Von Michael Geist und Nora Kruse
01.09.2007
Die norwegische Nationalmann- schaft gehört zu den erfolgreichsten der Welt. Alles, was eine Nationalmannschaft gewinnen
kann, hat sie erreicht: Europameister 1987 und 1993, Weltmeister 1995 und Olympiasieger 2000. Damit ist klar, dass die
Nordländerinnen auch in China zu den Favoriten zählen, doch diese Position musste sich die Mannschaft in den letzten Jahren
erst wieder erarbeiten.
Im Jahr 2003 hatte das Team einen Durchhänger. Durch einige Rücktritte geschwächt, ist es bei der Weltmeisterschaft in den
USA - als einer der Topfavoriten - bereits im Viertelfinale gegen den Gastgeber ausgeschieden. Durch das frühe Aus
verpasste die Mannschaft auch die Qualifikation für die Olympischen Spiele ein Jahr später in Athen. „Die
Weltmeisterschaft lief für uns sehr unglücklich“, sagt Torhüterin Bente Nordby, „und unser Pech war, dass mit Deutschland
und Schweden gleich zwei europäische Mannschaften ins Finale kamen.“ Nur die beiden besten konnten sich für Athen
qualifizieren, Norwegen hatte keine Chance, seinen Titel zu verteidigen.
„Nach der WM kamen viele junge Spielerinnen in die Mannschaft, wir haben in gewisser Hinsicht ein neues Team geformt“, so
Nordby, mit 33 Jahren älteste Spielerin ihrer Mannschaft. So machte auch die Qualifikationsrunde zur Europameisterschaft in
England deutlich, dass die norwegischen Frauen im internationalen Vergleich zurückgefallen waren: Gegen Dänemark gab es zu
Hause lediglich ein Unentschieden und auswärts gar eine Niederlage, was nur Rang zwei in der Gruppe bedeutete. Dadurch
wurden Play-Off-Spiele gegen Island nötig, die dann allerdings souverän gewonnen werden konnten.
Betreut wurde die Mannschaft bei der EM in England von Bjarne Berntsen, der das Amt im Dezember 2004 übernahm. Der
Familienvater hatte zuvor noch kein Frauenteam betreut, schaffte mit der norwegischen Auswahl jedoch gleich den Sprung ins
Finale, wo man Deutschland mit 1:3 unterlag. Norwegen hatte sich zurück in die Spitze gekämpft und ein noch größerer Erfolg
als in England soll in China folgen. Auf dem Weg dorthin hatte Berntsens Mannschaft nur wenig Mühe: In der Qualifikation
gewann man sieben Mal und musste lediglich beim 1:1 gegen die Ukraine einen Punkt abgeben, sicherte sich mit diesem
Unentschieden jedoch als erster Uefa-Vertreter die WM-Teilnahme.
Die Nationalmannschaft ist Bjarne Berntsens erste Station im Frauenfußball.
Foto: Nora Kruse
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Wenn Ingvild Stensland (l.) eingreift, kommt selbst eine Birgit Prinz ins Straucheln.
Foto: Nora Kruse
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Im Vergleich zu anderen Nationen war die Vorbereitung der Norwegerinnen jedoch weit weniger intensiv. „Wir haben uns nur
selten getroffen“, so Nordby, für deren Mannschaft das Länderspiel gegen Deutschland erst den Auftakt der heißen
Vorbereitungsphase bedeutete. Doch trotz der anderen Ausgangslage machte das Team in Mainz seine Klasse deutlich und
stellte das weit länger eingespielte deutsche Team vor erhebliche Probleme. Große Stärke des Weltmeisters von 1995 ist die
gute Besetzung aller Mannschaftsteile. Mit Nordby verfügt Norwegen über die vielleicht beste Torhüterin der Welt, und in
der Abwehr sorgt unter anderem die kompromisslos, aber stets fair agierende Ane Horpestad dafür, dass das Team nur wenig
Gegentreffer kassiert.
Miss Fairplay: Seit 1999 ist Ane Horpestad (l.) in der Nationalmannschaft und hat seitdem gerade einmal zwei Gelbe Karten
gesehen.
Foto: Nora Kruse
„Wir müssen in China als Einheit auftreten“, betont Nordby, unterstreicht aber die herausragende Bedeutung, die Horpestad,
Solveig Gulbrandsen und Ingvild Stensland für die Mannschaft haben. Die routinierte Alleskönnerin Stensland wurde 2005 zur
Fußballerin des Jahres in Norwegen gewählt, bei der Wahl zur Weltfußballerin des Jahres erreichte sie den zehnten Rang. Im
Winter wechselte sie vom norwegischen Meister Kolbotn IL zu Kopparbergs/Göteborg nach Schweden und kann nach einer
Knieverletzung seit zwei Monaten wieder Fußball spielen.
Nach fast einem Jahr Babypause kann Norwegen seit einiger Zeit auch wieder auf die laufstarke und torgefährliche
Mittelfeldstrategin Gulbrandsen bauen, die seitdem wieder mit ihrer spektakulären Spielweise überzeugt. Wir erinnern uns
zurück an die EM 2005: Schweden und Norwegen lieferten sich im Halbfinale einen offenen Schlagabtausch. Am Ende gewann
Norwegen knapp mit 3:2 – Schlüsselspielerin war mit einer
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starken Leistung und zwei Toren Gulbrandsen.
Solveigs Spielweise macht sie unberechenbar für jeden Gegner – und manchmal auch für ihre Mitspielerinnen!?
Pia Sundhage, 2005
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Neben diesen unverzichtbaren Spielerinnen verfügt die Mannschaft über einige talentierte Spielerinnen, wie Madeleine
Giske, Guro Knutsen und Melissa Wiik. Auch Lene Mykjåland hat in dieser Saison durch zahlreiche Tore für Røa IL auf sich
aufmerksam gemacht. Auf dem Platz versteht sie sich fast blind mit Guro Knutsen, und zwei Toren von ihr ist es zu
verdanken, dass Røa im vergangenen Jahr das Pokalfinale gegen den Zweitligisten Asker FK knapp mit 3:2 gewinnen konnte.
In China trifft Berntsen mit seiner jungen Mannschaft in Gruppe C auf Kanada, Australien und Ghana. „Das ist eine sehr
harte Gruppe“, kommentiert Nordby die Auslosung. „Über Ghana wissen wir nicht allzu viel, aber Kanada und Australien sind
sehr starke Gegner. Die Australierinnen konnten gerade erst zwei Spiele gegen China gewinnen, das wird eine schwere
Aufgabe.“ Dennoch hat ihr Team „zwei Ziele für diese Meisterschaft: eine Medaille gewinnen und uns für Olympia
qualifizieren“, sagt Trainer Berntsen und Nordby stimmt zu: „Wir wollen zu Olympia.“
Kader
Tor:
(1) Bente Nordby (Djurgården)
(12) Erika Skarsbø (Arna-Bjørnar)
(13) Christine C. Nilsen (Kolbotn)
Abwehr:
(2) Ane Horpestad (Klepp)
(3) Gunhild Følstad (Trondheim)
(5) Siri Nordby (Røa)
(6) Camilla Huse (Kolbotn)
(7) Trine Rønning (Kolbotn)
(19) Marit Fiane Christensen (Røa)
Mittelfeld:
(4) Ingvild Stensland (Göteborg)
(8) Solveig Gulbrandsen (Kolbotn)
(14) Guro Knutsen (Røa)
(15) Madeleine Giske (Arna-Bjørnar)
(18) Marie Knusten (Røa)
(21) Lene Storløkken (Strømmen)
Angriff:
(9) Isabell Herlovsen (Kolbotn)
(10) Melissa Wiik (Asker)
(11) Leni Larsen Kaurin (Asker)
(16) Ragnhild Gulbrandsen (Asker)
(17) Lene Mykjåland (Røa)
(20) Lise Klaveness (Umeå)
Trainer: Bjarne Berntsen
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