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Weltmeisterschaft 2007

Die „Weiß-Himmelblauen”

Teamporträt: Argentinien

Fotos von Martin Kochem
Text von Tom Schlimme

4.9.2007   Recherchiert man zum Frauenfußball in Argentinien, stößt man schnell auf die Feststellung, dass Argentinien stärker noch als die anderen südamerikanischen Länder von einer Machokultur geprägt ist, in der Männerfußball alles bedeutet und Frauenfußball nichts. Selbst eine der besten und bekanntesten argentinischen Spielerinnen, Rosana Gomez, seit mehr als fünf Jahren Nationalspielerin, beklagte sich unlängst, nicht mehr als 50 Euro im Monat für den Fußball zu kommen. Gomez verdient ihr Geld in einem Telefonladen. „Wäre ich ein Mann, wäre ich schon längst Millionär”, stellte Gomez fest.

So ist es nicht verwunderlich, dass Argentinien im Frauenfußball bisher noch wenig bewegt hat. Bei der ersten WM-Teilnahme überhaupt 2003 in den USA steckte man bei 1:15 Toren drei Niederlagen in der Gruppenphase ein (1:6 gegen Deutschland), in Südamerika stand man ganz im Schatten Brasiliens. Die Südamerikameisterschaften wurden klar von Brasilien dominiert, die 15 Jahre lang bei vier Südamerikameisterschaften nicht einen einzigen Punkt abgaben.

Eva Gonzalez

Abwehrspielerin Eva Gonzalez, ebenfalls bei der U20 WM 2006 dabei, leitete Argentiniens historischen Sieg gegen Brasilien mit dem 1:0 ein

Doch seit dem 26. November 2006 gilt eine neue Zeitrechnung: Argentinien gewann das Finale der Südamerikameisterschaft gegen Brasilien mit 2:0! Zwar hatte Brasilien auf wichtige Spielerinnen wie Marta oder Katia verzichtet, doch bei 21:1 Toren für Argentinien in der WM-Qualifikation kann man den Erfolg nun wirklich nicht als „Eintagsfliege” abtun.

Maria Potassa

Die erst 17-jährige Maria Belén Potassa erzielte den 2:0 Siegtreffer gegen Brasilien und schoss Argentinien damit zum Südamerikameister. Das Bild stammt von der U20 WM 2006, als Potassa gemeinsam mit den ebenfalls nach China mitfahrenden Mercedes Pereyda (links) und Ludmila Manicler einen Treffer gegen die DR Kongo bejubeln konnte

Der Aufschwung des Argentinischen Frauenfußballs ist eng verknüpft mit der Arbeit des 51-jährigen Trainers Carlos Borrello, der seit 1998 die Nationalmannschaft und auch alle Jugendnationalmannschaften Argentiniens trainiert. Borrello


U20 Argentinien 2006

Die U20 Argentiniens bei der U20-WM in Russland 2006, hier vor dem Gruppenspiel gegen die Demokratische Repuplik Kongo. Acht der elf Spielerinnen auf diesem Bild haben den Sprung in die A-Nationalmannschaft geschafft und sind in China dabei!

Analia Hirmbruchner, Elisabeth Minnig, Eva Gonzalez, Florencia Mandrile, Maria Potassa, Gabriela Chavez (oben v.l.n.r.) Marisa Farina, Ludmila Manicler, Catalina Perez, Florencia Quinones, Mercedes Pereyda (unten v.l.n.r., fett gedruckt die Spielerinnen, die im Kader Argentiniens bei der WM in China stehen)

scharte 15-jährige Talente um sich, aus denen er schließlich die U20-Nationalmannschaft formte, die 2006 an der WM in Russland teilnahm. Ein Gutteil dieser jungen Spielerinnen tritt nun in der A-Nationalmannschaft in China an und bildet mit erfahrenen Spielerinnen aus der WM-Mannschaft von 2003 eine gute Mischung.

Borellos Spielerinnen sind stark in der Ballbeherrschung, ihre Schwächen liegen im körperlichen Bereich. Meist klein gewachsen und aufgrund ihrer vielfältigen Belastungen außerhalb des Fußballs vielleicht nicht ganz so austrainiert wie die Spielerinnen anderer Nationalmannschaften, ist sich Borrello nicht sicher, wie seine jungen Spielerinnen gegen physisch starke Gegnerinnen bestehen können. Das schnelle, flache Kurzpassspiel der Mannschaft koste viel Kraft. Immerhin stehe aber hinten eine stabile Abwehrreihe.

In der Vorbereitung auf die WM gelang Argentinien kürzlich ein 0:1 Erfolg beim Ausrichter der WM, der Nationalmannschaft Chinas, die allerdings nicht in Bestbesetzung angetreten war, durch ein Freistoßtor von Rosana Gómez. Die junge Maria Belén Potassa gibt das Ziel vor, die Vorrunde zu überstehen, dann sei alles möglich. Eine Einschätzung, die man nicht unbedingt teilen muss, doch Potassa selber könnte die Möglichkeiten dazu eröffnen.

Ludmila Manicler

Eine der jungen Wilden Argentiniens: Mittelfeldspielerin Ludmila Manicler bewies bei der U20 WM 2006 mit drei Treffern ihre Torgefährlichkeit

„Sie ist schnell, hat einen guten Schuss und ist immer eine Sekunde vor ihren Gegnerinnen am Ball, wie etwa bei ihrem Tor gegen Brasilien: Sie sah die Flanke von rechts


kommen, und obwohl sie hinter ihrer Gegenspielerin stand, schaltete sie schneller, war vor ihr am Ball und entschied die Partie. Sie ist eine Stürmerin, die immer am richtigen Platz steht. Sie hat eine große Zukunft vor sich”, erklärte Trainer Borrello gegenüber Fifa.com, und wer die Spiele der deutschen Nationalmannschaft in diesem Jahr noch in Erinnerung hat, weiß, wie schwer sich unsere Abwehr so manches Mal mit schnellen Stürmerinnen getan hat.

Catalina Perez

Abwehrspielerin Catalina Perez wird aufgrund einer Sperre (gelbe Karte) am Auftaktspiel gegen Deutschland noch nicht teilnehmen können

Neun Spielerinnen im Kader, darunter auch Regiesseurin Rosana Gomez, spielen im gleichen Verein, bei den Boca Juniors in Buenos Aires, es ist also ein eingespieltes Grundgerüst zu erwarten. Im Tor steht mit der erfahrenen Romina Ferro eine echte Stütze, auf die sich die sowieso schon als stabil geltende Abwehr verlassen kann.

So können es die „Albiceleste”, die „Weiß-Himmelblauen” wie die argentinische Nationalmannschaft genannt wird, kaum erwarten, bis es endlich losgeht in China. Mehr als eine Außenseiterrolle traut ihnen niemand zu, und genau darin könnte die große Stärke dieser Mannschaft liegen. Das deutsche Team tut gut daran, Argentinien im Auftaktspiel der WM am 10. September nicht zu unterschätzen!


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