DFB-Pokal 2. Runde

Standard-Sieg bei Kaiserwetter

TSV Jahn Calden : Hamburger SV 1:2 (1:0)

Von Christian Heidler (Text)
und Tabea Kriesten (Fotos)

21.10.2005

Zwei Tore nach Standardsituationen in der Schlussphase genügten dem HSV zum Erreichen des Achtelfinales und machten die Hoffnungen der zu Spielbeginn mit 1:0 in Führung gegangenen kampfstarken Gastgeberinnen auf ein Erreichen der nächsten Runde zunichte. – So nüchtern könnte das Spiel zusammengefasst werden, doch das würde natürlich diesem Pokalfight nicht ganz gerecht werden.

Sonntags fahren keine Busse nach Calden und so war es mir leider nicht möglich, pünktlich zum Anpfiff beim Spiel zu sein. Doch auch manch ein motorisierter Spielbesucher schaffte es nicht rechtzeitig, weil es rund um den Sportplatz keine Parkplätze mehr gab. So war ich nicht der einzige, der die erste Spielstandsveränderung akustisch zu deuten hatte: Dem lauten Jubel des Publikums zu folgern, musste ein Tor für Jahn Calden gefallen sein. Der Berichterstatter der regionalen Tageszeitung klärte mich später darüber auf, daß Jacqueline Scheuren der Führungstreffer gelungen war. Gut gemacht, Jacky!

Den Rest der ersten Halbzeit bot sich mir eine muntere Partie, in der Hamburg zwar mehr vom Spiel hatte, sich aber kaum echte Torchancen erarbeitete. Calden spielte gut mit und stand in der Abwehr recht sicher. Daran hatte Oldie Birgitt Austermühl keinen geringen Anteil. Die ehemalige Nationalspielerin hatte sich für diese schwere Begegnung bereit erklärt auszuhelfen und spielte einen klassischen Ausputzer hinter dem Abwehrriegel. Für Biggi musste Trainer Manfred Rauschenberg Mirjam Böttcher aus der Startelf nehmen.

Auch der HSV begann nicht mit der üblichen Aufstellung, nur hatte das andere, wesentlich ungünstigere Gründe. Mannschaftsführerin Alexandra Gärtner mußte aufgrund einer Knieprellung passen und die leicht angeschlagene Aferdita Kameraj erst mal auf der Bank Platz nehmen. Doch Hamburgs Übungsleiter Achim Feifel konnte seine Elf nicht lange in dieser Zusammensetzung belassen, denn Marion Wilmes wurde von einem Schuss so heftig am Kopf getroffen, daß sie benommen zu Boden ging und behandelt werden mußte. Zwar war sie dann doch eher vom Platz geführt worden, bevor die Sanitäter mit der Trage endlich auf der anderen Seite des Spielfeldes waren, aber ein Weiterspielen kam dann für sie doch nicht mehr in Frage. Friederike Engel kam ins Spiel. Und wenig später sah ich U-21-Nationalspielerin Katharina Grießemer zur Trainerbank humpeln, die sich noch vor dem Caldener Führungstreffer verletzt hatte (Verdacht auf Kreuzbandriss) und durch Imke Wübbenhorst ersetzt worden war. Gewiss, diese ungewollten Wechsel mochten nicht sehr förderlich für das Spiel der Hanseatinnen sein, konnten aber dennoch nicht ganz die Offensivschwäche des Erstligisten erklären.

Vorbei: Hamburgs Kathrin Patzke kann den Sturmlauf von Simone Müller nicht aufhalten.

Eine wirklich brenzlige Situation gab es aber schon noch im Strafraum der Nordhessen. Julia Zeuner, die ansonsten zuverlässige Torfrau im Caldener Kasten, meinte, sie müsste auch mal ihre fußballerischen Fähigkeiten unter Beweis stellen und riskierte unnötigerweise ein Duell mit HSV-Sturmspitze Tanja Vreden. Klar, daß Julchen da den Kürzeren zog und den Ball verlor. Glück nur, dass die Hamburger den Ball nicht im Tor unterbringen konnten, sonst


Unter Beobachtung: Annika Niemeier (Jahn Calden, links im Hintergrund), Maja Schubert (HSV) und Schiedsrichterin Monique Klauß verfolgen den Zweikampf zwischen Caldens Simone Müller und Silva Lone Saländer.

hätte es wohl Mannschaftskeile gegeben!

Nach 45 Minuten plus fünf Minuten Nachspielzeit fand der erste Spielabschnitt sein Ende. Ich tat es den Mannschaften gleich und tauschte die Seiten. Von der schattigen, auf Dauer etwas kühlen Seite wechselte ich auf die Sonnenseite hinüber und nutzte die Gelegenheit, die üblichen Verdächtigen, die zumeist die Caldener Mädels zu den Auswärtsspielen begleiten, zu begrüßen.

Die Gastgeber hatten sich mit der Organisation ordentlich Mühe gegeben: Speis und Trank waren für das leibliche Wohl der Zuschauer aufgefahren, Musik beschallte den Platz und die Oktobersonne schien kräftig auf das Grün des Spielfelds. Auf dem Sportplatz „Am Kaiserplatz“ herrschten quasi Kaiserwetter und Volksfeststimmung. Offiziell vermeldete 350 Zuschauer bildeten einen gebührenden Rahmen für das DFB-Pokalspiel gegen den Bundesligisten mit dem klangvollen Namen und waren gespannt auf das Abschneiden des heimischen Teams. Fans des HSV hatten wohl die Anreise ins Nordhessische gar nicht angetreten. Dafür zeigte sich aber Junioren-Bundestrainerin Maren Meinert.

Mit Kameraj für Kathrin Patzke ging der aktuelle Tabellenzweite der Bundesliga in den zweiten Durchgang. Hamburg blieb klar feldüberlegen, aber zunächst auch genauso durchschlagsschwach vor dem Tor des Gegners. Oft konnten die Gastgeberinnen den Ball zwar nur unkontrolliert aus der Gefahrenzone schlagen, wann immer möglich ließ der Zweitligist aber auch sein spielerisches Vermögen aufblitzen. Mir persönlich gefielen in dieser Hinsicht besonders Gina Alexi und Julia Salokat. Kämpferisch wusste ohnehin das gesamte Team von Jahn Calden zu überzeugen. Und die gelegentlichen Konter sorgten nicht nur für Entlastung im Abwehrkampf, sondern auch für Gefahr. Die mangelnde Chancenverwertung kennt man ja schon von Calden und auch diesmal wollte das Runde nicht noch mal ins Eckige. War es der Respekt vor dem Bundesligisten, war es der Kräfteverschleiß? Gleichwohl, die Schüsse von Jacky Scheuren und später von Böttcher verfehlten ihr Ziel oder wurden Beute der starken HSV-Keeperin Tessa Rinkes. Schade, denn ich bin mir ziemlich sicher, ein zweiter Treffer hätte die Begegnung zu Gunsten des Außenseiters entschieden.

So wuchs mit zunehmender Spieldauer das Hoffen und Bangen bei den Zuschauern. Würde Calden den knappen Vorsprung über die Zeit bringen? Die hohe Laufbereitschaft kostete enorme Kraft und der behandschuhten Silva Lone Saländer gelang es immer mehr das Spiel der Hanseaten zu ordnen. Wübbenhorst bewies denn auch bei einem Distanzschuß an den Pfosten, daß Hamburg durchaus noch wußte wo des Gegners Tor steht. Und als Vreden doch einmal in den Strafraum durchbrechen konnte, gelang es ihr, obwohl nach links außen abgedrängt, doch an der herauseilenden Zeuner vorbei die Kugel aufs Tor zu schießen. Aber Alexi konnte den Ball gerade noch vor der Linie volley wegschlagen.


Und dann nahm das Unglück doch noch seinen Lauf. Nach einer Ecke landete der Ball im Caldener Tor. Der Stadionsprecher nannte Kameraj als Schützin, doch es war wohl eher Saländer, die das Leder in der 84. Minute eingeköpft hatte. Der Jubel der Hamburgerinnen zeugte auch von großer Erleichterung doch noch zum Torerfolg gekommen zu sein. Eine große Blamage schien doch noch abwendbar zu sein. Es folgte die schon erwähnte ungenutzte Chance von Böttcher und in der 90. Minute der Siegtreffer für Hamburg. Diesmal war es eindeutig auszumachen: Tanja Vreden feierte doch noch ihr Erfolgserlebnis. Zwei Kopfballtreffer nach Standardsituationen besiegelten also die Niederlage der Jahn-Mädels. Denn nach kurzer Nachspielzeit erfolgte der Schlusspfiff der Unparteiischen Monique Klaus. Die Hessinnen sanken enttäuscht zu Boden. Immerhin blieb ihnen eine Verlängerung erspart. Die hätten die völlig verausgabten Roten meiner Meinung nach nicht mehr gepackt.

Trainer Rauschenberg konnte zu Recht stolz auf die Leistung seiner Spielerinnen sein, die seine Vorgabe, die Räume eng zu machen, prima umgesetzt hatten. Sein Gegenüber Feifel zeigte sich bei der improvisierten Pressekonferenz auf dem Rasen als fairer Gewinner. Nur Calden habe ein hervorragendes Spiel gemacht, sein Team habe das Spiel glücklich, aber nicht verdient, gewonnen.

Bleibt dem HSV noch eine erfolgreiche Saison zu wünschen und den angeschlagenen Spielerinnen eine rasche Genesung.
Die Caldener Mannschaft wird hoffentlich nicht allzu lange die Köpfe hängen lassen und in den kommenden Ligaspielen an diese tolle Leistung anknüpfen können. Schon am Wochenende wartet mit dem VfL Wolfsburg ein schwerer Brocken auf Rauschenbergs Team. Und natürlich wäre es schön, wenn auch künftig viele Zuschauer den Weg an den Kaiserplatz zum Frauenfußball finden. Der Pokalfight müsste eigentlich eine überzeugende Werbung für einen erneuten Besuch gewesen sein. Es wird zwar nicht immer Kaiserwetter herrschen, aber auch Calden wird seine Standards noch zu nutzen wissen.

Aufstellungen:

Calden:
Zeuner, Austermühl, D. Scheuren, Giehl, Alexi, Rosek, Salokat, Niemeier, S. Thöne (57. Klement), Müller, J. Scheuren (81. Böttcher)

Hamburg:
Rinkes, Schubert, Haye, Ende, Wilmes (25. Engel), Wörle, Grießemer (13. Wübbenhorst), Lone Saländer, Freitag, Patzke (46. Kameraj), Vreden

Tore:
1:0 J. Scheuren (16.)
1:1 Saländer (84.)
1:2 Vreden (90.)

Schiedsrichterin: Monique Klauß (Mühlheim/Ruhr)

Gelbe Karte: Salokat – Freitag


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