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Weltmeisterschaft 2007

Ein Rekord für die „Ewigkeit“

Rückblick auf die WM 2007 in China

02.08.2011
Text von Christian Heidler

Zweitligakader 1. FC Köln Frauen

Das offizielle WM-Schild stand nicht nur vor jedem öffentlichen Gebäude, sondern zierte auch Straßenzüge. (Foto: Karin Reuter)


China 2007 war das Turnier der Marta Vieira da Silva, genannt Marta. Die damals 21-Jährige bezauberte die Zuschauer mit ihren Tempodribblings, ihrer geschmeidigen Technik und vielen herrlichen Toren. Zusammen mit ihren kaum weniger begabten Mitspielerinnen präsentierte Brasilien Spielfreude, Ballkunst. Die Seleçao wurde als „unterhaltsamstes Team“ ausgezeichnet, Marta als Torschützenkönigin (7 Treffer) und beste Spielerin des Turniers geehrt. Und dennoch – das perfekte Turnier war es nicht für die zum zweiten Mal zur Weltfußballerin Gekürte. Sinnbildlich steht dafür die 63. Spielminute des Finales in Schanghai; Doch dazu später.

Training auf der Promenade
Auch für Nadine Marejke Angerer sollte die WM in China ein ganz besonderes Turnier werden. Endlich, nach vielen Jahren im Schatten von Silke Rottenberg, trug die Torfrau von Turbine Potsdam nun auch in der Auswahl das Trikot mit der Nr. 1 und die Rollen waren getauscht. Als amtierender Weltmeister nach dem Titelgewinn 2003 in den USA eröffnete Deutschland das Turnier in Schanghai gegen Argentinien. Das DFB-Team spielte sich gegen den Südamerikameister in einen wahren Torrausch und siegte 11:0. Angerer hatte einen ruhigen Tag. Das änderte sich 4 Tage später an gleicher Stelle gegen England nicht wesentlich. Beim torlosen Remis wurde die deutsche Elf wieder mehr gefordert und zudem geerdet. Mit dem 2:0-Arbeitssieg über Japan hatte Deutschland den erstrebten Gruppensieg geschafft. Doch was würde er wert sein?

In der Vorrundengruppe B waren die USA nämlich mit einem unerwarteten Punktverlust gestartet. Gegen die wieder einmal als Geheimfavorit gehandelte Mannschaft aus Nordkorea hatte es für den Weltranglistenersten nur zu einem 2:2 gereicht. So blieb es in der „Hammergruppe“ bis zuletzt spannend wie der Zieleinlauf aussehen würde. Am Ende standen dann die USA vorne, gefolgt von Nordkorea. Schweden und Afrikameister Nigeria mußten die Heimreise antreten.

Bild links: Außergewöhnliche Trainingsmethoden in einem außergewöhnlichen Land - da wurde hier und da auch schon einmal eine Trainingseinheit auf der Promenade mitten in der Stadt abgehalten. (Foto: Karin Reuter)


Endergebnis im ViertelfinaleIm Überkreuzvergleich der beiden Gruppenersten blieb Deutschland zwar das Duell gegen Topfavorit USA erspart, aber Nordkorea schien kaum ein leichterer Gegner zu sein. Mit einer taktischen und kämpferischen Meisterleistung und dem nötigen Quentchen Glück ging Silvia Neids Mannschaft als Sieger vom Feld. Kerstin Garefrekes, Renate Lingor und Annike Krahn (mit der Hüfte) waren die Torschützen, Angerer mußte öfter Kopf und Kragen riskieren, konnte ihren Kasten aber sauber halten.

Im Halbfinale wartete nun Norwegen, das seine Gruppe wie Deutschland mit zwei Siegen (Ghana und Kanada) und einem Unentschieden (Australien) für sich entschieden hatte und Gastgeber China im Viertelfinale mit 1:0 aus dem Rennen warf. Die deutsche Elf meisterte auch diese Aufgabe souverän und siegte verdient mit 3:0 gegen die Skandinavierinnen. Trine Rönnings Eigentor folgten Treffer von Kerstin Stegemann und Martina Müller.

Bild rechts: Im Viertelfinale schlug Deutschland Nordkorea souverän mit 3:0. (Foto: Karin Reuter)


Turbulenter ging es im zweiten Halbfinale zu, das sich für die USA zu einem Drama  auswuchs. Der heiße Titelfavorit schien sich nach dem wackligen Turnierbeginn wieder gefangen zu haben und machte nach den Erfolgen gegen Schweden und Nigeria mit einem ungefährdeten Viertelfinalsieg gegen England weiter (3:0). Doch hinter den Kulissen rumorte es. Daß Trainer Greg Ryan gegen Brasilien nicht mehr auf Stammtorhüterin Hope Solo sondern auf Briana Scurry setzte, stieß nicht nur bei der Ausgebooteten  auf Unverständnis. Solos nach dem Semifinale öffentlich geäußerte Kritik konterte der Trainer mit ihrer Suspendierung. Die Unstimmigkeiten im US-Team konnten freilich nicht alleiniger Grund für die überraschend schwache Leistung einer Mannschaft sein, die seit November 2004 kein Spiel mehr verloren hatte und der Spielkunst der Südamerikanerinnen fast hilflos gegenüber stand. Es waren auch nicht das Eigentor von Leslie Osborne oder das 2:0 durch Marta, die dem Spiel der Amis einen Knacks gaben, es lief eigentlich von Anfang an nicht rund bei ihnen. Auch nach der völlig unberechtigten Gelb-Roten Karte gegen Shannon Boxx gleich nach Wiederanpfiff, erfolgte kein Aufbäumen. Nach einem Treffer von Cristiane setzte Marta mit ihrem wunderschönen zweiten Tor den Schlußpunkt zum 4:0. Welch Genugtuung und Freude bei den Spielerinnen vom Zuckerhut, die bei den letzten beiden Olympischen Spielen jeweils im Finale an den USA gescheitert waren!

Bild links: Chinesische Tänzerinnen präsentieren die Halbfinalgegner und den Gastgeber vor den Stadien. (Foto: Karin Reuter)


Shanghai bei NachtWer aber sollte diesen Sambafußball jetzt noch stoppen? Die Vorrunde hatte Brasilien gegen WM-Neuling Neuseeland, China und Dänemark ohne Punktverlust und Gegentor bestritten, das Viertelfinale nur dem Resultat nach knapp gegen Australien gewonnen (3:2) und nun dieser Triumph gegen den großen Rivalen aus dem Norden des Kontinents!

Niemand! dachten wohl zu allererst die Brasilianerinnen selbst. Freudig, selbstbewußt, ja schon etwas überheblich wirkend, gingen sie ins Endspiel. Man hat noch das Bild vor Augen wie beide Mannschaften im Spielertunnel stehen: Links die „Canarinhas“ singend, tanzend, fröhlich, rechts die Deutschen ernst, stumm, konzentriert und entschlossen. Die Zuschauer in Schanghai wurden dann Zeugen eines Finales, das alle Erwartungen erfüllte, hohes spielerisches Niveau, Kampf, Leidenschaft und Spannung bot. Trotz einiger Chancen auf beiden Seiten endete die ausgeglichen geführte 1. Halbzeit torlos. Den Torreigen eröffnete dann Birgit Prinz in der Anfangsphase des zweiten Durchgangs. Brasilien drängte auf den Ausgleich und die beste Chance bot sich als Schiedsrichterin Tammy Ogston nach einem Foul von Linda Bresonik an Cristiane auf den Elfmeterpunkt zeigte. Es lief besagte 63. Spielminute. Marta schnappte sich den Ball. Ihr gegenüber wartete Nadine Angerer, die Unbezwungene. Die Unbezwingbare? Die beiden hervorstechendsten Spielerinnen der WM im ultimativen Duell. Anlauf – Schuß, halbhoch links aus Sicht der Schützin – Angerer streckt sich, wehrt ab – Chance vertan! Die Schlüsselszene des Spiels, wenn nicht des Turniers überhaupt.

Bild links: Shanghai, der Austragungsort für das Spiel um Platz drei und des Finales, bei Nacht. (Foto: Karin Reuter)


Auch danach noch versuchte Brasilien alles, scheiterte aber an der hervorragenden deutschen TorfraBirgit Prinz, Melanie Behringer und Maskottchen Pauleu, der in einigen Momenten auch das Glück der Tüchtigen zur Seite stand. Das 2:0 durch Simone Laudehr 4 Minuten vor dem Schlußpfiff machte dann alles klar. Am Ende jubelten die Deutschen, reckten im Goldkonfettiregen den WM-Pokal in die Höhe. Brasilien und der später auch als Weltfußballerin wiedergewählten Marta blieb erneut nur ein undankbarer zweiter Platz. Die USA rehabilitierten sich im Spiel um Platz 3 halbwegs und besiegten Norwegen 4:1.

Der deutschen Mannschaft, der als erstem Team eine Titelverteidigung gelungen war, bereiteten Tausende auf dem Frankfurter Römer einen begeisterten Empfang. Besonders freuen durfte sich auch „Natze“ Angerer, die im ganzen Turnier ohne Gegentreffer geblieben war. 540 Minuten! Ein Rekord, der selbst die Bestmarke bei den Männern des Italieners Walter Zenga von 1990 übertrifft (517 Minuten). Ein Rekord wohl für die „Ewigkeit“!


Bild rechts: Wieder zurück in Deutschland wurde der Titelgewinn ausgiebig, wie hier Birgit Prinz und Melanie Behringer mit Maskottchen Paule, auf dem Frankfurter Römer gefeiert. (Foto: Tom Schlimme)





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