Uefa-Cup Halbfinale, Hinspiel

Montpellier mit viermal Gelb Sieger gegen Frankfurt

1.FFC Frankfurt - Montpellier HSC 0:1 (0:0)

Text von Tom Schlimme

20.11.2005    Montpellier kam als Außenseiter nach Frankfurt und fuhr als Favorit für das Erreichen des Endspiels wieder nach Hause. Noch nie zuvor war der Verein überhaupt ins Halbfinale des Uefa-Cups gekommen, noch im Vorjahr waren sie früh ausgeschieden. Nun konnten die Französinnen im Hinspiel des Halbfinales mit dem 1.FFC Frankfurt einen der Top-Vereine Europas zu Hause besiegen, der als einziger Verein bisher viermal das Uefa-Cup-Halbfinale erreichen konnte. Damit hat sich Montpellier eine hervorragende Basis für das Rückspiel am kommenden Samstag geschaffen.

Die Französinnen waren dabei in allen Belangen überlegen. Sie foulten wesentlich häufiger, sie foulten härter, sie kassierten mehr gelbe Karten als die Frankfurterinnen, sie benutzten auch mal die Fäuste, um der Gegenspielerin den Ball vor dem Kopf wegzufausten und sie machten das auch noch so geschickt, dass die völlig überforderte Schiedsrichterin dies nicht ahndete. Aber sie rannten auch mehr, sie hatten in Elodie Thomis die schnellste und beste Spielerin an diesem Tage auf dem Platz, und sie waren taktisch hervorragend auf das Spiel eingestellt.

Pia Wunderlich und Elodie Thomis

Elodie Thomis (rechts), hier gegen Pia Wunderlich, war die Spielerin des Spiels. Schnell und mit feinster Technik ausgestattet, war sie wenn überhaupt meist nur von mehreren Frankfurter Abwehrspielerinnen zu bremsen.

Bild: Nora Kruse

Dabei begann es gut für Frankfurt: Bereits nach 40 Sekunden kommt Pia Wunderlich zu einer Flanke von links, eine Abwehrspielerin produziert eine Kerze, Torfrau Celline Deville läßt den Ball vor sich aufspringen, er springt über sie drüber, Sandra Smisek gibt direkt in den Fünfmeterraum, dort erreicht aber keine Frankfurter Spielerin den Ball. Doch dann wendete sich das Blatt schnell. 4. Minute, langer Ball auf Elodie Thomis, die bricht rechts durch, gibt vors Tor, dort nimmt Ludivine Diguelmann den Ball an, schießt aber genau auf Frankfurts Torfrau Marleen Wissink, die den harten Schuss wegfausten kann.

Entgegen den Erwartungen, dass Montpellier das Heil in der Deckung suchen würde, attackierten die Französinnen die Spielerinnen des FFC Frankfurt schon in der eigenen Hälfte durch kräftezehrendes, aber effektives Pressing, mit dem sie in Ballnähe fast immer zahlenmäßige Überlegenheit erringen konnten. Die ballführende Frankfurter Spielerin hatte jeweils größte Mühe, eine Anspielstation zu finden, was aber auch dadurch begünstigt wurde, dass das Frankfurter Spiel zu statisch aufgezogen war und sich bei Ballbesitz zu wenig Spielerinnen anboten oder freiliefen. So geriet die ganze erste halbe Stunde zu einem Mittelfeldgeplänkel, bei dem sich kein Team entscheidende Vorteile verschaffen konnte. Montpellier konzentrierte sich darauf, Frankfurt so früh wie möglich zu stören, schaffte es in dieser Phase aber auch nur selten, die schnellen Spitzen Thomis oder Hoda Lattaf in Szene zu setzen.

Birgit Prinz

Birgit Prinz schoss in der ersten Halbzeit zweimal nur knapp am Tor vorbei. Im Hintergrund Steffi Jones, mit der Nummer 3 Celine Rigal, die Prinz nicht am Schuss hindern kann

Bild: Volker Lieberum

Ab der 30. Spielminute wurde Frankfurt dann aber doch stärker, wohl weil die Kräfte der Französinnen etwas nachließen. Renate Lingor legte im Strafraum auf Birgit Prinz ab, doch deren Schuss strich knapp flach links am Tor vorbei. In der 38. Minute verfehlte dann ein Lingor-Freistoß ebenfalls nur um Zentimeter den linken oberen Winkel. Sekunde vor dem Pausenpfiff strich noch ein Freistoß von Prinz knapp am Tor


Strafraumszene

Hier faustet Montpelliers Torhüterin Celline Deville den Ball gerade noch vom Kopf von Kerstin Garefrekes weg. Mit der 13 Emmanuelle Podence, mit der 5 Laure Lepailleur, mit der 18 Hoda Lattaf, im weißen Trikot Birgit Pinz (9) und Steffi Jones (22) rechts neben der Torhüterin

Bild: Volker Lieberum

vorbei. Doch zu keinem Zeitpunkt des hochspannenden Spiels waren die Französinnen dabei ungefährlich. Thomis war fast immer nur zu bremsen, wenn zwei oder drei Frankfurter Abwehr- spielerinnen gleichzeitig dazwischen gingen, und Keeperin Wissink hatte endlich einmal Gelegenheit, ihre Klasse ein ums andere Mal zu beweisen. Richtig zwingende Chancen hatten die Französinnen vor dem Pausenpfiff aber keine.

Nach der Pause kam Frankfurt deutlich agressiver aus der Kabine. Ein Schuss von Pia Wunderlich verfehlte das Tor, der Frankfurter Druck wurde stärker. In der 49. Minute dann ein offensichtlich absichtliches Handspiel von Sonja Bompastor (im Fernsehen durch Zeitlupe klar belegt), dass auch im Stadion zu einem vielstimmigen "Hand" führte. Doch die rumänische Schiedsrichterin Floarea Ionescu übersah das Handspiel gnädig. Ansonsten hätte sie Bompastor vom Platz stellen müssen, denn absichtliches Handspiel gibt gelb, und Bombastor hatte kurz vor der Pause wegen einem brutalen und völlig unnötigen Foul an Torhüterin Wissink bereits gelb gesehen.

Kerstin Garefrekes und Sonja Bompastor

Sonja Bompastor (rechts), hier gegen Kerstin Garefrekes, spielte den Ball zweimal mit der Hand, nachdem sie vorher schon gelb wegen einem rüden Foul an Torfrau Marleen Wissink gesehen hatte

Bild: Nora Kruse

Statt des Platzverweises kippte aber das Spiel in der nächsten Minute: Thomis setzte sich rechts wieder einmal durch, flankte nach innen und Diguelman ließ Wissink aus kurzer Distanz keine Chance. Katrin Kliehm, die ansonsten eine sehr gute Leistung zeigte, war hier einen kurzen Moment nicht entschlossen genug gegen Diguelman, Tina Wunderlich, die ebenfalls gut spielte und Thomis noch einige Male den Ball gut abnehmen konnte, nicht schnell genug, Judith Affeld sah in dieser Szene auch nicht sehr gut aus, und schon war es passiert.

Schiedsrichterin Floarea Inonescu

Lag mit einigen Entscheidungen krass daneben: Schiedsrichterin Floarea Inonescu

Bild: Volker Lieberum

Frankfurt kämpfte nun, Montpellier foulte. Es gab gelb gegen Emmanuelle Podence, gegen Camille Abilly und gegen Diguelmann. Doch die Schiedsrichterin Ionescu war scheinbar entschlossen, niemanden vom Platz zu stellen, denn jede Spielerin, die bereits gelb gesehen hatte, war damit vor weiteren Verwarnungen geschützt und konnte munter weiter foulen. So übersah Ionescu noch ein zweites Handspiel der bereits in der ersten Halbzeit gelbverwarnten Bompastor, die den Ball vor ihren Augen vor dem Kopf von Pia Wunderlich wegfaustete, eine Szene, die im Fernsehen ebenfalls klar zu belegen ist, aber auch im Stadion ohne Mühe auszumachen war. Am verheerendsten für das Frankfurter Spiel war aber, dass die vor Fouls nicht geschützte Prinz sich zeitweise mehr liegend auf dem Platz als laufend oder stehend wiederfand. Dazu kam


dann noch eine krasse Abseitsfehlentscheidung gegen Renate Lingor, die eine sehr gute Möglichkeit zunichte machte. Die einzige gelbe Karte gegen Frankfurt stammt übrigens aus der 20. Minute, als Pia Wunderlich wegen Trikotzupfens gelb sah. Hätte Inonescu diesen Maßstab durchgehalten, wäre die komplette französische Mannschaft vorzeitig duschen gegangen. Selten habe ich eine Schiedsrichterin so einseitig pfeifen gesehen. Der Kommentator im Fernsehen: "Das sind ja 50:50 Entscheidungen. Jede zweite ist falsch!"

Frankfurt hatte noch einige Chancen, richtig hundert- prozentige waren aber nicht dabei, und das Schussglück war an diesem Tag auch nicht gerade auf Frankfurter Seite. Ich möchte die Niederlage aber keinesfalls nur auf die Leistung der Schiedsrichterin oder auf Schusspech schieben. Die Spielerinnen des FFC Frankfurt können mehr, als sie heute gezeigt haben. Wenn es gelingt, im Rückspiel am Samstag in Montpellier von Beginn an mit voller kämpferischer und läuferischer Leistung dagegen zu halten, dann besteht auch eine Chance, doch noch das ersehnte Finale zu erreichen.

Birgit Prinz

Wenn Birgit Prinz sich im Rückspiel in Montpellier durchsetzen kann, hat Frankfurt gute Chancen, dort die fürs Weiterkommen nötigen zwei Tore zu schießen. Hier trifft Camille Abily, am Boden, allerdings nur die Beine von Prinz, der Ball ist weit weg

Bild: Nora Kruse

Frankfurts Trainer Dr. Hans-Jürgen Tritschoks erklärte dann auch, sein Team habe jetzt nichts mehr zu verlieren und könne frei aufspielen. Demgegenüber schätzte sein französischer Kollege Patrice Lair die Chancen seines Teams im Rückspiel auf "fifty-fifty" ein und bereitet sich schon mal auf ein sehr schweres Match vor.

Immerhin kann man aber festhalten, dass es mit der vor kurzem noch in den Medien beklagten langweiligen Über- legenheit des deutschen Frauenfußballs nicht weit her ist. Schirileistung hin oder her, Montpellier hat gezeigt, dass man in Frankreich auch im Vereins- fußball zur europäischen Spitze aufgeschlossen hat, genau wie Stockholm in Potsdam gezeigt hat, dass die schwedischen Vereine ebenfalls weiterhin dazu gehören. Auch wenn es uns Fans natürlich weh tut, für den Frauenfußball insgesamt ist es gut, dass jetzt alle Welt sieht, wie spannend und anspruchsvoll dieser europäische Wettbewerb immer noch ist.

1.FFC Frankfurt:

Wissink - Jones, T.Wunderlich, Kliehm, Affeld, Hansen (67.Bartusiak), Wunderlich, Garefrekes, Lingor, Prinz, Smisek(79. Künzer)

Montpellier HSC:

Deville - Rigal, Lepailleur, Bompastor, Faisandier (59. Calvie), Diguelmann (87. Ramos), Podence, Thomis, Lattaf, Soyer, Abily

Tore:
0:1 Diguelman (50.)

Gelbe Karten: P. Wunderlich / Bompastor, Diguelman, Podence, Abily

Schiedsrichterin: Floarea Ionescu, Rumänien

Zuschauer: 4.300


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