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Weltmeisterschaft 2007

Eine perfekte Vorbereitung sieht anders aus

Teamporträt: Kanada

Von Katja Öhlschläger, Fotos von Nora Kruse

14.08.2007   Wer nach der perfekten WM-Vorbereitung sucht, der sollte besser nicht versuchen, bei der kanadischen Nationalmannschaft fündig zu werden. Nach einem mehrmonatigen Rechtsstreit zwischen dem kanadischen Verband, Trainer Even Pellerud und drei seiner ehemaligen Spielerinnen, eher durchwachsenen Ergebnissen, viel Verletzungspech bei den Panamerikanischen Spielen im Juli und einer ernüchternden 0:7-Klatsche gegen Brasilien vor knapp drei Wochen geht der WM-Vierte von 2003 tief verunsichert und ohne eine eingespielte Elf in die Titelkämpfe in Fernost.

Dabei hatten im vergangenen Herbst der Peace Queen Cup mit Siegen gegen Italien (3:2), Südkorea (3:1) und Brasilien (4:2) noch Hoffnungen geweckt, Pellerud könne seine Aufbauarbeit im kanadischen Frauenfußball, die er seit 1999 betreibt, fortsetzen.

Karina LeBlanc

Viel Erfahrung im Tor: Karina LeBlanc

Foto: Beate Wolter

Auch die Finalniederlage gegen die USA beim WM-Qualifikationsturnier, dem Gold Cup des nord- und mittelamerikanischen Fußballverbandes CONCACAF, als die "Big Red" ihrem großen Nachbarn bis in die Verlängerung einen erbitterten Kampf lieferten und schließlich nur 1:2 verloren, war mehr als ein Achtungserfolg.

Pellerud, der als Trainer Norwegens 1995 Weltmeister und 1991 Vize-Weltmeister wurde, schien mit seinem Team auf einem guten Weg. Beruhigend für alle Kanada-Fans, die vor den Olympischen Spielen 2004 die verpasste Qualifikation für die Spiele in Athen verdauen mussten und die nun auf die gewachsene Erfahrung durch diese vierjährige Abstinenz von großen Turnieren bauen.

Christine Sinclair

Spielführerin Christine Sinclair forderte Testspiele gegen Teams, die ihren Gruppengegnern ähneln. Ohne Erfolg.

Spielführerin beklagt mangelnde Unterstützung durch Verband

Doch die Vorbereitung war geprägt von Turbulenzen, die Bedingungen waren alles andere als optimal. Die Testspiele bestritt die Mannschaft um Kapitänin Christine Sinclair ausnahmslos im Ausland, weil der Verband sich die Ausrichtung von Heimspielen nicht leisten kann. Oder will, wie Sinclair kritisiert: "Siege in Neuseeland helfen uns für das Gruppenspiel gegen Australien, aber wir brauchen afrikanische und skandinavische Gegner, um auf Norwegen und Ghana vorbereitet zu sein. Wir haben das Gefühl, die Männer-Nationalmannschaft wird auf unsere Kosten unterstützt." Tatsächlich stehen den Siegen in Neuseeland (3:0 und 5:0) Anfang Juni nur Spiele in China (1:2 und 1:3) gegenüber. Und kürzlich die Panamerikanischen Spiele - auf skandinavische oder afrikanische Teams traf man dort freilich nicht. Das letzte Testspiel vor WM-Beginn bestreitet die Pellerud-Elf am 30. August in Tokio gegen Japan.

Diana Matheson, Isabell Bachor

Die schnelle Diana Matheson enteilt hier Isabell Bachor. Auch bei der WM will sie ihren Gegenspielerinnen das Nachsehen überlassen.

So weit zum sportlichen Verlauf der Vorbereitung. Noch um einiges stärker erschütterte zum Jahreswechsel und darüber hinaus ein Rechtsstreit zwischen Pellerud, dem kanadischen Verband und den ehemaligen Nationalspielerinnen Charmaine Hooper, Christine Latham und Sharolta Nonen den kanadischen Frauenfußball. Zwei der drei Spielerinnen, die zusammen 243 Länderspiele und 87 Tore aufweisen, nämlich Hooper und Latham, hätten es versäumt, rechtzeitig ihre Teilnahme an einem Trainingscamp in Vancouver


Brittany Timko

Brittany Timko in vollem Lauf, doch der offene Schnürsenkel deutet es schon an: in der WM-Vorbereitung kam das kanadische Team nicht nur einmal ins Straucheln.

im Juli 2006 zu bestätigen. Dazu muss man wissen, dass die überwiegende Mehrheit der Kanadierinnen mittlerweile für die Vancouver Whitecaps aktiv ist, deren Besitzer Greg Kerfoot ist. Kerfoot wiederum stellte dem Nationalteam für zwei Jahre 650.000 Euro zur Verfügung. Seitdem ist Vancouver der feste Standort für Trainingslager der Nationalmannschaft.

Trainer Pellerud im Kreuzfeuer der Kritik

Eine Doppelrolle, die Kerfoot nach Meinung Hoopers und Lathams nicht ohne Hintergedanken spielt. Die drei erfahrenen Kräfte nämlich haben ihren Lebensmittelpunkt noch nicht nach Vancouver verlegt und wollen auch nicht für die Whitecaps auflaufen, sondern spielen in den USA. Daraus werde ihnen nun ein Strick gedreht, indem der Verband sie E-Mails zufolge, die die Spielerinnen von Teammanager Les Meszaros erhalten haben wollen, aus dem Kerfoot-Fonds geschmissen habe, der jeder Spielerin runde 13.000 Euro im Jahr garantieren soll. Dies habe sie dazu bewogen, nicht an den Länderspielen gegen China im August teilzunehmen. Diese Nichtteilnahme war wiederum für den Kanadischen Fußballverband der Auslöser, Hooper, Latham und Nonen zu suspendieren. Nonen hatte sich zwar fristgemäß für das Trainingslager angemeldet, blieb aus Solidarität mit ihren beiden Kolleginnen den Länderspielen gegen China jedoch ebenfalls fern.

Nationaltrainer Pellerud stand in der Folge im Kreuzfeuer der Kritik, auch wenn sich seine Spielerinnen öffentlich hinter ihn stellten - im Jahr vor der WM wäre Kritik freilich auch nicht ohne Risiko gewesen. Es gehe nur um die Länderspiele, da hätten die betreffenden Spielerinnen die Mannschaft im Stich gelassen. Weitere Verbindungen zu Vancouver und zweifelhafte Motive von Spender Kerfoot bestritt er vehement. Auch gegen den Vorwurf des Anwalts der Spielerinnen, Alan J. Ross, er profitiere persönlich von Kerfoot, weil er bei diesem ein vier Millionen Euro teures Haus gemietet habe, setzte er sich zur Wehr. Schließlich zahle er dafür.

Zwar wurde die Suspendierung im November aufgehoben - die Öffentlichkeit allerdings erst drei Monate später darüber informiert -, doch das Tischtuch war zerschnitten. Unter Pellerud werde sie nicht mehr spielen, sagte Hooper, die mit 131 Länderspielen und 71 Toren den kanadischen Frauenfußball über Jahre geprägt hatte. Und auch Kapitänin Sinclair wäre nicht erfreut, ihre ehemaligen Mitspielerinnen wieder im Team zu begrüßen: "Die Reaktion der Mannschaft wäre interessant. Es gab ja viele Zweifel, wie es ohne sie geht. Aber wir kamen gut klar, wir waren sogar besser. Ich denke, das Thema ist erledigt. Ich will sie nicht mehr in unserem Team haben."

Schlichter John Welbourn setzte schließlich im Juni den Schlusspunkt unter einen der spannendsten sportjuristischen Fälle im Frauenfußball, als er Pellerud des Vorwurfs des Interessenkonflikts und unlauterer Motive freisprach. Ein Urteil, das die kanadische Anhängerschaft in zwei Lager spaltete. Für die einen

Charmaine Hooper, Martina Müller

Die Natio-Karriere der großen Charmaine Hooper (l.), hier im Zweikampf gegen Martina Müller, fand im Rechtsstreit mit dem kanadischen Verband ein unrühmliches Ende.

verband sich damit die Hoffnung, die Pellerud-Kritiker würden doch endlich von ihren "Verschwörungstheorien" ablassen. Für die anderen blieb alles eine große Klüngelei, ein abgekartetes Spiel. Doch längst nicht alle, die die moralische Integrität Pelleruds zu verteidigen suchen, stehen ihm auch bei seinen sportlichen Entscheidungen zur Seite. Er habe Kanada nach vorne gebracht, doch der nächste Schritt hin zu einem modernen Fußball, der gelinge ihm nicht, lautet die viel geäußerte Kritik.

Verband beschönigt Niederlage gegen U20 der USA

Die Zonenverteidigung, die er spielen lasse, sei ein alter Hut. Die Quittung bekäme man dann gegen die Top-Teams ausgestellt. Das heftige 0:7 gegen Brasilien in der Vorrunde der Panamerikanischen Spiele in Rio de Janeiro im Juli ist


Wasser auf die Mühlen der Kritiker. Gegen Uruguay, Equador und Jamaika hatte man zuvor klar gewonnen, doch dann folgte der Klatsche gegen die "Auriverdes" auch noch ein 1:2 im Halbfinale gegen die USA. Die U20 der USA wohlgemerkt - ein kleiner, aber feiner Unterschied, den der kanadische Verband bis heute auf seiner Homepage verschweigt. Das 2:1 gegen Mexiko im Spiel um Platz drei, es war nach diesen Pleiten nicht mehr als Ergebniskosmetik.

So bleibt der Mannschaft um die erfahrene Torfrau Karina LeBlanc und Kapitänin Sinclair nur noch das letzte Testspiel gegen Japan, um Selbstvertrauen zu tanken - sicherlich kein leichtes Unterfangen. Sinclair, die zum zweiten Mal in Folge zu Kanadas Fußballerin des Jahres gewählt wurde und die Weltfußballerinnen-Wahl als 15. abschloss, ist das Aushängeschild der Mannschaft. Im Angriff wird sie von Kara Lang, Brittany Timko, Jodi-Ann Robinson oder Rhian Wilkinson unterstützt. Lang hat sich von ihrem Kreuzbandriss im letzten Jahr gut erholt und stand bei den Panamerikanischen Spielen durchweg in der Startaufstellung.

Amy Walsh

Bei den Panamerikanischen Spielen noch verletzt, soll zur WM aber fit werden: Amy Walsh.

Die Fäden im Mittelfeld halten Candace Chapman, Andrea Neil, Diana Matheson und Amy Walsh in der Hand. Sowohl Chapman als auch Walsh blieben zuletzt in Rio de Janeiro ohne Spielpraxis, weil sie verletzungsbedingt zuschauen mussten. Katie Thorlakson steht nach ihrer Knieverletzung im letzten Jahr auch wieder für das defensive Mittelfeld zur Verfügung, versprüht zudem einiges an Torgefahr. Doch diese fähigen Mittelfeldspielerinnen, so die oft geäußerte Kritik, packe Pellerud in ein zu enges Korsett.

Even Pellerud

Even Pellerud ist schon lange nicht mehr unumstritten. Ein frühes Aus bei der WM könnte sein Ende als Nationaltrainer Kanadas bedeuten.

Pellerud braucht Erfolge

Was dann zur Folge habe, dass die Mannschaft nicht in der Lage sei, auf Tempowechsel und taktische Umstellungen des Gegners zu reagieren. So geschehen im Mai beim 2:6 gegen die USA, als die US-Girls aus sechs Chancen sechs Tore erzielten. Kanada gelangen lediglich zwei Treffer, obwohl die Mannschaft von Greg Ryan die Pellerud-Elf keinesfalls überrannte. Oder beim 0:7 gegen Brasilien, als es zur Halbzeit nur 0:1 stand. Dann aber überrollte die "Seleçao" die Kanadierinnen förmlich. Die Abwehr um Randee Hermus, Kristina Kiss, Martina Franko und Melanie Booth glich Fahnenstangen, die - vornehmlich von der fünffachen Torschützin Marta - nur noch zu umkurven waren. Dass Torfrau Taryn Swiatek dennoch noch sieben Paraden vorweisen kann, macht die Sache nicht besser.

Ein Schockerlebnis, das Forderungen nach einer Ablösung Pelleruds immer lauter werden ließ. Doch der hat noch einen Vertrag bis nach den Olympischen Spielen 2008. Vielleicht sein Glück, dass er mit Norwegen, Ghana und Australien nicht die stärkste Gruppe erwischt hat. Platz zwei scheint realistisch. Doch falls Kanada die Gruppenphase nicht übersteht, könnte es umso enger werden für Pellerud, der noch im Juni nach zahlreichen Trainingslagern mit dem Satz zitiert wurde: "Wir brauchen noch ein wenig Zeit, um unsere Fitness zurück zu bekommen." Nun bleibt noch ein Monat, dann wird es ernst.

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