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DFB-Pokalfinale 2006

Drei Minuten bringen den dritten Sieg in Folge

1. FFC Turbine Potsdam – 1. FFC Frankfurt 2:0 (0:0) (aus Frankfurter Sicht)

Text von Katja Öhlschläger, Fotos von Nora Kruse

30.4.2006   Wer nach dem klaren 6:2-Sieg in der Bundesliga einen erneut klaren Sieg der Truppe von Bernd Schröder erwartet hatte, sollte gestern Nachmittag im Berliner Olympiastadion eines Besseren belehrt werden. Der FFC Frankfurt musste durch zwei Tore in den letzten zehn Minuten zwar eine unglückliche Niederlage hinnehmen, hat sich aber vor dem Endspurt in der Meisterschaft und den Endspielen im UEFA-Cup trotzdem eindrucksvoll zurückgemeldet.

Ariane Hingst, Steffi Jones

Bilden die deutsche Innenverteidigung, waren gestern aber Konkurrenten: Ariane Hingst (l.) und Steffi Jones.

Nachdem der Monat April für die beiden Finalisten nicht unterschiedlicher hätte verlaufen können, gingen die Turbinen aus dem benachbarten Potsdam erstmalig als klarer Favorit in ein DFB-Pokalendspiel, das wie in den letzten beiden Jahren erneut ein Kräftemessen der beiden in jüngster Vergangenheit erfolgreichsten deutschen Frauenfußball-Vereine werden sollte. Herausforderer Frankfurt, das sich der lautstarken Unterstützung der Anhänger von Eintracht Frankfurt (verloren ihr Finale mit 0:1 gegen Bayern München) erfreuen konnte, musste neben der rotgesperrten Birgit Prinz auch auf Pia Wunderlich (Ermüdungsbruch im rechten Mittelfuß), Christina Zerbe (Bänderriss) und Sarah Günther (Sehnenverletzung) verzichten. Sandra Smisek kehrte ins Team zurück und bildete mit Sandra Albertz die Sturmspitze. In der Abwehr, die am Ostersamstag große Schwächen zeigten, agierte Steffi Jones als Libera, Tina Wunderlich, Nia Künzer und Katrin Kliehm bildeten eine Dreierkette, die die schnellen Potsdamer Angriffe frühzeitig unterbinden sollte. Das Mittelfeld bestand aus den Nationalspielerinnen Renate Lingor, Louise Hansen und Kerstin Garefrekes sowie Judith Affeld – für Pia Wunderlich auf der linken Seite.

Beim Titelverteidiger war Inken Becher nach geheiltem Augenhöhlen-Bruch wieder mit von der Partie – sie dirigierte die Abwehr um Babett Peter und Peggy Kuznik, vor der wie üblich Ariane Hingst und Britta Carlson als Bindeglied zwischen Abwehr und Mittelfeld fungierten und mit Navina Omilade und Jennifer Zietz das Mittelfeld bildeten. Für die Tore sollte erneut der Dreiersturm um Conny Pohlers, Anja Mittag und Petra Wimbersky sorgen.

Britta Carlson, Renate Lingor

Renate Lingor (r.), hier gegen Natio-Kollegin Britta Carlson, zeigte deutlich aufsteigende Tendenz und hielt die Fäden des Frankfurter Spiels gut in der Hand.

War zwei Wochen zuvor bereits nach 13 Minuten eine Vorentscheidung gefallen, neutralisierten sich diesmal beide Teams in der Anfangsphase. Potsdam erarbeitete sich leichte Feldvorteile, ohne dabei jedoch zu aussichtsreichen Torchancen zu kommen. Anders der FFC Frankfurt, der die erste Halbzeit nach den ersten Minuten über weite Strecken dominierte und zu einigen hochkarätigen Chancen kam. In der 7. Minute kam zunächst Judith Affeld auf der linken Seite frei zum Schuss, scheiterte aus spitzem Winkel aber an Torfrau Nadine Angerer. Fünf Minuten später segelte Sandra Albertz’ Kopfball nach Lingor-Ecke am Tor vorbei. Eine Viertelstunde war gespielt, da schickte Louise Hansen, unter der Woche in der WM-Qualifikation mit der dänischen Nationalmannschaft noch mit 5:0 gegen Spanien erfolgreich, Sandra Smisek mit einem weiten Pass auf den Weg, doch Turbine-Youngster Babett Peter konnte klären. Nachdem Nationaltorfrau Angerer mit dem Kopfball von Nia Künzer in der 19. Minute auch die bis dato größte Torchance vereiteln konnte, hatte Frankfurt zwar unverkennbar Duftmarken gesetzt und die Potsdamerinnen mit diesem couragierten Auftritt sichtbar geschockt – doch der zählbare Erfolg, auf den es am Ende ankommt, der fehlte.

So wäre es denn auch nach alter Fußballer-Weisheit nicht verwunderlich gewesen, hätte sich dies schon bald gerächt, doch die Latte hatte beim 20-Meter-Kracher von Petra Wimbersky aus halblinker Position in der 30. Minute noch einmal etwas dagegen. Der Nachschuss von Conny Pohlers brachte ebenso nichts ein wie die Direktabnahme von Babett Peter nach einer Ecke eine Minute später. Nach diesem kurzen Chancen-Intermezzo der Potsdamer Mannschaft folgten weitere gute Gelegenheiten für den fünfmaligen DFB-Pokalsieger aus Frankfurt, der gestern zum achten Mal in Folge im Finale stand. In der 33. Minute segelte ein Freistoß von Renate Lingor knapp links am Torpfosten vorbei, zwei Minuten später gab Sandra Smisek auf die gut mit ihr harmonierende Sandra Albertz zurück, diese zog sofort ab, doch erneut war Angerer zur Stelle.

Die letzte Chance in einer abwechslungsreichen und äußerst spannenden ersten Spielhälfte konnten dann wieder die Potsdamerinnen für sich verbuchen. Nach einer Flanke von Conny Pohlers verpasste Torfrau Marleen Wissink den Ball, sodass Zietz aus aussichtsreicher Position voll abziehen konnte – ihr Ball strich jedoch knapp am Kasten vorbei, und so blieb es bei einem für Potsdam durchaus

Peggy Kuznik, Katrin Kliehm

Die Potsdamer Abwehr hatte vor allem in der ersten Halbzeit viel zu tun - hier klärt Peggy Kuznik (l.) vor Katrin Kliehm.

schmeichelhaften 0:0, das gleichzeitig Lust auf die noch folgenden 45 Minuten machte. Frankfurt hatte „taktisch sehr clever“ gespielt (Frankfurts Trainer


Turbine Potsdam

Die Spielerinnen von Turbine Potsdam bejubeln den dritten Pokaltriumph in Folge.

Tritschoks) und „die Räume mit der Dreierkette eng gemacht“ (Potsdams Trainer Schröder), sodass Turbine sein schnelles Offensivspiel über die Flügel kaum aufziehen konnte.

Angefeuert von den nun immer zahlreicher vertretenen Eintracht-Fans kamen die Frankfurterinnen zuerst zurück aufs Feld – willens, sich für die vor zwei Wochen erlittene Klatsche zu revanchieren. Und das durchaus mit berechtigter Hoffnung, stellte doch auch Schröder im Anschluss an das Spiel fest, dass „nach der ersten Halbzeit nicht zu erwarten war, dass wir das Spiel gewinnen“. Die Truppe aus „Mainhattan“ blieb leicht überlegen, Chancen waren zunächst aber auf beiden Seiten Mangelware. In der 48. Minute ging ein Albertz-Kopfball nach Ecke von Smisek knapp über das Tor, zehn Minuten später zielte Ariane Hingst aus etwa 18 Metern ebenfalls über die Latte.

Kerstin Garefrekes, Inken Becher

Packender Zweikampf zwischen Kerstin Garefrekes (l.) und Inken Becher.

Nachdem in der 63. Minute Britta Carlson leicht angeschlagen für Karolin Thomas den Platz verlassen musste, wechselte in der 68. Minute auch Frankfurt zum ersten Mal. Die junge Meike Weber, die wie auch Babett Peter und Isabel Kerschowski auf Potsdamer Seite unter der Woche für die U-19 bei der 2. EM-Quali-Runde im Einsatz war, kam für Sandra Albertz, woraufhin Renate Lingor wie vor zwei Wochen die Position einer hängenden Sturmspitze einnahm. In der Folge fehlte bei Frankfurt in einer Phase ein ums andere Mal die Abstimmung, in der Potsdam nach und nach aufdrehte – die Partie kippte. In der 72. Minute setzte sich Navina Omilade auf der rechten Seite durch und flankte auf Pohlers, die erst im letzten Moment von Tina Wunderlich am Torschuss gehindert werden konnte.

In der 77. Minute dann kam Isabel Kerschowski für Conny Pohlers – eine durchaus mutige Entscheidung, beim Stand von 0:0 die zuletzt brandgefährliche Nationalspielerin auszuwechseln. Mut, der sich auszahlen sollte, denn die Torschützenkönigin beim U19-Turnier unter der Woche wurde zur spielentscheidenden Akteurin. Nach einem Foul von Nia Künzer in etwa 18 Metern Torentfernung trat Anja Mittag zum Freistoß an. Kein unhaltbarer Schuss auf Marleen Wissink, die den Ball jedoch nicht festhielt, sondern sich für eine Faustabwehr entschied – diese missglückte, der Ball landete direkt auf dem Schlappen von Kerschowski, welche sofort unbekümmert abzog und das Leder unhaltbar für Wissink im Gehäuse unterbrachte. Zwei Minuten später verlängerte Tina Wunderlich einen langen Pass von Ariane Hingst unglücklich vor die Füße vor Petra Wimbersky, die sich nicht lange bitten ließ und zum 2:0-Endstand einnetzte.

Frankfurt gab sich nicht auf und warf noch mal alles nach vorne, doch Garefrekes, Barucha und Weber verfehlten das Tor, wobei Barucha die mit Abstand größte Chance vergab. Nach einem langen Pass von Hansen lief sie allein aufs Tor zu, Peter rutschte aus, sodass

Aferdita Podvorica

Aferdita Podvorica kostet den Sieg auf einer Ehrenrunde aus. Im Hintergrund applaudierende Frankfurter Fans.

die Frankfurter Angreiferin nur noch Angerer ausspielen musste. Dies gelang ihr, nicht aber der erfolgreiche Abschluss. Die letzte Torgelegenheit des Spiels hatte Matchwinnerin Kerschowski in der 90. Minute – bei einem Konter spielte sie ihre ganze Schnelligkeit aus, enteilte Katrin Kliehm, scheiterte letztendlich aber an Wissink. Ein 3:0 jedoch hätte ohne Zweifel den Spielverlauf auf den Kopf gestellt. So blieb es beim 2:0 für Turbine Potsdam, das damit zum dritten Mal in Folge den Rasen des Berliner Olympiastadions als Sieger verließ – allerdings, da waren sich nach Spielende alle einig, war keiner der drei Erfolge so glücklich wie der gestrige, und war keines der drei Finals so packend und spannend. Frankfurt überzeugte mit engagiertem Spiel, der über weite Strecken reiferen Spielanlage und schönen Kombination, muss sich aber den Vorwurf gefallen lassen, aus den sich ihnen bietenden Möglichkeiten und dem nur durchschnittlichen Potsdamer Spiel nicht mehr gemacht zu haben. Potsdam schien zunächst geschockt ob des selbstbewussten Frankfurter Auftretens, kam nicht ins Spiel und profitierte schlussendlich von zwei individuellen Frankfurter Fehlern, die sie dann allerdings – und das war der entscheidende Unterschied – eiskalt ausnutzten und sich damit, wie schon sechs Tage zuvor gegen Duisburg, erneut als Meisterinnen in Sachen Effektitivät feiern lassen konnten.

Glückwunsch an Turbine Potsdam zum erneuten Pokaltriumph, ein großes Kompliment aber auch an das gesamte Team des FFC Frankfurt, das die zwei Wochen nach der herben Schlappe in der Bundesliga effektiv genutzt und sich eindrucksvoll zurückgemeldet hat. Der Kampf um die Meisterschaft bzw. die UEFA-Cup-Plätze sowie der UEFA-Cup selber versprechen damit für den kommenden Monat und das Pfingstwochenende noch einige spannende Spiele, wovon der


Frauenfußball insgesamt letztendlich nur profitieren kann.

Schiedsrichterin Anja Kunick übrigens hatte vor dem Finale gegenüber der Leipziger Volkszeitung erklärt, das beste Zeugnis wäre für sie, wenn ihr Name nach dem Spiel gar nicht erwähnt würde. Bei dieser kurzen Erwähnung will ich es daher belassen.

Stimmen zum Spiel:

Hans-Jürgen Tritschoks (Trainer FFC Frankfurt):
„Ich muss meiner Mannschaft ein großes Kompliment machen, sie hat ein sehr gutes Spiel gemacht. Man muss die Entwicklung seit dem Ostersamstag sehen, als Potsdam uns in vielen Punkten klar überlegen war. In der ersten Halbzeit hat meine Mannschaft taktisch sehr clever agiert und trotz des Handicaps, dass wir auf Birgit Prinz verzichten mussten, sich als eine Einheit auf dem Platz präsentiert und alles versucht, den Potsdamerinnen ein Bein zu stellen. Wir sind jetzt natürlich enttäuscht, dass sich das gute Spiel nicht ausgezahlt hat, aber ich bin dennoch sehr zufrieden und kann auch nicht nachvollziehen, dass der Reporter des ZDF von einer enttäuschenden Leistung meiner Mannschaft sprach. Wir haben ein gutes Spiel gemacht, darauf können wir aufbauen.

Kerstin Garefrekes (FFC Frankfurt):
„Ich denke, wir haben heute sehr gut gespielt und waren mindestens gleichwertig. Das war ein richtiger und wichtiger Schritt, es hat heute wirklich Spaß gemacht. Natürlich hätten wir gerne gewonnen und sind jetzt sehr enttäuscht, aber es kommen ja noch wichtige Spiele, und diese wollen wir dann gewinnen."

Judith Affeld, Navina Omilade, Inken Becher, Nia Künzer, Petra Wimbersky, Louise Hansen, Ariane Hingst

Judith Affeld (vorne rechts) schaltete sich viel ins Frankfurter Offensivspiel ein und wird hier von Navina omilade abgelaufen. Im Hintergrund sind Louise Hansen, Ariane Hingst, Inken Becher, Nia Künzer und Petra Wimbersky zu sehen.

Siegfried Dietrich (Manager FFC Frankfurt):
„Ich bin begeistert von der tollen Stimmung im Stadion, das war Gänsehautatmosphäre. Ich denke, die Mannschaft hat heute gezeigt, dass sie lebt. Glückwunsch an Turbine Potsdam für das gute Spiel und zum Sieg. Beide Mannschaften waren heute gleichwertig, es warten noch große Fights in den nächsten Wochen.“

Bernd Schröder (Trainer Turbine Potsdam):
„Nach der ersten Halbzeit war es nicht zu erwarten, dass wir dieses Spiel gewinnen. Frankfurt hat mit der Dreierkette die Räume gut eng gemacht. In der zweiten Halbzeit haben wir uns auf unsere Tugenden besonnen und von unserer guten Fitness profitiert. Dass Isabel Kerschowski nach zwei Spielen in Slowenien mit der U19 gleich nach der Einwechslung ein Tor schießt, war natürlich optimal. Da hat der Herrgott sein Füllhorn über uns ausgeschüttet. Wir kamen heute nicht so zur Entfaltung, aber man kann auch immer nur so gut spielen, wie es der Gegner zulässt. Die vielen langen Bälle in der ersten Halbzeit waren eigentlich nicht unser Spiel, aber der Gegner hat so gut zugemacht, dass wir auf engstem Raum passen mussten. Gleichzeitig hat Frankfurt aber nicht die Chance genutzt, in dieser Phase zuzuschlagen.
Wir haben jetzt drei Pokalsiege ohne Gegentor im Finale eingefahren, darüber bin ich sehr froh und stolz auf die Mannschaft. Durch den Spielverlauf sind wir jetzt frühzeitig in einer Situation, um die Erfolge der letzten Wochen nicht über zu bewerten. In der Endkonsequenz verlief das Spiel anfangs glücklich, am Schluss haben wir aber verdient gewonnen.“

Petra Wimbersky (Turbine Potsdam):
„Der Pokalsieg in diesem Jahr war sicher der glücklichste. In den letzten beiden Spielen sind wir früh in Führung gegangen, diesmal war es ein Kampf bis zur letzten Sekunde. In der ersten Halbzeit haben wir nicht in unser Spiel gefunden. Hätte Frankfurt da ein Tor gemacht, wäre das Spiel vielleicht anders ausgegangen. Aber wir haben gewonnen, und das werden wir dann heute noch ausgiebig feiern.“

Bericht aus Potsdamer Sicht

1. FFC Turbine Potsdam:

Angerer – Kuznik, Becher, Peter – Omilade, Hingst, Carlson (64. Thomas), Zietz – Wimbersky, Pohlers (77. I. Kerschowski), Mittag (90. Podvorica)

Katrin Kliehm, Marleen Wissink, Sandra Smisek, Saskia Bartusiak, Angela Merkel, Theo Zwanziger, Hannelore Ratzeburg

Toll gespielt und gekämpft, am Ende aber doch wieder nur Zweiter. Spielführerin Katrin Kliehm, Torfrau Marleen Wissink, Sandra Smisek und Saskia Bartusiak (vorne v.r.n.l.) nehmen die Medaillen von der DFB-Vorsitzenden für Frauenfußball, Hannelore Ratzeburg, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und dem Geschäftsführenden DFB-Präsidenten Theo Zwanziger (hinten v.l.n.r.) entgegen.

1. FFC Frankfurt

Wissink – Jones - Wunderlich, Künzer, Kliehm – Garefrekes, Hansen, Lingor, Affeld (87. Bartusiak) – Smisek (78. Barucha), Albertz (67. Weber)

Tore:
0:1 Isabel Kerschowski (79.)
0:2 Petra Wimbersky (82.)

Gelbe Karten: Zietz - Lingor

Schiedsrichterin: Anja Kunick (Lissa)

Zuschauer: 20.000


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