Fansoccer-Logo

WM-Qualifikation

Tränen und Champagner

Frankreich : England 1:1 (0:0)

von Nora Kruse (Text u. Bilder)

02.10.2006

„Die Situation ist klar: wir brauchen einen Sieg.“ Einfacher als Frankreichs Trainerin Elisabeth Loisel konnte man deren Ausgangsposition nicht schildern.. Der Druck sei zwar größer als 2002, wo man ebenfalls im entscheidenden Spiel auf die Engländerinnen traf (und gewann), und auch wenn England bei diesem Spiel im Vorteil war, bezeichnete Spielführerin Sonia Bompastor die Chancen als 50:50.

„Die Qualifikation ist eminent wichtig: für die Karriere der Spielerinnen, deren Zukunft, die Wahrnehmung des Frauenfußballs in Frankreich, die Entwicklung und eine mögliche Qlympia-Qualifikation“, so die Trainerin. Doch nicht nur in Frankreich hing alles an diesem einen Spiel. Der Englische Fußballverband hatte nach der Europameisterschaft im letzten Jahr enorm viel Geld in das Frauenteam gesteckt, bei einer Nicht-Qualifikation würde das Budget wieder gekürzt werden. Die üblichen Schwierigkeiten der Frauenteams wurden deutlich: die Position und der Einfluss im eigenen Land sind noch nicht so stark, als dass man sich Erfolglosigkeit leisten kann.

So begann das Spiel weniger als hochklassiges Spitzenspiel, als vielmehr als nervöses Hin und Her. England erwischte den besseren Start und hatte bereits nach wenigen Minuten mehrere Eckbälle zu vermelden – nutzen konnten sie sie nicht. Im Anschluss gestaltete sich die Partie ausgeglichen, beide Teams produzierten Fehlpässe am laufenden Band. Frankreich, das unter Zugzwang war, agierte zu krampfhaft. Die Pässe in die Spitze waren unüberlegt und Hoda Lattaf verpasste auf der linken Außenbahn grundsätzlich den Moment zur Flanke. Entweder lief sie mit dem Ball gleich direkt ins Toraus, sie flankte über den Kasten oder ihr Ball landete in den Beinen der englischen Abwehr.

Englands Aktionen waren nicht sinnvoller. So startete Rachel Yankey zu einem wunderschönen Lauf im Mittelfeld durch. Meter weit vor ihr stand allein Laure Lepailleur und wartete förmlich auf die Ankunft der englischen Angreiferin. Und sollte Yankey gedacht haben, Lepailleur bewege sich noch weg, so hatte sie sich geirrt. Die Französin stand dort fest wie ein Baum – und anstatt sich die Mühe zu machen, sie zu umspielen, rannte Yankey einfach rein. Ende des Angriffs.
Doch auch wenn England viele Fehler machte, hatte man immer den Eindruck, dass sie das Spiel unter Kontrolle hatten, da sie trotz allem ruhiger wirkten.

Katie Chapman (r.) enteilt Anne-Laure Casseleux - dennoch waren die Angriffsaktionen auf beiden Seiten zunächst nicht zwingend genug.

Erst in der letzten Viertelstunde der ersten Halbzeit sammelten sich die Französinnen. Mit dem Start einer minutenlangen Laola-Welle versuchten es nacheinander die Routiniers Sandrine Soubeyrand, Pichon und Lattaf – und alle scheiterten sie entweder an fehlendem Zielwasser oder an Englands Torhüterin Rachel Brown. Man bekam einen Eindruck, was Elisabeth Loisel meinte, als sie am Vortag das Fehlen von Durchsetzungsvermögen und Tordrang bemängelte, selbst wenn sich ihre Spielerinnen wunderschön bis zum Tor durchspielen könnten.

Im Gegensatz zur ersten Halbzeit begann die zweite mit französischer Überlegenheit. In der 55. Minute scheiterte Soubeyrand per Kopf frei vor dem Tor. Zwei Minuten später startete Lattaf zu einem wunderschönen Flügellauf, bei dem sie alle Gegenspielerinnen ausschaltete - um dann die Flanke wieder ins Nirgendwo zu schlagen. In der 58. Minute schoss Elise Bussaglia nur knapp am Tor vorbei, widerum nur eine Minute später zwang Pichon Rachel Brown zu einer Glanzparade. Frankreichs Aktionen wurden durchdachter und ein Treffer lag in der Luft.
Er kam schließlich auch in der 64. Minute – allerdings irrten sich die Französinnen in der Seite. Nach einem Foul von Anne-Laure Casseleux an Karen Carney erreichte der daraus resultierende Freistoß den Kopf der sehr glücklos agierenden Hoda Lattaf, die Mannschaftskollegin Sarah Bouhaddi mit diesem Eigentor keine Chance ließ.

Der englische Jubel über das 0:1 schien nicht enden zu wollen.

Die Französinnen rannten, kämpften und gaben alles, um sich in den verbleibenden 25 Minuten mit zwei Toren wieder zu befreien. Sie verlegten das Spiel fast ausschließlich in die englische Hälfte, wobei ihre Aktionen zu übermotiviert und hektisch waren. Es schien, als konnten sie nach ihrer gerade erst gewonnenen größeren Sicherheit keinen klaren Gedanken mehr fassen.


"We're going to China" - ein Abend, ein Song...

Marinette Pichon tat und machte - jedoch alles zu hektisch und ohne Erfolg.

Selbst abgeklärte Spielerinnen, wie Bompastor, Pichon oder Soubeyrand agierten wie nervöse U19-Spielerinnen und Elisabeth Loisel war die Verzweiflung an der Seitenlinie auch über eine Distanz von über 50 Metern anzusehen. Die häufig ruhig und nachdenkend wirkende Trainerin flippte förmlich aus, trieb ihre Mannschaft unermüdlich nach vorne, ließ Kopf und Arme bei jeder vergebenen Chance nur für zwei Sekunden hängen, um wieder in die Hände zu klatschen und ihr junges Team anzufeuern.
Kollegin Hope Powell, die sich zuvor bereits eine Verwarnung wegen Verlassens der Coaching-Zone und Meckerns eingefangen hatte, wurde aus nachvollziehbaren Gründen ruhiger. Die Zeit lief für die Engländerinnen, die sich auch direkt zwei Gelbe Karten wegen Zeitspiels einhandelten. Mit den französischen Aktionen hatten sie wenig Probleme und konnten sie stattdessen eiskalt für Konter nutzen: In der 70. Minute verfehlte Eniola Aluko den Kasten nur knapp, zehn Minuten später zwang Fara Williams mit einem Weitschuss Sarah Bouhaddi zu einer Glanztat.

Die Uhr tickte, die 19.000 Zuschauer gaben mit ihren „Allez les Bleues“-Rufen, die teilweise eine Lautstärke erreichten, dass man sich Ohropax wünschte, nicht auf. Es waren nur noch fünf Minuten zu spielen, auf der englischen Bank wurde die Zuversicht größer und auch in den Gesichtern der englischen Journalisten lag ein Strahlen: „We’ll make it.“
Elisabeth Loisel hatte jedoch in der 87. Minute einen letzten verzweifelten Versuch unternommen und mit Ludivine Diguelman eine Stürmerin für Abwehrspielerin Casseleux gebracht. Mit dieser Einwechselung zeigte sie das richtige Händchen – in der 88. Minute landete der Ball im englischen Kasten. Das Stadion bebte und jubelte – doch ebenfalls die Französinnen. Was auch immer sie sich bei ihrem ausgiebigen Jubel dachten, an die Uhr auf alle Fälle nicht. Sie jubelten, als hätten sie gerade das Ticket nach China gelöst und rannten zur Seitenlinie, um auch ihre Trainerin zu herzen. Die hatte dafür jedoch höchst wenig Verständnis und wies ihre Spielerinnen lautstark und wild gestikulierend an, sich aber ganz flott und ohne Umwege in Richtung Mittellinie zu bewegen.

Ludivine Diguelman (r.) erzielte kurz vor dem Ende den Ausgleich, musste jedoch in der hektischen Schlussphase auch hinten gegen Karen Carney aushelfen.

Obwohl nur noch zwei Minuten zu spielen waren, war sämtliche Ruhe auf der englischen Bank Vergangenheit. Und auch wenn Frankreich nie aufgegeben hatte, optisch die meiste Zeit sogar überlegen waren, jetzt drehten sie richtig auf. Es ging noch was. Die Trainerinnen lieferten sich einen Wettstreit in Gestik, Mimik und Gebrüll, die Zuschauer gaben alles, und auf dem Spielfeld wurde um wirklich jeden Ball gefightet. Die letzte Chance in der Nachspielzeit ergab sich dennoch auf englischer Seite, da Sarah Bouhaddi, die bis dahin souveräner Rückhalt war, mal wieder eine ihrer obligatorischen Blödsinn-Aktionen machte. Die Nerven dürften in der 93. Minute blank gelegen haben und so meinte die 19Jährige weit vor dem Tor stehend, Fußball spielen zu müssen. Dabei verlor sie den Ball an Aluko, die ihn zum Kasten stocherte – aber beim leeren Tor nur den Pfosten traf.

Aufgrund des Mengenverhältnisses hatten die englischen Fans zwar keine Chance gegen das Stadion voller Franzosen, dennoch gab diese Gruppe über 90 Minuten alles, um die "Three Lions" zu unterstützen.


Jenny Palmqvist pfiff ab, die Engländerinnen lagen sich in den Armen – die Französinnen auf dem Boden. Mit „We’re going to China“-Gesängen kamen die Engländerinnen aus dem Jubel nicht mehr heraus, breiteten Transparente aus, telefonierten in die Heimat, ließen den Sekt sprudeln und konnten ihr Glück kaum fassen. England krönte ein „brilliantes Jahr“, wie es Trainerin Hope Powell nannte, das aus jahrelanger harter Arbeit resultierte, mit einer verdienten Qualifikation. Dass das Turnier im nächsten Jahr schwer werden würde, musste auch Powell eingestehen. Aber an einem solchen Abend war für diese Gedanken keine Zeit: „Wir müssen nach vorne schauen, weiter arbeiten und die Endrunde einfach genießen.“

Die Freunde der Engländerinnen, hier Eniola Aluko (l.) und Kelly Smith, kannte keine Grenzen...

So toll die Bilder auf der einen Häfte des Feldes waren, so deprimierend waren sie auf der anderen. Die Tränen flossen in den gleichen Mengen, wie bei den Engländerinnen der Champagner. Mit der Niederlage gegen Holland hatte die französische Mannschaft einen einzigen Fehler in dieser Qualifikation gemacht und wurde eiskalt bestraft. Marinette Pichon, die sich ihr vermeintliches Karriereende vermutlich anders vorgestellt hatte, lief minutenlang schluchzend über den Platz, bis sie schließlich in die Arme ihrer Trainerin fiel und das Stadion verließ. Stolz sei sie, über so viele Jahre mit einer brillianten Spielerin, wie Pichon, zusammengearbeitet zu haben, so Elisabeth Loisel, die die Rücktrittsüberlegungen ihrer Starspielerin im Vorfeld als „nachvollziehbar und legitim“ bezeichnete. Ihre eigene Zukunft ließ Loisel offen. Sie brauche zunächst Zeit, dieses Spiel zu reflektieren, zu analysieren und sich auch über ihre eigene weitere Karriere klar zu werden.

Nach dem Schlusspiff war Marinette Pichon zu nichts mehr in der Lage, wurde von ihrer Trainerin Elisabeth Loisel (r.) in den Arm genommen und schließlich vom Platz gebracht.

Viele Karrieren hingen an diesem in Spannung nicht zu überbietenden „Endspiel“. Einen Sieger gab es nicht, hätte dieses Spiel auch nicht verdient gehabt. Frankreich war zwar über weite Strecken tonangebend, scheiterte aber einfach an sich selbst. Aber genauso wie dieses Spiel ist die Gruppe an sich: ausgeglichen, sie hat keinen Verlierer verdient. Am Ende muss immer einer jubeln; dennoch muss man sich fragen, wie sinnvoll die Anzahl der an der Weltmeisterschaft teilnehmenden Teams ist. Es ist schön, dass England gezeigt hat, dass es auch im Frauenfußball möglich ist, als ‚Außenseiter’ die Qualifikation zu schaffen. Dennoch haben Frankreich und Finnland gezeigt, dass der jetzige WM-Modus die Leistungsstärke Europas nicht mehr repräsentiert. Auf 24 Teams solle man die WM erhöhen, wie Loisel nach dem Spiel erklärte, und auch Hope Powell konnte aus europäischer Sicht nur abschließen: „Fünf Mannschaften sind nicht genug, dafür ist die Qualität in Europa mittlerweile einfach zu hoch.“

Aufstellungen

Frankreich
Bouhaddi, Dusang, Casseleux (87. Diguelman), Georges, Lepailleur, Soubeyrand, Bussaglia (75. Thomis), Bompastor, Pichon, Lattaf, Tonazzi (83. Abily)

England
Brown, Scott, Unitt (46. Stoney), Chapman, Asante, Philip, Carney, Williams, Aluko, K. Smith, Yankey (78. S. Smith)

Tore:
0:1 Lattaf (ET/64.)
1:1 Diguelman (88.)

Gelb: Asante, Brown, Carney

Schiedsrichterin:
Jenny Palmqvist (Schweden)

Zuschauer: 19.215


Zur FanSoccer-Startseite