Uefa-Cup Halbfinale, Rückspiel

Finaltraum trotz skandalöser Umstände erfüllt

Montpellier HSC - 1. FFC Frankfurt 2:3 (1:2)

Text und Bilder von Martin Kochem

28.11.2005    5 Tore, 2 Elfmeter, 1 gelb-rote sowie eine rote Karte, garniert mit einer 15-minütigen Spielunterbrechung – dieses Halbfinalrückspiel hatte wahrlich einiges zu bieten und sorgte auch noch Stunden nach dem Abpfiff für ausreichend Gesprächs- und Diskussionsbedarf. Leider stand dabei weniger der sportliche Aspekt im Vordergrund, wäre es doch fast zu einem im Frauenfußball bislang unvorstellbaren Eklat gekommen – doch der Reihe nach:

Sichtlich angefressen von der unglücklichen Niederlage aus dem Hinspiel legte der FFC im "Stade Joseph Blanc" zu Villeneuve-les-Maguelone los wie die Feuerwehr. Nachdem ein Lingor-Freistoß nur knapp am Winkel vorbeigestreift war (3.) sowie Torfrau Celine Deville deren Drehschuss gerade noch so um den Pfosten lenken konnte (6.), war es nach 10 Minuten endlich soweit. Nach schöner Kombination über Renate Lingor landete die Kugel bei Sandra Smisek, welche die etwas zu weit

Pia Wunderlich und Sidney Biton

Anstifter der Unsportlichkeit: MHSC-Manager Sidney Biton (rechts) - Pia Wunderlich (links) kann's nicht glauben....

vor dem Tor stehende Deville quasi aus dem Stand heraus mit einem gefühlvollen Heber unter die Latte zur erhofft frühen Gästeführung überwinden konnte. Doch nur sechs Minuten später wurde der FFC wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, als ein Eckball von Hinspiel-Torschützin Ludivine Diguelman unter gnädiger Mithilfe der sich beim Abwehrversuch gegenseitig behindernden Katrin Kliehm und Marleen Wissink plötzlich im Netz zappelte - 1:1.

Beflügelt durch dieses Tor setzten die wie bereits im Hinspiel wenig zimperlich zu Werke gehenden Französinnen nach. Fast jede Flanke bzw. Hereingabe sorgte nun in der umformierten FFC-Abwehr (Nia Künzer hatte den Vorzug vor Tina Wunderlich erhalten und Louise Hansen musste aus taktischen Gründen für Saskia Bartusiak weichen) für ein heikles Durcheinander. Nachdem wiederum Diguelman nur die Latte getroffen hatte (25.), konnte Wissink ihren Fehler beim Gegentor wieder gut machen, als diese einen von Nationalspielerin Hoda Lattaf hart geschossen Ball entschärfen konnte.

Spielerinnen Montpellier HSC

Da standen sie und verweigerten auf Geheiß von Manager und Trainer für 20 Minuten das Weiterspielen: Die Spielerinnen von Montpellier HSC um Kapitänin Emmanuelle Podence (Nr. 13)

Nach 37 Minuten setzte sich die kämpferisch vorbildliche Birgit Prinz bei einem Konterangriff auf der linken Seite durch, bediente mustergültig die mitgelaufene Lingor, welche sodann keine Mühe mehr hatte, die Kugel locker zur 2:1-Pausenführung über die Linie zu drücken. Als die im Vergleich zum Hinspiel nicht wieder zu erkennende Smisek nach einer Ecke von Prinz sowie Kopfballablage von Künzer mit einem Drehschuss zum 3:1 (50.) getroffen hatte sowie Lattaf mit einem von Judith Affeld an Elodie Ramos verschuldeten Foulelfmeter kläglich an Wissink gescheitert war (58.), schien bereits eine Art Vorentscheidung zu Gunsten des Deutschen Meisters gefallen zu sein.

Nachdem erneut Smisek mit einem Kopfball an den Pfosten (62.) sowie einem Heber (65.) den endgültigen K.O. der Französinnen


Tor Sandra Smisek

Das vorentscheidende 3:1 erzielte die zweifache Torschützin Sandra Smisek mit diesem Drehschuss in der 50. Minute. Céline Rigal (Nummer 3) kann nicht mehr eingreifen

verpasst hatte, überschlugen sich nach 70 Minuten die Ereignisse. Was war passiert? Die bereits mit gelb vorbelastete Virginie Faisandier stieg im Luftzweikampf mit Wissink zu hart gegen diese ein, woraufhin die am Boden liegende niederländische Rekordnationalspielerin mit einer reflexartigen Bewegung antwortete. Die bis zu diesem Zeitpunkt durchaus ordentlich leitende Schiedsrichterin Gyöngyi Gaal entschied völlig zurecht auf Freistoß für Frankfurt, schickte sodann die Französin mit gelb-rot vom Platz und wertete Wissinks Attacke als Tätlichkeit, woraufhin auch diese vorzeitig die Kabine aufsuchen durfte.

Christelle Laboureyas, Birgit Prinz, Nia Künzer

Auch die 4. Offizielle der UEFA (rechts), die Französin Christelle Laboureyas, konnte nichts zur Entschärfung der Situation beitragen. Links Birgit Prinz und Nia Künzer, die mit dem Ball auf die Fortsetzung des Spiels wartet

Nach dieser sicherlich vertretbaren Entscheidung verließen die Gastgeberinnen auf Anraten ihres Managers Sidney Biton plötzlich allesamt geschlossen das Spielfeld. Mit diesem Verhalten wollten die Französinnen offensichtlich ihrer (natürlich fehlerhaften) Auffassung Nachdruck verleihen, die Unparteiische hätte aufgrund der im Strafraum begangenen Tätlichkeit Wissinks erneut auf den Punkt zeigen müssen. Da das Spiel jedoch bereits durch einen Pfiff (nämlich nach dem mit gelb-rot geahndeten Foul von Faisandier an Wissink) unterbrochen war und die Tätlichkeit Wissinks erst nach dieser Unterbrechung erfolgte, ließ Schiedsrichterin Gaal das Spiel korrekterweise mit Freistoß für Frankfurt fortsetzen. Die mangels Gegenspielerin sodann alleine auf das leere Gehäuse zulaufende Garefrekes knallte die Kugel humorlos zum 1:4 ins Netz.

Patrice Lair

Montpelliers Coach Patrice Lair

Nun ging die Diskussion in der aufgeheizten Atmosphäre jedoch erst richtig los, indem sich Offizielle, Verantwortliche, Journalisten sowie das Schiedsrichtergespann die Köpfe heiß redeten. Nach anschließender 20-minütiger (!) Unterbrechung nahm die nunmehr völlig verunsicherte Schiedsrichterin das zunächst gegebene Tor aus unerklärlichen Gründen wieder zurück und Montpellier entschloss sich letztendlich auf Anraten ihres Trainers Patrice Lair zum Weiterspielen.


Die letzten 18 Minuten hatten dann mit modernem Frauenfußball zwar recht wenig zu tun, jedoch wurde es noch einmal unnötig spannend, als Diguelman den zweiten Elfmeter des Tages (Künzer hatte Elodie Thomis zu Fall gebracht) zum 2:3-Anschlusstreffer versenken konnte (82.). Mehr ließ der erstaunlich ruhig und besonnen reagierende FFC jedoch nicht mehr zu und durfte nach dem erlösenden Schlusspfiff zu Recht über die insgesamt dritte Women’s Cup-Finalteilnahme jubeln.

Tumultartige Szenen à la Türkei - Schweiz rundeten das peinliche und schäbige Verhalten der heißblütigen Südfranzösinnen ab, indem zahlreiche Gegenstände auf das Spielfeld geworfen wurden und FFC-Coach Tritschoks beim Versuch, seine Spielerin Lingor von der offensichtlich durchdrehenden bzw. wild um sich schlagenden Nationalspielerin Lattaf zu beschützen, von dieser ins Gesicht bespuckt wurde.

Nun dürfte die UEFA gefordert sein, entsprechende Maßnahmen in die Wege zu leiten, damit dies ein in der Geschichte des Frauenfußballs einmaliger Vorgang bleibt...

Birgit Prinz

Saskia Bartusiak, Steffi Jones, Judith Affeld und Katrin Kliehm (v.l.n.r.) warten auf die Fortsetzung des Spiels und beobachten die Diskussionen - da war guter Rat teuer...

Montpellier HSC:

Deville - Lizzano (54. Ramos), Rigal, Lepailleur, Podence - Calvie (87. Oumeur), Soyer, Faisandier, Diguelman - Lattaf (69. Lacaze), Thomis

1. FFC Frankfurt:

Wissink - Künzer, Jones, Kliehm, Affeld - Bartusiak (87. T. Wunderlich), P. Wunderlich (90. Weber), Garefrekes, Lingor - Smisek (74. Holl), Prinz

Tore:
0:1 Smisek (10.)
1:1 Diguelman (16.)
1:2 Lingor (37.)
1:3 Smisek (50.)
2:3 Diguelman (82./FE)

Gelbe Karten: Rigal, Thomis - Garefrekes, Künzer

Gelb-rote Karte: Faisandier (70.)

Rote Karte: Wissink (70.)

Schiedsrichterin: Gyöngyi Gaal (Ungarn)

Besondere Vorkommnisse:
Wissink hält Foulelfmeter von Lattaf (59.)
Spielunterbrechung für ca. 20 Minuten (71.)

Zuschauer: 1.500


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