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26. November 2011
Bericht und Bilder von Fuxi
Elstern-Coach Mato Mitrovic gehört zu den sendungsbewussten Vertretern seiner Zunft: Es vergeht keine Spielminute, in der der Hamburger Übungsleiter keine Anweisungen auf den Platz ruft, aber auch vor dem Spiel frönt er seinem "Hobby", dass man fast meinen könnte, außerhalb der Stadiontore käme er nicht mehr zu Wort. Entsprechend war schon vor dem Anpfiff eine gewisse Sorge herauszuhören, dass Jahn Delmenhorst nach deren 3:1-Sieg gegen Zweitliga-Absteiger Holstein Kiel in der Vorwoche kein leichter Gegner sei. Er sollte nicht ganz Unrecht haben, allerdings lag das eher an der ungenügenden Chancenverwertung des aufstiegswilligen Tabellenzweiten - und die sollte noch ein jähes Opfer fordern...

Odzakovic und Wimberg arbeiten beide mit den Armen, aber Odzakovic kriegt den Elfmeter - Fehlentscheidung.
Von Beginn an versuchte der FC Bergedorf 85, seiner Favoritenrolle gerecht zu werden. Bereits in den ersten drei Minuten sahen die offiziell 60 Zuschauer im "Langnese Happiness Stadion Sander Tannen", so der offizielle Name der so traditionsreichen wie sichtbar in die Jahre gekommenen Spielstätte im Hamburger Osten, zwei Chancen der Gastgeberinnen. Zuerst fischte Delmenhorsts gute Torhüterin Uta Schulenberg einen Fernschuss der linken Flügelflitzerin Nurdan Üstün herunter, danach schoss Sturmtank Maria Albrecht aus 15 Metern drüber. Ein Auftakt voller Verheißungen. Der frühe Offensivdrang überforderte die Gäste offensichtlich, denn der TV Jahn ließ Bergedorf in der anfangsphase gewähren. In der 7. Minute wäre das Team von Stefan Ulbrich so fast in Rückstand geraten, als Üstün einen Pass in den Rücken der zweiten Sturmspitze Jasmin Wolf spielte. Jahn-Kapitänin Simone Wimberg wähnte den Ball sicher, aber Albrecht lauerte auf den Fehler, spitzelte ihr das Leder vom Fuß und zog zum Elfmeterpunkt. Doch sie ließ diese Großchance aus und schob an Schulenbergs Kasten vorbei. Zwei Minuten später war wieder Albrecht im Strafraum frei und scheiterte flach an der Keeperin (9.).
Die Gäste fanden bis dahin überhaupt nicht statt und nur schwer ins Spiel. Anders als Bergedorf, das konsequent mit tiefen Zuspielen gegen die hoch stehende Abwehr operierte, probierte es Jahn Delmenhorst spielerisch mit kurzen Pässen, vornehmlich auf Ex-Bundesligaspielerin Anna Mirbach in der Doppelsechs. Deren Ablage in der 10. Minute nahm ihre Mittelfeldnachbarin Leslie Redecker volley, ihr Aufsetzer aus 21 Metern trieb Bergedorfs Schlussfrag Jasmin Hadrous keine Schweißperlen auf die Stirn. Es war die seltene Ausnahme von der Regel, dass die Elstern das Spiel machten und Chancen entwickelten. Nach 14 Minuten schickte Üstün Wolf hinter die Abwehr, Schulenberg kam raus und verkürzte den Winkel so gut, dass Wolf den Ball zwar an ihr vorbeilegen, aber nicht mehr vor der Torauslinie erreichen konnte. Es war das Zusammenspiel, das bei den Hamburgerinnen besser klappte, während bei den Violetten eher individuelle Aktionen von Mirbach, der hängenden Spitze Sinah Rathmann und der schnellen Neele Detken Erfolg versprachen. Die einzige Spitze der Niedersachsen, die bullige Lena Walters, wurde von den Hanseatinnen Katja Abrotat und Finn Müller eng bewacht. Delmenhorst stand hinten selbst deutlich offener und gestattete dem Team von den Sander Tannen Chancen wie in der 15. Minute, als Albrecht nach kurzem Steilpass von Sibel Exposito auf Schulenberg zulief und die Torhüterin ihren Schuss hielt.
Danach nahm das Spieltempo etwas ab. Jahn Delmenhorst stellte sich besser auf die langen Bälle ein und zwang Bergedorf ins Kombinationsspiel. Folglich waren die Hamburgerinnen im Herausspielen weniger effizient und in Strafraumnähe oft umständlich. In der 22. Minute leitete ein Doppelpass zwischen Albrecht und Kathrin Miotke einen schnellen Spielzug ein. Albrechts Flanke verpasste Wolf am ersten Pfosten, aus dem Hintergrund jagte Carolin Schimmel die Kugel direkt drüber. Nach 29 Minuten spielte Schimmel Albrecht steil frei. Die umspielte Schulenberg per Querpass, Wolf war mitgelaufen - und schob das Spielgerät am leeren Gehäuse vorbei! Bergedorfs zweiter Trainer Marco Strauer, der die Partie von der Tribüne aus verfolgte, konnte es nicht fassen und trat vor Verärgerung einen Plastikmülleimer des Stadionsponsors kaputt. Seine Laune besserte sich auch zwei Minuten später nicht, als Miotke freistehend an Schulenberg scheiterte. Es war wie verhext, das Tor wie vernagelt. Sie machten bis auf den Abschluss alles richtig, waren überlegen, aber fahrlässig im Umgang mit Tormöglichkeiten.
Trotz der Räume, die ihnen Delmenhorst bot und die durchaus den Eindruck eines Klassenunterschieds vermittelten, blieb es weiter beim 0:0. Die Überlegenheit relativierte sich, als Jahn in der letzten Viertelstunde etwas frecher wurde, vor allem über Einzelaktionen von Mirbach, deren ansehnliche Dribblings zumindest Eckbälle und Raumgewinn einbrachten. per Kopf verpasste sie nach 35 Minuten jedoch den Ball, als ihn Rathmann von der rechten Eckfahne hoch in die Mitte brachte. Dahinter kam Walters zum Schuss, verzog aber aus 15 Metern. Mirbachs Missgeschick in dieser Szene animierte Jahn-Coach Ulbrich zu einem kleinen Späßchen: "Anna, nimm den mittleren Ball..."
Eine ähnliche Situation gab es nochmal zwei Minuten vor dem Gang in die Kabinen. Rathmann führte die Ecke kurz aus, Rechtsverteidigerin Yvonne Hügen flankte aus dem Lauf, doch wieder verpasste Mirbach. Walters nahm das Leder an und schloss dann ab, ihr Versuch wurde von Abrotat jedoch entschärfend für Hadrous abgefälscht. Es blieb beim torlosen Unentschieden. Zu Recht haderte Mitrovic mit der Chancenverwertung seiner ansonsten ordentlich spielenden und torgefährlichen Mannschaft. Jahn Delmenhorst versuchte es oft durch die Mitte, zeigte sich aber in einigen Situationen auch zu mutlos für den Abschluss. Zudem fehlte eine Knipserin, die aus dem Nichts mal ein Tor macht. Insgesamt war es ein vernünftiges und fair geführtes Regionalligaspiel. Das jedoch sollte sich zu Beginn des zweiten Durchgangs ändern.
Keine vier Minuten hatte Schiedsrichterin Susann Kunkel das Spiel wieder freigegeben, da schnappte sich Nadine Odzakovic den Ball, sah in der Mitte der Delmenhorster Abwehr eine Lücke und stieß mit einem schnellen Antritt hinein. Wimberg kam hinzu und bedrängte sie, allerdings arbeitete auch die ehemalige Zweitligaspielerin mit dem Arm - und fiel, just da sie die Strafraumgrenze überschritten hatte. Kunkel entschied auf Elfmeter - eine Fehlentscheidung, die allerdings auf dem Eindruck beruhte, dass ein(e) 1,60-Meter-Flo(h) auch leichter fällt als eine 1,75-Meter-Innenverteidigerin. Kunkel schien sich selbst nicht ganz sicher über die Richtigkeit zu sein, denn anstatt die Rote Karte für eine Notbremse, wie sie für ein solches Foul - wenn es eines war - vorgeschrieben, zu verhängen, verwarnte sie Wimberg lediglich. Kathrin Miotke, vor der Saison wie Odzakovic aus der dritten Mannschaft des HSV gekommen, trat an und verwandelte das Geschenk sicher zum 1:0 (49.).
Durch das Tor hatte Bergedorf 85 nun Oberwasser. Die Entscheidungen von Susann Kunkel halfen jedoch dabei, Delmenhorst zu demoralisieren, denn in der Folgezeit gab es mehrere mindestens strittige Pfiffe, über die sich die Delmenhorsterinnen lautstark echauffierten und Konzentration einbüßten. Ein Beispiel war die 57. Minute. Schimmel schickte Wolf auf die Reise. Die junge Stürmerin lief frei auf Schulenberg zu, während die Violetten erfolglos Abseits reklamierten. Zumindest Yvonne Hügen war zurück gerannt und rettete zur Ecke, als Wolf zur einschussbereiten Maria Albrecht quer schieben wollte. Das anschließende Motzen Hügens in Richtung Kunkel brachte ihr eine Gelbe Karte ein. Eine Minute später verlängerte Walters einen Bergedorfer Freistoß von Odzakovic nach hinten und sorgte für Gefahr vor dem eigenen Kasten. Doch Albrecht köpfte rechts vorbei. Weiter ging es vornehmlich in eine Richtung. Erneut gab es Freistoß für Bergedorf. Albrecht verlängerte bedrängt mit der Fußspitze die Hereingabe von Exposito, für Schulenberg war es keine echte Prüfung (64.).
In der 65. Minute gingen die Blicke ausnahmsweise mal auf die Gegenseite. Jahn Delmenhorst schien sich etwas zu beruhigen und erspielte sich ebenfalls aus einer Standardsituation eine gute Tormöglichkeit. Hügen flankte einen Freistoß aus 40 Metern in den Strafraum. Walters löste sich von ihrer Bewacherin und verlängerte das Leder mit der Fußspitze Richtung Tor. Hadrous war in die richtige Ecke unterwegs und sicherte sich den Ball (65.). Doch die nächste Szene machte die Jahn-Hoffnungen wieder zunichte, und wieder ging eine mindestens umstrittene Entscheidung über die Spielrichtung voraus. Aus ähnlicher Position wie zuvor Hügen versuchte es Schimmel mit einem direkten Schuss aufs Tor. Der Ball wurde lang und länger, Schulenberg versuchte ihn mit einer Flugeinlage zu erreichen, doch er klatschte an die Latte und kam vor den Füßen von Albrecht wieder herunter. Die Torhüterin war geschlagen, und Albrecht staubte aus zwei Metern zum 2:0 ab (66.). Nach dem Spielverlauf war es verdient, aber im Zustandekommen...
Die Partie war damit vorentschieden. Doch Bergedorf verpasste es, den Sack endgültig zuzumachen. Schimmel spielte Albrecht an und die bedrängt weiter. Miotke lief frei auf Schulenberg zu - und schob das Leder kläglich am kurzen Eck vorbei (69.). Die Moral der Niedersachsen war gebrochen. Nach Rückpass von Rathmann schoss Schulenberg das Spielgerät in die Füße der nach einer Stunde für Wolf eingewechselten Cindy Pohlmann. Die gab weiter zu Albrecht, deren Schuss aus 23 Metern klar rechts vorbei ging. Drei Minuten darauf spielte Odzakovic einen Heber nach vorn auf Albrecht. Im 1-gegen-1 mit Schulenburg entschied sie sich zu einem Querpass, den Pohlmann versenkte - aber Kunkel verweigerte dem Treffer die Anerkennung. Abseits sollte es von Pohlmann gewesen sein, was nun Mato Mitrovic auf die Palme brachte (76.). Zurecht, wie der Bildbeweis zeigt - Pohlmann stand beim Abspiel noch gute drei, vier Meter hinter Albrecht. Anders als die beiden Pfiffe zuvor gegen Jahn Delmenhorst war dieser gegen Bergedorf 85 jedoch nicht spielentscheidend.
Bergedorf verlegte sich wieder aufs Kontern und ließ Delmenhorst kombinieren, aber gefährlich wurden die Gäste kaum. Ihnen fehlte die Durchschlagskraft. Immerhin versuchten sie, Druck auszuüben. Nach Doppelpass mit Mirbach kam Walters nach 79 Minuten in aussichtsreicher Position zum Abschluss, schoss aus 12 Metern hoch links vorbei. Auf der Gegenseite zielte Üstün aus 24 Metern vorbei (82.). Der TV Jahn versuchte es dann mit einem Flachschuss der nach vorn beorderten Wimberg, für die Mirbach aufgelegt hatte - Hadrous hielt ohne Schwierigkeiten. Die gesammelten Merkwürdigkeiten des Schiedsrichtertrios erreichten in der 87. Minute eine weitere Stufe, als die Assistentin bei einem Konter auf einen Pass von Odzakovic Richtung Albrecht die Fahne hob und von der Schiedsrichterin überstimmt wurde. Die Stürmerin legte den Ball an der Keeperin vorbei und schob ihn aus spitzem Winkel aufs Tor - Hügen rettete zur Ecke und war weise genug zu schweigen, um keinen überflüssigen Platzverweis zu kassieren. Das Spiel war ohnehin entschieden. In der Nachspielzeit brachte Pohlmann eine Ecke herein, Schimmel zog volley ab, aber Catharina Cordes konnte blocken. Den Nachschuss aus dem Hintergrund ballerte Odzakovic drüber.
Fazit:
Das Ergebnis ging insgesamt in Ordnung, vor allem angesichts eines Chancenverhältnisses von 17:7 zugunsten der Hamburgerinnen. Optisch waren die Gastgeberinnen noch deutlicher überlegen. Andererseits zeigte die Partie auch schonungslos auf, warum Bergedorf 85 eben nur Zweiter in der Tabelle war und gemeinsam mit Delmenhorst bei 22 Toren nur die viertbeste Offensive stellte: Die Chancenauslassung war eklatant. Dafür, und auch das sah man an diesem Tag, besaßen sie auch mit nur neun Gegentoren die beste Abwehr der Liga. Zwei der Tore kassierten sie bei einer der beiden Saisonniederlagen gegen HSV II., der mit einem 2:0 bei Aufsteiger SF Wüsting-Altmoorhausen am Nachmittag wieder die Spitze übernahm und mit einem Punkt Vorsprung Herbstmeister wurde. Der Bergedorfer Sieg allerdings hatte angesichts der seltsamen Leistung von Schiedsrichterin Susann Kunkel, ehemals selbst in Diensten des SV Lurup in der Regionalliga spielend und nun für den FFC Oldesloe pfeifend, deren Niveausenkung nach dem ersten Spielabschnitt überhaupt nicht zu erwarten war, einen faden Beigeschmack.
Stenogramm:
FC Bergedorf 85:
Jasmin Hadrous - Amely Jaekel, Finn Müller, Katja Abrotat, Sibel Exposito, Nurdan Üstün (82. Lysianne Poleska), Carolin Schimmel, Kathrin Miotke, Nadine Odzakovic, Jasmin Wolf (61. Cindy Pohlmann), Maria Albrecht
TV Jahn Delmenhorst:
Uta Schulenberg - Catharina Cordes, Simone Wimberg, Nadine Poppen, Yvonne Hügen, Jana Dasenbrock (75. Tugba Kanli), Leslie Redecker (81. Hanna Saliba), Anna Mirbach, Neele Detken, Sinah Rathmann, Lena Walters
Tore:
1:0 Miotke (49., FE)
2:0 Albrecht (66.)
Gelbe Karten:
- / Wimberg, Hügen
Schiedsrichterin:
Susann Kunkel (Bad Oldesloe) mit Antje-Katrin Willert (Timmendorfer Strand) und Hanna Koeck (Hassendorf)
Zuschauer:
60
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