Von Katja Öhlschläger
16.10.2005
Gestern kam es im Frankfurter „Stadion am Brentanobad“ zum mit großer Spannung erwarteten Viertelfinal-Rückspiel im UEFA-Cup zwischen dem 1. FFC Frankfurt und den Gästen von Arsenal London. Nach dem umkämpften 1:1 im Hinspiel war ein offener Schlagabtausch zu erwarten. Dazu kam es – darüber hinaus zu einem hervorragenden Fußballspiel mit vielen Torszenen, zwei leidenschaftlich kämpfenden Teams und allerhand technischen Kabinettstückchen.
Die Ausgangssituation war klar: Ein 0:0 würde dem FFC Frankfurt reichen, doch darauf konnte man sich nicht verlassen – „wir können auch gar nicht auf Halten spielen“, so FFC-Trainer Hans-Jürgen Tritschoks vor dem Spiel. Und da Arsenal im Hinspiel ein Gegentor zugelassen hatte, mussten auch sie auf ein eigenes Tor bedacht sein. Manchmal kann eine solche Ausgangsposition lähmen, weil kein Team den ersten Gegentreffer kassieren möchte – doch gestern ging es von der ersten Minute ab.
 Die Neue und die Ex: Bundestrainerin Silvia Neid (l.) und ihre Vorgängerin Tina Theune-Meyer Foto: Volker Lieberum
Die ersten Gelegenheiten hatte die Heimmannschaft, die auf die in dieser Woche am Meniskus operierte Nia Künzer und die nach einer Zerrung noch nicht für 90 Minuten einsatzfähige Sarah Günther verzichten musste.
Das Schöne an diesem Spiel war zweifelsohne, dass fast keine Chance durch Zufall oder planlose weite Pässe zustande kam, sondern den meisten Gelegenheiten sehr schöne Kombinationen und Vorlagen vorausgingen. So auch bei der ersten Großchance des FFC – Pia Wunderlich, noch hinter der Mittellinie stehend, sah, wie sich Kerstin Garefrekes auf der linken Seite freilief und spielte ihr den Ball mit einem mustergültigen Diagonalpass direkt in den Lauf. Garefrekes nahm den Ball bis zur Torlinie mit, passte quer vor das Tor zu Smisek, aber diese verfehlte das Leder knapp.
 "Jaaa" - Ausgleich durch Elfmeter von Renate Lingor Foto: Volker Lieberum
In der 11. Minute resultierte dann aus der ersten Londoner Chance gleich das 1:0 – eine kalte Dusche für die zahlreich ins Stadion gekommenen FFC-Fans und die Aktiven aus der Mainmetropole. Arsenals Mittelfeldregisseurin Kelly Smith legte der 50-fachen irischen Nationalspielerin Ciara Grant auf, diese zog direkt ab und Frankfurts Torfrau Marleen Wissink rutschte der Ball unglücklich unter den Händen durch – ein klarer Torwartfehler, der allerdings ihr einziger Fehler an diesem Tag bleiben sollte. Frankfurt befand sich nun für einige Minuten sichtbar in einem Schockzustand, besonders die Abwehr zeigte beim Stellungsspiel mitunter beängstigende Schwächen – ein Mannschaftsteil, der die ein oder andere Verstärkung noch nötig hätte. Beinahe hätte es denn drei Minuten nach dem Führungstreffer zum zweiten Mal im Frankfurter Gehäuse gescheppert, doch diesmal war Wissink auf der Höhe und parierte prächtig gegen die heranstürmende Rachel McArthur.
 War gestern im wahrsten Sinne des Wortes eine Überfliegerin: Kerstin Garefrekes - hier überspringt sie Mary Philip Foto: Jochen Ditschler
Etwa eine Viertelstunde war gespielt, da hatte der FFC den Schrecken abgeschüttelt und kämpfte und spielte sich zurück ins Spiel. Entschlossen nahmen die Spielerinnen von Trainer Tritschoks die Zweikämpfe im Mittelfeld an und eroberten sich so viele Bälle. So folgten in kurzer Folge mehrere Eckbälle nacheinander. In der 14. Minute trat Renate Lingor einen, der Spielführerin Pia Wunderlich erreichte, aber ihr Schuss ging nur ans Außennetz. Frankfurt drückte nun auf den Ausgleich. In der 17. Minute gelang es Lingor zum ersten Male, zahlreiche ähnliche Bälle sollten noch folgen, das Spiel mit einem weiten Pass zu öffnen und ihre Mitspielerinnen in aussichtsreiche Situationen zu bringen. Diesmal war die Empfängerin Weltfußballerin Birgit Prinz, die aufs kurze Ecke abzog, doch Arsenal-Keeperin Emma Byrne konnte den Ball im Nachfassen sichern. Der zweite Pass dieser Art erreichte Kerstin Garefrekes – diese drang in den Strafraum ein, machte Bekanntschaft mit der „anhänglichen“ Rachel McArthur, die sich von Garefrekes’ Ärmel augenscheinlich nicht mehr trennen mochte – klare Entscheidung, Elfmeter. Lingor schritt zur Tat und wuchtete den Ball entschlossen mit viel Effet ins linke Eck. Byrne hatte die Ecke geahnt, erreichte den platziert geschossenen Ball aber nicht mehr.
Das Tor schien wie eine Erlösung, denn jetzt legte der FFC auch spielerisch noch mal eine Schippe drauf. Die Heimmannschaft hatte das Spiel jetzt im Griff und kam in der 23. Minute zur nächsten guten Gelegenheit. Pia Wunderlich bediente Lingor im Strafraum, diese versuchte aus halbrechter Position einen Schlenzer ins linke obere Eck, aber der Ball strich knapp über das Torgehäuse. Sieben Minuten später die nächste flotte Kombination – Smisek zu Garefrekes, diese gibt weiter in die Mitte, aber sowohl Wunderlich als auch Prinz verpassen. Judith Affeld, die sich trotz großer Beschäftigung in der Abwehr mehrfach engagiert ins Offensivspiel einschaltete, versuchte sich im Nachschuss, doch diesmal hatte Byrne den Ball sofort sicher.
 Hier entsteht das 3:1 - Byrne kann Lingors Ball nur abblocken, die lauernde Smisek (l.) staubt ab Foto: Volker Lieberum
Das Angriffsspiel des FFC konnte sich nun entfalten und wurde nur selten unterbrochen. Sicher auch ein Verdienst der schwedischen Schiedsrichterin Eva Oedlund, die erste härtere Attacken der Londonerinnen, über die es nach dem Hinspiel
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Nach dem Abpfiff: Jubel allenthalben Fotos: Jochen Ditschler
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großen Ärger gab, sofort unterband. Ohne Foul kam es dann jedoch in der 33. Minute zu einer schmerzhaften Szene – Steffi Jones und Jayne Ludlow krachten im Strafraum bei einem Kopfballduell so heftig zusammen, dass die Spielerin der Gäste nicht zurück ins Spiel kommen konnte – Jones konnte nach kurzer Behandlungspause weiterspielen.
 Der Hessische Rundfunk war live dabei - hier Nia Künzer und DFB-Präsident Theo Zwanziger im Interview Foto: Volker Lieberum
Kurz vor der Pause gestaltete sich die Partie wieder etwas ausgeglichener – in der 38. Minute konnte London wieder eine gute Chance für sich verbuchen. Kelly Smith zog aus gut 20 Metern ab, aber Wissink konnte den Ball zur Ecke klären. Chancenlos war ihr Pendant auf Arsenal-Seite, Emma Byrne, dann in der 43. Minute gegen den Weitschuss von Garefrekes aus 20 Metern Entfernung. Prinz hatte sie bedient, Garefrekes legte sich den Ball auf den linken Fuß und schloss ohne Zögern sofort ab – unhaltbar landete der Ball im linken oberen Eck und schlug direkt unter der Latte ein. Zweifelsohne ein Tor Marke „Tor des Monats“. Diesmal war es also der FFC gewesen, der kurz vor dem Pausenpfiff ins Schwarze treffen konnte – „ganz wichtig“, wie Tritschoks nach dem Spiel analysierte. London versuchte dies umgehend zu egalisieren, doch mit vereinten Kräften konnten die Frankfurterinnen das 2:1 in die Pause nehmen. Eine erste Halbzeit, die es in sich hatte, und die auch spielerisch kaum Wünsche offen ließ. Der FFC hatte mehr Spielanteile, besonders Garefrekes und Lingor waren an nahezu jeder Offensivaktion beteiligt.
 Torschützinnen unter sich: Sandra Smisek (l.) und Ciara GrantFoto: Volker Lieberum
Alle erwarteten nun, dass London darauf aus sein würde, möglichst schnell den Ausgleich zu erzielen. Doch London fand sich sofort in der Defensive wieder – entweder wurden die ersten Minuten von Londoner Seite aus verschlafen, wie auch Trainer Fred Donnelly nach dem Spiel befand, oder aber der FFC ließ mehr einfach nicht zu. Jedenfalls bauten die Gastgeber nun enormen Druck auf und kamen zu Großchancen im Minutentakt. Der gehaltene Fernschuss von Pia Wunderlich in der 49. Minute war noch harmlos gegen die Großchance der nächsten Minute – Smisek hatte sich den Ball im Mittelfeld erkämpft und Pia Wunderlich geschickt, die den Ball gerade noch erlief. Diese passte vors Tor zu Prinz, die Weltfußballerin machte alles richtig, indem sie direkt abschloss – doch der Pfosten wehrte sich noch gegen das 3:1, das nun in der Luft lag. Eine Minute später leitete Lingor einen Pass von Pia Wunderlich mit der Hacke über die Gegenspielerin hinweg zu Affeld in den Strafraum, Byrne konnte ihren Schuss noch abblocken, der Ball fiel der perplexen Prinz direkt vor die Füße, doch sie war zu überrascht, um richtig zu zielen, sodass der Ball aus zwei Metern Torentfernung noch über die Latte ging.
Das nach diesem Druck fällige 3:1 gelang dann der in der zweiten Halbzeit immer stärker werdenden Sandra Smisek. Die offensiv sehr bemühte Affeld passte in den Strafraum zu Garefrekes, die mit dem Kopf auf Lingor weiterleitete. Gegen zwei Gegenspielerinnen setzte sie sich auf engstem Raum durch, Byrne blockte ab, acht Beine stocherten nun um den Ball – das linke von Smisek gewann den Wettbewerb und beförderte den Ball durch die Lücke hinein in die Maschen – 3:1, der Jubel war dementsprechend groß. Doch er war kaum verhallt, da wäre Arsenal beinahe der Ausgleichstreffer gelungen. Alex Scott flankte von der rechten Seite auf den Kopf der Torschützin Grant, aber der wuchtige Kopfball ging über das Tor.
 Arsenals Spielführerin Faye White musste wegen einer Knieverletzung ausscheiden und vom Platz getragen werden. FanSoccer wünscht gute Genesung!Foto: Volker Lieberum
Auch nach dem 3:1 fehlte noch das allerletzte Aufbäumen der Gäste, deren Spielmacherin Kelly Smith dem Spiel nicht die notwendigen Akzente geben konnte. Erst 25 Minuten vor Schluss drehten die Engländerinnen auf und erarbeiteten sich mehr Spielanteile – echte Torchancen
 Nachwuchstalent Susanne Hartel kam in den Schlussminuten zum Einsatz - hier im Zweikampf mit Anita AsanteFoto: Jochen Ditschler
ergaben sich daraus allerdings nicht. Auch, weil die Frankfurter Abwehr sich nun gefunden hatte, früher angriff und die Flügel nicht mehr so anfällig waren. Frankfurt fuhr nun schnelle Konter, so auch in der 72. Minute – Smisek legte Prinz den Ball im Strafraum vor, aber Byrne konnte deren Direktabnahme ins kurze Eck zur Ecke klären. Eine ähnliche Situation ergab sich wenig später auf der anderen Seite – einen Doppelpass zwischen der eingewechselten Saskia Bartusiak
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und Birgit Prinz schloss der Neuzugang vom FSV Frankfurt mit einem Schuss ins kurze Eck ab, der Ball landete aber im Außennetz. In dieser Szene verletzte sich die Spielführerin der Gäste – ebenfalls Spielführerin der englischen Nationalmannschaft -, Faye White, als sie Prinz’ Flanke abblocken wollte. Mit einer Knieverletzung musste sie ausgewechselt werden.
Die letzten Spielminuten brachten dann noch mal Chancen auf beiden Seiten mit sich. In der 84. Minute flankte Bartusiak in den Strafraum zu Lingor, doch diese verpasste den Kopfball knapp. Auch an der letzten großen Frankfurter Torgelegenheit war die überall zu findende Lingor maßgeblich beteiligt – nach einem Doppelpass mit der ebenfalls überragenden Garefrekes legte sie den Ball rechts an ihrer Gegenspielerin vorbei, ging selber links vorbei und fand erst in Torfrau Emmy Byrne, die zur Ecke abwehren konnte, ihre Meisterin.
 Ausgelassene Stimmung nach dem Spiel bei Katrin Kliehm (l.) und Sandra SmisekFoto: Peter Henkel
Vier Minuten Nachspielzeit wurden angezeigt und die hätten noch mal verdammt spannend werden können, nachdem Oedlund den Londonerinnen in der 92. Minute einen aus meiner Sicht unberechtigten Elfmeter zusprach. Smith fiel im Strafraum, obwohl keine Berührung von der neben ihr stehenden Tina Wunderlich erkennbar war. Wie dem auch sei, es gab Strafstoß. Die bereits erfolgreiche Grant lief an, scheiterte jedoch an Wissink, die nach ihrem Patzer in der 11. Minute ein bärenstarker Rückhalt für ihre Mannschaft war. Damit war das Spiel „durch“, der Einzug ins Halbfinale stand fest. Dort wird der FFC Frankfurt auf HSC Montpellier treffen, die heute nach ihrem 3:0-Hinspielsieg auch bei Bröndby Kopenhagen mit 3:1 siegreich waren. Frankfurt wird am 20. November zunächst zu Hause spielen, ehe eine Woche später das Rückspiel in Frankreich ansteht.
Insgesamt ein absolut verdienter Sieg für den FFC, der sich mannschaftlich geschlossen und entschlossen präsentierte. Spielerischer Ideenreichtum und gutes Zweikampfverhalten waren die Garanten des Erfolges, den 4200 Zuschauer noch Minuten nach dem Spiel begeistert feierten.
Trainerstimmen zum Spiel:
Fred Donnelly (Arsenal London):
Zunächst herzlichen Glückwunsch an Frankfurt zu diesem verdienten Sieg. Für den weiteren Wettbewerb wünsche ich alles Gute! Wir hatten nach dem 1:0 die Chance, das 2:0 zu machen. Stattdessen haben wir Frankfurt durch einen dummen Fehler, der zum berechtigten Strafstoß geführt hat, wieder ins Spiel
 Fred DonnellyFoto: Volker Lieberum
gebracht. Das 3:1 geht so in Ordnung, denn Franfurt hatte eine überragende zweite Halbzeit mit vielen starken Szenen. Wenn sie in Ballbesitz kommen, machen sie sofort Druck - darauf ist es ganz schwer zu reagieren. Auch wir hatten noch mal einige Chancen, deshalb bin ich insgesamt stolz auf meine Spielerinnen. Die Kulisse hier war begeisternd, das war ein Erlebnis. Es war schön, hier gewesen zu sein, wo wir sehr gut versorgt wurden.
Hans-Jürgen Tritschoks (FFC Frankfurt):
Das war heute ein tolles Fußballspiel bei hervorragenden Bedingungen - wir hatten ein volles Stadion, das Fernsehen war live dabei. Beide Teams haben nach vorne gespielt, keiner hat sich hinten reingestellt, was das Spiel sehr attraktiv gemacht hat. Am Anfang war der Spielverlauf für uns etwas unglücklich, aber durch unsere kämpferische Einstellung sind wir zurück ins Spiel gekommen. Diesmal war es Kerstin Garefrekes, die einen Treffer zum psychologisch wichtigen Zeitpunkt kurz vor der Pause erzielen konnte – letzte Woche war es andersrum. Es war äußerst wichtig, dass wir nach der Pause schnell das 3:1 gemacht haben, weil London danach aufmachen musste. Daraus ergaben sich für uns einige Konterchancen, von denen wir leider keine nutzen konnten. Ich möchte keine Spielerin hervorheben, meine Spielerin haben alle eine tolle Einstellung an den Tag gelegt, alles gegeben - und das freut mich besonders. Wir stehen verdient im Halbfinale.
Aufstellungen:
1. FFC Frankfurt
Wissink - Kliehm, Jones, Tina Wunderlich, Affeld - Garefrekes, Hansen (63. Günther), Lingor, Pia Wunderlich (74. Bartusiak) - Smisek (82. Hartel), Prinz
FC Arsenal London
Byrne - Pealling (57. Davison), White (81.), Phillip, McArthur - Scott, Ludlow (37. Asante), Kelly, Grant - Sanderson, Yankey
Tore:
0:1 Grant (11.)
1:1 Lingor (20./FE)
2:1 Garefrekes (43.)
3:1 Smisek (54.)
Gelbe Karte: Daniels
Schiedsrichterin: Eva Oedlund (Schweden)
Zuschauer: 4150
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