Von Nora Kruse
23.09.2007
„We’re going to China!“ – diese Zeile bestimmte das Liedgut der Engländerinnen nach ihrem Unentschieden in der
WM-Qualifikation gegen Frankreich, das ihnen die Fahrkarte nach Fernost sicherte. Die Nacht im Hotel wurde zum Tag gemacht,
die Euphorie war riesig. Jetzt, fast genau ein Jahr später, müssen sich die „Three Lions“ von China und der monatelangen
Hochstimmung wieder verab- schieden. Mit 0:3 unterlagen sie den USA, die nicht schön spielten, aber effektiv und eiskalt
die Schwächen des Gegners ausnutzten.
Die Amerikanerinnen waren ohne Zweifel die Favoriten für diese Partie, und Englands National- trainerin Hope Powell dürfte
eine schwerere Aufgabe gehabt haben, die optimale Aufstellung zu finden, als vor der Partie gegen Deutschland. Während
ihre Taktik dort rein auf Defensive und das Halten des Unentschiedens ausgelegt gewesen war, war die Mannschaft nun in
der k.o-Runde angekommen, Unentschieden halfen nicht weiter. Es musste eine stabile Defensive gefunden werden, ohne
dabei – wie gegen Deutschland – die Offensive zu vernachlässigen. Powell verzichtete daher auf ihre erfahrenste Akteurin,
Rachel Yankey, beorderte Karen Carney auf die linke Seite und ließ stattdessen Abwehrspielerin Mary Phillip auf der
rechten Außenbahn offensiver agieren.
Powells Konzept schien in den ersten 45 Minuten aufzugehen, England ging ohne Respekt vor dem großen Gegner in die Partie.
Dieser ging ohne Überraschungen ins Spiel, Trainer Greg Ryan setzte von der Abwehr bis zum Sturm auf seine bewährten und
routinierten Spielerinnen, an der Spitze Kristine Lilly und Abby Wambach.
Nicht wegzudenken und immer erfolgreich: Abby Wambach
Archivbild: Nora Kruse
Die erste Viertelstunde spielte sich fast ausschließlich im Mittelfeld ab, zwingende Torchancen gab es auf keiner Seite.
Nach elf Minuten meldete sich Lilly erstmals im gegnerischen Strafraum. Casey Stoney verfehlte einen langen Ball auf die
US-Spielführerin, konnte sich jedoch glücklich schätzen, dass diese den Ball nicht richtig erwischte, sodass Rachel Brown
ihn unter sich begraben konnte. Nur drei Minuten später zeigte auch der Star auf englischer Seite, Kelly Smith, seine
Klasse. Smith spielte sich rechts an Lilly vorbei in den Strafraum, ihr Schuss wurde jedoch zur Ecke geklärt.
Insgesamt erwies sich die erste Hälfte als recht ereignisarm. England war bemüht, dem großen Gegner Paroli zu bieten und
erarbeite sich mehr Spielanteile. Dennoch war das Aufbauspiel der „Lionesses“ umständlich und in letzter Konsequenz zu
harmlos, da die guten Ansätze, die Phillip und
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Carney auf den Außenbahnen zeigten, durch zu schwache und unpräzise Flanken
zunichte gemacht wurden. Auf der anderen Seite zeigten die Amerikanerinnen, wie man mit weniger Vorstößen weit mehr Gefahr
ausstrahlen konnte. Nach 42 Minuten erreichte eine Flanke von links die im Fünfmeterraum stehende Wambach. Die Amerikanerin
nahm die Hereingabe volley, schoss jedoch über den Kasten. Nur eine Minute später war es Lilly, die sich auf halblinker
Position behaupten konnte. Die 36-Jährige ließ der heraneilenden Phillip keine Chance, bei ihrem gut platzierten Schuss war
Brown jedoch zur Stelle und konnte zur Ecke klären.
Dies war Browns vielleicht beste Szene, in der zweiten Hälfte wirkte die Torhüterin verunsichert und sah bei allen Toren
der Amerikanerinnen nicht gut aus. Denn wenn die erste Halbzeit noch Spannung versprach, so war diese nach 60 Minuten
dahin. Die Amerikanerinnen kamen wesentlich motivierter aus der Kabine und begannen druckvoll. Bereits in der 48. Minute
agierte Brown bei einem Eckball von links zu zögerlich und Wambach war mit dem Kopf zur Stelle. Insgesamt war es das vierte
Gegentor der Engländerinnen im Turnier – allesamt nach Standards.
Hätte England seine direkten Möglichkeiten ausgenutzt, hätte die Partie eventuell einen anderen Verlauf genommen, doch
erneut fehlte es an Präzision und Abstimmung im entscheidenden Augenblick. Alex Scott flankte von rechts in den Strafraum,
wo sich jedoch keine Mitspielerin befand. Zwei Minuten später war es von der anderen Seite die mittlerweile eingewechselte
Yankey. Diesmal waren viele Köpfe vor Ort, von denen jedoch keiner den Ball traf.
Stattdessen waren es die USA, die die konfuse Phase ihrer Gegnerinnen ausnutzten. In der 57. Minute setzte Shannon Boxx
aus etwa zwanzig Metern an. Browns Sicht auf den Ball dürfte durch ihre Mitspielerinnen behindert gewesen sein, dennoch
sah sie bei dem flachen Aufsetzer sehr unglücklich aus und musste das 0:2 hinnehmen. Am meisten dürfte sie sich jedoch drei
Minuten später geärgert haben. Brown verschätzte sich bei einem hohen Ball auf Lilly und unterlief ihn, sodass die
Stürmerin keinerlei Probleme hatte, das 3:0 zu erzielen.
Gerade einmal zwölf Minuten hatten die USA benötigt, den Halbfinaleinzug perfekt zu machen. Sind die Räume eng, haben die
Engländerinnen enorme Probleme ihr Kombinations- und Aufbauspiel zu entfalten, arbeiten sie sich dann nach vorne durch,
fehlt es an letzter Präzision. Die USA haben dagegen effizient agiert und die ihnen gebotenen Gelegenheiten ausgenutzt.
Erstes Turniertor für Shannon Boxx.
Archivbild: Nora Kruse
In den letzten dreißig Minuten verflachte die Partie zunehmend, die USA waren mit dem Ergebnis zufrieden und England auf
Schadensbegrenzung bedacht. Insbesondere Spielführerin Faye
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White biss jedoch bis zuletzt auf die Zähne. Pünktlich zur WM
nach ihrem zweiten Kreuzbandriss fit geworden, zeigte die Abwehrchefin ein hervorragendes Turnier, war zweikampfstark,
mutig und hielt die Abwehr zusammen. Im Spiel gegen die USA verletzte sich White in der 36. Minute in einem Zweikampf mit
Wambach, hatte immer wieder mit Nasenbluten zu kämpfen, hielt jedoch bis zum Ende durch.
Nicht nur gegen die USA aufopferungsvoll. Faye White hat ein grandioses Turnier gespielt.
Archivbild: Nora Kruse
Insgesamt konnten die USA einen verdienten Sieg einfahren, zeigten dabei jedoch wenig von ihrer früheren Spielstärke.
In den entscheidenden Situationen war die Mannschaft abgeklärter und routinierter. Dennoch wies der zweifache Weltmeister
deutliche spielerische Mängel auf und hatte insbesondere in der ersten Halbzeit mit der englischen Abwehr zu kämpfen. In
den zweiten 45 Minuten lag die Stärke der Amerikanerinnen in der Auswertung der wenigen Gelegenheiten. Spielerisch
erarbeitet war davon jedoch keine.
Für die englische Mannschaft dürfte das Ausscheiden auf diese Art und Weise bitter gewesen sein, dennoch ist es nicht nur
ein Erfolg des Teams, es unter die besten acht Mannschaften der Welt geschafft zu haben. Die Verbesserungen der
„Three Lions“ waren im Vergleich zu früheren Jahren auf allen Ebenen, vom spielerischen Niveau bis zur mentalen Stärke,
sichtbar. Das Erreichen des Viertelfinals war auch wichtig, um die recht erfolgsabhängigen Gelder des Verbandes zu
rechtfertigen. Hat das Team weiterhin die Möglichkeit, so professionell und akribisch zu arbeiten, darf man bei der
Europameisterschaft in zwei Jahren einiges von der Mannschaft erwarten, die es immerhin bereits jetzt unter die besten
drei europäischen Teams geschafft hat.
Statistik
USA
Solo, Rampone, Whitehill, Boxx (82. Lloyd), O’Reilly, Osbourne, Lilly, Lopez, Markgraf, Chalupny, Wambach (86. Kai)
England
Brown, A. Scott, Stoney, Chapman, White, Phillip (81. Sanderson), Carney, Aluko (46. Yankey), K. Smith, Asante, J. Scott
Tore
1:0 Wambach (48.)
2:0 Boxx (57.)
3:0 Lilly (60.)
Gelb: -
Schiedsrichterin
Jenny Palmqvist (Schweden)
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