dem Fußball in erster Linie ein Frauensport ist, immer der Makel haften bleiben wird, lediglich einmal, bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen, auf dem obersten Treppchen gestanden zu haben - sieht man von den Siegen beim Algarve Cup einmal ab.

Greg Ryan, Heather O'Reilly, Lindsay Tarpley, Shannon Boxx, Tina Frimpong

Chefcoach Greg Ryan führte seine Mannschaft zu einer beispiellosen Erfolgsserie. Jetzt steht er vor seinem ersten großen Turnier. Hinter ihm Tina Frimpong, Shannon Boxx, Lindsay Tarpley und Heather O'Reilly (v.l.n.r.)

Schon im Laufe des Jahres 2004 zeichneten sich Risse im Teamgefüge ab, hatten nicht alle Spielerinnen das beste Verhältnis zu Heinrichs. Ende 2003 kam es zum beispielhaften Bruch mit Tiffeny Milbrett, die erst nach Heinrichs Rücktritt im Februar 2005 in die Nationalmannschaft zurückkehrte. Einen Monat nach dem Ende der Ära Heinrichs übernahm Greg Ryan das Zepter und steht nach Siegen beim Algarve Cup 2005 und 2007 nun vor seinem ersten großen Turnier als Chefcoach.

Hope Solo

Torfrau Hope Solo ist aus dem Schatten von Briana Scurry getreten.

Glänzender Rekord für Greg Ryan

Dabei könnten die Vorzeichen nicht besser stehen. Seit seinem Amtsantritt blieben die US-Girls in 44 Spielen ungeschlagen, die letzte Niederlage überhaupt, damals noch unter April Heinrichs, ist auf den November 2004 datiert (1:3 gegen Dänemark). Eine Serie, die nicht etwa gegen schwächere Gegner zustande kam. Nein, auch beim alljährlichen Algarve Cup in Portugal oder beim Vier-Nationen-Turnier Anfang des Jahres in China hielt die Serie - bezieht man die Niederlage im Finale des Algarve Cups 2006 gegen Deutschland nicht mit ein, weil erst im Elfmeterschießen die Entscheidung fiel.

Doch selbst wenn, nicht zuletzt in diesem Jahr konnten sich die USA erfolgreich mit gleich acht WM-Teilnehmern messen, darunter auch WM-Mitfavoriten wie Norwegen (1:0), Deutschland (0:0), Schweden (3:2) oder Brasilien (2:0) und Gastgeber China (2:0 und 2:1). Dabei gab es sieben Siege und zwei Unentschieden (gegen Deutschland und England beim Vier-Nationen-Turnier im Januar).

Shannon Boxx

Shannon Boxx, vielleicht die stärkste defensiven Mittelfeldspielerinnen der Welt, hat nach ihrem Kreuzbandriss zu alter Stärke zurückgefunden.

Den Abgang so verdienter Spielerinnen wie Mia Hamm, Julie Foudy, Joy Fawcett oder Tiffeny Milbrett steckte das Team scheinbar mühelos weg. Junge Talente wie Lori Chalupny, Lindsay Tarpley oder Natasha Kai kamen nach. Ein Übergang, der auch deshalb so gut gelingen konnte, weil die Mannschaft in jedem Jahr mehrere Monate zusammen verbringt und ein Kreis von etwa 20 Spielerinnen seit etwas mehr als einem Jahr gar beim US-Verband angestellt ist und sich so vollständig dem Fußball


Turniersieger USA beim Algarve Cup 2007

Beim Algarve Cup gab es für das US-Team allen Grund zum Jubeln. Am 30. September wieder?

Foto: Nora Kruse

widmen kann. Lagerkoller, wie er etwa beim nordamerikanischen Nachbarn Kanada unübersehbar ist, blieb dabei weitestgehend aus.

Aly Wagner

Mittelfeldregisseurin Aly Wagner laboriert noch an einer Schulterverletzung. Für die WM ist sie unverzichtbar.

Den Startschuss für die intensive WM-Vorbereitung gab im November 2006 die erfolreiche WM-Qualifikation, als die USA den Gold Cup des nord- und mittelamerikanischen Fußballverbandes CONCACAF gewannen. Dabei schlugen sie im Halbfinale Mexiko mit 2:0 und im Finale den zweiten nordamerikanischen WM-Teilnehmer Kanada mit 2:1 nach Verlängerung. Beide Partien verliefen allerdings zäher als erhofft. Erst kurz vor Ende der Verlängerung markierte Rekordnationalspielerin Kristine Lilly den 2:1-Siegtreffer.

Mischung aus Jugend und Erfahrung

Seitdem hat die Mannschaft zahlreiche Trainingslager absolviert, für die insgesamt 60 Spielerinnen nominiert wurden und von denen 43 bei den Länderspielen zum Einsatz kamen. Kein Wunder also, dass Ryan am 24. Juli als erster WM-Trainer sein 21-köpfiges Aufgebot bekannt geben konnte. Bereits zwei Wochen zuvor hatte er die ersten 18 Spielerinnen nominiert, Angela Hucles, Natasha Kai und Marian Dalmy kamen hinzu. Aus dem verkleinerten Kader von 24 Spielerinnen verpassten India Trotter, Christie Welsh und Joanna Lohman den Sprung auf den WM-Zug.

"Wir waren sehr lange mit den Spielerinnen zusammen und haben großes Vertrauen in die, für die wir uns entschieden haben. Wir wollten ihnen mit der frühen Nominierung auch den Druck von den Schultern nehmen, damit sie wissen, woran sie sind", begründete Ryan seine Entscheidung für das WM-Aufgebot, in dem 12 Spielerinnen stehen, die ihre erste Weltmeisterschaft bestreiten werden. Dass es gleichzeitig auch nicht an Erfahrung mangelt, unterstreichen etablierte Akteurinnen wie Kristine Lilly oder Torfrau Briana Scurry, die bereits vier Mal bzw. drei Mal WM-Luft schnuppern durften.

Es ist eine gesunde Mischung aus jüngeren und älteren, aus unbekümmerten und erfahrenen Spielerinnen, die beispielhaft auf der Torwartposition ihren Ausdruck findet. Da ist zum einen die 26-jährige Hope Solo, die in der WM-Vorbereitung die meisten Spiele bestritt, dabei einen "sehr guten Job" (Ryan) machte und von ihrem Coach insbesondere für ihre weiten Abschläge gelobt wird: "Das ist im modernen Fußball immer wichtiger geworden." Mit ihr konkurriert die fast zehn Jahre ältere Briana Scurry, die sich nach ihrer Rückkehr ins Nationalteam bereits wieder in altbekannter Manier als reaktionsschnelle Schlussfrau mit Führungsqualitäten präsentiert, um den Platz zwischen Pfosten. Gewissermaßen auch eine der viel diskutierten "T-Fragen", um die Ryan nüchtern betrachtet zu beneiden ist. Ein Torwartproblem haben die USA jedenfalls nicht.

Kristine Lilly, Bettina Falk Hansen

Eine, die selbst aus einem Top-Team noch einmal herausragt. Rekordnationalspielerin Kristine Lilly (r., hier gegen die Dänin Bettina Falk Hansen) spielt ihre fünfte Weltmeisterschaft. Im Hintergrund Stephanie Lopez.

Abwehr fehlt es an Schnelligkeit

Nachdem sich die erfahrene Heather Mitts Ende Mai eine schwere Kreuzbandverletzung zuzog, die sie bei der WM zum Zuschauen zwingt, spielte sich in den darauf folgenden vier Länderspielen eine feste Vierer-Abwehrreihe ein, auf die Greg Ryan auch in China vertrauen wird - wie überhaupt die Aufstellungen der letzten Monate eine bemerkenswerte Konstanz aufweisen. Die Außenverteidigerpositionen werden Stephanie Lopez (21 Jahre/links) und Christie Rampone (32/rechts) einnehmen, in der Innenverteidigung agieren Cat Whitehill (24) und die nach ihrer Schwangerschaft zurückgekehrte Kate Markgraf (30).

Eine eingespielte Einheit mit Schwachstellen. Markgraf und Rampone sind nicht mehr die Jüngsten, Whitehill gilt nicht unbedingt als pfeilschnell. Die Japanerinnen brachten sie Ende Juli ein ums andere Mal in


Verlegenheit, doch ihnen fehlte die Vollstreckerin. So bliebe als Alternative Lori Chalupny, die frühere Abwehrspielerin, auf die Ryan mittlerweile jedoch im Mittelfeld nicht mehr verzichten möchte. Erster Ersatz sollten daher Tina Ellertson und Marian Dalmy sein. Auf Ellertson möchte Ryan setzen, wenn es gilt, eine bestimmte Gegenspielerin auszuschalten. Dalmy gilt auf Grund ihrer Größe vor allem gegen kopfballstarke Gegner als wertvoll.

Im Mittelfeld plagt sich die kreative Schaltzentrale der US-Girls, Aly Wagner, derzeit noch mit Schulterproblemen und blieb zuletzt gegen Japan nur auf der Bank. Sie ist, nicht zuletzt wegen ihrer "hervorragenden Chemie mit Kristine Lilly und Abby Wambach" (Ryan), nicht gleichwertig zu ersetzen. Den defensiven Mittelfeldpart werden die nach ihrem Kreuzbandriss in beeindruckender Manier zurückgekehrte Shannon Boxx und Lori Chalupny übernehmen.

Boxx gilt als eine der robustesten Mittelfeldspielerinnen, die Bälle sicher behaupten, aber gleichermaßen auch verteilen kann. An Chalupny schätzt Ryan ihre schneller Vorwärts- und Rückwärtsbewegung, die sie als Mittelfeldspielerin besser zum Tragen bringen kann als in der Abwehr. Leslie Osborne, die Boxx in der Zeit ihrer Abwesenheit vertrat, ist eine ebenso beachtenswerte Alternative wie Carli Lloyd, deren Stern beim diesjährigen Algarve Cup aufging, als sie zur besten Spielerin des Turniers gewählt und mit vier Treffern auch noch Torschützenkönigin wurde. Marci Jobson und Angela Hucles fahren als klassische Einwechselspielerinnen nach China.

Carli Lloyd

Carli Lloyd sorgte in diesem Jahr beim Algarve Cup als Torschützenkönigin für Furore. Darüber hinaus wurde sie zur Spielerin des Turniers gewählt.

Prunkstück Offensive

Für den Angriff im bewährten 4-3-3-System werden Kristine Lilly und Abby Wambach gesetzt sein, Heather O'Reilly und Lindsay Tarpley reißen sich um den dritten Platz. Natasha Kai, die zu den drei Letztnominierten gehörte, war in den letzten Monaten zu selbständigen Fitnesseinheiten gezwungen, um von Ryan berufen zu werden. Sie wird die erste WM-Teilnehmerin aus Hawaii sein, aber kaum über die Jokerrolle hinauskommen. Dank Lilly und

Heather O'Reilly

Heather O'Reilly, der Wirbelwind für die Jokerrolle. Das bekam auch Deutschland schon zu spüren.

Wambach ist der Sturm vermutlich der Mannschaftsteil, der mit den meisten Superlativen überhäuft wird. Lilly bestritt im Sommer 1985 ihr erstes Länderspiel gegen Norwegen (0:1), hat mittlerweile 329 Länderspiele auf dem Buckel und besticht sowohl mit gefährlichen Standardsituationen, als auch mit ihrer Dribbelstärke und Torgefährlichkeit.

Wambach, die Ryan als "Seele der Mannschaft" bezeichnet, war mit 17 Treffern die beste Goalgetterin des Jahres 2006 und versteht sich mit Lilly nahezu blind. Werte, von denen eine Heather O'Reilly nur träumen kann. Sie brachte es in 61 Länderspielen erst auf 10 Tore. Auch deshalb dürfte Tarpley, eine "sehr komplette Spielerin" (Ryan), hier die Nase vorne haben. O'Reilly gilt als perfekter Joker und bringt nach Einwechslungen viel Schwung in die Partie. Das durfte 2004 auch die deutsche Mannschaft erfahren. Im olympischen Halbfinale war es die 22-Jährige, die in der 99. Minute für den deutschen Knockout sorgte.

Alles in allem also eine eingespielte, physisch enorm starke Mannschaft in den neuen goldenen Trikots, die vor Selbstvertrauen nur so strotzt. Wer ihr beikommen will, muss die wenigen Chancen, die sich bieten werden, erfolgreich nutzen. Am besten mit schnellen und wendigen Stürmerinnen, um die US-Girls an ihrem schwächsten Punkt, der - fehlenden - Schnelligkeit ihrer Abwehrreihe, zu treffen.

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