Text von Christian Heidler Bilder von Martin Kochem 9.9.2007
Bei der Aufzählung der Top-Favoriten für die WM 2007 ist Nordkorea selten dabei. Das ist nicht verwunderlich, denn als Fußballgroßmacht ist die Demokratische Volksrepublik Korea bislang außerhalb Europas nicht in Erscheinung getreten. Oder hat Nordkorea schon einmal große Titel gewonnen, für Furore gesorgt? Bei einer Frauen-WM etwa? Nein, hier war bei den beiden Turnieren 1999 und 2003 in den USA jeweils als Gruppendritter nach der Vorrunde Schluß. Oder bei Olympischen Spielen? Dafür hatten sich die Nord- koreanerinnen bisher gar nicht erst qualifiziert. Auf den ersten Blick hat Nordkorea also bestenfalls eine Außen- seiterchance.
Und auf den 2. Blick? Da möchte man das Land gleich mit auf den Favoritenschild heben und das hat gewichtige Gründe. Bereits bei Einführung der FIFA-Weltrangliste reihte sich Nordkorea als zweitbestes Team Asiens und Nr. 7 der Welt ein. Seit März 2005 hat man China hinter sich gelassen und ist im Bereich des Asiatischen Kontinentalverbandes AFC die Nummer 1. 2001 wurde erstmals die Asienmeisterschaft errungen. Der Titel konnte 2003 verteidigt werden, 2005 langte es zwar nur zu Platz 3, was aber zur Qualifikation für die diesjährige WM reichte. 2002 gewann Nordkorea erstmals auch das Frauenfußballturnier bei den alle vier Jahre ausgetragenen Asienspielen. Ein Triumph, der 2006 wiederholt werden konnte. Im weltweiten Maßstab hat sich Nordkorea dabei gleichzeitig um zwei Positionen nach oben gearbeitet und wird seit Dezember 2006 auf Rang 5 geführt.
 Im Viertelfinale könnte Nordkorea auf Deutschland treffen und damit
vielleicht auch Son Hui KIL (Nr. 15) auf Babett Peter (Nr. 4). Beide kennen
sich schon von der U 20-Weltmeisterschaft in Russland
Es gibt noch weitere Belege für die Stärke des nordkoreanischen Frauenfußballs. Bei der Wahl zur FIFA-Fußballerin des Jahres wurde 2005 Mittelfeld-As Sun Hui HO aufgrund ihrer herausragenden Leistung bei den Ostasienspielen des gleichen Jahres nominiert. 2006 wurde mit der schnellen, kopfball- und schußstarken Angreiferin Kum Suk RI erneut einer Spielerin dieses Landes die Ehre einer FIFA-Nominierung zuteil. Als der AFC Ende 2006 seine Besten kürte, wurden der Fußballverband Nordkoreas sowie der Trainer und das Team der U-20-Frauen mit ersten Preisen ausgezeichnet. Zudem gehörte Kum Suk RI zu den drei Nominierten in der Sparte „AFC Spielerin des Jahres.“ Sie ist auch für 2007 wieder im erweiterten Kreis der Vorgeschlagenen, außerdem lauten mit Stürmerin Un Byol HO und der Torfrau Hyon Hi YUN zwei der sechs Nominierungen für die Kategorie „AFC Jugendspielerin des Jahres 2007“ auf Spielerinnen aus dem Norden der koreanischen Halbinsel.
Welches Land stellte die Siegerin im Frauenfußballturnier der diesjährigen Universiade? Richtig: Nordkorea! Und aus dem vergangenen Jahr dürfte natürlich auch die U-20-Weltmeisterschaft in Rußland noch in bester Erinnerung sein. Da fertigte Nordkorea nicht nur den Titelverteidiger aus Deutschland ab sondern gewann auch noch souverän das Endspiel mit 5:0 gegen China. Zudem meisterte man dieses Jahr auch noch in beeindruckender Weise die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2008 in Peking. Verlustpunktfrei und mit einem Torverhältnis von 51:0 löste das Land erstmals ein Olympiaticket für
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Nordkoreas Anhang möchte auch bei der WM in China Grund zum Jubeln haben
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seine Frauen und schlug auf diesem Wege auch Australien in Hin- und Rückspiel jeweils mit 2:0. Kein Wunder, daß Australiens Trainer Thomas Sermanni den Nordkoreanerinnen bei der WM sehr viel zutraut.
Auch Silvia Neid hat Nordkorea vorsichtshalber mit auf dem Favoritenzettel notiert. „Die spielen Rasenschach, sind unglaublich diszipliniert und haben
hart gearbeitet,“ charakterisiert die Bundestrainerin den möglichen Viertelfinalgegner der deutschen Mannschaft. Der norwegische Coach Bjarne Berntsen ist gleichfalls voll des Lobes und stützt sich bei seiner Einschätzung auf die Erfahrungen aus der U-20-WM 2006. Doch spätestens jetzt wird ein dritter, noch genauerer Blick auf das fernöstliche Team notwendig. Dabei offenbaren sich einige Überraschungen! Vom WM-Kader 2003 sind lediglich noch 4 Spielerinnen im nur 20- statt 21-köpfigen Kader dabei. Das sind Abwehrspielerin Jong Sun SONG, die Mittelfeldspielerinnen Un Gyong RI und Sun Hui HO sowie Angreiferin Kum Suk RI. Die 29jährige Kum Suk RI ist nicht nur die Älteste im Team, das einen Altersdurchschnitt von 21 Jahren aufweist, sie ist auch die einzige, die schon 1999 zum WM-Kader gehörte.
Die naheliegende Vermutung, Trainer Kwang Min KIM habe auf altgediente Spielerinnen zugunsten von U-20-Weltmeisterinnen verzichtet, bestätigt sich bei näherer Betrachtung der Auswahl aber nicht. Von den Titelgewinnerinnen sind mit Torfrau Myong Hui JON, Verteidigerin Myong Gum HONG, den drei Mittelfeldspielerinnen Kyong Hwa KIM, Ok Sim KIM und Un Suk RI sowie Stürmerin Son Hui KIL lediglich 6 Aktive dabei. Die übrigen 11 Spielerinnen haben weder die Frauen- noch die U-20-WM bestritten und verteilen sich auf verschiedene Altersjahrgänge. Drei Spielerinnen sind Jahrgang 1992 und gleichzeitig die jüngsten des Turniers überhaupt. Die Allerjüngste, die 1,96 Meter große Torfrau Hyon Hi YUN, wird erst einen Tag vor Turnierbeginn 15 Jahre alt!
Sofern der Kader ausschließlich nach Leistungsgesichtspunkten zusammengestellt wurde, muß Nordkorea wohl einen schier unerschöpflichen Vorrat an Ausnahmetalenten besitzen! Große Erfahrung, zumal von Großturnieren, bringt das Team offensichtlich nicht mit. Zweifellos ein Manko. Trotzdem reicht es offensichtlich, um in Asien eine führende Rolle einzunehmen bzw. parallel mehrere hochklassige Mannschaften zusammen zu stellen (Aus dem Siegerteam der Universiade – ebenfalls mit Altersdurchschnitt 21 Jahre - ist keine einzige Spielerin in China dabei!). Für Stabilität sorgt sicherlich eine andere Komponente bei der Zusammenstellung des Aufgebots: Die Spielerinnen wurden nämlich aus lediglich 4 Vereinen rekrutiert. Pyongyang stellt eine Spielerin, je vier kommen von Rimyongsu und Amrokgang, die „Sportgruppe 25. April“ stellt die übrigen 11 Teammitglieder und damit das Rückgrat des Teams.
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Außerhalb Fußball-Asiens präsentiert sich Nordkorea nur sehr selten. Im Juli diesen Jahres bestritt die Elf von Kwang Min KIM ein Testspiel in den Niederlanden und kam dort nur zu einem mageren 0:0 gegen die Gastgeberinnen. Die Vergleiche mit seinen Gruppengegnern resultieren daher auch überwiegend aus den Spielen bei den Weltmeisterschaften in den Vereinigten Staaten. Dabei mußte sich Nordkorea sowohl 1999 als auch 2003 schon mit den USA und Nigeria messen. Gegen die US-Girls setzte es zwei 0:3 Niederlagen, gegen Nigeria wurde 1999 1:2 verloren, 2003 aber 3:0 gewonnen. Auch Schweden ist ein alter Bekannter von der WM 2003. Gegen die Skandinavierinnen wurde damals mit 1:0 verloren, das gleiche Resultat, das 2002 auch bei einem Freundschaftsspiel in Schweden zu Buche stand. Insbesondere mit den Amerikanerinnen und Schwedinnen hat Nordkorea also noch eine Rechnung offen.
Kämpferisch, technisch hervorragend und taktisch diszipliniert, so lautet allgemein das Urteil über die positiven Eigenschaften der Nordkoreanerinnen. Doch anders als man es vielleicht gemeinhin von Ostasiatinnen erwarten mag, gelten Nordkoreas Spielerinnen auch als starke Athletinnen. Schnell und ausdauernd ist ihre Spielweise. Bei ihren überfallartigen Angriffen versuchen sie Überzahlsituationen zu schaffen. Neben Mannschafts- führerin Kum Suk RI und Mittelfeldmotor Sun Hui HO sind auch Kyon Hwa KIM und Yong Ae KIM Spielerinnen, die bei der WM groß rauskommen könnten. Ein kleines Fragezeichen steht hinter der Nervenstärke des Teams. Als der Mannschaft nämlich im Halbfinale der Asienmeisterschaft gegen Erzrivale China der in der letzten Spielminute erzielte Ausgleichstreffer wegen Abseits aberkannt wurde, leisteten sich drei Spielerinnen Übergriffe gegen Offizielle und Zuschauer.
Der nationale Verband legte zudem (vergeblichen) Protest gegen die Schiedsrichterentscheidung ein. Wenn sich das Team bei der WM jedoch diszipliniert präsentiert, dann ist dem Außenseiter durchaus zuzutrauen, daß er seinen Gruppengegnern das Leben nicht nur schwer macht, sondern es womöglich auch ins Viertelfinale (und weiter) schafft. Andererseits galt Nordkorea auch bei früheren Weltmeisterschaften schon als Geheimfavorit und enttäuschte dann die hohen – auch selbst geweckten - Erwartungen. Auf den Auftritt dieser Mannschaft darf man also wirklich gespannt sein. Lassen wir uns überraschen!
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