DFB-Pokalfinale

Déjà-Vu-Spiel

1. FFC Frankfurt - 1. FFC Turbine Potsdam 0:3 (0:2)

Von Katja Öhlschläger (Text) und Jochen Ditschler (Fotos)

30.5.2005

Es war ein Pokalfinale, bei dem die Ausgangsbedingungen ein spannendes Spiel erwarten ließen. Beide Finalisten hatten bereits einen Titel eingefahren. Frankfurt den Meistertitel und Potsdam den UEFA-Cup, so dass auch beide bereits für den UEFA-Cup im kommenden Jahr qualifiziert sind. Der Sieg im Pokalfinale wäre für beide das sportliche Sahnehäubchen gewesen, während finanziell dem Erreichen dieses Finalspiels bereits entscheidende Bedeutung zukommt. Doch aus dem spannenden Spiel wurde nichts.

Das Einspielen der Teams fand vor nahezu leeren Rängen im Berliner Olympiastadion statt, lediglich die beiden Fan-Blöcke der Finalisten waren voll besetzt. Die nach hinten verlegte Anstoßzeit auf 17.30 Uhr hat in Sachen Zuschauerzuspruch nicht die erhoffte Besserung gebracht.

Auf dem Platz wurden über 50° Celsius gemessen, weswegen alle Spielerinnen von Beginn an regelmäßig zur Trinkflasche griffen. Auch die Zuschauer hatten mächtig mit der Hitze zu kämpfen. Wer, wie ich, im Frankfurter Fan-Block saß, der musste ebenso gut und gerne 40° und eine immer tiefer stehende Sonne aushalten.

Hier verletzte sich Birgit Prinz, die kurz darauf ausgewechselt werden musste. Links Inken Becher, rechts Britta Carlson

Potsdam spielte in exakt der gleichen Aufstellung wie eine Woche zuvor im UEFA-Cup-Finale. Frankfurt hatte extra für dieses Spiel die Abwehrformation umgestellt und mit Steffi Jones eine Libera hinter Tina Wunderlich, Judith Affeld und Katrin Kliehm aufgeboten, was sich im Spielverlauf nicht unbedingt als richtige Entscheidung erwies.

In den Anfangsminuten gestaltete sich das Spiel mit Chancen auf beiden Seiten sehr ausgeglichen. Anja Mittag auf Potsdamer und Renate Lingor sowie Birgit Prinz auf Frankfurter Seite vergaben hochkarätige Chancen. Potsdam wirkte jedoch schon in den Anfangsminuten spritziger, aufmerksamer und entschlossener.
In der 22. Minute dann verletzte sich Weltfußballerin Birgit Prinz in einem eigentlich harmlosen Zweikampf mit Britta Carlson. Bereits beim Spiel in Bad Neuenahr und auch im Training unter der Woche hatte sie unter eine Oberschenkelzerrung zu leiden, die in dieser Szene dann wieder aufbrach.

Inken Becher (hinter ihr Steffi Jones) zeigte heute eine überragende Leistung in der Abwehr

Es war dann die 23. Minute, als Potsdam durch Conny Pohlers zum ersten Mal zum Torerfolg kam. In Strafraumnähe kam sie an den Ball, lupfte das Leder seitlich über Katrin Kliehm hinweg und zog dann direkt mit links aufs Tor ab. Der Ball schlug im linken oberen Eck ein, Marleen Wissink im Frankfurter Tor war chancenlos.

Direkt nach dem ersten Treffer zeigte Birgit Prinz dann ihre notwendige Auswechslung an, humpelte zur Seitenlinie und machte den Weg frei für Jokerin Sandra Albertz, die noch im März mit ihren beiden Toren gegen Potsdam für die Vorentscheidung in der Meisterschaft sorgte.
Nichts Neues ist es, dass Sandra Albertz eingewechselt wird, doch erstens passiert dies zumeist später und zweitens rückt Prinz nach der Einwechslung von Albertz zumeist zurück ins Mittelfeld, spielt eine hängende Spitze und betätigt sich dann als Mittelfeldmotor. Sichtbar konnte das Fehlen dieser Schlüsselspielerin in der Folge nicht kompensiert werden, was einmal mehr beweist, dass Prinz nicht nur als Torjägerin, sondern auch als Bindeglied zwischen Mittelfeld und Angriff eine entscheidende Bedeutung im Spiel der Frankfurterinnen zukommt.

Nia Künzer war eine der wenigen, die ihr Team immer wieder antrieb. Hier enteilt sie mit einem couragierten Flügellauf Viola Odebrecht

Nach dem Gegentreffer präsentierte sich die Frankfurter Abwehr ungeordnet und geschockt. Es fehlte die Zuordnung, die Fehlpässe häuften sich und allein den Glanzparaden von Marleen Wissink war es zu verdanken, dass Potsdam nicht unmittelbar nach dem Führungstreffer nachlegen konnte. Während Frankfurt platt wirkte, die Anspielstationen nach vorne fehlten, spielte Potsdam in der Folge beflügelt weiter und


Der neue Pokalsieger: Turbine Potsdam

erarbeitete sich ein deutliches Übergewicht. So fiel das 2:0 durch Petra Wimbersky verdient, wenngleich dem Tor ein klares Foul von Jennifer Zietz - die nicht nur in dieser Szene sehr hart spielte - an Renate Lingor vorausging, weshalb es zu dieser Torszene eigentlich nicht hätte kommen dürfen. Die Frankfurterinnen befanden sich in der Vorwärtsbewegung, als Zietz Lingor mit einem Rempler den Ball abnahm und schnell den Konter einleiten konnte, den Wimbersky dann souverän abschloss. Die Empörung im Frankfurter Block war ob dieser vorentscheidenden Szene natürlich groß.

Bis zur Pause passierte dann nicht mehr viel, das Spiel plätscherte nur noch vor sich hin. Die Frankfurterinnen, die mit der Hitze offensichtlich deutlich mehr zu kämpfen hatten als Potsdam, schienen die Pause herbeizusehnen, während Potsdam nach der beruhigenden 2:0-Führung einen Gang zurückschalten konnte.

Nach dem Seitenwechsel präsentierte sich Frankfurt entschlossener und kam zu mehreren Chancen durch Garefrekes, Albertz und Wunderlich, doch es fehlte die letzte Entschlossenheit und Durchschlagskraft. Die Einwechslung von Meike Weber brachte dann noch einmal frischen Wind ins Spiel, doch insgesamt war der Unterschied bezüglich Spritzigkeit und Entschlossenheit zu eklatant, so dass die Frankfurterinnen dem Spiel keine Wende mehr geben konnten. Das 3:0 für Potsdam nach einem schön herausgespielten Angriff über Pohlers und Cristiane durch Anja Mittag war die logische und verdiente Folge.

Frankfurts Trainer Tritschoks musste nach dem Spiel viel Trost spenden. Hier kümmert er sich um die enttäuschte Renate Lingor

Die Chance zum Ehrentreffer hatte der Deutsche Meister dann noch mal in der 89. Minute, als Lingor im Strafraum zu Fall kam und die unsicher leitende Schiedsrichterin Miriam Dräger auf den Punkt zeigte. Ein strittiger Elfmeter allerdings, da Lingor zwar im Strafraum fiel, das Foul aber vor der Strafraumgrenze passierte. Dass Spielführerin Pia Wunderlich den Strafstoß verschoss, war symptomatisch für das Frankfurter Spiel an diesem Tage.

In der 65. Minute war Potsdams Brasilianerin Cristiane gekommen, fiel bis auf die Vorlage zum 3:0 kaum auf, sorgte dann aber in der 90. Minute für eine sehr unschöne und vor allem auch völlig unnötige Szene.

Das gleiche Ergebnis wie im Vorjahr: 3:0 für Turbine Potsdam

Stefanie Weichelt setze auf der rechten Seite zu einem Flügellauf an, Cristiane kam von der Seite mit enormem Tempo angerannt, traf dann zwar auch den Ball, legte aber gleichzeitig Weichelt mit einem Ellbogencheck flach. Bei einem Stand von 3:0 in der 90. Minute so einzusteigen, zeugt schon von beträchtlicher Übermotivation. Weichelt, die im vergangenen Jahr unter dem Pfeifferschen Drüsenfieber litt, hatte sich gerade erst wieder in die Mannschaft gekämpft und musste nun mit schmerzverzerrtem Gesicht mit der Bahre vom Platz getragen werden. Nachdem erste Diagnosen einen Rippenbruch befürchten ließen, stellte sich die Verletzung glücklicherweise nur als schwere Prellung heraus.

Der Wille der Frankfurterinnen war unübersehbar vorhanden, doch die Spielerinnen schienen gehemmt (kam es auch ihnen wie ein Déjà-Vu-Erlebnis vor?) und hatten große Probleme mit den hohen Temparaturen. Alle Spielerinnen waren meilenweit von ihrer Normalform entfernt und zeigten auch nicht die selbstbewusste Körpersprache, die sie in den Meisterschaftsspielen ausgezeichnet hatte. Nach dem Spiel waren alle sehr niedergeschlagen, die Pokalübergabe wieder nur beobachten und nicht an ihr teilnehmen zu dürfen. Als Frankfurt-Fan blutete einem angesichts dieses Déjà-Vu-Erlebnisses wirklich das Herz.

Potsdam dagegen jubelte ausgelassen über das „Double“. Sie hatten den DFB-Pokal verdient gewonnen, weil sie sich nach vorne spritziger und entschlossener präsentierten und in der Abwehr sehr sicher standen. Nach der Pokalübergabe durch DFB-Präsident Theo Zwanziger – Neumitglied bei Turbine Potsdam – drehten die Spielerinnen mit dem texttexttexttexttext


Pokal eine Ehrenrunde und genossen die Glückwünsche der Schalker und Münchner Fans, die mittlerweile zahlreich ihre Plätze eingenommen hatten.

Die Enttäuschung auf Frankfurter Seite war groß. Miriam Elling, Christina Zerbe, Christine Francke, Jasmin Jannermann, Susanne Hartel, Pia Wunderlich, Sandra Albertz, Steffi Jones und Katrin Kliehm (v.l.n.r.)

Trotz dieser Begeisterung nach dem Spiel, lässt sich sicherlich über Sinn und Unsinn dieser Doppelveranstaltung streiten. So schön es ist, dass sich das Siegerteam von so einem großen Publikum feiern lassen kann, ist doch einzuräumen, dass die große Mehrheit dieser Fans bestenfalls erst gegen Ende des Spiels im Stadion eintraf. Denn während des Spiels kam kaum Stimmung auf. Die beiden Fanblöcke lagen weit auseinander, dazwischen war nur gähnende Leere. 650 Karten hatte jeder Frauenfinalist bekommen, beide Vereine hatten jedoch wesentlich mehr Kartenanfragen zu verzeichnen, was dokumentiert, dass bei getrennten Veranstaltungen wesentlich mehr Zuschauer, die am Frauenfinale interessiert waren, eine Karte hätten kaufen können. Vielleicht wäre es durchaus mal einen Versuch wert, das Frauenfinale in einem Stadion mittlerer Größe (beispielsweise ein 15.000 Zuschauer fassendes Stadion) auszutragen. Dadurch würde viel erreicht. Es müssten den Fans keine Kartenabsagen erteilt werden, die Stimmung wäre in einem kleineren Stadion mit großer Wahrscheinlichkeit besser und die Spielerinnen wüssten, dass die Zuschauer nur wegen ihnen gekommen sind. Nach dem UEFA-Cup-Sieg des FFC Frankfurt im Jahr 2002 im Frankfurter Waldstadion hatten mehrere Spielerinnen genau diesen Aspekt hervorgehoben. 12.000 Zuschauer waren es damals, die „nur für sie“ gekommen waren.

Die Potsdamer Spielerinnen jubeln vor ihrem Fanblock

Nach diesem Spiel nun ist allen Sprüchen, wer die Vorherrschaft im deutschen Frauenfußball inne habe, eine klare Absage zu erteilen. Weder waren durch die Meisterschaft Frankfurts die Verhältnisse im Frauenfußball „zurechtgerückt“ noch hat sich Turbine durch den Pokalsieg Platz 1 nun wieder zurückerobert. Es wurden zwei nationale Titel verteilt, von denen einer nach Potsdam und einer nach Frankfurt ging. Man sollte endlich auf beiden Seiten akzeptieren, dass diese beiden großen Mannschaften ebenbürtig und die einzelnen Ergebnisse sehr von der Tagesform abhängig sind. Markige Sprüche sind daher völlig fehl am Platze.

Mit diesem Finale ist die Saison 2004/2005 nun endgültig zu Ende gegangen. Freuen wir uns auf die nächste Saison mit zwei deutschen Teams im UEFA-Cup und dem angesichts dieser Konstellation vielleicht lachenden Dritten aus Duisburg.
Abschließend gratuliere ich Turbine Potsdam zu dieser erfolgreichen Saison und bedanke mich als Frankfurt-Fan ganz herzlich beim gesamten Team des 1. FFC Frankfurt für diese tolle Saison. Trotz dieser abschließenden Niederlage hat es viel Spaß gemacht, das waren viele schöne Stunden, weshalb sich jeder Fahrtkilometer absolut gelohnt hat!
Auf ein Neues in der Saison 2005/2006!



Statistik:

1. FFC Frankfurt:
Marleen Wissink - Steffi Jones - Katrin Kliehm, Tina Wunderlich, Judith Affeld - Nia Künzer (59. Meike Weber), Louise Hansen (79. Stefanie Weichelt), Renate Lingor, Pia Wunderlich - Kerstin Garefrekes, Birgit Prinz (24. Sandra Albertz)

1. FFC Turbine Potsdam:
Nadine Angerer - Inken Becher - Britta Carlson, Sonja Fuss - Navina Omilade, Ariane Hingst, Jennifer Zietz, Viola Odebrecht 73. Karolin Thomas) - Conny Pohlers, Petra Wimbersky (63. Cristiane), Anja Mittag

Zuschauer: 15.000

Schiedsrichterin: Miriam Dräger (Mainz)

Tore: 1:0 Pohlers (23.)
2:0 Wimbersky (32.)
3:0 Mittag (80.)

Gelbe Karte: Cristiane

Zur FanSoccer-Startseite