Von Heinz Günter Sporkel (Text und Fotos)
06.10.2005
Essen, ca. 22 Uhr. Die Mädels des FFC Turbine Potsdam liegen sich freudetrunken in den Armen. Für wenige Minuten war alles vergessen. Vergessen, dass man drei Stunden um jedes Stück Grün im Sportpark „Am Hallo“ kämpfen musste. Vergessen aber auch, dass man als haushoher Favorit beim krassen Außenseiter der SG Essen Schönebeck fast seine Pokalträume begraben musste. Zentimeter entschieden am Ende über Sieg oder Niederlage.
Schiedsrichterin Elke Günthner pfiff pünktlich um 19 Uhr das Spiel an. Nach zehn Sekunden war es dann Charline Hartmann, die fast den ersten Torjubel auf den Lippen hatte. Aber der Ball landete neben dem Gehäuse von Nadine Angerer. Anja Mittag traf in der fünften Minute das Leder genau auf den richtigen Punkt, doch ihr Geschoss landete unter der Latte und flog nicht über die Linie. Damit hatte man schon die ersten Paukenschläge innerhalb weniger Minuten. Mirja Kothe schlug einen Pass auf Charline Hartmann, doch auch in der achten Minute konnte Hartmann den Ball nicht ins Tor befördern - wieder knapp vorbei.
 Charline Hartmann (l.) und Sabrina Duhme vor der Verlängerung
Danach baute Turbine Potsdam etwas Druck auf die Essener auf. Doch kam man nicht so richtig zu Tormöglichkeiten. Im Gegenteil, nach einer halben Stunde kamen die Schönebecks besser ins Spiel. Der Außenseiter zeigte, dass der Pokal eigene Gesetze hat und auch Kräfte freisetzen kann. In der 38. Spielminute jubelten dann die Essener Fans. Jennifer Balkenhol wollte eine Flanke schlagen, dabei lenkte Inken Becher den Ball unglücklich ins eigene Tor. Ralf Agolli und seinem Team war es aber egal. Man war in Führung, wie fast immer, wenn man gegen Potsdam spielt. Allerdings gingen die Potsdamer trotzdem immer als Sieger vom Feld. Anja Mittag verpasste es in der 40. Spielminute, den Ausgleich zu erzielen. Doch eine Minute später übernahm das Ariane Hingst. Ein schönes Zuspiel von Conny Pohlers, und „Ari“ schob den Ball aus kurzer Distanz durch die Beine von Steffi Löhr. Als Elke Günthner dann zur Halbzeit pfiff, waren beide Mannschaften froh. Potsdam und Schönebeck konnten durchatmen. Verblüffend nur, dass Potsdam trotz ihres Potenzials nie spielüberlegen war. Anja Mittag und Mirja Kothe waren die überragenden Akteurinnen der ersten Halbzeit.
 Mirja Kothe war Essens beste Spielerin und wurde durch ihren verschossenen Elfmeter dennoch zur tragischen Figur des Tages
Beide Mannschaften kamen gestärkt aus der Kabine. Kein Wechsel auf beiden Seiten. Potsdam versuchte das Spiel in den Griff zu bekommen, die SG Schönebeck war immer auf gefährliche Konter bedacht. Steffi Schubert, Sabrina Duhme und Carina Chojnacki zeigten in diesem Spiel die wohl beste Abwehrleistung der Saison. So kam Turbine kaum zu Tormöglichkeiten. Wenn es denn eine gab, war die auch im Netz. Anja Mittag sah in der 56. Spielminute Cristiane auf der rechten Seite freistehen. Ein schönes Mittag-Zuspiel und Cristiane ging ab, der Schuss vorbei an Essens Torhüterin, und der Gast führte mit 2:1. Danach tat sich Turbine etwas leichter mit der Führung im Rücken. Conny Pohlers hätte in der 66. Spielminute alles klar machen können, doch Steffi Löhr parierte noch im letzten Moment. Einige Minuten später
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Dem Aus in der 2. Runde gerade noch entkommen - Gesprächsbedarf auf der Potsdamer Bank nach dem Spiel
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kratzte Danny Arndt den Ball nach einem Wimbersky-Schuss von der Linie. In der 70. Spielminute dann der Ausgleich. Eine schnelle Kombination - Schubert, Kothe auf Sandra Deilmann, ein satter Schuss, keine Chance für Nadine Angerer - 2:2.
Für Turbine war der Ausgleich ein kleiner Schock. Es wurde nun auch weitgehend lauter auf der Trainerbank des DFB-Pokal- und UEFA-Cup-Siegers. Ralf Agolli brachte dann Julia Bolle für Charline Hartmann. Julia Bolle hatte mehrere Möglichkeiten die Turbinen endgültig aus dem Pokal zu werfen. Besonders in den letzten drei Spielminuten kam Bolle zu zwei sehr guten Möglichkeiten. Ein Zuspiel von Mirja Kothe verpasste sie knapp. In der Nachspielzeit konnte Turbines Abwehr noch mit Hängen und Würgen die junge Stürmerin aus Essen am Einschuss hindern.
 Auf den beiden Torhüterinnen - Nadine Angerer (im Tor/Potsdam) und Stefanie Löhr lastete beim Elfmeterschießen große Verantwortung
In der Nachspielzeit lagen die Nerven auf beiden Seiten auf einer leichten Feder. Beide Teams wollten keine Fehler machen. Es hätte der letzte Fehler im Pokalwettbewerb sein können. Hingst kam zu einem schönen Distanzschuss, die eingewechselte Isabel Kerschowski nach einem Wimbersky-Pass zu einer Möglichkeit, doch wieder einmal konnte Danny Arndt Schlimmeres verhindern. Anja Mittag und Petra Wimbersky scheiterten an Steffi Löhr, Julia Bolle hatte zwei sehr gute Aktionen für Schönebeck.
Um 21.23 Uhr pfiff Elke Günthner das packende DFB-Pokalspiel ab. Es war sicherlich nicht ein fußballerisches Zuckerschlecken, was beide Teams abliefen. Doch es war ein Pokalfight und der lebte von der Spannung. Beide Teams kämpften bis zum Umfallen. Besonders der Außenseiter aus dem Ruhrgebiet spielte voll am Limit. Anja Mittag war die gefährlichste Turbine-Spielerin in den 120 Minuten, sie war immer brandgefährlich. Auf Seiten der Schönebecks war Mirja Kothe beste Spielerin. Das Mädchen hatte gestern wirklich eine Pferdelunge und erspielte sich und besonders ihren Mitspielerinnen hervorragende Situationen.
Das Elfmeterschießen hatte eine Klasse für sich. Auf Potsdam Seite trafen: Podvorica, Hingst, Thomas (sehr knapp, Steffi Löhr war dran), Mittag, Wimbersky und Isabel Kerschowski.
Bei Schönebeck trafen: Müller, Deilmann, Tancyus, Bolle, und Hoffmann.
Mirja Kothe scheiterte letztendlich als einzige Spielerin, Nadine Angerer ließ den Ball nicht ins Tor. Tragisch, dass Essens beste Spielerin somit auch zur traurigsten Figur des Tages wurde. Doch so endeten leider schon sehr viele Pokalkrimis.
Pressekonferenz:
Bernd Schröder (Turbine Potsdam):
Dieses Spiel hatte keinen Sieger verdient. Wir hatten ein ausgeglichenes Spiel gesehen. Beide Teams hatten Chancen. Schönebeck hat 100% am Limit gespielt. Dass wir hier nicht mal soeben gewinnen, wussten wir schon, deshalb sind wir extra schon einen Tag vorher angereist. Das ist ein Pokalspiel, man will nach Berlin. Die Zuschauer sind voll auf ihre Kosten gekommen, da wir nicht den so brillanten Fußball gespielt haben, wie ich ihn mir vorstelle. Das hat verschiedene Ursachen. In erster Linie, weil wir schon einige Zeit nicht mehr zusammengespielt haben. Auch mit dem Europapokal hatten wir einen Riesenstress. Trotz allem Hochachtung vor der Leistung, die Schönebeck abgeliefert hat. Sie
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haben Fußball gespielt und nicht nur einfach den Ball nach vorne gedroschen.
Der Glücklichere hat gewonnen. Heute hat der liebe Gott das Füllhorn über uns ausgeschüttet.
 Hoher Besuch: Bundestrainerin Silvia Neid (l.) und U19-Trainerin Maren Meinert
Ralf Agolli (SG Essen Schönebeck):
Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Lachen kann ich über die Leistung meiner Mannschaft. Für einen Trainer ist es immer leicht, gegen Potsdam zu spielen. Da braucht man nicht viel sagen, da muss man nicht viel einstellen. Ich hoffe, dass meine Mannschaft am Sonntag gegen den FC Bayern München (Anstoß 15 Uhr „Am Hallo“) eine ähnliche Leistung zeigen kann und dass endlich auch Konstanz reinkommt. Ich habe vor dem Spiel gesagt: „geht raus, zeigt eure Leidenschaft, zeigt, dass ihr den Großen ein Bein stellen wollt.“ Das war heute Werbung für den Frauenfußball. Mirja Kothe muss ich besonders herausheben. Was Mirja an Laufarbeit geleistet hat, war schon enorm. Leider Gottes hat sie ausgerechnet den Elfmeter verschossen. Ich habe schon ein paar Worte zu ihr gesagt, dass das nicht so dramatisch ist. Einen Elfmeter kann man immer verschießen.
Anbei hat Bernd Schröder Ralf Agolli zwei DFB-Pokalendspielkarten versprochen, wenn Turbine Potsdam das Endspiel erreicht.
 Entspannte Atmosphäre bei der Pressekonferenz: Turbine-Trainer Bernd Schröder, Essens Manager Willi Wissing und Essens Trainer Ralf Agolli (v.l.n.r.)
Aufstellungen:
SG Essen-Schönebeck
Löhr, Chojnaki, Schubert, Duhme, Balkenhol (86.Müller), Arndt, Hoffmann, Hartmann (70.Bolle), Deilmann, Weichelt (106.Tancyus), Kothe
1. FFC Turbine Potsdam
Angerer, Carlson, Omilade (74. I. Kerschowski), Becher, Pohlers (89.Podvorica), Zietz, Hingst, Cristiane (74.Thomas), Wimbersky, Kuznik, Mittag
Tore:
1:0 Balkenhol (38.)
1:1 Hingst (42.)
1:2 Cristiane (56.)
2:2 Deilmann (70.)
Elfmeterschiessen:
2:3 Podvorica
3:3 Müller
3:4 Hingst
4:4 Deilmann
4:5 Thomas
5:5 Tancyus
5:6 Mittag
6:6 Bolle
6:7 Wimbersky
7:7 Hoffmann
7:8 I.Kerschowsi
Kothe verschießt
Gelbe Karten: Weichelt
Schiedsrichterin: Günthner (Bamberg)
Zuschauer 831
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