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29.11.2011
Bericht und Bilder: Fuxi
Eines muss man dem SV Wilhelmsburg lassen: Sie sind eine Pokalmannschaft. In drei der letzten vier Endspiele des Hamburger Oddset-Pokals waren sie dabei, und die letzten beiden Finalspiele konnten sie für sich entscheiden, einhergehend mit der Teilnahme an der ersten DFB-Pokalrunde. Dabei stört es sie eher selten, dass sie "nur" Verbandsligist sind und Regionalligist Bergedorf 85 als klassenhöchstes Team klarer Titelfavorit. Im Gegenteil: Bergedorf zog in diesem Sommer mit 2:3 den Kürzeren. Und auch das Spiel bei Altona 93 hatte eine gewisse Geschichte. Zweimal standen sich die beiden Vereine in den vergangenen sechs Spielzeiten im Pokal gegenüber: Zuletzt 2010, als der AFC seine erste Mannschaft abmeldete und den Verbandsligakader als zweites Team mit leichterem Zweitrundenlos bis ins Finale führte, was in Hamburg für viel nicht ganz unberechtigten Wirbel sorgte. Damals setzte sich der SVW klar mit 4:1 durch. Aber auch im Achtelfinale der Saison 2006/07 standen sich beide Teams an gleicher Wirkungsstätte, der traditionsreichen Adolf-Jäger-Kampfbahn in Ottensen gegenüber. Wilhelmsburg setzte sich seinerzeit mit 4:3 durch.
Unschöner Schlusspunkt: Schiedsrichter Kevin Miller zeigt Altonas Manja Spaller die Rote Karte.
Beide Mannschaften begegneten sich der Statistik nach auf Augenhöhe: Altona 93 war Fünfter, Wilhelmsburg Sechster. Der Blick auf die Tabelle überraschte jedoch, denn die beste Offensive der Verbandsliga (44 Tore in 12 Spielen) und die viertbeste Defensive (16 Gegentore) hatte bereits fünf Saisonniederlagen kassiert, die letzte eine Woche zuvor beim Aufsteiger TSC Wellingsbüttel, während Altona 93 Kellerkind Union Tornesch 5:2 putzte. Durch die Stärke in K.O.-Spielen jedoch war Wilhelmsburg, dessen Spiele gegen den Traditionsclub eine durchaus wechselhafte Bilanz aufweisen, leichter Favorit.
Das sollte sich schnell zeigen, denn in der ersten halben Stunde spielte fast nur das Team von der Elbinsel. Schon in der ersten Minute ergab sich die erste Chance, als ein Freistoß von der linken Seite durch Nadine Riedesel in den Strafraum segelte und Sharien Mahn aus vierzehn Metern links vorbei köpfte. Ebenfalls per Kopf hatte Janine Thormählen eine Riesenchance zur Führung in der 9. Minute: Riedesel flankte von links hoch in den Strafraum, Altona ließ den Ball am Elfmeterpunkt aufprallen, Ex-Bundesligastürmerin Thormählen warf sich in den Ball und köpfte. AFC-Keeperin Kerstin Lethe flog und lenkte das Leder an die Latte. Den Abpraller konnten ihre Vorderleute dann klären. Altona war zwar bemüht um einen eigenen Spielaufbau, der aber misslang zu oft, um sich Möglichkeiten zu erspielen. So waren Torszenen eine einseitige Sache. Nach siebzehn Minuten flankte Thormählen selbst von rechts, Mahn nahm den Ball volley und schoss ihn knapp am Pfosten vorbei.
Das 0:1 schien nur eine Frage der Zeit, und zwei Minuten später fiel es auch. Riedesel klärte mit einem langen Ball aus der eigenen Hälfte, der hinter die aufgerückte Altonaer Abwehr gezielt war. Lethe verließ ihr Tor, um das drohende Unheil zu verhindern, aber Jessica Pais Baptista war schneller, hob den Ball über die Keeperin hinweg und hatte dann Glück, als der Aufsetzer knapp hinter der Linie unter die Latte sprang. Altona 93 war bis dato völlig harmlos. Wilhelmsburg war die effektivere Mannschaft, auch durch technische Überlegenheit und größere Zweikampfstärke. Viele Aktionen gingen bei den Gästen von den beiden Routiniers Riedesel und Thormählen aus. Zudem war schon früh zu beobachten, dass das Mittelfeld stark rotierte und so ständig für Unruhe sorgte. Bei Altona 93 lief wenig zusammen, und nach 22 Minuten mussten sie auch noch verletzungsbedingt wechseln. Für Jenny Schleinitz kam Martina Matthies ins Spiel. Und sie war die erste Altonaerin, die in der 30. Minute eine bemerkenswerte Torszene hatte. Rechts im Strafraum wurde sie angespielt, begünstigt durch einen Stellungsfehler von Vanessa Zawada. Ihr Schuss kam genau auf Jennifer Brandis im Tor des Pokalsiegers.
Danach waren es drei Standardsituationen, die auf der anderen Seite für Gefahr sorgten. Ein hoher Freistoß von Riedesel fiel in der 34. Minute wie ein Stein aus der Luft, zum Glück für die Platzherrinnen nur aufs Tornetz. Dann flankte Zawada einen Freistoß aus der eigenen Hälfte in den Strafraum, Thormählens Kopfball war jedoch zu schwach, um Lethe zu prüfen. Schließlich brachte Riedesel einen Eckball herein, den Marika Tokarski am ersten Pfosten verlängerte und Katja Marks von der Torlinie schlug, um das 0:2 zu verhindern (37.). Dass Altona 93 es besser konnte, bewies ein Konter über vier Stationen in der 38. Minute, gespielt mit jeweils nur einem bis maximal zwei Ballkontakten. Für jeden Fußballästheten war es eine Wonne - bis zum Strafraum. Denn das Zuspiel von Matthies auf Manja Spaller war symptomatischerweise zu lang und zu ungenau, um den Pokalverteidiger in die Bredouille zu bringen.
Anders sah das bei Wilhelmsburg aus. Einmal mehr flankte Riedesel von links auf den Kopf von Thormählen. Die hatte aber kein Glück, ihr Kopfball ging einen Meter rechts daneben (39.). Statt dessen kämpfte sich auf der Gegenseite nochmal Spaller gegen Denise Mikeska durch und versuchte das Leder mit dem langen Bein noch zu erreichen. Brandis war aus dem Kasten geeilt und klärte, prallte aber so böse mit der Gastgeberin zusammen, dass sie behandelt werden musste. So blieb es beim 0:1, das auch in Ordnung ging, denn der SV Wilhelmsburg war die bessere Mannschaft bis dahin. Nach einer halben Stunde erst wurde Altona etwas bemühter, in der Offensive Akzente zu setzen. Doch ihr Spiel war insgesamt zu unpräzise, um den SVW ernsthaft in Schwierigkeiten zu bringen. Daher verwunderte das klare Chancenplus für die Elbinsulanerinnen zu diesem Zeitpunkt nicht.
Durchgang zwei begann mit der Entscheidung über das Weiterkommen. Janine Thormählen bekam vor dem Altonaer Strafraum den Ball, lief durch das Mittelfeld, spielte zwei Verteidigerinnen aus, war frei vor Lethe und schob trocken ins lange Eck zum 0:2. Dass die 93erinnen das nicht mehr egalisieren würden, war auch in Altonaer Reihen klar. Vor allem, da sich Maria Hinrichs, mit vier Toren in sechs Spielen die bis dahin gefährlichste Angreiferin, Anfang Oktober nach ihrem Treffer gegen HSV III. das Kreuzband gerissen hatte und schmerzlich vermisst wurde. Die Partie blieb so einseitig wie in der ersten Halbzeit. Wilhelmsburg spielte weiter nach vorn. Riedesels Freistoß aus dem linken Halbfeld lenkte Thormählen am Fünfmeterraum mit langem Bein Richtung Tor, aber zu hoch (52.). Eine Minute später gewann Thormählen das Leder vor dem Strafraum, gab quer zu Riedesel, und die spitzelte nach einer Drehung erneut quer. Özlem Salman stand frei, aber was auch immer das für ein Versuch sein sollte, der Ball kam am Fünfmeterraum wieder herunter. Thormählen war gestartet und köpfte, aber Lethe konnte fangen.
Nach knapp einer Stunde versuchte es Altona 93 zumindest mal mit einem Torschuss. Etje Schröders Distanzschuss aus 26 Metern war jedoch harmlos. Auf der Gegenseite holte Lethe einen Schuss Pais Baptistas vom rechten Strafraumeck herunter (59.). Trotz des klaren Ergebnisses machte sich auf dem Platz dennoch Anspannung breit, die Zweikämpfe wurden hektischer - ein Trend, der am Spielende seinen Höhepunkt finden sollte. Erstes Anzeichen dafür war eine Gelbe Karte für Thormählen, nicht für das begangene Foul, das definitiv eines war, sondern für das anschließende, entsprechend unberechtigte Meckern. Auch mit dieser Verwarnung lag der umsichtig pfeifende Schiedsrichter Kevin Miller richtig. Wilhelmsburgs Trainer Andreas Pehl nahm im Anschluss Stürmerin Jessica Pais Baptista vom Feld und brachte auf der gleichen Position Melanie Bravo Mendes. Seine Mannschaft blieb die bessere, nahm sich aber nach der nächsten Chance, einem Schuss von Tokarski aus 25 Metern, der knapp über die Latte ging, merklich zurück (64.) und überließ Altona 93 weite Teile des Mittelfeldes.
Die Gastgeberinnen waren nun dank der Freiheiten bemühter um den Anschlusstreffer. Aber der SV Wilhelmsburg blieb die gefährlichere, weil entschlossenere Mannschaft. Nach einem Foul von Swantje Kuhr an Thormählen gab es Gelb für die Altonaerin und Freistoß. Diesen brachte Tokarski aus dem rechten Halbfeld herein, Bravo Mendes war blank vor dem Kasten, bekam aber keinen kontrollierten Abschluss zustande. Die Bemühungen der Frauen von der Griegstraße hingegen reichten nicht, um das Tor von Jennifer Brandis ernsthaft zu gefährden. Nach einem Doppelpass über 15 Meter war es Kuhr, die aufgerückt war und die Ablage von Mareile Scheidemann zu einem 25-Meter-Schuss nutzte. Er ging rechts am Tor vorbei (71.). Bei den Elbinsulanerinnen sah das anders aus. Nach einem Rückpass auf AFC-Torhüterin Lethe setzte Thormählen nach und erzwang einen Pressschlag im Strafraum, der das Tor verfehlte, aber zumindest brachte das Nachsetzen noch einen Eckball ein. Es war diese Hartnäckigkeit und sportliche Aggressivität, die Altona fehlte - vielleicht auch ein gewisser Mangel an Qualität, über den die Verbandsligatabelle einfach hinweg täuschte? Der bisherige Spielverlauf legte diese Schlussfolgerung zumindest nahe.
Ähnlich war es in der 77. Minute. Scheidemann gewann in der eigenen Hälfte den Zweikampf mit Matthies und ging ein Stück Richtung Mittellinie, ehe sie steil spielte. Thormählen startete durch, gewann das Laufduell mit Schröder und legte von der Grundlinie quer zurück in die Mitte. Dort war Bravo Mendes völlig unbehelligt und brauchte das Leder aus Nahdistanz nur noch zum 0:3 über die Linie drücken. In der Folgezeit schien Wilhelmsburg dem vierten Treffer näher als Altona 93, dem langsam die Kräfte ausgingen, dem Ehrentor. Nach Ablage von Salman verzog Thormählen nach 83 Minuten, und nur wenige Sekunden später zwang sie nach einem schnellen Ballgewinn am Strafraum Lethe mit ihrem Linksschuss zu Boden, aber die AFC-Keeperin verhinderte das 0:4. Hinten raus bekam Wilhelmsburg weitere gute Chancen.
AFC-Coach Norman Girbarth wechselte ein letztes Mal und brachte Christina Kaiser für Tanja Krause (85.). Er hätte lieber seine beste Torschützin, Manja Spaller, vom Platz nehmen sollen, denn nach einer Gelben Karte in der 82. Minute bettelte sie fast um einen Platzverweis. So in der 89. Minute, als sie lange nach einem Abseitspfiff den Ball Richtung Tor schoss und der gnädige Schiedsrichter es bei einer Ermahnung beließ, anstatt die Ampelkarte zu ziehen. Vielleicht dachte er, da das Spiel gleich vorbei sei, könnte ihr das nachsehen. Dieses Geschenk schien Spaller aber nicht als solches verstanden zu haben. In der Nachspielzeit gab es noch einmal Eckball für Altona 93. Per Kopf verlängerte Matthies am kurzen Pfosten, Kaiser köpfte wieder nach vorn ans linke Fünfmetereck. Brandis stieg zum Ball hoch und fing ihn sicher, bekam aber noch in der Luft von hinten einen Tritt der sichtbar frustrierten Spaller versetzt, die gar nicht erst versuchte, das Leder zu spielen. Schiedsrichter Miller pfiff die Szene ab, und empört stürmten Wilhelmsburger Spielerinnen auf Spaller zu. Zu Handgreiflichkeiten kam es nicht, was möglicherweise auch am Schiedsrichter lag, der die Begegnung gut im Griff gehabt hatte, nun ebenfalls die richtige Entscheidung fällte und damit anscheinend Spallers Begehrlichkeiten befriedigte: Er schickte sie mit einer Minute Vorsprung vor dem Rest ihres Teams mit glatter Roter Karte zum Duschen.
Es war der unschöne, gar unwürdige Schlusspunkt des Spiels. Der Wilhelmsburger Sieg war auch in der Höhe verdient. Zwar sparten die Gäste zwischenzeitlich die Kräfte für die kommende Woche, wo sie auf heimischem Grund am Karl-Arnold-Ring in der Liga erneut auf Altona 93 treffen werden, und verlegten sich auf cleveres und routiniertes Verteidigen des Vorsprungs, machten in der Schlussphase aber nochmal Druck, als Altona 93 nicht mehr dagegenhalten konnte, und den Sack zu. Danach gingen bei den Siegerinnen direkt vor der Tribüne erstmal die Fluppen rum - noch in Sportkleidung. Zum Glück waren keine Jugendmannschaften anwesend, für die das ein nicht unbedingt sportverträgliches Signal gewesen wäre...
Bereits am Mittwoch hatte sich Regionalligist Bergedorf 85 beim zwei Klassen tiefer spielenden SC Union 03 mit 4:1 durchgesetzt. Kreisligist USC Paloma deklassierte im zweiten Samstagsspiel den Bezirksligisten TSC Wellingsbüttel II. mit 6:1. Am Sonntag setzte sich der SC Vier- und Marschlande im zweiten verbandsligainternen Duell als Tabellenachter gegen den Neunten SC Nienstedten mit 4:2 durch, nachdem sie in der Liga schon mit 6:1 gewonnen hatten. Die VSG Stapelfeld (Bezirksliga) unterlag Verbandsligist Bramfelder SV mit 0:3. Im dritten Verbandsligavergleich holte Duwo 08 einen beinahe sensationellen 4:1-Sieg gegen Tabellenführer SC Eilbek. Dabei verwandelte Duwo-Keeperin Tanja Sierk als etatmäßige Schützin in Jörg-Butt-Manier einen Strafstoß. Die Partie TSC Wellingsbüttel gegen Niendorfer TSV, beide ebenfalls aus der höchsten Hamburger Spielklasse, entschied der NTSV mit 4:3 für sich. Das Spiel zwischen ESV Einigkeit Wilhelmsburg und Grün-Weiß Eimsbüttel wurde beim Stand von 2:2 nach einer schweren Verletzung einer Eimsbütteler Spielerin in beiderseitigem Einvernehmen abgebrochen und neu angesetzt werden.
   
Stenogramm:
Altonaer FC von 1893:
Kerstin Lethe - Etje Schröder (81. Sabrina Eble), Katja Marks, Melanie Schober, Tanja Krause (85. Christina Kaiser) - Finja Witte, Birte Gehrmann, Swantje Kuhr, Mareile Scheidemann - Jenny Schleinitz (22. Martina Matthies) - Manja Spaller
SV Wilhelmsburg:
Jennifer Brandis - Tracy Witte, Vanessa Zawada, Denise Mikeska, Sharien Mahn - Sandra Nuttelmann - Özlem Salman (89. Laura Daldorf), Janine Thormählen, Marika Tokarski, Nadine Riedesel - Jessica Pais Paptista (60. Melanie Bravo Mendes)
Tore:
0:1 Pais Baptista (19.)
0:2 Thormählen (48.)
0:3 Bravo Mendes (77.)
Gelbe Karten: - / -
Rote Karte:
Manja Spaller / -
Schiedsrichterin:
Kevin Miller (SV Eidelstedt) mit Christopher Reimers (FC St. Pauli) und Rohit Choudhry (SV Eidelstedt)
Zuschauer: ca. 90
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untere Ligen
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